Sieges Even war eine 1986 in München gegründete Progressive-Metal-Band. Deren Sänger wechselte häufig. Die einzige Konstante bildete das Rhythmusgespann der Brüder Alex und Oliver Holzwarth. Vergleichsweise hochkomplexe und detailliert ausgearbeitete Arrangements blieben das Markenzeichen, obwohl die Alben untereinander eine hohe stilistische Variation aufweisen.
Bandgeschichte Gründung und Steffens Ausstieg 1982 formierte sich in München eine auf Power Metal ausgerichtete Band namens Sodom. Nicht der alleinige, aber der Hauptmotor für die Gründung war die gemeinsame Faszination für die musikalisch wie optisch ausdrucksstarke Darbietung von Kiss und Iron Maiden und allem, was sich in dieser Zeit im Heavy Metal gerade entwickelte. Die Anfangszeit war, wie bei im Entstehen befindlichen Bands üblich, von häufigen Besetzungswechseln geprägt. Die Gruppe kam über das Vorlegen eines Demotapes nicht hinaus, denn aufgrund der Namensgleichheit mit der zur selben Zeit im Ruhrgebiet gegründeten Thrash-Metal-Band Sodom musste ein neuer Name gefunden werden. Es sollte ein origineller sein, vor allem – nach dieser Erfahrung – ein unverwechselbarer, einzigartiger. „Sieges Even“ heißt übersetzt etwa „Abend der Belagerung“, ist aber nicht wegen der Bedeutung gewählt worden, sondern wegen der „gewisse[n] Eleganz bezüglich der Aussprache“.
Die Besetzung, die im Herbst 1985 unter dem brandneuen Namenszug Sieges Even firmierte, bestand aus Franz Herde (Gesang), Markus Steffen (Gitarre), Markus Burchert (Gitarre), Oliver Holzwarth (Bass) und Alex Holzwarth (Schlagzeug). Außer Letzterem hatte bis dato keiner von ihnen auf ihr jeweiliges Instrument ausgerichteten Unterricht genossen. Das Demo der Autodidakten, das im Januar 1986 entstand und auch an Fanzines verschickt wurde, wo es durchweg weiterempfohlen wurde, enthielt wieder Power Metal („in der Tradition Metal Churchs“, wie Matthias Herr in seinem Heavy Metal Lexikon schreibt). Am nächsten Demo, Bootleg Kassette 1987, wirkte Burchert nicht mehr mit. Außerdem schlug sich das verbliebene Quartett auf die Seite des Progressive Metal, ohne Wohlwollen seitens der Metalmagazine und deren an Newcomern interessierter Leserschaft einzubüßen. Geradezu gegenteilig zu dieser Befürchtung fielen die Reaktionen aus: Die Magazine lobten weiterhin, rund 400 Kassettenkopien fanden ihre Abnehmer, und die Verwunderung darüber, dass sich die Plattenindustrie noch nicht für die Band interessiert hatte, nahm zu; teilweise wurde die Erklärung in der Extravaganz von Sieges Even gesehen. Mit gelegentlichen Auftritten, davon wiederum nur ein paar wenige im Vorprogramm von Drifter, wurde die Zeit bis zum nächsten Demo überbrückt. Dieses erschien im Januar 1988 und heißt nach dem Klammerzusatz des zweiten Titels Repression and Resistance. Die nochmals gestiegene Verkaufszahl von 500 Exemplaren, jedoch auch die persönliche Fürsprache des Produzenten Kalle Trapp, hatten maßgeblichen Anteil daran, dass endlich das Interesse des Labels Steamhammer geweckt wurde. Kurz nach Vertragsunterzeichnung ging es im März 1988 nach Münster in Trapps Karo-Musikstudios, um aus dem umfangreichen bisher komponierten Material ein Album zusammenzustellen. Auch die vier Lieder des jüngsten Demobandes fanden in überarbeiteter Fassung Eingang. Hinzu kamen ein älteres, umarrangiertes, neu betextetes und betiteltes Stück sowie zwei komplett neue Kompositionen, von denen Life Cycle sogleich zum Hauptanliegen und Titel des Albums wurde. Darin geht es um die gesellschaftliche Entwicklung im Technologie-Zeitalter. Die Coverzeichnung zeigt einen Computerschaltplan mit verbundenem menschlichen Herz und Gehirn. Das Album erschien am 1. Oktober 1988. Über die Verkaufsaussichten, genauer gesagt die zu befürchtende nicht vorhandene Kommerzialität, machte sich die Band nie Gedanken.
Im Sommer 1989 kriselte es im Bandgefüge. Weniger schlimm war dabei der Verlust des Proberaums, gravierender war, dass die stimmtechnische Entwicklung bei Franz Herde zu wünschen übrig ließ. Herde gab an, er sei beruflich zu eingespannt, um mit der Band Schritt halten zu können. Seine Bandkollegen hatten nämlich nebenher Lehrstunden gebucht und ihren künstlerischen Horizont erweitert, was sich in ihren neuen Kompositionen niederschlug. Im Oktober, als die Trennung von ihm durch die Metal-Presse ging, war der Konflikt gerade ausgestanden. Tatsächlich war eine Sängersuche angelaufen, die Musiker hatten aber die (nach eigenem Bekunden) „deprimierende“ Erfahrung gemacht, dass kein Bewerber zu ihnen passte. So wurde Herde gebeten, sich einem Studio-Test zu unterziehen, den er bestand, woraufhin er sich wieder in die laufenden Vorbereitungen zum Nachfolgealbum Steps einklinken konnte. Getätigt wurden die Aufnahmen von März bis April 1990 in einem Studio der Oberklasse am Ammersee.
Obwohl sich mit dem am 13. August erschienenen Steps die Wende zu einem wesentlich weniger harten Stil vollzog, war der Band wie den Kritikern klar, dass es entweder wie zuvor einer bedingungslosen Konzentrationsbereitschaft oder eines relaxten Sichfallenlassens bedarf, um das Werk genießen zu können. Die Gesamtverkaufszahl (Deutschland plus beliefertes Ausland) erreichte gerade eben die 10.000er-Marke. Eine anschließend geplante Tour fand nicht statt. Zuerst war Sieges Even für die erste Psychotic-Waltz-Tour vorgesehen gewesen, die aufgrund einer Verletzung abgesagt werden musste. Einzig das Konzert in Werl am 21. Juli 1991 konnte abgehalten werden. Dann wurde die Band beim Schachern um den Vorgruppen-Platz bei Fates Warning ausgebootet. Für höhere Tour-Investitionen war die um ihre Erlöse fürchtende Plattenfirma nicht bereit, weshalb letztendlich eine kleine schöpferische Pause eingelegt wurde. So kam es nur zu einem Testkonzert am 31. Januar 1991 in München. Nach knapp dreijähriger Live-Abstinenz vor reichlich, jedoch gespaltenem, Publikum wurde es durch technische Pannen gestört. Drei neue Lieder standen neben dem kompletten Steps-Repertoire auf dem Programm. Reif für eine Studioeinspielung waren sogar schon alle sechs „mittleren“ Stücke des nächsten Albums A Sense of Change.
Für das nächste Album setzt man das Vertrauen erneut auf Produzent Charlie Bauerfeind. Allerdings verlief die Studioarbeit mit Franz Herde nicht mehr zufriedenstellend. Markus Steffen gab dem Metal Hammer zu Protokoll: „Als wir die Gesangsparts zur neuen LP aufnahmen, war die gesamte Band der Meinung, daß es nicht das war, was es hätte sein können. Das hatte verschiedene Ursachen, Hauptgrund war aber, daß der Franz durch seinen Beruf ziemlich beansprucht wurde. Es gab deswegen aber keine Streitereien, er hat eben einfach nicht die Zeit gehabt, sich mit den Stücken zu beschäftigen. Wir mußten uns zu dem Zeitpunkt entscheiden und diese Entscheidung wurde auch von allen Seiten akzeptiert.“ Herde, der von seinem Arbeitgeber oft ins Ausland geschickt wurde, gab seine musikalischen Ambitionen gänzlich auf und zog sich in seine Heimatstadt Ingolstadt zurück.
Nachdem ein Versuch mit einer amerikanischen Sängerin gescheitert war, stieß die Bänd schließlich durch Zufall auf Jogi Kaiser. Der unbekannte, aber versierte Blues- und Jazz-Sänger aus dem Frankfurter Raum nahm seine Arbeit unvorbereitet in Angriff, improvisierte hier und da, aber stets im Sinne der anderen, und schon nach zwei Tagen war das Material eingesungen und tags darauf gemixt. Die Ankündigung, das Werk werde abermals anders klingen, erwies sich als richtig. Einige Assoziationen (insbesondere bezogen auf Rush) waren freilich wieder erkennbar, sodass man von der Weiterführung des eingeschlagenen Weges sprechen konnte. Besagter Weg würde jedoch, das deutete Steffen im Interview vorsichtig an, ohne Jogi Kaiser beschritten werden müssen. Der wollte nämlich stattdessen eine Musical-Karriere verfolgen. Doch auch Steffen selbst verließ im Sommer 1992 die Band. Er gab persönliche Gründe an und verwirklichte im Laufe der nächsten Jahre einige eigene Projekte, zum Beispiel brachte er 1999 das Audiobook Klassische Gitarre exclusiv heraus. Zudem betrieb er um das Jahr 2000 herum kurzzeitig das Kleinstlabel Calamus Records.
Zwischenphase und vorübergehende Auflösung Mit einem alten in Frankfurt wohnhaften Schulfreund überbrückten die Holzwarth-Brüder die ersten sechs Monate nach dem Split. Der gemäßigte Rock, auf den sie sich geeinigt hatten, genügte ihnen bald nicht mehr und sie engagierten in Wolfgang Zenk einen neuen Gitarristen. Da sich Jogi Kaiser bis Oktober 1993 bereit erklärte, bei Auftritten auszuhelfen, konnte man sich wieder an das „wahrhafte“ Sieges-Even-Dasein gewöhnen. Der zu diesem Zeitpunkt angehende Diplom-Mathematiker Zenk ist ausgewiesener Jazzliebhaber, gehörte dem Ensemble der europäischen Hair-Musicaltruppe an und gab professionellen Gitarrenunterricht am international angesehenen Münchner Gitarren–Institut (MGI München).
Nach erzwungener wie erfolgloser Labelsuche, die in der mäßigen Verkaufszahl von 7.000 Exemplaren des letzten Albums begründet war, wurde die nicht minder schwierige Sängersuche per gestreuter Annoncen intensiviert. Zunächst konnte keiner der Bewerber überzeugen. Manager Frank Hofmann nutzte seine weitläufigen Kontakte, um Ausschau nach einem freien Frontmann zu halten. Er traf den im Sauerland geborenen und in Köln ansässigen US-Amerikaner Greg Keller auf der Popkomm. Keller reagierte auf Hofmanns Vorschlag zunächst mit ungläubigem Staunen, erklärte sich dann jedoch bereit, es einmal zu probieren. Keller bewährte sich in Konzerten, woraufhin der Erlanger Mitschnitt zum Demomaterial aufbereitet wurde. Damit sollten Plattenfirmen von der Qualität der Band überzeugt werden. Um der Frustration wegen der Absagen ein Ende zu setzen, gründete der Bruder des Stammproduzenten Charlie Bauerfeind, Stefan Bauerfeind, der eine Konzertbuchungs- und Veranstaltungstechnik-Agentur betrieb, Ende 1994 das Label Under Siege Records. Für Anfang 1995 visierte die Band einen Studioaufenthalt an. Der Neuzugang umschrieb die Richtung des aufzunehmenden Materials als „Rockmusik mit einem betonten Funk-Beat in der Rhythmusgruppe“. Aus Sicht des Bassisten seien weniger Tempo-Wechsel bei weiterhin „komplexen Rhythmik- und Harmoniefolgen“ zu erwarten. Journalist und Band-Intimus Stefan Glas fasste seinen exklusiven Vorab-Höreindruck mit den Komparativen „lockerer, direkter“ zusammen.
Ins Studio ging es erst im Mai 1995. Das Album Sophisticated, zu dem verschiedene Musiker aus verschiedenen Musikgenres, darunter der vielseitige Heavens-Gate-Gitarrist Sascha Paeth, Keyboard-Einsätze beigesteuert hatten, erschien im Herbst 1995 zeitgleich mit den neuen Alben von zum Beispiel Iron Maiden, Savatage und Waltari, die höher bewertet wurden. Im August 1996 spielte die Band auf dem Wacken Open Air. Genau zwei Jahre nach Sophisticated, mittlerweile mit Kellers Bruder Börk als festem Keyboarder, folgte Uneven. Wieder einmal entfernte sich Sieges Even ein Stück vom Vorgängeralbum, diesmal trat, laut Greg Keller, eine metallische Härte hinzu. Im Vorprogramm ihrer Idole Emerson, Lake and Palmer (ein geplantes Album „Sieges Even spielt ELP“ kam nie zustande), von denen sie zur Return of the Manticore Tour eingeladen worden waren, stellten sich die Münchner im Juni/Juli 1997 einem breiteren Publikum vor. Im Herbst 1997 ereilte Börk Keller ein Hörsturz, der ihn zur Aufgabe zwang. Ob und gegebenenfalls welche anderen Widrigkeiten noch dazukamen, ist nicht bekannt, jedenfalls sanken die Bandaktivitäten gegen Null, bis im Oktober 1999 bekannt wurde, dass Sieges Even nicht mehr existierte.