mini|hochkant=1.5|Heilige Sippe: Mitteltafel des namenstiftenden Altars aus dem Wallraf-Richartz-Museum
Der Jüngere Meister der Heiligen Sippe war ein Maler des Spätmittelalters, der zwischen 1475 und 1515 in Köln tätig war und als einer der herausgehobenen Vertreter der spätgotischen Kölner Malerschule gilt. Da er bisher nicht identifiziert werden konnte, trägt er einen Notnamen. Das namensgebende Werk, das heute im Wallraf-Richartz-Museum steht, ist ein um 1503 geschaffenes Triptychon, dessen Mitteltafel die Heilige Familie (Sippe) zeigt. Um den jüngeren Sippe-Meister von einem anderen Maler zu unterscheiden, der zwischen 1410 und 1440 ebenfalls in Köln tätig war und dabei auch einen Altar der heiligen Sippe gemalt hat, hat jener den Notnamen Meister der Heiligen Sippe der Ältere erhalten.
Leben Dem jüngeren Sippenmeister wird auf Basis von stilistischen Kriterien ein umfangreiches und vielfältiges Werk zugeschrieben. Dazu gehören kleine Andachtsgemälde, Porträts und große Altarbilder, aber auch die Kartons für Glasmalereien, darunter den für das typologische Christgeburtfenster im nördlichen Langschiff des Kölner Domes.Marga Kessler-van den Heuvel: Meister der heiligen Sippe der Jüngere (= Europäische Hochschulschriften. Série XXVIII. Band 75). Frankfurt a. M. 1987, ISBN 978-3-8204-1006-8. Mit seinem breitgefächerten Werk darf der jüngere Sippenmeister zu den prägenden Künstlergestalten der Kölner Malerschule in der Spätgotik gerechnet werden. Offenbar führte der Meister Aus seinen Werken wurde rekonstruiert, dass er zwischen etwa 1450 und 1516 gelebt haben dürfte. Es wurde der Vorschlag gemacht, ihn mit Lambert von Luytge, einem angesehenen Kölner Maler zu identifizieren. Dieser war 1508 als Stadtmaler der Stadt Köln tätig und mit Wahrscheinlichkeit beauftragt, die Motive für die Domfenster im nördlichen Seitenschiff zu entwerfen. Da er während der Arbeit verstarb, wurde das Werk vermutlich von Meister Clais fortgesetzt, der ihm im Amt des Stadtmalers folgte. Damit wäre Clais als der Meister von Sankt Severin zu identifizieren.Herbert Rode: Die Namen der Meister der Hl. Sippe und von St. Severin. In: Wallraf-Richartz Jahrbuch. Band 31, 1969, S. 249 ff. Die Hypothese gilt als denkbar, hat sich bisher aber nicht weiter erhärten lassen.Diane Scilla: Portrait of a Woman, Attributed to the Master of the Holy Kinship the Younger. in: The Bulletin of the Cleveland Museum of Art. Band. 79, Nr. 8, Oktober 1992, S. 286.
Eine stilkritische Betrachtung legt nahe, dass der jüngere Sippenmeister in der Werkstatt des Meisters der Verherrlichung Mariae tätig war und dort die Tradition der Kölner Malerschule in der Nachfolge Stefan Lochners kennengelernt hat. Seine frühen Werke sind von einer lichten und farbhellen Palette geprägt.larousse.fr: Maitre de la Sainte Parenté (französisch). Offenbar ist es ihm früh gelungen, eine Werkstatt aufzubauen; bereits bei seiner 1486 geschaffenen GregorsmesseBildindex.de: Meister der heiligen Sippe (der Jüngere) – Gregorsmesse. ist in größerem Umfang Gesellenarbeit nachweisbar. Mit der Vollendung des Richtericher Altars gelang dem jüngeren Sippenmeister „kühn der Schritt zur kirchlichen Hochkunst“; üblicherweise gilt dieses um 1490 entstandene Werk als Abschluss seiner ersten Werkphase.
Vermutlich durch eine Reise in die Niederlande veränderte sich der Malstil des Meisters deutlich. In der Rezeption der Altniederländischen Malerei nutzte der jüngere Sippenmeister seit 1490 eine insgesamt dunklere Farbstimmung mit einem rot grundierten Kolorit, die eine höhere Plastizität der Figuren erlaubte. Die Details wurden ihm wichtiger und seine Werke zeigen ausgeprägteren Realismus. Darin wurde der jüngere Sippenmeister offenbar von Malern wie Joos van Wassenhove und Hugo van der Goes beeinflusst. Von ihnen inspiriert gelangen dem Sippenmeister ein auf Betrachtungstiefe angelegter Bildaufbau, umfassendere Landschaftsbilder und eine plastischere Personendarstellung. Als frühestes Werk seiner zweiten Schaffensperiode gilt das Epitaph des Priesters Jacob Udeman von Erkelenz aus dem Jahr 1492.
Zu Beginn des 16. Jahrhunderts gehörte der jüngere Sippenmeister zusammen mit dem Bartholomäus-Meister zu den prägenden Künstlern der Kölner Malerschule. Die Werke beider lassen eine gegenseitige Beeinflussung erkennen, ohne dass sich für sie bisher eine Chronologie hätte erarbeiten lassen.deutschefotothek.de: Meister der heiligen Sippe (der Jüngere) Stilistischer Einfluss als auch die Übernahme von Bildideen legen die Vermutung nahe, dass der Meister des Aachener Altars in der Werkstatt des Sippenmeisters ausgebildet worden ist.Ulrike Nürnberger: Zeitenwende. Zwei Kölner Maler um 1500. Jüngerer Meister der Heiligen Sippe, Meister des Aachener Altars (= Bilder im Blickpunkt). Gemäldegalerie – Staatliche Museen zu Berlin Preußischer Kulturbesitz, Berlin 2000, ISBN 3-88609-310-7 (Ausstellungskatalog, Staatliche Museen zu Berlin, Gemäldegalerie, 17. März – 18. Juni 2000).
Werke Altar der Heiligen Sippe Altar der Heiligen Sippe x200pxAnsicht in geöffnetem Zustand x200pxAnsicht im geschlossenen Zustand
Das Altarbild, das den Notnamen des jüngeren Sippenmeisters begründet hat, wurde um 1503 gemalt. Es ist eine Stiftung von Nicasius Hackeney (um 1460 bis 1518), einem Kölner Patrizier, der als Bankier und Goldschmied tätig war und zu den Finanziers Kaiser Maximilians zählte. Gleichzeitig war er mit herausgehobenen Funktionen in der Habsburger Finanzverwaltung betraut und als Mitglied der Reichshofkammer tätig. Er hat Maximilian in wichtigen diplomatischen Missionen vertreten und für diesen ausgedehnte Reisen unternommen. Für den Kaiser errichtete Nicasius Hackeney am Neumarkt einen Renaissancehof, der dem Kaiser als Pfalz und Hackeney selbst als Wohnhaus diente. Das schlossähnliche Gebäude musste 1928 abgerissen werden, nachdem es ab dem 19. Jahrhundert verfallen war.Thesy Teplitzky: Geld, Kunst Macht. Eine Kölner Familie zwischen Mittelalter und Renaissance: Die Stiftungen der Familie Hackeney. Köln 2012. Hackeney war einer der reichsten Kölner Bürger und ist als „Fugger von Köln“ bezeichnet worden.rp-online.de: Familie Hackeney: Bildband über die Fugger von Köln.
Anlass der Altar-Stiftung war der Tod von Hackeneys Frau, Guetgin van Merle, Tochter des Kölner Bürgermeisters van Merle, die 1502 nach nur dreijähriger Ehe vermutlich an der Pest gestorben ist.Thesy Teplitzky: Der „Altar der Heiligen Sippe“ im Wallraf-Richartz-Museum. Überlegungen zu Datierung, Figurenprogramm und Stiftungsanlaß. In: Wallraf-Richartz-Jahrbuch. Band 57, 1996, S. 244. Der Altar aus Eichenholz, dessen Mitteltafel 144 mal 187 Zentimeter groß ist, stand ursprünglich im Dominikanerinnenkonvent St. Achatius, Köln, dem Elisabeth Hackeney, die Schwester des Stifters, angehörte.Thesy Teplitzky: Der „Altar der Heiligen Sippe“ im Wallraf-Richartz-Museum. Überlegungen zu Datierung, Figurenprogramm und Stiftungsanlaß. In: Wallraf-Richartz-Jahrbuch. Band 57, 1996, S. 238.bildindex.de: Altar Hackeney
Der geöffnete Altar zeigt als Triptychon auf der Mitteltafel die namensgebende Heilige Sippe und auf den Flügeln die beiden Stifter, Nicasius Hackeney und seine Frau Guetgin van Merle. Auf der Mitteltafel hat der Künstler im Halbkreis Anna selbdritt – also die Heilige Anna, die Gottesmutter Maria und das Jesuskind – sowie die heilige Katharina von Alexandrien und die Heilige Barbara versammelt. Im Vordergrund sind die beiden Halbschwestern Marias, Maria Kleophas und Maria Salome, mit ihren Kindern abgebildet. Hinter ihnen stehen Joseph und Joachim. Als Zentrum des Bildes hat der Künstler einen prunkvollen Thron mit vier goldenen Säulen und einem goldgewirkten Brokat-Teppich als Rückwand entworfen. Dort stellt er Anna, die Gottesmutter Maria und Jesus in einer Dreieckskomposition dar. Ein Ringtausch zwischen dem Jesuskind und Katharina darf als mystische Vermählung und als Symbol für die geistige Vermählung einer Ordensfrau mit Christus interpretiert werden. Auf den Außenflügeln werden die Stifter von ihren Namenspatronen – dem heiligen Nicasius und dem heiligen Rochus auf dem linken Flügel und der heiligen Gudula mit der heiligen Elisabeth von Thüringen auf dem rechten Flügel – empfohlen. Stifter und Patrone sind auf einer detailreichen Phantasielandschaft arrangiert, die Städte, Häfen und Gebirgszüge zeigt. Im Hintergrund werden in vier kleinen Szenen Begebenheiten aus dem Marienleben dargestellt: Christi Geburt, die Darbringung im Tempel, der Tod Mariens und Maria Himmelfahrt.
Die Außenseiten des Altars zeigen die Familie des Stifters Nicasius Hackeney, seine Eltern und seine Geschwister. Auf der linken Seite sind die männlichen Angehörigen versammelt, begleitet vom heiligen Achatius von Byzanz mit zehn seiner Gefährten und auf der rechten Seite die weiblichen Angehörigen unter der Obhut der Heiligen Cäcilia, Gudula, Helena und Catharina. Alle Protagonisten tragen aufwändige, fast höfische Kleidung nach burgundischer Mode, die bis um 1505 in Köln stilprägend war, aber danach vergleichsweise zügig durch eine schlichtere, schwarze Kleidung deutscher Provenienz abgelöst wurde.Thesy Teplitzky: Der „Altar der Heiligen Sippe“ im Wallraf-Richartz-Museum. Überlegungen zu Datierung, Figurenprogramm und Stiftungsanlaß. In: Wallraf-Richartz-Jahrbuch. Band 57, 1996, S. 240 f.
Altar der Sieben Freuden Mariens
Das Altarbild der Sieben Freuden Mariens zeigt das Motiv der Maria Lätitia, eine im Mittelalter populäre Vorstellung, die den Gegenpol zum Gedächtnis der Schmerzen Mariens bilden sollte. Das Werk stammt aus der ersten Schaffensphase des jüngeren Sippenmeisters, in der er noch deutlich von Stefan Lochner und der Tradition der Kölner Malerschule beeinflusst ist. Es wurde um 1480 geschaffen und im Benediktinerkloster der Makkabäer in Köln aufgestellt. Die Mitteltafel mit den Maßen 127 mal 182 Zentimeter befindet sich heute im Louvre,www2.culture.gouv.fr: Retabel der Sieben Freuden Mariens (französisch). die Flügel im Germanischen Nationalmuseum, Nürnberg. Eine der äußeren Tafeln ist verloren gegangen.objektkatalog.gnm.de: Altar der Sieben Freuden Mariens.
Der geöffnete Altar zeigt die freudvollen Momente aus dem Leben Mariens: links die Verkündigung, die Geburt Christi und die Anbetung der Könige, auf der Mitteltafel die Darbringung im Tempel, rechts schließlich die Erscheinung Christi bei der Jungfrau, Christi Himmelfahrt und Mariae Himmelfahrt. Der Künstler hat für das zentrale Motiv der Darbringung im Tempel einen aufwändig verzierten, goldenen Altar abgebildet, in dem als Relief mehrere Szenen aus dem Alten Testament – unter anderem Moses mit den Gesetzestafeln, Kain und Abel und die Arche Noah – abgebildet sind. Die Protagonisten tragen elegante, höfische Kleidung. Mit Sorgfalt hat der Maler auch den Hintergrund gestaltet: der geflieste Boden auf der Mitteltafel schafft eine dreidimensionale, räumliche Tiefe. Der Bildhintergrund ist dagegen im hochgotischen Stil als Goldgrund gehalten, vor dem zahlreiche Engel erscheinen.
Im geschlossenen Zustand bildet der Altar Szenen aus der Leidensgeschichte Jesu ab: In der oberen Hälfte zeigen die Altarflügel Jesus vor Pontius Pilatus, die Dornenkrönung und den Kreuzweg; in ihrer unteren Hälfte die Kreuzannagelung Christi, die Beweinung und die Apostel vor dem leeren Grab.
Fürbittebilder
mini|Epitaph des Jakob Udemann (1492) mini|Fürbittebild mit geistlichem Stifter (um 1475)
Das Fürbittebild mit geistlichem Stifter ist ein frühes, vermutlich um 1470/75 entstandenes Werk des jüngeren Sippenmeisters. Es wurde auf Eichenholz im Format 98 mal 99 Zentimeter gemalt und in St. Kolumba, Köln aufgestellt. Heute ist es im Bestand des Wallraf-Richartz-Museums.kulturelles-erbe-koeln.de: Fürbittebild mit geistlichem Stifter Auf den Fliesen, zwischen Christus und Maria, lässt sich das Monogramm IM erkennen.