mini|Eine Skizze, die die Durchführung des Trier Social Stress Tests darstellt. Der Trier Social Stress Test (TSST) ist ein Verfahren der experimentellen Psychologie, welches bei der Mehrheit der im Labor getesteten Personen moderaten psychosozialen Stress auslöst und eine physiologische Stressreaktion, z. B. eine erhöhte Aktivität der HPA-Achse, hervorruft. In der Literatur wird er als reliables bio-psychologisches Instrument beschrieben, mit dessen Hilfe die Reagibilität des Organismus auf psychosozialen Stress untersucht werden kann. Zudem dient er als Verfahren, mit welchem Effekte von akutem Stress auf psychologische und physiologische Funktionen untersucht werden können. Der TSST gilt im Bereich der Stressforschung als eines der am häufigsten eingesetzten Forschungsinstrumente.I. Labuschagne, C. Grace, P. Rendell, G. Terrett, M. Heinrich: An introductory guide to conducting the Trier Social Stress Test. In: Neurosci Biobehav Revs, 2019, 107, S. 686–695. doi:10.1016/j.neubiorev.2019.09.032 Der TSST besteht üblicherweise aus einem kurzen simulierten Bewerbungsinterview und einer Kopfrechenaufgabe, die vor einem Gremium von 2–3 Personen absolviert werden. Der TSST ist standardisiert und vereint Elemente der sozialen Bewertung und der Unkontrollierbarkeit.S. S. Dickerson, M. E. Kemeny: Acute stressors and cortisol responses: a theoretical integration and synthesis of laboratory research. In: Psychological bulletin, 2004, 130(3), S. 355–391. doi:10.1037/0033-2909.130.3.355A. P. Allen, P. J. Kennedy, S. Dockray, J. F. Cryan, T. G. Dinan, G. Clarke: The Trier Social Stress Test: Principles and practice. In: Neurobiol Stress, 2017, 6, S. 113–126. doi:10.1016/j.ynstr.2016.11.001
Geschichte Der Trier Social Stress Test (TSST) wurde durch die Arbeitsgruppe von Clemens Kirschbaum und Dirk Hellhammer an der Universität Trier entwickelt und im Jahr 1993 veröffentlicht. Auch vor 1993 existierten bereits verschiedene standardisierte Methoden der Stressinduktion, wie beispielsweise der Kaltwassertest. Allerdings ermöglichten die bis zu diesem Zeitpunkt eingesetzten Stresstests lediglich eine ungenügende oder nicht reliable Stimulation der HPA-Achse. So konnten lediglich kleine bis moderate Anstiege in den ACTH- und Cortisol-Konzentrationen hervorgerufen werden. Um die Auswirkungen akuten Stresses auf menschliches Verhalten und Erleben untersuchen zu können, ist jedoch eine valide und reliable Methode der Stressinduktion notwendig.
Der TSST ermöglicht dies durch die Kombination verschiedener Arten stress-induzierender Aufgaben. Entsprechend können mittels des TSST starke Effekte auf verschiedene physiologische Stressmarker, wie dem ACTH, dem GH, Prolaktin sowie Blut- und Speichel-Kortisol hervorgerufen werden.
Seit der Entwicklung des TSST wurde dieser vielfach in der Stressforschung eingesetzt. Mittels des TSST konnten beispielsweise Geschlecht, genetische Einflüsse, Nikotin-, Alkohol- und Koffeinkonsum als für interindividuelle Unterschiede relevante Variablen herausgestellt werden. Zudem existiert mittlerweile eine breite Vielfalt an unterschiedlichen Variationen des TSST (für Kinder und Gruppen, als virtuelle Variante oder Kontrollbedingung etc.).
Prozedere Durchführung Nach dem Originalprotokoll von Kirschbaum et al. soll der TSST folgendermaßen durchgeführt werden: Zehnminütige Vorbereitungszeit Fünfminütige Aufgabe zur freien Rede, in der die Versuchspersonen vor „Managern“ argumentieren sollen, warum sie der beste Kandidat für die Stelle sind, für die sie sich bewerben möchten. Die Versuchspersonen erhalten die Informationen, dass die „Manager“ speziell geschult seien, um nonverbales Verhalten zu beobachten. Die Versuchsperson steht dementsprechend unter dauerhafter Beobachtung. Außerdem werde eine Stimmfrequenzanalyse des nonverbalen Verhaltens als Tonbandaufnahmen und eine Videoanalyse gemacht. Im Falle, dass die Versuchsperson vor Ablauf der fünf Minuten fertig ist, soll folgendes gesagt werden: Sie „haben noch etwas Zeit, bitte fahren Sie fort.“ Sollte die Versuchsperson erneut vor Ablauf der Zeit stoppen, so soll 20 Sekunden abgewartet werden und dann einige vorbereitete Fragen gestellt werden. Nach 15 Minuten folgt eine fünfminütige serielle Subtraktionsaufgabe. Nach jedem Fehler muss der Proband hier neu beginnen. Nach 20 Minuten sind die Aufgaben beendet und es folgt eine Nachbesprechung und anschließend 30–70 min Pause.
Allgemeine Empfehlungen Aus den Ergebnissen einer 2017 erschienen Meta-Analyse lassen sich einige allgemeine Empfehlungen bezüglich des Studienprotokolls ableiten.W.K. Goodman, J. Janson, J.M. Wolf: Meta-analytical assessment of the effects of protocol variations on cortisol responses to the Trier Social Stress Test. In: Psychoneuroendocrinology, 2017, 80, S. 26–35. Zum einen scheint Höhepunkt des Cortisol-Levels durchschnittlich nach 38 Minuten aufzutreten. Deshalb wird eine regelmäßige Messung 30–45 Minuten nach Beginn empfohlen. Die Frequenz früherer Cortisolproben kann also verringert werden, um Kosten zu reduzieren. Zum anderen geben die Autoren und Autorinnen zu bedenken, obwohl Befunde hierzu noch fehlen, dass die Nutzung eines intravenösen Katheters für die Entnahme von Blutproben möglicherweise zu einer Sensitivierung und somit zu einer erhöhten Stressreaktion führen könnte.
Des Weiteren sollten laut den Autoren und Autorinnen folgende Punkte des Original-Studienprotokolls eingehalten werden, um eine Vergleichbarkeit der Studienergebnisse zu ermöglichen. Erstens sollte ein gemischt-geschlechtliches Panel aus drei Personen eingesetzt werden, da ein rein weibliches Panel die Stressreaktion abzumildern scheint. Zweitens sollte der TSST bestenfalls am Nachmittag durchgeführt, da hier die geringste inter-individuelle Variation entsteht. Drittens sollte das Panel neutrales anstatt negatives Feedback geben, da dieses die Stressreaktion zu verringern scheint. Zuletzt merkten die Autoren und Autorinnen noch an, dass in der Subtraktionsaufgabe 13er-Schritte genutzt werden sollten.
Gütekriterien Reliabilität Der TSST ist ein reliabler und valider akuter Stressor, der unter experimentellen Konditionen verwendet werden kann. Aufgrund hoher Effektstärken und hoher Reliabilität ist der TSST zu einem weltweiten Standard für psychologische Stressinduktion unter kontrollierten Bedingungen geworden. Das Verfahren induziert eine konsistente reliable physiologische und psychologische Stressantwort bei der Mehrzahl von Probanden. Konkret aktiviert der TSST die Stressachse der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinde (HPA) zuverlässig und löst eine zwei- bis dreifache Ausschüttung des Hormons Cortisol (im Vergleich zu nicht-stressbedingten Kontrollbedingungen) bei etwa 70–80 % der Teilnehmer aus. Die experimentellen Bedingungen während der Durchführung des TSST sind hoch standardisiert und es bestehen konkrete Vorgaben bezüglich der Durchführung, der Rahmenbedingungen, als auch des Verhaltens des Versuchsleiters und des Gremiums, welche die Stressantwort beeinflussen könnten.
Validität Es gibt aktuell noch wenig Befunde zur Validität des TSST. Es hat sich aber herausgestellt, dass ältere Erwachsene im Vergleich zu jüngeren Erwachsenen geringere Cortisol- sowie ACTH-Reaktionen auf den TSST zeigten.B. M. Kudielka, A. Buske-Kirschbaum, D. H. Hellhammer, C. Kirschbaum: HPA axis responses to laboratory psychosocial stress in healthy elderly adults, younger adults, and children: impact of age and gender. In: Psychoneuroendocrinology, 2004, 29, S. 83–98. doi:10.1016/S0306-4530(02)00146-4 Zudem induzierte der TSST, durch die Kombination einer Reihe stressvoller Komponenten, Stress bei der Mehrheit der Teilnehmer zuverlässiger als seine Komponenten (z. B. öffentliches Reden) einzeln betrachtet.
Ökologische Validität Eine erste Studie zur ökologischen Validität des TSST zeigte, dass die Stressreaktion, die dieser auslöst, eine hohe Übereinstimmung mit Stressreaktionen im wahren Leben, wie der einer mündlichen Prüfung, aufweist.G.-I. Henze, S. Zänkert, D. F. Urschler, T. J. Hiltl, B. M. Kudielka, J. C. Pruessner, S. Wüst: Testing the ecological validity of the Trier Social Stress Test: Association with real-life exam stress. In: Psychoneuroendocrinology, 2017, 75, S. 52–55. doi:10.1016/j.psyneuen.2016.10.002
Objektivität Durchführungsobjektivität Das ursprüngliche Protokoll des TSST von Kirschbaum, Pirke und Hellhammer (1993) beinhaltet die Empfehlung, dass alle Mitglieder des Gremiums ein strikt neutrales Verhalten gegenüber den Versuchspersonen während der öffentlichen Redeaufgabe (dem simulierten Bewerbungsgespräch) und der seriellen Subtraktionsaufgabe zeigen. Dabei sollte das Gremium keine soziale Unterstützung geben. Dieses neutrale Verhalten der Mitglieder des Gremiums trägt dazu bei, dass Versuchspersonen die Erfahrung der Unkontrollierbarkeit machen, und dass die HPA-Achse und das sympathische Nervensystem erfolgreich aktiviert werden.
Methodisch gibt es eine bemerkenswerte Variabilität in der Art und Weise, wie das TSST-Protokoll in den verschiedenen Laboren durchgeführt wird. Dies ist weitgehend auf die relativ kurze methodische Beschreibung des TSST-Prokolls in der Originalarbeit von Kirschbaum und Kollegen (1993) zurückzuführen und darauf, dass es bisher viele Studien versäumt haben, über ihre spezifische Methodik ausführlich zu berichten.
Indikatoren HPA-Achsen-Aktivität Der TSST wurde entwickelt, um eine große HPA-Achsen-Aktivität bei den meisten Studienteilnehmern auszulösen.A. P. Allen, P. J. Kennedy, J. F. Cryan, T. G. Dinan, G. Clarke: Biological and psychological markers of stress in humans: focus on the Trier Social Stress Test. In: Neurosci Biobehav Rev, 2014, 38, S. 94–124. doi:10.1016/j.neubiorev.2013.11.005 Studien haben mittlerweile gezeigt, dass nach dem TSST die HPA-Achsen-Aktivität signifikant erhöht ist.B. Kudielka, D. Hellhammer, C. Kirschbaum: Ten years of research with the Trier Social Stress Test – revisited. In: ???, 2007, S. 56–83. Dies zeigt sich vor allem im Anstieg der Hormone Cortisol, welches durch die Nebenniere freigesetzt wird, und ACTH, das von der Hypophyse freigesetzt wird. Serum und Plasma Cortisol sowie ACTH sind direkt nach Ende des TSST signifikant erhöht.C. Kirschbaum, K. M. Pirke, D. H. Hellhammer: The ‘Trier Social Stress Test’ – a tool for investigating psychobiological stress responses in a laboratory setting. In: Neuropsychobiology, 1993, 28(1–2), S. 76–81. doi:10.1159/000119004 10 Minuten später erreicht auch der Speichel Cortisol seinen Höhepunkt, dabei ist die Speichel Cortisol Reaktion hoch korreliert mit Cortisol aus Serum und Plasma und gilt als bester Index zur Messung des durch den TSST ausgelösten akuten Stresses.P. Foley, C. Kirschbaum: Human hypothalamus-pituitary-adrenal axis responses to acute psychosocial stress in laboratory settings. In: Neurosci Biobehav Rev, 2010, 35(1), S. 91–96. doi:10.1016/j.neubiorev.2010.01.010 Beim Speichel Cortisol hat man durchschnittlich eine 2- bis 3-fache Erhöhung bei 70–85 % der Studienteilnehmer gefunden. Ungefähr 90 Minuten nach Beginn des TSST gehen die Cortisol-Werte zurück auf ihr Baseline-Level.
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