Mariarosa Dalla Costa (* 28. April 1943 in Treviso) ist eine italienische feministisch-marxistische Aktivistin, Theoretikerin und Dozentin an der Universität Padua. Sie hat maßgeblich an der internationalen Lohn-für-Hausarbeit Kampagne in den 1970ern mitgewirkt, bei der es darum ging, „die zentrale Rolle von Hausarbeit für die kapitalistische Produktionsweise zu betonen“ und die ökonomische Unabhängigkeit von Frauen einzufordern.Friederike Beier: Vorwort der Herausgeberin. In: Frauen und der Umsturz der Gesellschaft. Gesammelte Aufsätze, aus dem Italienischen übersetzt von Britta Grell und Gisela Bock, Unrast, Münster 2022, S. 7–15, hier S. 11. Dalla Costa gilt als Gründerin der ersten außerparlamentarischen, feministischen Gruppe Italiens.

Leben Dalla Costa verbrachte den Großteil ihres Lebens in Italien. Sie nahm in Padua das Studium der Rechtswissenschaften auf, welches sie 1967 mit einer Arbeit über die Philosophie des Rechts abschloss.Vgl. Friederike Beier: Vorwort der Herausgeberin. In: Frauen und der Umsturz der Gesellschaft. Gesammelte Aufsätze, aus dem Italienischen übersetzt von Britta Grell und Gisela Bock, Unrast, Münster 2022, S. 7–15, hier S. 9. Dort arbeitete sie über ihren Abschluss hinaus als Assistentin an der Fakultät für Politische Wissenschaften. Ihr politischer Aktivismus nahm einen großen Platz in ihrem Leben ein. Anfangs noch in der italienischen neo-marxistischen Gruppierung Potere Operaio (auf ), konzentrierte sich Dalla Costas Arbeit später auf den feministisch-marxistischen Aktivismus. Dabei lag ihr Schwerpunkt vor allem auf dem Thema Haus- bzw. Care-Arbeit. 1972 erschien ihr meistzitiertester Text Frauen und der Umsturz der Gesellschaft; ursprünglich als Flugblatt konzipiert, wurde der Text international diskutiert und in sechs Sprachen übersetzt.Vgl. Friederike Beier: Vorwort der Herausgeberin. In: Frauen und der Umsturz der Gesellschaft. Gesammelte Aufsätze, aus dem Italienischen übersetzt von Britta Grell und Gisela Bock, Unrast, Münster 2022, S. 7–15, hier S. 10 f. Als Aktivistin und Theoretikerin beschäftigte sie sich außerdem mit „der feministischen Bewegung in Italien, Migration, Wohlfahrtstaatlichkeit, dem Pflegenotstand, einer patriarchalen Medizin und Körperpolitik, Commons (Gemeingütern) und vielem mehr.“Friederike Beier: Vorwort der Herausgeberin. In: Frauen und der Umsturz der Gesellschaft. Gesammelte Aufsätze, aus dem Italienischen übersetzt von Britta Grell und Gisela Bock, Unrast, Münster 2022, S. 7–15, hier S. 8.

Politischer Werdegang

1967–71: Potere Operaio – Arbeitermacht mini|416x416px|In der neomarxistischen Gruppe Potere Operaio beginnt Dalla Costas politischer Aktivismus Dalla Costas politische Wurzeln liegen in der italienischen Arbeiterbewegung, genauer in der Tradition des italienischen Operaismus, einer neomarxistischen Strömung. Sie engagierte sich zwischen 1967 und 1971 in deren wichtigsten Gruppierung, in der Potere Operaio. Diese gründete sich rund um Antonio Negri.

Traditionelle linke Bewegungen hatten jedoch für viele Themen keinen Platz, die für Dalla Costa maßgeblich waren, um die derzeitigen Herrschaftsverhältnisse ganzheitlich zu verstehen und zu überwinden. Der Hauptwiderspruch bestand und besteht laut vieler orthodoxer Marxisten (und Abspaltungen dieser) zwischen dem Proletariat und der Bourgeoisie. Die Arbeiterbewegung ihrer Zeit speiste die Unterdrückung von Frauen und andere intersektionale Verhältnisse, als Nebenwiderspruch ab und nahm ihnen so ihren Wert.

Doch marxistische Feministinnen, unter anderem auch Dalla Costa, forderten die Beschäftigung mit Themen wie Hausarbeit, Sexismus und Gewalt in der Familie in der Arbeiterbewegung ein. Die Frauen, die in der italienischen Arbeiterbewegung aktiv waren, beobachteten patriarchale Mechanismen nicht nur in ihrer Lohnarbeit oder ihrer Familie, sondern auch in ihrem politischen Aktivismus selbst. Ihre Kritik an patriarchalen Mustern traf innerhalb der eigenen gemischtgeschlechtlichen Gruppen nicht auf breiten Zuspruch. Dies hatte den Austritt einiger Frauen zur Folge, die sich wiederum zu eigenen feministischen Gruppen sammelten.

Ab 1971: Lotta Feminista – Feministischer Kampf Enttäuscht von Potere Operaio, war es schließlich Dalla Costa, die die erste außerparlamentarische feministische Organisation Lotta Feminista (dt. feministischer Kampf) gründete. Ende der 1960er entwickelten sich im Zuge der zweiten internationalen Frauenbewegung in Italien zwei zentrale Zugänge des feministischen Aktivismus: das Organisieren in Selbst-Erfahrungs-Gruppen oder den militanten operaistischen Weg durch Lotta Feminista bzw. innerhalb der Komitees der Lohn-für Hausarbeit Kampagne. Beide Zugänge waren von dem starken ideologischem Einfluss der katholischen Kirche in Italien und der im europäischen Vergleich niedrigen Erwerbsarbeitsquote von Frauen geprägt. In den Selbst-Erfahrungs-Gruppen ging es darum, Herrschaftsverhältnisse im privaten Raum als solche sichtbar zu machen. Parallel dazu rief Dalla Costa 1971 gemeinsam mit anderen Frauen die erste Gruppe von Lotta Feminista ins Leben. Ausgehend von Padua bildeten sich in mehreren Teilen Italiens Gruppen von Lotta Feminista. Besonders stark waren diese in den Regionen Venetien und Emilia-Romagna, eher schwach aufgestellt in den großen Städten, unter anderem in Mailand und Rom. Dieser Zusammenschluss wies immer noch zentrale Elemente des italienischen Operaismus auf. So kann der militante Zugang auf nationaler Ebene, aus den bisherigen Erfahrungen Dalla Costas in der Gruppe Potere Operaio hergeleitet werden. Genauso liegt der theoretische Fokus von Lotta Feminista auf dem Klassenkampf selbst, also auf den sozialen Bewegungen, die sich aufgrund der Klassenwidersprüche entwickeln und nach historisch-materialistischer Geschichtsauffassung, die Geschichte vorantreiben. Im Gegensatz dazu steht der traditionelle marxistische Zugang. Bei diesem wird versucht, ausgehend von einer abstrakten Untersuchung des Kapitalismus, allgemeingültige politische Handlungsoptionen abzuleiten. Dennoch unterscheidet sich Dalla Costas Zugang wesentlich vom traditionellen italienischen Operaismus, da er die Geschlechterverhältnisse in jeder Sphäre miteinbezieht.

Ab 1972: International Feminist Collective Das International Feminist Collective wurde 1972 von Mariarosa Dalla Costa, Selma James, Brigitte Galtier und Silvia Federici begründet. Das Kollektiv war vor allem in den USA, Kanada und in Europa, in Ländern wie Großbritannien oder Deutschland aktiv. Tätigkeiten des internationalen feministischen Netzwerks umfassten unter anderem das Organisieren von internationalen Konferenzen und die Ausarbeitung und Durchführung der internationalen Lohn-für-Hausarbeit-Kampagne.

Lohn-für-Hausarbeit-Kampagne mini|Plakat der Lohn-für-Hausarbeit-Kampagne, New York 1976 Den Anstoß zur Bildung von Komitees für die Lohn-für-Hausarbeit-Kampagne gab das von James und Dalla Costa 1972 verfasste Werk Die Macht der Frauen und der Umsturz der Gesellschaft. In diesem schreiben sie noch nicht explizit davon, Hausarbeit entlohnen zu wollen. Die Forderung tauchte jedoch im Zuge der anschließenden Diskussion auf und verursacht so viel internationales Aufsehen, dass ihre Ansätze noch bis heute in der einen oder anderen Form weiter existieren. Ziel der Idee, Lohn für Hausarbeit einzufordern, war es zum einen, den Marx’schen Produktivitätsbegriff in Bezug auf die Bewertung von Arbeit auszuweiten. Also die blinden Flecken der marxistischen Kapitalismuskritik bzw. Marx’ Ökonomischer Theorie aufzuzeigen. Auf der anderen Seite sollte die Wichtigkeit von Frauen an der Teilnahme an Kämpfen gegen die herrschende Klasse und das Kapital herausgestrichen werden. Dalla Costa machte überdies hinaus, ganz im Sinne der Internationalität der darauf folgenden Kampagne, eine Perspektive für einen globalen feministischen Aufstand auf. Sie sah Hausarbeit als die gemeinsame Erfahrung an, die alle Frauen weltweit miteinander verband und somit als die Basis, von der der gemeinsame Kampf starten musste. „Wir fordern vom Staat Lohn für Hausarbeit für allen (sic!) Frauen,

...um die Hausarbeit zu verringern und zu verweigern

...um die Bedingungen und den Lohn am zweiten Arbeitsplatz zu bestimmen und ob wir ihn überhaupt wollen

...um den Männern unabhängig entgegentreten zu können

...um Kinder zu haben, falls und wann wir wollen

...um zu bestimmen, welche Sexualität wir wollen

...um unseren Kindern zu geben, was wir für richtig halten

...um bezahlten Urlaub zu bekommen VON ALLER ARBEIT.“

– Programm der Lohn-für-Hausarbeit Kampagne

Dalla Costas theoretischer Beitrag zur Lohn-für-Hausarbeit-Kampagne

Die Frauenfrage ist eine Klassenfrage, die Klassenfrage ist eine Frauenfrage Die zentrale Forderung der feministischen Kampagne lautete, Hausarbeit (Care-Arbeit) mit einem Lohn zu vergüten. Ziel dabei war es, die materielle Grundlage der Unterdrückung der Frau in den Mittelpunkt zu stellen. Dalla Costa betrachtete die isolierende und unsichtbare Hausarbeit dabei als spezifische Form der Unterdrückung von Frauen im Kapitalismus und als zentrales Mittel der herrschenden Klasse, um die gesamte Arbeiterklasse auszubeuten. Die Klassen- und die Frauenfrage wurden somit als eine unlösbar verbundene betrachtet. Nichts weniger als die Funktion der Frau als Hausfrau zu zerstören, war das große Ziel, zu dem die Kampagne beitragen sollte.„Wer behauptet, dass die Befreiung der Frau der Arbeiterklasse darin liegt, eine Arbeit außerhalb des Hauses zu finden, erfasst nur einen Teil des Problems, aber nicht seine Lösung. Die Sklaverei des Fließbands ist keine Befreiung von der Sklaverei des Spülbeckens. Wer dies leugnet, leugnet auch die Sklaverei des Fließbands und beweist damit noch einmal, daß man, wenn man die Ausbeutung der Frau nicht begreift, auch die Ausbeutung des Mannes nicht wirklich begreifen kann.“

– Mariarosa Dalla Costa: Die Macht der Frauen und der Umsturz der Gesellschaft. 1978, S. 41

Der Lohn als Instrument zur Kommandierung von Care-Arbeit Einen essentiellen Beitrag zur Aufrechterhaltung der kapitalistischen Produktionsweise spielt der Lohn, so Dalla Costa. Durch ihn wird das Proletariat gespalten und die Ausbeutung der Nicht-Lohnarbeiter organisiert. Lediglich der männliche Lohnarbeiter bekommt eine finanzielle Vergütung für seine Arbeitskraft, die er an den Kapitalisten verkaufen muss. Der Arbeitstag der Frau endet im Gegensatz zu dem des Mannes im Kapitalismus nicht mit dem Verlassen der Fabrik. Ihr wird (noch zusätzlich) die Aufgabe zugeteilt, die Arbeitskraft der gesamten Familie wieder- bzw. überhaupt erst herzustellen.

Diese Art der Ausbeutung der Frau beschreibt Dalla Costa als noch effektivere Ausbeutung als die des klassischen Lohnarbeiters. Denn die geleistete Arbeit wird durch den fehlenden Lohn nochmal verschleiert und mystifiziert. „Die Frauenarbeit erscheint als persönliche Dienstleistung außerhalb des Kapitals“, schreibt Dalla Costa. Nur das Produkt ihrer Arbeit als Hausfrau, also der Arbeiter, ist sichtbar. Die Reproduktionsarbeit selbst, die erst Voraussetzung für jede andere Arbeit bildet und die Verrichtende dieser, scheinen im Produktionszyklus nicht auf.

Die Reproduktionsarbeit wird unsichtbar gemacht und ohne Lohn oder Streiks auch während der periodisch auftretenden Krisen des Kapitalismus weiter von den Frauen geleistet. Werden Familienangehörige durch die dem Kapitalismus immanenten Krisen arbeitslos, werden sie immer wieder im Haushalt aufgenommen. Dadurch leistet die Hausfrau einen stabilisierenden Beitrag um die Ausbeutung des Arbeiters weiter zu garantieren (siehe Regulationstheorie).

Die feministische Kritik am orthodoxen Marxismus