Eine größere Welt (Originaltitel: Un monde plus grand) ist ein französisch-belgisches Filmdrama von Fabienne Berthaud aus dem Jahr 2019 mit Cécile de France in der Hauptrolle. Der Film, der bei den Internationalen Filmfestspielen von Venedig seine Premiere feierte, basiert auf dem autobiografischen Buch Mein Leben mit den Schamanen (Mon initiation chez les chamanes, 2004) von Corine Sombrun.
Handlung Die Toningenieurin Corine kommt nicht über den Tod ihres Mannes Paul hinweg. Weil sie sich vor lauter Trauer nicht mehr auf ihre Arbeit im Tonstudio konzentrieren kann, macht ihr ihr Freund und Kollege Marc den Vorschlag, für eine neue Dokumentarreihe über Spiritualität nach Afrika, in die Mongolei oder nach Tibet zu reisen, um dort Tonaufnahmen von traditioneller Musik und religiösen Zeremonien zu machen. Corine, die so weit wie möglich von zu Hause weg möchte, entscheidet sich für die Mongolei, wo sie zusammen mit der Dolmetscherin Naraa zunächst mit dem Bus und später auf einem Pferd in eine abgelegene Gegend im Norden des Landes reist. Die dort in Spitzjurten und von der Rentierhaltung lebende Volksgruppe der Tsaatan nimmt sie gastfreundlich bei sich auf. Naraa, die für Corine aus dem Mongolischen übersetzt, klärt sie dabei über die Sitten und Bräuche ihrer Gastgeber auf.
Als Corine Aufnahmen von einer Zeremonie der Schamanin Oyun macht, beginnt sie durch das konstante Schlagen der Schamanentrommel, unkontrollierbar zu zittern und sich immer heftiger zu schütteln. Sie gerät in einen Trance-Zustand und fängt an, wie ein Wolf zu heulen und Oyun zu attackieren. Tags darauf erklärt ihr Oyun, dass der Geist des Wolfes über sie gekommen sei und sie die schamanische Gabe besitze, die trainiert werden müsse. Corine, die davon nichts wissen will, läuft ziellos in einen Wald, wo sie an einem heiligen Ort Stimmen hört und auf den Geist des Berges trifft, den nur, wie ihr später Oyun erklärt, Schamanen sehen könnten. Auch habe Corine während der Trance, die ohne entsprechende Ausbildung sehr gefährlich sei, ein guter Geist – möglicherweise ihr Mann Paul – beigestanden und ihr geholfen, aus der Welt der Geister zurückzukehren.
Zurück in der Heimat lassen Corine die Erlebnisse in der Mongolei nicht mehr los. Jedes Mal, wenn sie sich die Tonaufnahmen der Schamanentrommel anhört, fängt sie an zu zittern. Ihre Schwester Louise, die auf die Aufnahmen von ihrem Wolfsgeheul befremdet reagiert, empfiehlt ihr, einen Arzt aufzusuchen. Als Corine eines Nachts aufwacht und hört, wie das Cello ihres verstorbenen Mannes gespielt wird, obwohl außer ihr niemand anwesend ist, beschließt sie, zu einem Neurologen zu gehen und sich mehreren Tests unterziehen zu lassen. Die Auswertungen der Computertomographie und der Elektroenzephalografie ergeben jedoch, dass alles bei ihr normal sei. In Anwesenheit von Louise und ihrem gemeinsamen Freund Sam versucht Corine in ihrem Wohnzimmer, mittels eines Rituals Kontakt zu ihrem Mann Paul aufzunehmen. Über die Aufnahmen der Trommelschläge versetzt sie sich in Trance. Als sie wieder zu sich kommt, befindet sie sich in einem Krankenhaus. Louise hat sie dorthin bringen lassen, weil sie in Panik über den Zustand ihrer Schwester geriet. Eine Psychiaterin meint, Corine leide an einer Psychose, und verschreibt ihr Medikamente, die Corine jedoch unbenutzt entsorgt.
Um mit Paul Kontakt aufzunehmen, beschließt Corine, in die Mongolei zurückzukehren. Bei einem gemeinsamen Abendessen mit Sam, Marc und Louise, die von Marc schwanger ist, zeigt sich ihre Schwester ablehnend gegenüber ihrem Vorhaben. Corine, die fleißig Mongolisch lernt und von der Wahrnehmungsveränderung während der Trance begeistert ist – die Welt werde dabei größer –, reagiert verletzt, als Louise verärgert meint, dass sie verrückt werde, ohne es zu merken. Genauso könne mit den anderen etwas nicht stimmen, findet Corine, worauf sie Marc – einer plötzlichen Eingebung folgend – empfiehlt, an ihrer statt einen Arzt aufzusuchen. Tatsächlich wird bei Marc kurz darauf ein Fleck auf der Lunge festgestellt.
Entschlossen, sich zur Schamanin ausbilden zu lassen, kehrt Corine in die Mongolei zurück, wo sie von den Tsaatan herzlich empfangen wird. Sie erhält ein traditionelles Gewand und übernimmt alltägliche Aufgaben wie das Holzhacken, Rentiermelken und Wasserholen. Als sie sich an einem Bach wäscht, bleiben ihre Kleidung und ein kleiner Beutel mit der Asche ihres Mannes Paul am Geweih eines Rentiers hängen. Sie rennt dem Tier hinterher, erhält von einem vorbeireitenden Mann jedoch lediglich ihre Kleidung zurück. Oyun versichert der tieftraurigen Corine, dass sie auch ohne Pauls Asche Kontakt zu ihm aufnehmen könne, sobald sie dafür bereit sei. Corine taucht daraufhin weiter in die Welt und Riten des Nomadenvolkes ein. Beim Spielen der Maultrommel auf einer Wiese begegnet ihr ein Wolf. Kurz darauf wird eine eigens für sie angefertigte Schamanentrommel vorbeigebracht. Naraa gegenüber, die auch weiterhin für sie übersetzt, erzählt Corine von Paul. Er sei Pianist und Cellist gewesen. Sie hätten zehn glückliche Jahre miteinander verbracht. Als sie bereit gewesen seien, eine Familie zu gründen, sei Paul schwer krank geworden. Bevor er gestorben sei, hätten sie sich geschworen, sich wiederzusehen.
Mit ihrer Schamanentrommel und in einer für sie genähten Schamanentracht führt Corine schließlich selbst eine Zeremonie durch. Durch ihr Trommelschlagen versetzt sie sich in Trance. Sie durchschreitet dabei im Geist eine Tür, die sie bereits bei ihren früheren Trance-Zuständen wahrgenommen hat und hinter der sie Paul vermutet. Als sie wieder zu sich kommt, ist sie tief enttäuscht, weil sie Paul nicht gefunden hat. An einem Bach fühlt sich die weinende Corine plötzlich vom Wasser angezogen und lässt sich hineinfallen. Unter Wasser trifft sie auf Paul. Sie küssen und umarmen sich innig. Als Paul davonschwimmt, wird Corine aus dem Wasser gezogen. Tags darauf geht Corine in den Wald und zündet unter einem Baum eine Reihe Streichhölzer an, die ihr Oyun gegeben hat, und macht ihren Frieden mit sich und der Welt. Vor ihrer Heimreise feiert sie ausgelassen mit ihren mongolischen Freunden. Louise hat inzwischen eine Tochter zur Welt gebracht und Marcs Krebs konnte rechtzeitig behandelt werden. Corine, die ihrer Schwester einen aus Rentiergeweih geschnitzten Wolf schenkt, arbeitet daraufhin mit Forschern und Neurologen zusammen, um die schamanistische Trance wissenschaftlich zu erschließen.
Hintergrund Thematik mini|Ein mongolischer Schamane bei einem Ritual wie im Film Der Film erzählt die wahre Geschichte von Corine Sombrun (* 1961), die am Ende des Films auf Fotos von ihrem Aufenthalt in der Mongolei zu sehen ist und seit ihrer Ausbildung zur Schamanin Neurologen und Gehirnforschern dabei hilft, die neurologischen Vorgänge im Gehirn während eines Trance-Zustandes zu erforschen und die gewonnenen Erkenntnisse für therapeutische Behandlungen zu nutzen. Laut der Regisseurin und Drehbuchautorin Fabienne Berthaud, die bei ihrer Arbeit wie schon bei früheren Projekten auf eine Mischung aus Fiktion und dokumentarischen Realismus setzte, gehe es im Film neben dem Hinterfragen von Ängsten und dem Gegenüberstellen von Rationalität und Irrationalität, von Wissenschaft und Schamanismus, vor allem um eine große Liebesgeschichte.Secrets de tournage auf allocine.fr (französisch).
Dreharbeiten Die Dreharbeiten fanden vom 4. Juni bis 26. September 2018 in Belgien, dort unter anderem im Kulturzentrum Cité Miroir und am Flughafen Lüttich,Un monde plus grand auf imagesante.be (französisch). und in der Mongolei statt, wo das Drehteam in der Provinz Chöwsgöl-Aimag und im Nationalpark Chorgo Terchiin Tsagaan Nuur in Jurtenlagern untergebracht wurde. Sombrun, die auch beim Schreiben des Drehbuchs involviert war, kam vor Ort als technische Beraterin der Trance-Szenen zum Einsatz. Im Film ist sie zudem als Geist im Wald und während einer Zeremonie als die eigentlich von der mongolischen Schauspielerin Tserendarizav Dashnyam verkörperten Schamanin Oyun zu sehen. Die Dolmetscherin Narantsetseg Dash wiederum spielte sich im Film selbst, wie auch der belgische Neurologe Steven Laureys. Für das Szenenbild war Eve Martin zuständig. Die Kostüme entwarf Mimi Lempicka. Das Budget des Films lag bei 3,25 Millionen Euro.
Rezeption Veröffentlichung Eine größere Welt wurde am 30. August 2019 innerhalb der Filmreihe „Giornate degli Autori – Venice Days“ bei den 76. Internationalen Filmfestspielen von Venedig uraufgeführt. Am 30. Oktober 2019 lief der Film in Frankreich an, wo er rund 298.000 Kinobesucher verbuchen konnte.Vgl. jpbox-office.com In Deutschland sollte er ursprünglich am 16. April 2020 in die Kinos kommen. Bedingt durch die COVID-19-Pandemie verschob sich der Kinostart auf den 9. Juli 2020.Vgl. kino.de In Österreich war er ab dem 7. August 2020 in den Kinos zu sehen.Vgl. polyfilm.at Im Oktober 2020 erschien er auf DVD. Die deutsche Free-TV-Premiere erfolgte am 11. Oktober 2021 auf One.
Kritiken mini|hochkant|Cécile de France (2017) Le Parisien zufolge werde der Film von der „Präsenz und Empathie“ getragen, die ihm eine „dem Thema gegenüber sensible“ Cécile de France entgegenbringe. Neben ihr spiele die Natur eine weitere „essentielle Rolle des Films“, der zudem eine „wunderschöne Liebesgeschichte“ erzähle und „eine hervorragende Kameraarbeit“ vorweisen könne.“Un Monde plus grand est happé par la présence et l’empathie que lui imprime Cécile de France, clairement sensible au sujet. La nature est l’autre personnage essentiel de ce film, belle histoire d’amour, servi par une superbe photographie.” Vgl. Sorties cinéma du 30 octobre: “Doctor Sleep”, “Mon Chien Stupide” … nos coups de cœur. In: Le Parisien, 29. Oktober 2019. Le Figaro fand de France in ihrer Rolle „glaubwürdig“, das Ende des Films sei jedoch „vorhersehbar“.“Si la comédienne inspirée est crédible, elle évolue dans une histoire dont le dénouement est connu d’avance.” Vgl. Mon chien stupide, Le Traître, Debout sur la montagne … Les films à voir ou à éviter cette semaine. In: Le Figaro, 30. Oktober 2019. Le Monde meinte, dass lediglich „der körperliche Einsatz von Cécile de France und die Schönheit der Landschaften“ die Skeptiker überzeugen könnten.“Ce qui reste la meilleure manière de laisser les sceptiques sur le bord du chemin, quels que soient l’engagement physique de Cécile de France et la beauté des paysages.” Thomas Sotinel: In: Le Monde, 23. Oktober 2019.
Mit ihren beiden Filmen Barfuß auf Nacktschnecken und Sky – Der Himmel in mir habe die Regisseurin Fabienne Berthaud bereits „ein besonderes Gespür für Themen wie Sinnsuche und Spiritualität“ gezeigt, konstatierte Cinema. Eine größere Welt sei daher auch mehr den Zuschauern zu empfehlen, die Schamanismus nicht einfach als „naiven Wunderglauben“ abtun würden. Berthaud biedere sich mit ihrem Film dem Zuschauer nicht an. Sie habe auf „die gefühligen Momente amerikanischer Erweckungsfilme“ verzichtet und stattdessen „auf die Authentizität einer erstaunlich spröden Hauptfigur [vertraut]“. Entstanden sei dabei „[e]in magischer Film über die heilenden Kräfte des Menschen“.