mini|Vittore Carpaccio: Idealporträts der Bischöfe von Olivolo, dritter von links „BADVARIVS“, weil man glaubte, die Badoer gingen auf die Particiaco zurück, dann unterhalb seines Porträts an der Balustrade dessen Nummer, die Bezeichnung als ‚Venezianer‘ und das Jahr ‚841‘: „IIIIVENTEVS DCCCXXXXI“; Öl auf Leinwand, 176 mal 337,6 cm, geschaffen 1522–1523 für den Patriarchenpalast bei San Pietro di Castello, Pinacoteca Manfrediniana Ursus Particiacus, in den späteren Quellen meist Orso Participazio oder Partecipazio († 853), war etwa von 821 bis 853 Bischof von Castello, das seinerzeit noch Olivolo genannt wurde. Dieses ging 1451 im Patriarchat Venedig auf und stellt heute nur noch ein Titularbistum dar. Er gilt als Sohn des Dogen Johannes Particiacus. Die Kirche San Pietro ließ er vergrößern und die Reliquien der Heiligen Sergius und Bacchus dorthin transferieren.

Nach der historiographischen Tradition der Republik Venedig war er nie Doge, sondern er vertrat nach dem Sturz des Usurpators Caroso im Jahr 832 für kurze Zeit den von Caroso kurz zuvor gestürzten und vertriebenen Dogen Johannes Particiacus, der insgesamt drei Mal gestürzt wurde. Als (möglicher) Angehöriger der Particiaco-Familie gehörte er zu einer der drei Familien, die in der Geschichte der Republik Venedig versuchten, eine Art Erbmonarchie durchzusetzen. Die Regierung führte er gemeinsam mit zwei Tribunen. Die venezianische Geschichtsschreibung hat seit ihrem Einsetzen um 1000 Ursus' Regierung stets als bloße Interimslösung bis zur Rückkehr des legitimen Dogen dargestellt.

In seinem Testament vom Februar 853 hinterließ er seiner Kirche reiche Legate, bedachte seine Schwester Romana („Romana soror mea“, wie er explizit schreibt), der Äbtissin von San Zaccaria, mit Nießbrauchrechten. 300 Libra Silber sollten der Restaurierung seiner Amtskirche dienen. Das Testament erwähnt erstmals in der venezianischen Geschichte Pfeffer. Allerdings wird die Echtheit des nur in Abschriften erhaltenen Testaments in Frage gestellt.

Familie Die Particiaco – sofern Ursus dieser Familie angehörte – zählten zu den tribunizischen Familien in der Frühzeit der Republik Venedig. Diese Familien waren vermögende Grundbesitzer, Inhaber höchster politischer und militärischer Ämter im östlichen Venetien, das bis zum Beginn des 9. Jahrhunderts Teil des Oströmischen Reichs war. Ihnen war es gelungen, das oströmisch-byzantinische Amt eines Tribunen erblich zu machen. Von Beginn des 9. bis Mitte des 10. Jahrhunderts versuchte die Familie immer wieder, Venedig in eine Erbmonarchie umzuwandeln.

Leben und Amtsführung mini|Einflussbereich des Byzantinischen Reiches und Venedigs um 840 Der Aufstand des byzantinischen Tribunen Caroso zwang den Particiaco-Dogen Johannes I. zur Flucht an den fränkischen Hof, wo er von Kaiser Lothar mit Wohlwollen aufgenommen wurde. Caroso erklärte sich zum Dogen, wurde aber schon drei, nach anderen Angaben sechs Monate später von den Anhängern der Particiaco, die es verstanden, die vielen mit der Herrschaft des Usurpators Unzufriedenen auf ihre Seite zu ziehen, im Dogenpalast gefangen genommen, geblendet und aus Venedig verjagt.

Bis zur Rückkehr des Johannes führte Ursus, der Bischof von Olivolo, dessen Amtssitz im Osten der heutigen Kernstadt Venedigs lag, die Regierungsgeschäfte. Der Doge und Chronist Andrea Dandolo berichtete im 14. Jahrhundert ausdrücklich, dass man bis zur Rückkehr des Dogen keinen neuen Dogen wählen wollte; die drei Sachwalter bezeichnete er als „rectores“. Johannes wurde so nach etwa einem Jahr des Exils mit allen Ehren in Venedig empfangen, um in sein Amt zurückzukehren. Er sah sich jedoch schon wenig später mit neuen Widerständen wegen seines rigorosen Regierungsstils konfrontiert und wurde 836 endgültig gestürzt.

Rezeption Bis gegen Ende der Republik Venedig Für das Venedig zur Zeit des Dogen Andrea Dandolo war die Deutung, die man der kurzen Herrschaft des Ursus beilegte, in mehrfacher Hinsicht von einer gewissen symbolischen Bedeutung. Das Augenmerk der Mitte des 14. Jahrhunderts längst fest etablierten politischen Führungsgremien, die vor allem seit Andrea Dandolo die Geschichtsschreibung steuerten, galt der Entwicklung der Verfassung (in diesem Falle der Frage der Kontinuität und Eindeutigkeit des Dogates des Dogen Johannes), den inneren Auseinandersetzungen zwischen den possessores (repräsentiert in den Familiennamen und der konsequenten Austilgung der Anhängerschaft Carosos), also der sich immer mehr abschließenden Gruppe der Besitzenden, die zugleich die politische Macht besetzten, aber auch den Machtverschiebungen innerhalb der Lagune (der zunehmenden Bedeutung Rialtos, der schwindenden von Metamaucum und Heracleia), der Adria und im östlichen Mittelmeerraum sowie in Italien. Dabei standen die Fragen nach der Souveränität zwischen den übermächtigen Kaiserreichen, des Rechts aus eigener Wurzel, mithin der Herleitung und Legitimation ihres territorialen Anspruches, stets im Mittelpunkt. Ähnlich wie bei den Galbaii versuchte man die Unsicherheit der Verhältnisse auf Mängel in der Machtbalance, mithin in der Verfassung zurückzuführen, die es noch nicht gestattet hätte, die Macht des Dogen und seiner Nachkommen so einzubinden, dass keine Dynastiebildung mehr möglich war. Bei Iohannes erwies sich demnach wieder deutlich, dass ein Versagen der Institutionen und Einstellungen bei den Entscheidern zum Wiederausbrechen der gewohnten Gewalttätigkeiten innerhalb der Stadt führen musste. Zugleich regierte zum ersten Mal ein Kleriker, wenn auch nur kurzzeitig und vertretungsweise die Stadt, eine Tatsache, die später nicht mehr vorstellbar war. mini|Die Insel San Pietro di Castello auf dem Venedigplan des Jacopo de’ Barbari um 1500 Die älteste volkssprachliche Chronik, die Cronica di Venexia detta di Enrico Dandolo aus dem späten 14. Jahrhundert, stellt die Vorgänge auf einer in dieser Zeit längst üblichen, sehr persönlichen Ebene dar, was den Dogen noch einmal größere individuelle Macht zuwies. Der Verfasser erwähnte den Bischof dementsprechend mit keinem Wort.Roberto Pesce (Hrsg.): Cronica di Venexia detta di Enrico Dandolo. Origini–1362, Centro di Studi Medievali e Rinascimentali «Emmanuele Antonio Cicogna», Venedig 2010.

Ganz anders Pietro Marcello, der Ursus keineswegs verschwieg. Er führte 1502 in seinem später ins Volgare unter dem Titel Vite de’prencipi di Vinegia übersetzten Werk den Dogen im Abschnitt „Giovanni Particiaco Doge XII.“Pietro Marcello: Vite de’prencipi di Vinegia in der Übersetzung von Lodovico Domenichi, Marcolini, 1558, S. 20 f., vgl. dazu die Passagen, die sich auf seine Zeit vor seinem Dogat beziehen, wie sie im Abschnitt über seinen Bruder und Vorgänger Giustiniano aufgeführt werden (Digitalisat). Marcello behauptet, unter Führung ‚eines gewissen Carosio‘ („di un certo Carosio“) hätten sich einige Adlige gegen den Dogen verschworen. Der Doge musste fliehen, und Carosio „usurpo il Prencipato“ (S. 21) – so erklärt Marcello Caroso zum Usurpator und damit zu einem illegitimen Inhaber des Dogenamtes. Gegen „Carosio“ erhoben sich nun wiederum einige „gentil’huomini“ unter Führung von Basilio Transimondo, Giovanni Mauritio und Domenico Ortiano sowie von dreißig weiteren Adligen, die die Tyrannei nicht länger ertragen konnten („non potendo comportare la tirannide di Carosio“). Sie überfielen den Usurpator, rissen ihm die Augen heraus („gli trassero gli occhi“) und schickten ihn ins Exil. Auch wurden viele Mitwisser getötet. Johannes, der Doge, wurde aus dem Frankenreich zurückgerufen, als Basilio Transimondo, Giovanni Mauritio und „Orso Vescovo di Castello“ die ‚Republik‘ regierten. Weder ein Usurpator noch ein Bischof konnten als Herrscher die Legitimität des Dogats verletzen. mini|Die Kathedra des hl. Petrus in San Pietro di Castello Abweichend berichtet wiederum die Chronik des Gian Giacomo Caroldo, fertiggestellt 1532. Caroldo meint „Ioannes Badoaro“ habe im Jahr „DCCCXXIX“ zu regieren begonnen.Șerban V. Marin (Hrsg.): Gian Giacomo Caroldo. Istorii Veneţiene, Bd. I: De la originile Cetăţii la moartea dogelui Giacopo Tiepolo (1249), Arhivele Naţionale ale României, Bukarest 2008, S. 56–58 (online). Der Kaiser wollte dem Dogen, der ihn gegen die Sarazenen Siziliens unterstützt hatte, seine Geneigtheit erweisen und schickte ihm die „Cadrega di San Pietro“, die in San Pietro di Castello untergebracht wurde. Auf dieser saßen, so Caroldo, in „Anthiochia“‚ der heilige Petrus und seine Nachfolger‘ („San Pietro Apostolo et successori“). Zu dieser Zeit wurde der Doge durch „Caroso Tribuno“, einen „huomo scelestissimo“ durch eine Verschwörung vertrieben. Der Doge ging „in Francia“, um von Lothars Sohn Karl Unterstützung zu erlangen. Währenddessen wurde Caroso Doge. Dies missfiel „Basilio Transmondo, Ioanni Mauritio, Dominico Orcianico“ und anderen, insgesamt dreißig Männern, sehr. Sie verließen Venedig und gingen nach „San Martin di Strà“, wo sich ihnen viele Männer anschlossen. Unter „Dominico Orcianico“ zogen sie nach Rialto, griffen den Dogenpalast an und nahmen Caroso gefangen. Sein Augenlicht wurde ihm genommen und er wurde aus Venedig vertrieben, nachdem er sechs Monate Doge gewesen war (S. 57). Seine „complici“, namentlich „Diodato Gruro, Marino Patricio, Dominico Monetario et Tribuno Gradense“ wurden in Stücke gehauen. Bis zur Rückkehr des Dogen wollten die Venezianer, dass „Orso Vescovo Olivense“ den Dukat regiere, gemeinsam mit „Basilio Transmondo et Ioanni Marcurio“. Zur allgemeinen Zufriedenheit sei der Doge wieder in sein Amt eingesetzt worden.

Der Frankfurter Jurist Heinrich Kellner, der die venezianische Chronistik im deutschen Sprachraum bekannt machte, wobei er weitgehend Marcello folgte, berichtete in seiner 1574 erschienenen Chronica das ist Warhaffte eigentliche vnd kurtze Beschreibung, aller Hertzogen zu Venedig Leben,Heinrich Kellner: Chronica das ist Warhaffte eigentliche vnd kurtze Beschreibung, aller Hertzogen zu Venedig Leben, Frankfurt 1574, S. 8r–8v (Digitalisat, S. 8r). wie „schwuren zusammen etliche Edele/welcher Haupt war einer/Carosius genannt.“ Der Doge floh. Doch gegen die „Tyranney“ „legten sich etliche von den Edlen und Fürnemesten wider in / darunder waren die ansehenlichsten / Basilius Trasimundus / Joann Mauritius/und Dominicus Ortianus/unnd mit inen noch dreissig der Fürnemesten in der Statt“. Sie setzten Carosius gefangen, „stachen im die Augen auß“ und verjagten ihn. Dazu stellt der Autor fest, es seien viele, „so es mit ihm gehalten haben / umbbracht worden.“ Nachdem „Orsus / Bischoff zu Castello / Basilius Trasimundus / und Johann Mauritius die Gemein regiert“ hätten, sei Johannes aus „Franckreich“ zurückgekehrt.