Nachhaltigkeitswissenschaft () ist eine 2001 eingeführte akademische Disziplin, die sich mit der Theorie, Erforschung und Umsetzung von Nachhaltigkeit, nachhaltiger Entwicklung und Nachhaltigkeitsstrategien auf lokaler, regionaler, nationaler und globaler Ebene und in Praxisfeldern (betriebliches Nachhaltigkeitsmanagement, Bildung etc.) beschäftigt. Es handelt sich hierbei nicht um eine klassische Disziplin mit eigenen Theorien und Methoden, sondern um ein Konglomerat unterschiedlicher Disziplinen, die auf ein gemeinsames Thema ausgerichtet sind.
Internationale Anerkennung Die Sustainability Science wurde im Jahr 2001 offiziell auf dem Kongress Challenges of a Changing Earth in Amsterdam durch den International Council for Science (ICSU), das International Geosphere-Biosphere Programme (IGBP), das International Human Dimensions Programme on Global Environmental Change (IHDP) und das World Climate Research Programme (WCRP) eingeführt. Der deutschsprachige Terminus der Nachhaltigkeitswissenschaft ist auf eine Übertragung aus dem Englischen zurückzuführen.
Eckpunkte der Nachhaltigkeitswissenschaft Aufgrund der bisherigen Diskussionen lässt sich folgender Grundkonsens über Wissenschaft und Nachhaltigkeit und über die Nachhaltigkeitswissenschaft festmachen:Ralf Klemens Stappen: Wissenschaft und Agenda 21. Thesen zu einer Wissenschaft im Dienst nachhaltiger Entwicklung. (PDF 8 MB) In: Stadt-Umland-Perspektiven – Zukunftsfähige Regionen in Europa. 2000, ISBN 3-00-007218-7, S. 257–258 Bei der Nachhaltigkeitswissenschaft handelt es sich um eine teilweise normative Wissenschaft. Ein Ziel ist die wissenschaftliche Fundierung nachhaltiger Praxis und Handelns gemäß der auf dem Rio-Gipfel 1992 beschlossenen Agenda 21 (Agenda 21 : Kap.35.3a). Sofern es dabei um Ziele, Werte, Normen und ihre Abwägung untereinander geht (etwa: Generationengerechtigkeit versus wirtschaftliche Freiheit der heute Lebenden), so ist dies eine normative Frage. Wird dagegen beispielsweise nach Instrumenten zur Umsetzung dieser „abgewogenen“ Ziele oder nach Ursachen fehlender Nachhaltigkeit gefragt, so ist dies deskriptive Wissenschaft.Felix Ekardt: Theorie der Nachhaltigkeit. Rechtliche, ethische und politische Zugänge – am Beispiel von Klimawandel, Ressourcenknappheit und Welthandel. 3. Aufl. Baden-Baden: Nomos Verlag, ISBN 978-3-8329-6032-2. Nachhaltigkeitswissenschaft ist multi- und transdisziplinär ausgerichtet. Nachhaltige Entwicklung übersteigt bei weitem das Potential einer einzelnen wissenschaftlichen Disziplin. Nachhaltigkeitswissenschaft ist primär praktisch ausgerichtet. Ziel ist die Lösung existenzieller Probleme der Weltgesellschaft und des Lebenssystems Erde. In der Praxis geht es um das Management von Nachhaltigkeit und transformativer Nachhaltigkeit in diversen Handlungsfeldern (z. B. Energie, Ernährung etc.). Nachhaltigkeitswissenschaft gründet auf der Verantwortung der Wissenschaft und des einzelnen Wissenschaftlers gegenüber zukünftiger Generationen und dem Lebenssystem Erde.
Frühe Beispiele (1995 ff.) für die Nachhaltigkeitswissenschaft ist die Studie Zukunftsfähiges Deutschland und für die Angewandte Nachhaltigkeitswissenschaft das Altmühltal-Projekt der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt zur Implementierung der Agenda 21 (im Zeitraum 1994–1999), die erste Versuche darstellten, nachhaltige Entwicklung wissenschaftlich-normativ zu fundieren und in die Praxis umzusetzen. Aufgrund des Fehlens eines geeigneten wissenschaftlichen Begründungszusammenhangs, wie ihn die Nachhaltigkeitswissenschaft heutzutage bereitstellen könnte, hat es hier nach der Veröffentlichung der Studie und in der Praxis erhebliche Legitimationsprobleme gegeben.
Die zentrale internationale Plattform über die Entwicklung der Nachhaltigkeitswissenschaft war das International Network on Science and Technology for Sustainability an der Harvard University, wo sich Nachhaltigkeitswissenschaftler aus aller Welt zusammengeschlossen hatten und die Netzwerkprojekte die Vielfalt der wissenschaftlichen Nachhaltigkeitsforschung aufzeigten.
Die nationale Plattform in Deutschland ist die Initiative „Forschung für Nachhaltige Entwicklungen“ (FONA) des Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), die Akteure und Forschungsaktivitäten im Bereich Forschung für Nachhaltigkeit zusammenführt.
Zweck der Etablierung der Disziplin an Universitäten Die Entstehung der Nachhaltigkeitswissenschaft ist nur vor dem Hintergrund zu verstehen, dass Wissenschaftler verschiedener Disziplinen (z. B. Klimaforscher, Ökologen, Geoökologen, Biologen, Geographen, Sozial- und Politikwissenschaftler, Physiker, Humanökologen etc.), die sich mit Global Change und Nachhaltigkeitsforschung wissenschaftlich beschäftigen, heute quasi „immer“ gezwungen sind, Aussagen außerhalb ihrer angestammten Fachgrenzen zu treffen. So übertritt z. B. ein Klimaforscher bereits mit einer Aussage über Reduktionsziele oder Klimaschutzpolitik seinen wissenschaftsmethodisch abgesicherten Bereich. Dies liegt daran, dass sich Reduktionsziele nicht allein aus naturwissenschaftlich-beschreibenden Modellen gewinnen lassen. Stets muss an irgendeiner Stelle der Analyse eine zu erreichende Zielgröße oder eine nicht zu verletzende Randbedingung bestimmt werden. Diese Festlegung selbst ist jedoch nicht mit naturwissenschaftlichen Mitteln möglich, sondern ist eine normative Festlegung außerhalb des Kompetenzbereichs jeder empirischen Wissenschaft. Es ist jedoch aus wissenschaftstheoretischer Sicht problemlos möglich, entsprechende Zielgrößen und Randbedingungen hypothetisch der Aussage über Reduktionsziele zu Grunde zu legen. Die Entstehung einer dezidierten Nachhaltigkeitswissenschaft kann als Ausdruck der Einsicht gesehen werden, dass solche „Grenzüberschreitungen“ methodisch abgesichert werden müssen und können.
Ortwin Renn plädierte 2022, die Nachhaltigkeitsforschung müsse die drei Wissenschaftsmodi der analytischen (neugiergetriebenen), strategischen (missionsgetriebenen) und katalytischen (entscheidungsunterstützenden) Forschung miteinander verbinden, sowie die Überführung in legitimierte Handlungen und ihre messbare Wirksamkeit sicherstellen.
Nachhaltigkeitswissenschaft und soziale Verantwortungsverhältnisse Ins allgemeinere wissenschaftliche Denken gelangte die Nachhaltigkeitsidee erstmals 1992 auf der Konferenz der Vereinten Nationen über Umwelt und Entwicklung. In Kapitel 35 der dort beschlossenen Agenda 21 wurde die Rolle der Wissenschaft im Dienst einer nachhaltigen Entwicklung skizziert.Ralf Klemens Stappen: Wissenschaft und Agenda 21. Thesen zu einer Wissenschaft im Dienst nachhaltiger Entwicklung. (PDF 8 MB) In: Stadt-Umland-Perspektiven – Zukunftsfähige Regionen in Europa. 2000, ISBN 3-00-007218-7, S. 259
Fast jedes der 40 Kapitel der Agenda 21 betont, wie wichtig die Wissenschaft für eine erfolgreiche global-nachhaltige Entwicklung ist. Nachhaltige Entwicklung wird, so kann hieraus gefolgert werden, ohne Unterstützung durch die Wissenschaft nicht oder nur bedingt möglich. Nachhaltigkeitswissenschaft in diesem Sinn ist ein interdisziplinärer Ansatz, um nachhaltige Entwicklung zu ermöglichen, zu objektivieren und Handlungsoptionen anhand von sachlichen Kriterien aufzuzeigen.
Ein wichtiger Ansatz ist dabei die „reflexive Responsibilisierung“.Stefan Böschen: Reflexive Responsibilisierung - feldtheoretisch ausgeleuchtet. In: Reflexive Responsibilisierung: Verantwortung für nachhaltige Entwicklung [Tagung Lüneburg 2017]. / Anna Henkel et al. (Hrsg.)., transcript-Verl., Bielefeld , ISBN 978-3-8376-4066-3, S. 247–266. Sie ermittelt, wie Akteure aus Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft Verantwortung für nachhaltige Entwicklung zuweisen und übernehmen. Um die soziologische Einbettung des Konzepts besser zu verstehen, bietet sich ein Blick auf die Debatten vergangener Jahre an. Zwei Debattenstränge mit nichttrivialen wechselseitigen Bezügen lassen sich dabei beobachten:Stefan Böschen: Reflexive Responsibilisierung - feldtheoretisch ausgeleuchtet. In: Reflexive Responsibilisierung: Verantwortung für nachhaltige Entwicklung [Tagung Lüneburg 2017]. / Anna Henkel et al. (Hrsg.)., transcript-Verl., Bielefeld , ISBN 978-3-8376-4066-3, S. 247–266, darin auf S. 247 ff.
In dem einen Strang wird eine grundlegende Transformation gesellschaftlicher Ordnung unter den Vorzeichen „großer gesellschaftlicher Herausforderungen“ (Wissenschaftsrat 2015)Wissenschaftsrat: Zum wissenschaftspolitischen Diskurs über Große gesellschaftliche Herausforderungen. Positionspapier. Bonn 2015., des Übergangs in ein „Anthropozän“ (Crutzen 2002)Paul Crutzen: Geology of mankind: the anthropocene. In: Nature. () Vol. 415, No. 6867 (Jan 3, 2002), S. 23. oder „Großer Transformationen“ (WBGU 2011)WBGU: Welt im Wandel: Gesellschaftsvertrag für eine Große Transformation. Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung „Globale Umweltveränderungen“ (WBGU), Berlin 2011, ISBN 978-3-936191-38-7. adressiert oder gar eingefordert. Die andere Debattenlinie erörtert die Umordnung gesellschaftlicher Verantwortungsverhältnisse, die unter solchen Stichworten wie „Responsible Research and Innovation“ (Owen et al. 2013)Richard Owen, John Bessant, Maggy Heintz: Responsible innovation: Managing the responsible emergence of science and innovation in society. Wiley, London 2013, ISBN 978-1-119-96635-7., „Corporate Social Responsibility“ oder auch „transformative Wissenschaft“ (Schneidewind und Singer-Brodowski 2014)Uwe Schneidewind, Mandy Singer-Brodowski: Transformative Wissenschaft: Klimawandel im deutschen Wissenschafts- und Hochschulsystem. 2., verb. und aktualisierte Aufl., Metropolis, Marburg 2014, ISBN 978-3-7316-1057-1. in die Debatten Eingang finden. Deren Umsetzung wird zeitgleich, mit Strukturtransformationen einhergehend, erwartet.
Typischerweise bleiben Verantwortungsverhältnisse in letzterer Debattenlinie implizit; das heißt, sie stecken „enthalten seiend“ mit drin. Gemäß den Soziologen Alfred Schütz und Thomas Luckmann gilt in allen menschlichen Gesellschaften eine Grundannahme: „Diese lautet, daß Menschen manches tun und anderes lassen können; mehr noch, daß sie manches entweder tun oder lassen können.“ (Schütz und Luckmann: 2003, S. 453; Hervorhebung im Original).Alfred Schütz, Thomas Luckmann: Strukturen der Lebenswelt. (= UTB; 2412) UVK Verlagsges., Konstanz 2003, ISBN 978-3-8252-2412-7, S. 453. Dies ist die Grundvoraussetzung für die Zuschreibung von Verantwortung, welche bei Schütz und Luckmann durch ein spezifisches Verständnis von Arbeit noch weiterentwickelt wird. Danach gilt: „Der Handelnde arbeitet, wenn er etwas Bestimmtes in der Umwelt bewirken will.“ Denn: „Arbeit [ist] vom Entwurf her zu verstehen.“ (Schütz und Luckmann: 2003, S. 463).Alfred Schütz, Thomas Luckmann: Strukturen der Lebenswelt. (= UTB; 2412) UVK Verlagsges., Konstanz 2003, ISBN 978-3-8252-2412-7, S. 463. Arbeit in diesem Verständnis stellt die Grundkategorie der sozialen Zurechnung von Verantwortung dar. Dabei geschieht die Regelung von Verantwortlichkeiten typischerweise implizit. Vor diesem Hintergrund muss die Explikation als eine Problemanzeige der Verschiebung von Verantwortungsverhältnissen gelesen werden. In den politisch-öffentlichen Debatten vollzieht sich die Neukonfiguration von Zurechnungsmöglichkeiten von Verantwortung. Damit einhergehend, werden zumeist als Entlastungsoptionen drei besonders betont: die Entlastung durch Technologie, die Entlastung durch Gemeinschaft sowie schließlich die Entlastung durch Institutionen.