mini|hochkant=2|In prächtigster Öffnung: Zwölf Apostel und zwölf Reliquien der Hochfestseite
Der Klarenaltar oder Clarenaltar ist ein sechs Meter breiter gotischer Flügelaltar, der um 1350 in Köln geschaffen wurde. Er stand ursprünglich in St. Clara, der Kirche des 1802 säkularisierten Kölner Klarissenklosters, und befindet sich seit 1809 im Kölner Dom. Heute gilt er als „Altar der Superlative.“Barbara Schock-Werner zit. nach Aachener Zeitung: Altartafeln kehren nach mehr als 100 Jahren zurück.
Geschichte mini|hochkant=2|Leben Jesu: Festtagsseite mit 24 Szenen aus der Jugend und der Passion mini|Geschlossener Altar Der Klarenaltar wurde für die 1347 geweihte Kirche St. Clara des Klarissenklosters gestiftet. Als Stifterinnen gelten Isabella und Philippa, die Töchter des Grafen Rainald I. von Geldern.Die Löwendarstellung auf dem Altartuch der Darbringungsszene wird als ihr Wappen gedeutet. Alexandra Koenig: Die Anfänge der Kölner Tafelmalerei. Düsseldorf 2001 (Diss.), uni-duesseldorf.de: Doc, S. 135. Das Kloster selbst wurde zwischen 1297 und 1304 gegründet. Es war für Töchter der wohlhabenden Kölner Kaufleute sowie des regionalen Adels gedacht und gilt als eines der vermögendsten Frauenklöster im mittelalterlichen Köln.Katharina Ulrike Mersch: Soziale Dimensionen visueller Kommunikation in hoch– und spätmittelalterlichen Frauenkommunitäten, Stifte, Chorfrauenstifte und Klöster im Vergleich. Göttingen 2012, Section IV.2.2: Die Klarissen in St. Klara in Köln, S. 256–279. Das Klarissenkloster war bekannt für seine spirituelle Rolle, aber auch für seine Handschriften, deren schönste um 1350 vor Ort von Schwester Loppa vom Spiegel illuminiert wurden. Ob sie auch an der Erstellung des Altares beteiligt war, ist nicht gesichert.collections.vam.ac.uk: Handschrift Loppa de Speculo
Der Altar, ein Polyptychon, das mit einer Breite von über sechs Metern zu den größten Kölner Altarwerken des 14. Jahrhunderts gehört, Wolfgang Herborn, Carl Dietmar: Köln im Spätmittelalter, 1288–1512/13. Köln 2019, S. 478. stand in St. Clara vermutlich auf der Nonnenempore. Da die Nonnen zudem die Erlaubnis hatten, die konsekrierten Hostien selbst aufzubewahren, wurde als außergewöhnliche Lösung der Tabernakel im Altar fest eingebaut.Alexandra Koenig: Die Anfänge der Kölner Tafelmalerei. Düsseldorf 2001 (Diss.), uni-duesseldorf.de: Doc, S. 136ff. Um das Jahr 1400 wurde der Altar aus nicht bekannten Gründen vollständig übermalt. Möglicherweise sollte eine Beeinträchtigung durch Kerzenrauch beseitigt werden; größere Schäden lagen nicht vor. Die neue farbliche Fassung folgte in Komposition und Ikonographie den ursprünglichen Malereien.Alexandra Koenig: Die Anfänge der Kölner Tafelmalerei. Düsseldorf 2001 (Diss.), uni-duesseldorf.de: Doc, S. 130.
Nach dem Einmarsch der Franzosen wurde das Kloster 1802 säkularisiert und die Kirche St. Clara zwei Jahre später abgetragen. Das Klostergebäude wurde zum Frauengefängnis „Bleche Botz“, das bis 1904 bestand. Der Altar konnte von den Brüdern Boisserée gerettet werden und durch Vermittlung von Ferdinand Franz Wallraf und Sulpiz Boisserée 1811 in der Johanneskapelle im Dom aufgestellt werden. In den folgenden Jahrzehnten wurde der Altar mehrfach restauriert. 1820 sowie 1834 bis 1837 wurde der Schreinkasten instand gesetzt. Zwischen 1859 und 1865 ergänzte der Bildhauer Christophe Stephan die fehlenden Skulpturen und sein Sohn Michael restaurierte auch die Farbfassung.Schulze-Senger, Hansmann 2005.
Dem Klarenaltar wurde eine neue Bedeutung gegeben, als er 1908 anstelle des barocken Altaraufbaus einen Platz hinter dem Hochaltar im Domchor erhielt. Die dazu in den Jahren 1907 bis 1909 durchgeführte große Restaurierung bedeutete allerdings einen tiefen Eingriff in den Bestand des Objekts. Der Restaurator identifizierte die Übermalung von 1400, hielt sie allerdings für eine Farbfassung aus dem frühen 19. Jahrhundert, die er daher zur vollständigen Beseitigung empfahl. Erst als die Abnahme dieser Malschicht auch die ursprüngliche erste Farbfassung zu ruinieren drohte, wurde die Bearbeitung abgebrochen. Dem Klarenaltar haftete in der Folge für Jahrzehnte das „Odium des Zweifelhaften“ an und die Malerei fand nur noch wenig Beachtung.Alexandra Koenig: Die Anfänge der Kölner Tafelmalerei. Düsseldorf 2001 (Diss.), uni-duesseldorf.de: Doc, S. 126. Den Zweiten Weltkrieg überdauerte der Altar im Kunstbunker in der Nordturmhalle.Schulze-Senger, Hansmann 2005.
Erst eine umfassende Restaurierungsarbeit in den Jahren 1971 bis 1982 konnte den Umfang der beiden mittelalterlichen Malschichten bestimmen und den Klarenaltar, der seit 1969 in den nördlichen Seitenschiffen des Doms im Übergang zum Querschiff aufgestellt ist,koelner-dom.de: Klarenaltar. von dem Verdacht einer Fälschung befreien.Christa Schulze-Senger: Der Claren-Altar im Dom zu Köln. Bemerkungen über Konzeption, technischen Aufbau, Gestaltung und gegenwärtige Restaurierung eines Kölner Groß-Altars (Stand 1977). In: Kölner Domblatt 43 (1978), S. 23–37. Die beiden Leinwand-Türen, mit denen sich der vorkragende Mittelschrein verschließen lässt, sind seit 2007 wieder am Altar angebracht.www.aachener-zeitung.de: Altartafeln kehren nach mehr als 100 Jahren zurück. Es sind die ältesten erhaltenen Leinwandgemälde der Welt und werfen gleichsam einen neuen Blick auf die Entwicklung der Maluntergründe.
Stilistische Einordnung
Der Altar stammt aus der Mitte des 14. Jahrhunderts; um 1400 wurde er teilweise übermalt, vermutlich vom Meister der heiligen Veronika. Seine Malerei gehört „zum Besten, was die deutsche Kunst jener Zeit aufzuweisen hat.“Norbert Wolf: sehepunkte.de: Rezension zu Der Clarenaltar im Kölner Dom Zusammen mit den Illuminationen von Johannes von Valkenburg und der Kölner Chorschrankenmalerei gilt der Klarenaltar als ein frühes Schlüsselwerk der Kölner Malerschule. Tatsächlich nimmt der Meister des Klarenaltars zahlreiche erkennbare Anleihen bei der Chorschrankenmalerei. Die Aufteilung der Malfläche in Maßwerkarkaden scheinen vom Dom inspiriert, was sich auch in einzelnen Maßwerkformen nachweisen lässt. Auch die Stilistik der Figurengestaltung mit einem schlauchartigen Leib in stoffreicher, aber eng anliegender Kleidung zeigt Anleihen beim Chorbild. Die im Dom nördlich der Alpen erstmals gelungene erzählerische Malweise hat der Meister des Klarenaltars für die Erzählung seiner Bilder adaptiert, die er aber – schon wegen des geringeren Raumes – auf eine kleine Figurengruppe überträgt. Schließlich sind auch die Schnitzfiguren am Klarenaltar mit ihrer schlanken, hohen Gestalt, deren Leib sich leicht vorwölbt, in die Tradition Kölnischer Bildschnitzer zu stellen, als deren Ausgangspunkt die Chorpfeilerfiguren gelten. Von einzelnen Kunsthistorikern ist daraus gefolgert worden, dass der Klarenaltar aus derselben Werkstatt stammt, die auch im Dom tätig war.Alexandra Koenig: Die Anfänge der Kölner Tafelmalerei. Düsseldorf 2001 (Diss.), uni-duesseldorf.de: Doc, S. 145.
In jedem Fall ist der Klarenaltar zusammen mit dem Ursula-Altar aus der Abteikirche Marienstatt und dem Oberweseler Goldaltar zu den schönsten Beispielen hochgotischer Altäre zu rechnen.Norbert Wolf: Deutsche Schnitzretabel des 14. Jahrhunderts. Deutscher Verlag für Kunstwissenschaft, Berlin 2002, ISBN 978-3-87157-194-7.
Beschreibung
Der Klarenaltar besteht aus einem Schreinkasten mit einem doppelten Flügelpaar. Er ist über drei Meter hoch und in geöffnetem Zustand über sechs Meter breit. Der Schreinkasten ist aus Holz gefertigt und rund 28 cm tief. Auch die Innenflügel des Altars bestehen aus Holz; die Außenflügel sind als ein mit Leinwand bespannter dünner Holzrahmen konstruiert.koelner-dom.de: Klarenaltar Vermutlich gehören diese zu den ältesten Leinwandgemälden der Gotik.Barbara Schock-Werner: Domgeschichten, mit der Dombaumeisterin a. D. durch die Kölner Kathedrale. Köln 2020, S. 88.
In der Mitte ist der Tabernakelschrein fest eingebaut und gliedert die Abbildungszyklen. Diese sind in einem Raster von Maßwerkarkaden strukturiert, deren Grundmaß die Zwölfzahl ist. So zeigt der Altar zwölf Heilige, zwölf Szenen aus der Kindheit Jesu und zwölf weitere aus der Passion, zwölf Apostel und zwölf Reliquien. Die Flügel erlauben drei unterschiedliche Ansichten – die Werktagsseite, die Festtagsseite und die Hochfestseite, deren zunehmend prächtige Gestaltung die Bedeutung der Hochtage unterstreichen soll. Die Werktagsseite zeigt gedämpfte Farben, bei denen dunkles Grün, Rot und – bei den abgebildeten Heiligen – eine Braunfärbung dominieren. Die Festtagsöffnung zeigt ein vollständiges christologisches Programm, das in strahlenden Farben von Gold und Rot gehalten ist. Vollständig geöffnet zeigt sich der Klarenaltar als Schnitzaltar mit eingestellten Figuren und Reliquienbüsten. Ein leuchtend goldener Farbklang soll die Nähe des Göttlichen offenbar werden lassen. Alexandra Koenig: Die Anfänge der Kölner Tafelmalerei. Düsseldorf 2001 (Diss.), uni-duesseldorf.de: Doc, S. 127f.
In der Ikonographie des Klarenaltars ist der Versuch erkannt worden, das Himmlische Jerusalem abzubilden. Die Absicht werde über die Kombination aller drei Schauseiten und das darin aufgehobene komplexe Bildgefüge deutlich. Ausgehend von der Eucharistie, die durch den zentralen Tabernakel manifest wird, werden die franziskanischen Ideale von Armut und Keuschheit in den Mittelpunkt gerückt. Die dargestellten heiligen Vorbilder sollten zur Nachahmung anregen und zur Nachfolge Christi ermuntern, die in der Christologie auf der Festtagsseite ausformuliert ist. Das kann schließlich – auf der Hochfestseite – zur Aufnahme in den durch die Apostel visualisierten göttlichen Hofstaat führen, was eine auch physisch ausgestaltete Nähe zu den Reliquien der heiligen Jungfrauen bereits im Diesseits vorwegnimmt. Alexandra Koenig: Die Anfänge der Kölner Tafelmalerei. Düsseldorf 2001 (Diss.), uni-duesseldorf.de: Doc, S. 132ff. „Man kann sagen: Die himmlische Welt wird für uns Erdenkinder sichtbar.“Barbara Schock-Werner: Domgeschichten, mit der Dombaumeisterin a. D. durch die Kölner Kathedrale. Köln 2020, S. 88. Wahrscheinlich haben die Stifterinnen das Bildprogramm wesentlich beeinflusst.Renate Schumacher-Wolfgarten: Von Frauen für Frauen. Spurensuche am Kölner Klaren-Altar. In: Hans-Rudolf Meier (Hrsg.): Für irdischen Ruhm und himmlischen Lohn. Stifter und Auftraggeber in der mittelalterlichen Kunst. Beat Brenk zum 60. Geburtstag. Berlin 1995, S. 269ff.
Werktagsseite mini|hochkant=0.7|Werktags zur Rechten: Kirchenpatrone und heilige Jungfrauen links|mini|hochkant=0.7|Werktags zur Linken: Franziskaner und Klarissen
In geschlossener Form zeigt der Altar die Werktagsseite. In zwölf Arkadenfeldern werden jeweils sechs männliche und weibliche Heilige dargestellt, die einen Bezug zum Franziskanerorden haben oder dessen Armutsideal verpflichtet sind. Alle Figuren stehen auf einem roten, mit stilisierten Goldblumen verzierten Hintergrund und sind der Mitte des Altars – dem Tabernakelschrein – zugewandt. Die Heiligen sind in leicht geschwungener Haltung in der schlanken Ideal-Gestalt des hochmittelalterlichen Malstils gezeigt, der heute als Internationale Gotik bezeichnet wird. Der Farbklang ist gedämpft und insgesamt brauntonig.
In der oberen Reihe sind von links nach rechts abgebildet Antonius von Padua als Gelehrter, der heiligen Ludwig von Anjou, Bischof von Toulouse, Franz von Assisi, der mit seinen Stigmata und einem Kreuz gezeigt wird, Johannes den Täufer, der das Lamm Gottes trägt, der heilige Bischof Nikolaus von Myra sowie der heilige Laurentius von Rom, der den Feuerrost seines Martyriums hält. Darunter sind abgebildet die heilige Maria Magdalena mit dem Salbungsgefäß, Elisabeth von Thüringen, die die Armen kleidet, und die heilige Clara als Gründerin des Ordens, die heilige Katharina von Alexandrien, die das Rad der Folter trägt, die heilige Agnes von Rom mit dem Lamm und schließlich die heilige Barbara von Nikomedien, die einen Turm trägt.koelner-dom.de: Klarenaltar
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