mini|Gebiet der Jin-Dynastie (blau) und Nachbarreiche, 1142 Die Jin-Dynastie () des 12. und 13. Jahrhunderts war eine chinesische Dynastie im Nordosten Chinas, die 1125 auf den Ruinen des Liao-Reiches der Kitan einen eigenen Staat gründete. Danach eroberten die Jin einen Teil des Song-Reichs, mit dem sie 1142 einen längerfristigen Friedensvertrag schlossen. Das Herrscherhaus der Jin gehörte zum Volk der Jurchen und wurde mit der Zeit immer stärker sinisiert. Ab 1211 wurde das Jin-Reich vom aufstrebenden Volk der Mongolen unter deren Herrscher Dschingis Khan angegriffen und 1234 endgültig ausgelöscht. Ein Teil der Jurchen wurde später zu Vorfahren der Mandschu. Diese bezeichneten ihre Dynastiegründung im frühen 17. Jahrhundert zunächst als Spätere Jin-Dynastie (1616–1636).
Geschichte mini|Marmorstatue eines buddhistischen Mönchs, Jin-Dynastie, 1180 n. Chr. Gründung des Jin-Reichs Die Jurchen waren ein in der östlichen Mandschurei siedelndes Hirten- und Jägervolk. Sie waren Nomaden und werden in den chinesischen Quellen ab dem 10. Jahrhundert erwähnt. Sie sprachen einen tungusischen Dialekt. Anfangs waren sie Untertanen der Kitan, denen sie Tribute zahlen mussten. Um 1100 erlebten sie einen rasanten Aufstieg. Ihr nordöstlich der heutigen Stadt Harbin residierender Stammesfürst Aguda stammte aus dem Clan der Wanyan und gründete 1115 die Dynastie Jin (auch Kin, d. h. „Gold“). Angeblich sollte der Dynastiename auf den goldhaltigen Sand dieses mandschurischen Gebiets anspielen. Als erster Jin-Kaiser erhielt Aguda den Tempelnamen Taizu. Er befreite sein Volk aus der Tributpflicht gegenüber den Kitan, indem er deren durch ökonomische Probleme und innere Zwistigkeiten geschwächtes Reich durch erfolgreiche Angriffe immer mehr zusetzte. 1120 verbündete er sich mit der Song-Dynastie gegen die Kitan. 1122 eroberten Jurchen-Armeen Peking. Der zweite Jin-Kaiser Taizong ließ sein nun selbständig gewordenes Reich 1124 von der Westlichen Xia-Dynastie und 1126 von Korea als nordostasiatische Großmacht anerkennen.Herbert Franke, Rolf Trauzettel: Das Chinesische Kaiserreich, 1993, S. 211; Jacques Gernet: Die chinesische Welt, 1988, S. 304 f.
Expansion gegen das Song-Reich Nach der Zerschlagung des Liao-Reichs 1125 wandte sich Kaiser Taizong gegen seine bisherigen Verbündeten, die Song, deren Schwäche er erkannte. Seine Streitkräfte fielen in den Provinzen Henan und Shandong ein. Zu Beginn des Jahres 1126 umstellten die Jin Kaifeng, die Hauptstadt der Song-Dynastie, zogen aber gegen große Zugeständnisse der Song-Regierung wieder ab. Bereits im Januar 1127 kehrten ihre Armeen zurück, eroberten Kaifeng, nahmen den abgedankten Song-Kaiser Huizong und dessen Sohn Qinzong, der neuer Herrscher geworden war, gefangen und verschleppten sie in die Mandschurei. Reiterheere der Jin stießen in weiterer Folge bis zum Jangtsekiang und nach Nord-Zhejiang vor. Sie verwüsteten in dieser Gegend viele Städte, eroberten 1129 Nanjing sowie Hangzhou und drangen 1130 bis Ningbo vor. Dann zogen sie sich aber ein Stück nach Norden zurück.Herbert Franke, Rolf Trauzettel: Das Chinesische Kaiserreich, 1993, S. 207; Jacques Gernet: Die chinesische Welt, 1988, S. 305 und 608.
Die Jin vertrauten nicht auf ihre eigene Begabung zur Verwaltung des von ihnen gegründeten Reichs, sondern schufen zuerst politische Gebilde, die von zu ihnen übergelaufenen ehemaligen chinesischen Beamten der Song regiert wurden. Zur Vorbeugung gegen Rebellionen überwachten eigens aufgestellte bewaffnete Einheiten der Jin die Einwohner. Diese von den Jin völlig abhängigen Marionettenstaaten wurden aber rasch wieder beseitigt. So stand Zhang Bangchang dem südlich des Gelben Flusses gelegenen Reich Chu vor, das nur kurze Zeit im Jahr 1127 existierte. Liu Yu beherrschte mit Unterstützung der Jin ab 1130 das sich über die Provinzen Shandong, Henan und Süd-Shanxi erstreckende Reich Qi, dem die Jin indessen bereits 1137 ein Ende setzten.Jacques Gernet: Die chinesische Welt, 1988, S. 305.
Inzwischen hatten Feldherren der Südlichen Song-Dynastie, insbesondere Yue Fei, teils erfolgreiche Gegenoffensiven unternommen. Unter dem seit 1135 regierenden Kaiser Xizong schlossen die Jin mit dem Song-Kaiser Gaozong 1138 eine vorläufige Friedensvereinbarung. Die Mongolen griffen 1139 das Jin-Reich an. Unter dem Einfluss des Kanzlers Qin Hui neigte Gaozong zu einer Appeasement-Politik gegen über den Jin. So kam es im Winter 1141/42 zur Einleitung neuer Friedensverhandlungen. Der 1142 abgeschlossene Vertrag war für die Song sehr unvorteilhaft; sie mussten hohen jährlichen Tributzahlungen zustimmen, den Huai-Fluss als Grenze zum Jin-Reich anerkennen und ihren Vasallen-Status gegenüber den Jin akzeptieren.Herbert Franke, Rolf Trauzettel: Das Chinesische Kaiserreich, 1993, S. 213 f.; Jacques Gernet: Die chinesische Welt, 1988, S. 305 und 609.
Konsolidierte Herrschaft über Nordchina Die Hauptstadt des Jin-Reiches, das knapp vor der Mitte des 12. Jahrhunderts seine endgültige Ausdehnung erreichte, war zunächst Huei-ing (Huining, 1125-1153) bei Harbin in der Mandschurei, heute Acheng. Um das große Reich, dessen Bevölkerung zu über 80 % aus Chinesen bestand, effizienter regieren zu können, ersetzten die Jin unter ihrem Herrscher Xizong ihr traditionelles administratives System von den Kaiser in politischen Fragen beratenden Stammeshäuptlingen durch das chinesische Verwaltungssystem mit einer regulären Bürokratie. Im Januar 1150 wurde Kaiser Xizong durch eine von seinem Cousin, dem Kanzler Wanyan Liang, initiierte Hofintrige ermordet.Ulrich Theobald: Political History of the Jurchen Jin Empire, in: Chinaknowledge – An Encyclopedia on Chinese History and Literature.
Die Sinisierung des Jurchen-Adels beschleunigte sich, als der nunmehrige, despotisch regierende Kaiser Wanyan Liang die Hauptstadt 1153 nach Zhōngdū (), dem heutigen Peking, verlegte. Der neue Herrscher hatte zu Beginn seiner Regierungszeit, um sich möglicher Konkurrenz zu entledigen, mehrere Söhne und Enkelsöhne des Kaisers Taizong hinrichten lassen und berief mehr Nicht-Jurchen in hohe Staatsämter, um zu großen Einfluss der kaiserlicher Prinzen zu verhindern. Auch reformierte er die Zentralregierung und die Militärführung. 1154 wurde im Jin-Reich erstmals Papiergeld ausgegeben. 1159 bereitete Wanyan Liang eine Invasion des Reichs der Südlichen Song zu Land und Wasser vor. Allerdings kam es damals im Jin-Reich zu Aufständen der dort ansässigen Chinesen. Der Kaiser unternahm 1161 dennoch einen groß angelegten Feldzug gegen die Song. Kurzzeitig wurde auch die Hauptstadt nach Kaifeng verlegt. Jin-Truppen überschritten die Huai-Grenze und stießen an mehreren Stellen zum Jangtsekiang vor. Unter der persönlichen Führung des Kaisers griffen sie die Song-Hauptstadt Lin'an (heute Hangzhou) an. Doch in einem am Jangtsekiang stattfinden Seegefecht, der Schlacht von Caishi, erlitten sie im November 1161 eine schwere Niederlage gegen die Streitkräfte der Song. Daraufhin kam es zu einer Meuterei der Heeresführung, die zur Ermordung von Wanyan Liang führte.Herbert Franke, Rolf Trauzettel: Das Chinesische Kaiserreich, 1993, S. 214 f.; Jacques Gernet: Die chinesische Welt, 1988, S. 609.
Sein Nachfolger, Kaiser Shizong (regierte 1161–1189), brach den Feldzug gegen das Song-Reich wegen mangelnder Aussicht auf Erfolg ab und schlug einen unter Führung von Yila Wowo im Nordosten des Jin-Reichs ausgebrochenen Aufstand nieder. Er war ein friedliebender und kulturell aufgeschlossener Herrscher. 1165 kam ein neuer Vertrag mit den Song zustande, der eine 40-jährige Friedenszeit zwischen den beiden Reichen einläutete. Zwar blieb der Grenzverlauf gleich, doch erreichten die Verhandler des Song-Kaisers Xiaozong, dass dieser nicht mehr der – wenn auch nur formellen – Oberhoheit des Jin-Kaisers unterstand. Nun wurde auch wieder beträchtlicher Handel zwischen den beiden Staaten über konzessionierte Grenzmärkte getrieben, wobei die Jin u. a. Textilien, Tee, handwerkliche Produkte und Luxuswaren aus dem Song-Reich einführten.Herbert Franke, Rolf Trauzettel: Das Chinesische Kaiserreich, 1993, S. 215 f.
Beunruhigt über die zunehmende Sinisierung des Jin-Adels versuchte Shizong, die Bräuche, Traditionen und Sprache der Jurchen neu zu beleben. Er ordnete die Sammlung von Jurchen-Liedern und -Tänzen an und ließ chinesische Klassiker in die Jurchen-Sprache übersetzen sowie die Hauptstadt vorübergehend nach Huining in der Mandschurei zurückverlegen. 1173 wurde es den Jurchen verboten, chinesische Namen anzunehmen. Gleichzeitig wurde ihnen vorgeschrieben, die Beamtenprüfungen in ihrer angestammten Sprache abzulegen. 1186 unternahm der Kaiser erneute Anstrengungen gegen die Sinisierung der Jurchen-Aristokratie.Jacques Gernet: Die chinesische Welt, 1988, S. 306 und 610.
mini|Chengling-Pagode, Zhengding, Provinz Hebei, gebaut 1161–1189 n. Chr. mini|Jade-Schmuck, Jin-Dynastie mini|Hölzerne Bodhisattva-Statue, Jin-Dynastie Während der Regierung von Kaiser Zhangzong (1189–1208) verlagerte der Gelbe Fluss 1194 seinen Lauf nach Süden, wodurch es zu verheerenden Überschwemmungen kam. Auch traten Dürren und Heuschreckenplagen auf. Trotz Aggressionen seitens der aufstrebenden Mongolen bemühten sich die Jin, ihre Gebiete in der Ostmongolei zu halten. Sie unternahmen gelegentlich Strafexpeditionen in die Mongolei und verstärkten ab 1192 die Große Mauer. Zudem rebellierten die im zentralen Jin-Reich lebenden Kitan wiederholt. 1202 erließen die Jin einen neuen Strafkodex, den Taihe lüling.Jacques Gernet: Die chinesische Welt, 1988, S. 305 f. und 611.
Auf Initiative des einflussreichen Kanzlers Han Tuozhou griffen Heere der Song 1206 das Jin-Reich an, erzielten aber nur geringe Anfangserfolge. Die Jin gingen rasch zum Gegenangriff über und konnten das Blatt wenden, zumal der Song-Provinzkommandeur von Sichuan, Wu Xi, zu ihnen überging. Aber auch Kaiser Zhangzong neigte zu Friedensverhandlungen, da ihm durch das nun unter Dschingis Khan geeinte Mongolenreich eine gefährliche gegnerische Militärmacht erwachsen war. Nach der Ermordung von Han Tuozhou infolge eines Offiziersputschs im November 1207 kam im folgenden Jahr ein neuer Friedensvertrag zustande, der zwar den bisherigen Grenzverlauf gleichließ, die Song aber zu höheren Geld- und Warenlieferungen sowie zur Entrichtung einer Kriegsentschädigung nötigte.Herbert Franke, Rolf Trauzettel: Das Chinesische Kaiserreich, 1993, S. 216; Jacques Gernet: Die chinesische Welt, 1988, S. 611. Die erhöhten Ausgaben infolge der Naturkatastrophen und Kriege führten zu wirtschaftlichen Problemen im Jin-Reich. Trotzdem war die Jurchen-Herrschaft am Vorabend des Mongolensturms äußerlich stabil. Nur innerlich sah man die Unzuverlässigkeit des Heeres, das zu einem Viertel aus Söldnern aus der Steppe bestand.
Niedergang durch den Mongolensturm 1211 überwand Dschingis Khan mit seinem Heer kampflos die Große Mauer, fiel ins Jin-Reich ein, eroberte das Kernland der Jin, die Mandschurei, und brach in offenem Gelände rasch jeglichen Widerstand. Ab Herbst 1213 belagerte er Zhōngdū. In Verhandlungen erreichte der Jin-Kaiser Xuanzong, der nach der Ermordung seines Vorgängers Wanyan Yongji (September 1213) an die Macht gekommen war, dass die Mongolen gegen die Zahlung eines hohen Tributs im Mai 1214 wieder abzogen. Da Xuanzong daraufhin die Hauptstadt in das geschütztere Kaifeng verlegte, belagerten die Mongolen Zhōngdū erneut, zwangen die ausgehungerten Einwohner im Mai 1215 zur Kapitulation und massakrierten zahlreiche von ihnen.Reinhold Neumann-Hoditz: Dschingis Khan. 3. Auflage, Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1995, ISBN 3-499-50345-X, S. 76–79.