mini|x220px|Straßenfront mit Treppenportal
Der Gasthof Der Engel in Rheinheim, in der Gemeinde Küssaberg im Landkreis Waldshut in Baden-Württemberg besitzt eine über 500-jährige belegbare Tradition als Gasthof. Der Lage nach kann das Gebäude auf eine römische Straßenstation mit Herberge (mansio) zurückgeführt werden.
Der Gasthof mit angrenzenden Einrichtungen und großem Biergarten war im Mittelalter Station eines Jakobsweges, der in seinem genauen Verlauf jedoch nicht festgestellt ist.
Inhaberin des Gasthofes ist Di Fazio Maria Cristina.
Lage und Historie mini|Lage der Gemeinde Küssaberg im Landkreis Waldshut Das Gasthaus liegt an der Grenze zwischen Deutschland und der Schweiz etwa in der Mitte der Strecke zwischen Basel und dem Bodensee, die fast vollständig vom Hochrhein gebildet wird, im Ortsteil Rheinheim der Gemeinde Küssaberg nahe der Brücke zum Schweizer Kurort Bad Zurzach.
Für die Bewohner beider Seiten des Flusses und auch die Touristen der Region ist das historische Ambiente des Hauses und saisonal auch der Biergarten attraktiv; das kulinarische Angebot ist der Besitzerfamilie gemäß italienisch orientiert und durch traditionell deutsche Gerichte ergänzt.
Ensemble um den Gasthof Unmittelbar am Rheinübergang befand sich ursprünglich ein militärisch genutzter Bau zur Kontrolle der Brücke („Ehemaliges Pfarrhaus, davor vermutlich das Hauptgebäude des Rheinauer Pfleghofes, also der Güterverwaltung des Klosters.“), daneben steht die katholische St. Michaelskirche sowie – direkt gegenüber dem Engel an der heutigen Landstraße 162 die ehemalige rheinauische Zehntscheuer. Das nahe Umfeld bildet den alten Ortschaftskern von Rheinheim, unter anderem – südlich gegenüber dem Engel – das Kaiserliche Jagdhaus, später Amts- und Rathaus und heute Museum Küssaberg.
mini|Haus am Rathausring 8, ehemalige Herberge Zu den Gebäuden im Zentrum gehört auch „die Pilgerherberge, Rathausring 8 [früher Nr. 18] und ein schmales Zollgebäude, das 1908 im Stile des Biedermeier erbaut wurde.“Zitate und Information im Abschnitt: Wolf Pabst: Kleiner Führer durch die Ortschaft Rheinheim. Neuauflage der Broschüre von 1985, Küssaberg 2011, S. 12 f. . Abruf am 5. Juni 2020.
Pilgerherberge Das Gebäude am Rathausring 8 mit Portal von 1751, die zum Engel gehörende Pilgerherberge war später ein kleines Frauenkloster. „Das Portal wird stilistisch dem Barock zugeordnet, insbesondere wegen des heiligen Nepomuk über dem Torbogen. Die Türfassung selbst ist noch sehr von der Renaissance beeinflusst, die der Zeit des Barock voran ging.“Wolf Pabst: Erfassung der Kleindenkmale in Küssaberg. Kapitel 8: Tore und Portale, 2011, S. 82. . Abruf am 5. Juni 2020. „Im Inneren des Gebäudes gibt es schöne Kreuzgewölbe. Das Haus hat einen riesigen gewölbten Keller.“Wolf Pabst: Kleiner Führer durch Rheinheim, S. 13.
mini|Biergarten mit altem Baumbestand Der Engel bezieht seine historische Bedeutung als Rasthaus und Verkehrsstation aus der Lage am wichtigsten Flussübergang seit dem Brückenbau der RömerzeitLiterarische Nachweise zur Lage und archäologische Befunde im heutigen Gebäudekomplex des Engel liegen nicht vor, doch bildete das gesamte brückennahe Gebäudeensemble nach allgemeiner Auffassung in der Forschung einen Brückenkopf zur Sicherung der gegenüberliegenden Römerstadt Tenedo.
Noch 376 n. Chr. ist eine Brücke festgestellt. In der Historie ist spätestens im 14. Jahrhundert wiederum eine Brücke nachgewiesen. Zwischenzeitlich bestanden Fährverbindungen. ab der 15 v. Chr. eingerichteten Heeresstraße aus dem Schweizer Alpenvorland nach Germanien. Schon zuvor wird die Strecke als ‚uralter Handelsweg‘ genutzt worden sein. Nach der Besitznahme der Raumschaft durch die Alamannen blieben die römischen Bauten lange Zeit zerstört.
Das Gasthaus in jüngster Zeit Im Jahr 2000 erwarb die Familie Palella den Gebäudekomplex und machte nach Umbau und Renovationsarbeiten den größten Teil der Öffentlichkeit wieder als Restaurant zugänglich.
mini|Umbau zur Einrichtung der Weinstube im Nordost-Teil Seit 2004 betreibt die Familie Di Fazio Palella Cristina und Angelo mit den Kindern Dèsirèe, Valentina, Paolo und Jonny den Betrieb, zu dem im Landkreis Waldshut noch drei Eiscafés zählen. Nach der Neueröffnung am 1. November 2004 verfügte das Haus über 270 m² ausgebauter Innenfläche.
Hier befindet sich das Restaurant mit Nebenraum für Gesellschaften sowie Cocktailbar, im Außenbereich liegen die Terrasse und der Biergarten mit uraltem Baumbestand.
Der Engel wurde während der Betriebssperre in der Corona-Krise renoviert und soll neben den Gasträumen und dem Veranstaltungssaal 2020 um eine Gourmet- und Weinstube erweitert werden.
Geschichte mini|Karte zur Römerstraße (am unteren Rand links Bad Zurzach und gegenüberliegend Rheinheim)
Vermuteter römischer Ursprung Der Gasthof befindet sich im historischen Ortszentrum von Rheinheim auf dem Territorium des ehemaligen römischen Brückenkopfes am Rheinübergang der Heerstraße von Vindonissa (Brugg) zur kleinen Römerstadt Tenedo an der Stelle von Bad Zurzach. Die Straße führte weiter über die Donau bis Rottweil (Arae Flaviae) und zum obergermanischen Limes. In ähnlicher Lage wie die ehemalige römische und später die mittelalterliche Brücke befindet sich heute unweit des Gasthofes die moderne Brücke zwischen Bad Zurzach und Rheinheim an der Landesstraße 162.
Im Gasthof konnten 2004 beim Umbau in den Gewölben keine römischen Befunde mehr festgestellt werden.
Auch nach dem Rückzug der Römer Anfang des 5. Jahrhunderts könnte nach dem Neubeginn von Fernverkehr im 7. Jahrhundert aufgrund der verkehrsgünstigen Lage die Beherbergung von Durchreisenden (Händlern, Verwaltungs- und Militärpersonal, Privatpersonen) und Boten (Pferdewechsel) an diesem Ort wieder aufgenommen worden sein.Nach dem Rückzug ab 406 n. Chr. mieden die Alamannen die nun zerstörten römischen Ort, doch bereits ca. 100 Jahre später belegten die Franken nach ihrem Sieg über die Alamannen genau diese günstig gelegenen ehemals römischen Plätze im Lande ihres Gegners. Die Endung -heim im Ortsnamen Rheinheim weist auch auf eine fränkische Gründung hin. Alamannische Orte jener Frühzeit besitzen meist die Endung -ingen.
Mittelalter Nachgewiesen werden kann eine Herberge in Frühgeschichte und Mittelalter nicht, es spricht jedoch viel dafür, dass sie im Zusammenhang des Ausbaus der Hochrheinregion durch die ab dem 13. Jahrhundert dominierenden kirchlichen Instanzen existierte, denn Wallfahrtsorte bekamen einen hohen Stellenwert und durch das Zusammenkommen vieler Menschen bildeten sich dort auch Märkte und Handelszentren.
Brücke und Handelsplatz Spätestens mit einem erneuten Brückenbau zwischen Rheinheim und Zurzach und der Begründung der Zurzacher Messe bestand ein hoher Bedarf an Unterbringung und Versorgung.1985 wurden nahe der heutigen Brücke Fundamente geortet und Holzreste per Dendrochronologie bestimmt. Es konnte angenommen werden, dass diese „untere Brücke aus dem 13. Jahrhundert stammt.“ Mitte des 13. Jahrhunderts, um 1250, liegt der Übergang der Herrschaft vom letzten Küssenberger Grafen an das mächtige Bistum Konstanz, das auch im weiteren Umfeld Brückenbauten über den Hochrhein vornahm.
Die mittelalterliche Brücke bestand fast 100 Jahre und „nach dem Abgang der Rheinbrücke (Hochwasser 1343?) besorgten Fähren bis 1907 den Verkehr über den Rhein.“Kapitel: Alfred Hitber: Bezirksmuseum „Höfli“. Die Zurzacher Messen, Zurzach 1993, S. 42 bis 46. Doch war diese Übergangsweise dem Verkehrsaufkommen entsprechend ausreichend und es gab damals auch einen intensiven Bootsbetrieb rheinabwärts.
Zurzacher Messe mini|hochkant|Wallfahrtsziel Verena – Statue an der Hochrheinbrücke Die mittelalterliche Brücke begründete die Bedeutung von Rheinheim-Zurzach als Straßenverbindung und dann als Messeplatz „im grossen wirtschaftlichen Aufschwung, den Zentraleuropa im [späten] 14. und 15. Jahrhundert erlebte“, zumal ein weiterer großer Markttag im September zusammen mit der Wallfahrtstag zur hl. Verena abgehalten wurde. Zu diesem Zeitpunkt waren auch die Flüsse „Rhein, Aare, Limmat und Reuss“ zur Schifffahrt benutzt, sodass Tausende Besucher zu den Messen (im Frühjahr im Mai) kamen. Auch in Rheinheim herrschte zu dieses Zeiten ein reges Markttreiben.
Da die beiden Jahrmärkte jeweils über drei Tage dauerten und 1433 ein regelmäßiger Samstagsmarkt hinzu kam, stieg der Bedarf an Übernachtungs- und Unterbringungsplatz für Wagen und Tiere derart, dass die alte Rheinheimer Straßenstation – wenn nicht schon früher –, so doch in diesen Zeiten wirtschaftlicher Entfaltung genutzt worden sein wird. Ein Beleg dazu liegt Ende des 14. Jahrhunderts vor.
Ersterwähnung Vertrag des Bischofs von Konstanz mit den Grafen von Sulz Die Hohe Gerichtsbarkeit über die Herrschaft Küssenberg stand seit ihrem Verkauf 1240 dem Bischof von Konstanz mittels seines Vogtes auf der Küssaburg zu. Doch 150 Jahre später hatten sich die Machtverhältnisse zu Ungunsten der kirchlichen Instanzen verändert und der Konstanzer Bischof Hugo von Hohenlandenberg stieß viele Ländereien ab: „Noch im Jahre 1497, […] in welchem die Herrschaft Küssaberg an die Sulzer verpfändet wurde, schloß man einen Vertrag, um durch schriftliche Vereinbarungen der gegenseitigen Rechte und Pflichten kommenden Zwist zu vermeiden.“
Der 21. Abschnitt des Vertrages klärt den Fährdienst von Rheinheim:
mini|Miniatur zum ehemaligen Weinausschank am linken Kellerzugang.Die Miniatur ist an diesem Torbogen auf alten Fotos nicht zu sehen – sie wurde erst später dort angebracht oder war unter Putz verborgen.
Ohne Zweifel ist mit dem „Wirtshaus“ der damals auch der Fähre nahe gelegene Engel gemeint und so kann die Ersterwähnung des Gasthofes urkundlich auf das Jahr 1497 datiert werden. Die Regelung im Vertrag impliziert jedoch, dass das Gasthaus zu diesem Zeitpunkt schon länger bestand.
Neuzeit „Im 15. Jahrhundert und besonders an der Wende zum 16. Jahrhundert war jedermann im Abendland der Meinung, daß eine Reform der Kirche an Haupt und Gliedern notwendig wäre. […] Auf drei Konzilien wurde versucht, Besserung zu schaffen, aber nichts wurde erreicht. Das Mißlingen mehrte nur die Kritik.“
Durch die Gründung der Eidgenossenschaft war der Hochrhein mittlerweile zu einer brisanten, übergeordneten ‚Staatsgrenze‘ geworden und auch die Reformation des Martin Luther fand Befürworter und Gegner. Auf Schweizer Seite wurde die Reformation des Huldreich Zwingli zu einer starken Macht und auf deutscher Seite stand Kadelburg unter der direkten Herrschaft (Niedere Gerichtsbarkeit) der reformierten „Chorherren“ zu Zurzach. Die Konstellation war konfliktreich, denn Oberherr der Kadelburger war der Graf von Sulz (Hohe Gerichtsbarkeit), der dem römisch-katholischen Glauben anhing. Dabei kam es kurzfristig zu Abstimmungen über die ‚neue Lehre‘ in zahlreichen Orten, auch in Kadelburg:
Zweite Erwähnung des „Engel“ Als ein kurzer Konflikt mit dem Zugeständnis der Glaubensfreiheit für alle Herrschaften endete – „da stimmte die Kirchengemeinde Zurzach am 24. August 1529 ab und entschied sich gegen nur sieben Stimmen für die neue Lehre. Von den Kadelburgern war keiner, der dagegen stimmte.“
Die Kadelburger wurden deshalb in Zürich mit der Bitte um einen neuen Prediger vorstellig und „diesem Wunsche ward sofort entsprochen, und bald darauf kam der Prädikant Franz Zink von Einsiedeln, ein guter Freund des Zwingli, […] wo er im ‚Engel‘ abstieg.“Emil Müller-Ettikon: Über das Dorf Kadelburg und seine Vergangenheit, Hrsg.: Gemeinde Kadelburg, Mai 1964, S. 40 f.
Damit kann die zweite Erwähnung des Gasthauses Engel – dieses Mal auch mit Namen – in der Überlieferung auf das Jahr 1529 datiert werden. Noch im selben Jahrhundert folgte noch eine weitere Nennung: