Das Pelzhandelszentrum Brody war im 18. und 19. Jahrhundert ein wichtiger Umschlagplatz für Pelzfelle und Borsten sowie ein Schwerpunkt der Kürschnerei. Die Stadt Brody war in dieser Zeit, neben Lemberg (heute Lwiw) und der Kürschnerstadt Lissa (heute Leszno), die bedeutendste Handelsstadt Galiziens. Die Kaufleute aus Brody, heute zur Ukraine gehörend, hatten entscheidenden Anteil am Entstehen des ehemaligen Weltzentrums des Rauchwarenhandels, dem Leipziger Brühl.
Allgemein mini|hochkant=1.3|Brody, Marktbuden auf der Rynek am Ringplatz Brody, 150 Jahre lang in Österreich-Ungarn nahe der Ostgrenze Polens gelegen, war ein wichtiger Umschlagplatz für den Handelsverkehr der Länder zwischen dem Schwarzen Meer und der Nordsee mit den Handels- und Hafenstädten Odessa und Hamburg. Nachdem Galizien 1772 an Österreich gefallen war, wurde Brody 1779 mit einem Umland von 264 Quadratkilometer nach dem Vorbild der Adriahäfen Triest und Fiume (heute Rijeka) zur freien Handelsstadt mit eigenem Zollfreibezirk erklärt. Hamburger und Mailänder Firmen ließen sich in der damals 15.000 Einwohner zählenden Stadt nieder, dieser Zuzug verlieh der Stadt ein westliches Gepräge. Zwei Drittel der Bevölkerung war jüdisch, deutsch wurde zur Amts- und Umgangssprache.
Die christlichen Händler besorgten besonders den Transithandel zwischen Polen und den österreichischen Erblanden, dem Triestiner Hafen sowie Italien. Die jüdischen Kaufleute, die auch den Fellhandel beherrschten, waren dagegen mehr auf den Handelsweg von Leipzig beziehungsweise Frankfurt (Oder) nach Brody und dann weiter in die Zentralukraine oder an das Schwarze Meer spezialisiert.Börries Kuzmany: Eine galizische Grenzstadt im langen 19. Jahrhundert. Brody. Primärquelle: ÖStA/HKA, Cammerale, Nr. 218, Fasc. 7 Gal., 169 ex jan. 1785, Produktnr. 6. Auf den Reisen zu den Märkten unterlagen sie „exorbitanten“ sogenannten „Schutzgebühren“ der verschiedenen Staaten, die sie durchqueren mussten, sowie noch höheren Sonderbeiträgen für Sachsen.Francis Weiss: From Adam to Madam. Aus dem Originalmanuskript Teil 1 (von 2) (ca. 1980/1990er Jahre), im Manuskript S. 182 (englisch).
Im Jahr 1869 wurde Brody an das Eisenbahnnetz angeschlossen. Das allgemein dichter werdende Bahnnetz führte dazu, dass die näher am Anfall liegenden Sammel- und Gestehungsplätze der Waren zwar schneller und einfacher zu erreichen waren, wodurch die Stadt jedoch trotz der besseren Verkehrsanbindung an Bedeutung als Stapel- und Handelsplatz verlor. Im Gegensatz dazu verdankte Leipzig der Bahn einen Teil seines wirtschaftlichen und, damit verbunden, auch kulturellen Aufstiegs.
Rauchwarenhändler in Brody Enge Beziehungen Polens zu Odessa mit seinem Freihafen hatten Anfang des 19. Jahrhunderts die Handelswege bis tief in den Kaukasus und nach Persien geöffnet. Das Geschäft mit Pelzen aus dem Ural und Sibirien wuchs erheblich an, russische Pelzfelle kamen über Polen-Litauen nach Brody. Gleichzeitig entstand mit Brody ein Zentrum des Rauchwarenhandels, auch begünstigt durch eine zu der Zeit entstehende neue Pelzmode, bei der das Fell mit dem Haar nach außen getragen wurde.Börries Kuzmany: Brody - Eine- galizische Grenzstadt im langen 19. Jahrhundert. Wien, Böhlau 2011, S. 45. Abgerufen am 2. Oktober 2022.
Nach der Kontinentalsperre Napoleons (1806–1813) erlebte Brody einen besonderen Aufschwung durch den Handel mit von der Blockade betroffenen Waren. Es hatte sich auch „eine große Industrie etabliert, die sich nur mit dem Einschmuggeln verbotener Pelze befaßte“ und Leipzig mit Fellen versorgte. Aber auch nach dem Ende der Kontinentalsperre hieß es: „Dass Leipzig sich überhaupt nach Beendigung der schweren Krisis wieder zum Mittelpunkt des internationalen Rauchwarenhandels aufschwingen konnte, mag nicht zum wenigsten an der Zähigkeit der polnischen Juden gelegen haben, welche selbst unter den schwierigsten Verhältnissen und oft mit eignen Vermögensverlusten doch mit geringeren Waren, hauptsächlich Hasenfellen, Feh- und Marderpelzen, wenn auch in sehr beschränkter Weise, die Fühlung mit dem Platze behielten.“Karl Buddëus: Leipzigs Rauchwarenhandel und -industrie. Inaugural-Dissertation, Universität Leipzig, 1891, S. 34.
Eine Statistik des Jahres 1820 verzeichnete in Brody 118 Kürschner und 8 Fellhändler. Allerdings findet die Anzahl der unabhängigen Pelz- und Häutehändler, Provisionsagenten und Einzelhändler hierin keine Erwähnung. Im Jahr 1836 gingen von auf der Pelzmesse in Nischni Nowgorod verkauften 50 Ballen mit Zobelfellen allein 30 Ballen über Radywyliw nach Brody, von wo sie nach Leipzig weiter gehandelt wurden.Der Zobel (Schluß). In: Das Ausland. Ein Tagblatt für Kunde des geistigen und sittlichen Lebens der Völker, mit besonderer Rücksicht auf verwandte Erscheinungen in Deutschland. S. 112. Abgerufen am 29. Mai 2020. Um 1846 wurden jährlich 300.000 bearbeitete Häute umgesetzt.Börries Kuzmany: Eine galizische Grenzstadt im langen 19. Jahrhundert. Brody. Böhlau-Verlag, Wien, Köln, Weimar, S. 46. Primärquelle Barącz: Wolne miasto. ISBN 978-3-205-78763-1.
Brodyer Händler besuchten Mitte des 19. Jahrhunderts regelmäßig die südrussischen Märkte Charkow und Poltawa. Die 1840er Jahre stellten jedoch eine schwere Zeit für den Brodyer Handel dar. Jüdische Händler aus dem Reich der Habsburger, die nach Russland reisten, wurden den gleichen strengen Einschränkungen unterworfen wie ihre jüdischen Kollegen, die dauerhaft im russischen Siedlungsgebiet lebten. So beschwerte sich im Jahr 1840 ein jüdischer Händler aus Brody, dass sie von den wichtigeren Messen und Märkten des Landes ausgeschlossen wurden, im konkreten Fall den Markt von Berdytschiw. Noch ehe sie Zeit hatten ihre Geschäfte abzuwickeln, waren sie sogar ausgewiesen worden, obwohl sie legitime Pässe der österreichischen Regierung besaßen. Durch die starken Beschränkungen an der russischen Grenze, einer zunehmenden Konkurrenz der russischen Produzenten auf den Märkten Südrusslands, aber auch durch neue, direkte Schifffahrtsverbindungen Odessas mit den überseeischen Ländern, ging der Handel über Brody immer mehr zurück.
Nachman Fein war bereits ein regelmäßiger Besucher der Leipziger Messen, als er um 1840 nach dem in vielerlei Hinsicht im Vergleich zu Leipzig liberaleren Dessau in Anhalt-Dessau umsiedelte, bevor er mit der notwendigen Erlaubnis des sächsischen Innenministeriums 1842 in Leipzig sein Gewerbe anmeldete. Auch der Rauchwarenhändler Solms Rosenstock berichtete, sein Vater habe in Dessau gewohnt, um das Geschäft in Leipzig führen zu können. Die Umsiedlung jüdischer Pelzhändler nach Deutschland fiel umso leichter, da sie, wie auch Nachman, in der Regel die deutsche Sprache beherrschten und ohnehin seit Jahren Geschäftsbeziehungen nach Leipzig unterhielten.
Der „steinreiche“ Bisamhändler Marcus Harmelin, dessen Nachkomme Wilhelm Harmelin ausführlich die Verbindungen des Leipziger Pelzhandels mit Brody erforschte, hatte seinen Firmensitz und Wohnung in „einem ansehnlichen Gebäude“ in der Lesznower Gasse. Unter Ausnutzung der Freihandelszone betrieb er in Brody einen Handel mit eigener Pelzproduktion. Josef Ehrlich, ein Student der Brodyer jüdisch-theologischen Lehranstalt „Jeschiwa“ hinterließ Anfang der 1850er Jahre eine eindrucksvolle Beschreibung des Lebens im Haus Marcus Harmelin (1796–1873).Josef R. Ehrlich: Der Weg meines Lebens - Erinnerungen eines ehemaligen Chassiden. Rosner, 1874. S. 97ff. Zuletzt abgerufen am 29. Mai 2020. Die Firma Harmelin besuchte, wie auch andere, regelmäßig die Nischny Nowgoroder Messe. Mit Abnehmen der Bedeutung der Nowgoroder Messe unterhielt Harmelin an verschiedenen Plätzen Sibiriens und der Bucharei eigene Handelsvertretungen.
Ein Branchenverzeichnis von Brody aus dem Jahr 1897 nennt nur die Pelzniederlassung M. Kohn und die Gerberei J. Abraham Donner.1897 Galician Business Directory Brody Portion. Lemberg, Galizien (Ksiega Adresowa Galicyjska Jana Bergera 1897, Lwow, Galicyi). Abgerufen am 7. Juni 2020.
Brody und Leipzig Die negative Entwicklung in Brody, dagegen aber ein wirtschaftlicher Erfolg in den Geschäftsbeziehungen mit Leipzig, führten dazu, dass Rauchwarenhändler besonders in das Pelzhandelszentrum Leipzig umsiedelten. Brody stellte bis dahin einen überaus wesentlichen Schnittpunkt im Handel mit den Fellen des osteuropäischen Raumes dar. Soweit Moskauer Händler nicht eigene Geschäftsbeziehungen nach Leipzig unterhielten, gingen auch die dort in großer Menge eintreffenden Rauchwaren über Brody in die Messestadt.Friedrich Wilhelm von Reden: Das Kaiserreich Rußland. Statistisch-geschichtliche Darstellung seiner Kultur-Verhältnisse, namentlich in landwirthschaftlicher, gewerblicher und kommerzieller Beziehung. Ernst Siegfried Mittler, Berlin, Posen, Bromberg, 1843, S. 415. Abgerufen am 29. Mai 2020. In den Leipziger Messestatistiken tauchen erstmals im Jahr 1728 jüdische Händler aus Brody auf, innerhalb von zehn Jahren stieg deren Zahl auf über zehn.
Kalkulierte Leipzig zur Messe aus Frankfurt am Main 40 Wagen ein, so waren das dagegen aus Brody bis zu 200. In großen Zügen führten die Spediteure die in Leipzig eingekauften und die gegen „Rauchwerk“ eingetauschten Waren nach Brody, dem Hauptstapelplatz. Von dort wurden sie weiter zur Septembermesse nach Berdytschiw und nach Warschau befördert. Auf der Neujahrsmesse 1781 sollen polnische Juden, besonders die Lissauer und Brodyer, „circa 4000 Centner verladen haben“. In den letzten beiden Jahrzehnten des 18. und den ersten beiden des 19. Jahrhunderts war die Anwesenheit der Brodyer jüdischen Händler ein Faktor, der geradezu über Erfolg oder Misserfolg der dreimal jährlich stattfindenden Messen entschied. Ansässige Fellhändler gab es noch kaum in Leipzig. Bevor die Ansiedlung des Rauchwarenhandels auf der „Bruel“, später Brühl benannten Straße begann, hatten auf der ihnen zeitweilig zugewiesenen Straße fast nur jüdische Kaufleute ihre Messlager.
Gut 250 Jahre lang war es Juden überhaupt verboten gewesen, in Leipzig dauerhaft zu leben. Die Leipziger Kaufmannschaft bemühte sich, die Ansiedlung von Juden in der Stadt weiterhin zu verhindern. Sie wurden lediglich als Gäste geduldet. Ihre Teilnahme an den Messen lässt sich jedoch bis ins Jahr 1490 zurückverfolgen. Verschiedene diskriminierende Vorschriften legten die genauen Anforderungen fest, die jüdische Kaufleute auf den Messen erfüllen mussten. Zusätzliche Abgaben, Steuern und spezielle jüdische Zolltarife mussten gezahlt werden. Der Paragraph 6 der Judenordnung von 1682 legte beispielsweise fest, dass jeder Jude das „gelbe Flecklein“ stets bei sich zu tragen und auf Verlangen den Ratsdienern und Stadtknechten vorzuzeigen hatte. Trotz dieser umfangreichen Einschränkungen blieben die Messen für jüdische Händler und Handwerker äußerst attraktiv. Beispielsweise wurden zwischen 1675 und 1764 in Leipzig 81.937 jüdische Messebesucher registriert, von denen 59.264 unabhängige Kaufleute waren.Josef Reinhold: Die verspätete Emanzipation der Juden in Sachsen als legislativer Rahmen. Die Konstituierung der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig und die ersten Jahrzehnte ihrer Entwicklung. In: JJIS - Juden In Sachsen - April 2010. Deutsch-Russisches Zentrum Sachsen e. V., Leipzig (Hrsg.). . Abgerufen am 4. Juni 2020.