Das Archiv des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) hat seinen Sitz in Genf und wurde dort, zeitgleich zur Gründung der humanitären Organisation, am 17. Februar 1863 gegründet. Es hat die duale Funktion, als Zwischenarchiv noch aktuelle Dokumente gegebenenfalls bis zum Ablauf ihrer Aufbewahrungsfrist zu verwalten und als historisches Archiv ihre geschichtlich relevanten Bestände zu erhalten. Letztere sind der Öffentlichkeit für die Jahre bis 1975 zugänglich.

Zusammen mit der dazugehörigen IKRK-Bibliothek am Genfer Hauptsitz beherbergt das Archiv eine der weltweit grössten Sammlungen an Dokumenten zum humanitären Völkerrecht. Der Schweizer Schriftsteller Nicolas Bouvier bezeichnete das Archiv als «Lagerhaus der Trauer», da es als «Erbe der Menschheit» Informationen über das Schicksal vieler Millionen Opfer bewaffneter Konflikte aufbewahrt.

Geschichte

Gründungsphase mini|Sitzungsprotokoll Nr. 1 von 1863 Am 17. Februar 1863 gründeten fünf Männer – der Geschäftsmann Henri Dunant, der Rechtsanwalt und Philanthrop Gustave Moynier, die beiden Ärzte Louis Appia und Théodore Maunoir sowie der General Guillaume Henri Dufour – in einer Privatwohnung in der Genfer Altstadt den Vorgängerverein des IKRK. Das Haus, in dem die Versammlung stattfand, war als das «Alte Kasino» bekannt. Hauptinitiator Dunant unterzeichnete als Schriftführer das Sitzungsprotokoll des Komitees und legte mit diesem ersten Dokument auch den Grundstock für Archiv und Bibliothek der Organisation. mini|Rue du Puits-St-Pierre 4 Faktischer Sitz des IKRK – und damit auch von Archiv und Bibliothek – wurde Dunants Privatresidenz im «Maison Diodati». Das seiner Familie gehörende Haus in der Rue du Puits-Saint-Pierre 4 der Altstadt, wo er bereits sein wegweisendes Buch «Eine Erinnerung an Solferino» geschrieben hatte, blieb für ein Jahrzehnt die Hauptadresse.

In jenen Jahren konzentrierte sich das Archiv darauf, die Umsetzung des humanitären Völkerrechts zu verfolgen, insbesondere der Genfer Konvention von 1864. Dazu gehörten Berichte über den Deutsch-Dänischen Krieg von 1864 zwischen Preussen und Österreich auf der einen Seite und Dänemark auf der anderen um die nationale Zugehörigkeit des Herzogtums Schleswig. Ein nächster Schwerpunkt wurde der Deutsch-Französische Krieg von 1870/71. Die Bestände der Basel-Agentur mit Akten zu Kriegsgefangenen aus diesem Krieg – insgesamt 12 lineare Meter – übernahm das IKRK-Archiv in folgenden Jahren. Gleiches gilt für die Unterlagen der Triest-Agentur zu Kriegsgefangenen während der Balkankrise (1875–1878), wenn auch nur mit einem Umfang von einem linearen Meter.

Als das IKRK 1874 seinen neuen Sitz in der Rue de l'Athénée 3 am Rande der Altstadt bezog, zog das aus gerade einmal zwei Bücherregalen bestehende Archiv aus Dunants Privatwohnung mit in die als Büro dienende Drei-Zimmer-Wohnung ein. In den folgenden vier Jahrzehnten sammelte das Archiv in erster Linie diplomatische Korrespondenz zu seinem Mandat. Es dokumentierte damit zugleich die Entstehung und das Wachstum der weltweiten Internationalen Rotkreuz- und Rothalbmond-Bewegung. Trotzdem hat der Altbestand für das halbe Jahrhundert bis 1914 – der Ancien Fonds – gerade einmal einen bescheidenen Umfang von 8 linearen Metern.

Erster Weltkrieg alternativtext=|mini|304x304px|Rolland (Mitte) mit Ferrière und einer nicht-identifizierten Kollegin Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs bedeutete auch für das IKRK – und damit ebenso für sein Archiv – eine Zäsur: unter Führung seines Präsidenten Gustave Ador gründete das Komitee die Internationale Zentralstelle für Kriegsgefangene (IPWA). Ihre Hauptaufgabe bestand zunächst darin, Kriegsgefangene zu registrieren und den Kontakt zu ihren Familien wiederherzustellen. Bereits Ende 1914 hatte die IPWA rund 1200 Freiwillige, darunter viele junge Frauen und Studenten. Sitz der Agentur war das Genfer Kunstmuseum Musée Rath.

Das Mandat der IPWA basierte auf der 6. Entschliessung der neunten Washingtoner Konferenz von 1912 und war auf Militärangehörige beschränkt. Allerdings erreichten die Agentur schon von Anfang an auch zahlreiche Anfragen zum Verbleib von Zivilisten in besetzten Gebieten etc. Der Arzt Frédéric Ferrière, der bereits seit 1884 Komiteemitglied war, gründete daher gegen den Rat anderer IKRK-Führungsmitglieder eine private zivile Sektion der IPWA, die in einem völkerrechtlichen Vakuum operierte. Sie wurde aber bereits bald gemeinhin mit dem IKRK identifiziert und trug massgeblich zu dessen positivem Ruf bei, der 1917 mit seinem ersten Friedensnobelpreis honoriert wurde. Henri Dunant, der von Moynier rasch aus dem IKRK gedrängt worden und verarmt weitgehend in Vergessenheit geraten war, hatte die Auszeichnung bereits 1901 erhalten. mini|Clouzot im Musée Rath, wo er auch ein Bulletin herausgab

Zu den hunderten Freiwilligen der zivilen Privatsektion gehörte der französische Schriftsteller Romain Rolland, der von Oktober 1914 an bis zum Juli des folgenden Jahres dort tätig war. Als Rolland für 1915 den Literaturnobelpreis erhielt, spendete er die Hälfte des Preisgeldes der Zentralstelle und bescherte ihr damit auch die entsprechende Aufmerksamkeit. Der österreichische Schriftsteller Stefan Zweig schilderte das Wirken seines Freundes wie folgt:«Ein kleiner ungehobelter Schreibtisch mit einem nackten Holzsessel mitten im Gedränge einer schmucklosen, mit Brettern aufgezimmerten Kajüte, neben hämmernden Schreibmaschinen, drängenden, rufenden, eiligen, fragenden Menschen –, das war Romain Rollands Kampfplatz gegen das Elend des Krieges. Hier hat er versucht, was die andern Dichter und Intellektuellen durch Haß gegeneinanderhetzten, durch gute Sorge zu versöhnen, wenigstens einen Bruchteil der millionenfachen Qual zu lindern durch gelegentliche Beruhigung und menschliche Tröstung. Er hat eine führende Stellung im Roten Kreuz weder begehrt noch innegehabt, sondern ganz wie die andern Namenlosen dort die tägliche Arbeit der Nachrichtenvermittlung besorgt: unsichtbar war diese seine Tat und darum doppelt unvergeßbar.»Das Ablagesystem für die Millionen von Karteikarten entwarf der Archivar und Paläograf Étienne Clouzot (1881–1944), der Direktor einer der Entente-Abteilungen wurde. Er war zugleich auch Kolumnist der liberalen Tageszeitung Journal de Genève, die ihrerseits einst mit der Veröffentlichung eines anonymen Berichtes von Henry Dunant zur Schlacht von Solferino indirekt zur Gründung des IKRK beigetragen hatte – was einmal mehr dessen traditionelle Verflochtenheit mit der grossbürgerlichen Klasse der calvinistisch geprägten Stadt bzw. des Kantons illustriert.

Zwischen den Weltkriegen mini|Promenade du Pin Ende 1918 bezog das IKRK – und damit auch sein Archiv und die Bibliothek – ein neues Hauptquartier an der Promenade du Pin 1 am Rande der Altstadt. Im darauf folgenden Jahr wurde Clouzot (siehe oben) Direktor des IKRK-Sekretariats und übernahm damit auch die Verantwortung für Archiv und Bibliothek.

Nach wenigen Jahren, in denen das IKRK mit einer Vielzahl von Archivierungsmethoden experimentierte, führte das Sekretariat zu Beginn der 1920er-Jahre ein zweigeteiltes Ablagesystem ein. Dieses bestand aus einer Archivgruppe für juristische, diplomatische und verwaltungstechnische Angelegenheiten und einer für Operationen unter der Führung der Delegationskommission für Missionen. mini|Villa Moynier Die IWPA blieb nur noch bis 1924 bestehen, aber das Archiv sammelte dafür vermehrt Informationen zu verschiedenen Konflikten, die teilweise in Kontinuität zum Ersten Weltkrieg gesehen werden können, darunter:

der Griechisch-Türkische Krieg (1919–1922), und nach einem vergleichsweise ruhigen Jahrzehnt

der Chacokrieg (1932–1935), der Abessinienkrieg (1935–1936), der Spanische Bürgerkrieg (1936–1939) und der Zweite Japanisch-Chinesische Krieg (ab 1937).

Erst 1930 begann das IKRK, systematisch eigene Personalakten anzulegen und aufzubewahren, was das rasante Anwachsen an Aktivitäten und Zuständigkeiten reflektierte.

1933 bezog das IKRK – und damit abermals auch sein Archiv und die Bibliothek – ein neues Hauptquartier, erstmals in seiner Geschichte abseits der Genfer Altstadt: Die Villa Moynier inmitten des großen Parc Moynier am Westufer des Genfersees war 1848 für den Bankier Barthélemy Paccard erbaut und an dessen Schwiegersohn Gustave Moynier (1826–1910) vererbt worden, der bis zu seinem Tod als erster IKRK-Präsident die Rekorddauer von 47 Jahren im Amt geblieben war. 1926 diente das Haus dem Völkerbund als Sitz. Das IKRK verblieb dort bis 1946/7.

In diesen zwei Jahrzehnten zwischen den Weltkriegen entwickelte sich mit Blick auf das Archiv auch ein immer stärkeres Bewusstsein innerhalb des IKRK für eine Erinnerungskultur im Sinne eines humanitären Gedächtnisses der Menschheit und Menschlichkeit.

Zweiter Weltkrieg mini|alternativtext=|Bilfingers Hiroshima-Telegramm an seinen IKRK-Kollegen Marcel Junod Bereits zwei Wochen nach Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde die Internationale Zentralstelle für Kriegsgefangene wiedereröffnet, nunmehr auf Grundlage der Genfer Konventionen in der Fassung von 1929.

Der Archivist Étienne Clouzot, der die Regeln für das Archivwesen der IWPA im Ersten Weltkrieg erarbeitet hatte, half noch 1939 beim Aufbau der neuen Agenturstruktur und widmete sich dieser in seinen letzten fünf Lebensjahren. Eine prominente Rolle im zivilen Bereich spielte Suzanne Ferrière, die ihrem Onkel Frédéric schon während des Ersten Weltkrieges assistiert hatte und nun ein neues Nachrichtenübermittlungssystem für Familienangehörige etablierte.

Infolge des millionenfachen Leides vervielfältigte sich auch die Zahl der Aktenvorgänge mit insgesamt rund 45 Millionen Karteikarten und etwa 120 Millionen vermittelter Nachrichten. Bereits im Oktober 1939 erhielt das IKRK von IBM kostenlos Lochkartentechnik und Personal zur Verfügung gestellt, um Klassierungen und andere Informationsverarbeitungen zu automatisieren. Angesichts der Datenflut, die von circa 3000 Mitarbeitenden bewältigt wurde, führte das Archiv 1942 ein neues Ablagesystem ein. Die Anstrengungen wurden 1944 mit einem zweiten Friedensnobelpreis gewürdigt.

Eines der letzten – und gleichzeitig eindringlichsten – Dokumente des Archivs aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges entstand wenige Tage vor Kriegsende: am 29. August 1945 beschrieb der IKRK-Delegierte Fritz Bilfinger, der die Ruinen der japanischen Stadt Hiroshima knapp drei Wochen nach dem dortigen Atombombeneinsatz der USA als erster Ausländer erreichte, die apokalyptische Situation in einem Telegramm und warnte so vor den Gefahren des Atomzeitalters.

Dekolonialisierung und «Kalter Krieg» alternativtext=|mini|Jean Pictet im Jahr 1937 Ein Jahr nach Ende des Zweiten Weltkrieges verlegte das IKRK seinen Hauptsitz samt Archiv von der Villa Moynier in das ehemalige Carlton Hotel. Das neoklassizistische Gebäude auf einem Hügel über dem Völkerbundpalast stellte der Kanton von Genf der Organisation im Rahmen einer langfristigen Pacht zur Verfügung.

Zur gleichen Zeit wurde das Archiv zu einer eigenen Abteilung innerhalb des IKRK aufgewertet. Diesen Schritt verantwortete Jean Pictet (1914–2002), der als Jurist auf humanitäres Völkerrecht spezialisiert war und auch als geistiger Vater der Genfer Konvention von 1949 über den Schutz von Zivilpersonen in Kriegszeiten gilt. Als Direktor der Hauptverwaltungsabteilung führte Pictet, der aus einer alten Genfer Bankiersfamilie stammte, dann 1950 ein neues und umfassendes Ablagesystem ein. Die Nummerierung erfolgte nunmehr sowohl nach thematischen wie geographischen Bezügen. Alle Akten der gesamten Organisation wurden bis 1972 nach dem «Pictet-Plan» geordnet. In der Archiv-Abteilung selber galt er sogar noch bis 1997. mini|Ein Brief von 1958, den Che Guevara in Vertretung von Fidel Castro unterzeichnete und in dem er das IKRK aufforderte, die revolutionäre Bewegung auf Kuba anzuerkennen