Das große Nein. Eigendynamik und Tragik des gesellschaftlichen Protests ist ein Werk von Armin Nassehi, das 2020 in der kursbuch.edition erschienen ist.

Inhalt

In seinem Buch Das große Nein. Eigendynamik und Tragik des gesellschaftlichen Protests untersucht Armin Nassehi, „welche Funktion Protest in einer modernen Gesellschaft hat und unter welchen Bedingungen Protest wahrscheinlicher wird.“Armin Nassehi: Das große Nein. Eigendynamik und Tragik des gesellschaftlichen Protests. S. 5 Nassehi interessiert dabei die Form des Protestes und abstrahiert vom Inhalt. Er versucht darzustellen, „wie Proteste funktionieren, wie sie zustande kommen, was sie vermögen und wozu sie in der Lage sind.“Armin Nassehi: Das große Nein. Eigendynamik und Tragik des gesellschaftlichen Protests. S. 6

Protest ist „nicht der Normalfall“, sondern eine besondere „Sozialform“.Armin Nassehi: Das große Nein. Eigendynamik und Tragik des gesellschaftlichen Protests. S. 8 Normal ist es, dass in funktional differenzierten Gesellschaften Konflikte in den Institutionen, zum Beispiel in Parlamenten, durch Betriebsräte oder durch Lobbygruppen, klein gearbeitet werden. Die Konflikte, die durch Protest sichtbar gemacht werden, werden in den Routinen der Institutionen nicht oder zu wenig berücksichtigt. Protest macht die Kritik sichtbar und richtet sich nicht nur an die Institutionen, sondern „an Dritte“, an die „politische Öffentlichkeit“.Armin Nassehi: Das große Nein. Eigendynamik und Tragik des gesellschaftlichen Protests. S. 9 und S. 11 „Protest ist eine Seismograf für Grundkonflikte, die sich nicht von selbst auflösen und nicht mit den üblichen Routinen bearbeiten lassen.“Armin Nassehi: Das große Nein. Eigendynamik und Tragik des gesellschaftlichen Protests. S. 10

Im Internetzeitalter muss „eine kommunikativ entfesselte Gesellschaft die Nein-Stellungnahme zivilisieren, handhabbar machen, institutionalisieren“.Armin Nassehi: Das große Nein. Eigendynamik und Tragik des gesellschaftlichen Protests. S. 25 Normale Kritik wird von den Institutionen aufgefangen. Protest, den Armin Nassehi analysiert, nicht. Dieser ist ein „bewegungsförmiger Protest, sichtbarer, nach öffentlicher Aufmerksamkeit heischender Protest.“Armin Nassehi: Das große Nein. Eigendynamik und Tragik des gesellschaftlichen Protests. S. 26 Dieser Protest steht außerhalb der normalen Bearbeitungsroutinen. Er sieht sich „als der eigentliche Repräsentant der Gesellschaft, [...] des Volkes.“Armin Nassehi: Das große Nein. Eigendynamik und Tragik des gesellschaftlichen Protests. S. 27

Als Beispiele solcher Proteste führt Nassehi die rechtsextreme Pegida und Fridays for Future an, um die „Struktur des Protests“Armin Nassehi: Das große Nein. Eigendynamik und Tragik des gesellschaftlichen Protests. S. 28 zu erklären. Ein Ergebnis ist, „dass Protest [...] gesellschaftlich prämiert“Armin Nassehi: Das große Nein. Eigendynamik und Tragik des gesellschaftlichen Protests. S. 28 wird. Sie werden von der Öffentlichkeit mehr wahrgenommen als normale Kritik.

Der Protest von Pegida richtet sich gegen das System, sie stellen „das Ganze in Frage“.Armin Nassehi: Das große Nein. Eigendynamik und Tragik des gesellschaftlichen Protests. S. 33. „Die Klimaproteste [...] adressieren die gesellschaftlichen Instanzen direkt. Es ist keine Systemkritik, sondern die Kritik einer Lebensform.“Armin Nassehi: Das große Nein. Eigendynamik und Tragik des gesellschaftlichen Protests. S. 35 Nach Armin Nassehi sind der Gesellschaft die Klimafakten bekannt, aber sie ist damit strukturell überfordert, dies in Handeln umzusetzen. Der Erfolg von Fridays for Future beruht auf der „Form des Protest“Armin Nassehi: Das große Nein. Eigendynamik und Tragik des gesellschaftlichen Protests. S. 34 mit einer charismatischen Greta Thunberg.

Nassehi zufolge weitet sich in der heutigen Kultur die Sprecherposition exponentiell aus. Es zeigt sich zum Beispiel in den vielfältigen sozialen Bewegungen: „Arbeiterbewegung, Bürgerrechtsbewegung, Frauenbewegung, Friedensbewegung, Umweltbewegung, Homosexuellenbewegung“.Armin Nassehi: Das große Nein. Eigendynamik und Tragik des gesellschaftlichen Protests. S. 40 Diese „Nein-Stellungnahmen“ der sozialen Bewegungen werden heute in den Institutionen bearbeitet und damit das Protestpotential gemindert. Aber dies scheint mit den aktuellen Konflikten immer weniger zu gelingen. Heute steigt „die Wahrscheinlichkeit von Nein-Stellungnahmen und »Kritik« [wird] zum Fetisch des Weltverhältnisses“.Armin Nassehi: Das große Nein. Eigendynamik und Tragik des gesellschaftlichen Protests. S. 50 Es ist keine normale argumentative Kritik, sondern eine unübersichtliche, perspektivenreiche »Kritik«, mit der man sich argumentativ schwer auseinandersetzen kann. Es geht „um das ethische Recht auf Gehör“,Armin Nassehi: Das große Nein. Eigendynamik und Tragik des gesellschaftlichen Protests. S. 51 nicht um den Austausch von Argumenten. Je mehr Sprecher es werden, umso schwieriger wird „die Verständigungswahrscheinlichkeit“.Armin Nassehi: Das große Nein. Eigendynamik und Tragik des gesellschaftlichen Protests. S. 52 Armin Nassehi behauptet, dass die Unübersichtlichkeit der Sprecherpositionen, „die Multiplikation von Sprechern und ihre Sichtbarkeit [...] das Allgemeine der gegenwärtigen Moderne“Armin Nassehi: Das große Nein. Eigendynamik und Tragik des gesellschaftlichen Protests. S. 61 ist. Dies führt zur „radikalen Selbstüberforderung der Gegenwartsgesellschaft“.Armin Nassehi: Das große Nein. Eigendynamik und Tragik des gesellschaftlichen Protests. S. 61 Es fehlt eine „Stoppregel für Nein-Stellungnahmen“.Armin Nassehi: Das große Nein. Eigendynamik und Tragik des gesellschaftlichen Protests. S. 58 Wir leben nicht mehr in der Buchdruckgesellschaft, sondern im Internetzeitalter mit sozialen Medien wie Twitter. Das Internet vervielfacht die Kommunikation in der Gesellschaft, die jetzt fast vollständig symmetrisch kommuniziert. Die Gesellschaft ist damit überfordert ohne „so etwas wie eine Stoppregel für Kommunikation“.Armin Nassehi: Das große Nein. Eigendynamik und Tragik des gesellschaftlichen Protests. S. 65

In einer funktional differenzierten Gesellschaft gibt es, so Armin Nassehi, kein „Vetospieler“, der in der Lage wäre „das Gesamtsystem zu führen, zu stoppen, zu bestimmen.“Armin Nassehi: Das große Nein. Eigendynamik und Tragik des gesellschaftlichen Protests. S. 68 Es gibt in der Gesellschaft viele Teilsysteme (Märkte, Regierung, Wissenschaft, Kirchen usw.), aber keines ist in der Lage alles zu bestimmen. Es kann „kein Handeln aus einem Guss geben“.Armin Nassehi: Das große Nein. Eigendynamik und Tragik des gesellschaftlichen Protests. S. 69 „Protest protestiert genau dagegen.“Armin Nassehi: Das große Nein. Eigendynamik und Tragik des gesellschaftlichen Protests. S. 70 Aus diesen strukturellen Gründen kann Protest nicht erfolgreich sein. Dadurch wird der Protest immer aggressiver.

In der heutigen Gesellschaft werden normale Konflikte klein gearbeitet in den vorhandenen Bearbeitungsroutinen. Für den Protest der vielen Sprecher fehlt nach Nassehi der Ort, um mit seinem Thema Aufmerksamkeit zu bekommen. Protest macht Themen sichtbar, die nach ihrer Meinung mehr Aufmerksamkeit verdienen. Die Funktion des Protests ist „Themen so zu setzen, dass man an ihm nicht vorbeikommt.“Armin Nassehi: Das große Nein. Eigendynamik und Tragik des gesellschaftlichen Protests. S. 82 Das Tragische am Protest ist es, dass die Themen sichtbar werden, aber die Themen können nicht vollständig bearbeitet und die Ziele nicht vollständig erreicht werden. Die funktional differenzierte Gesellschaft kann nicht „wie aus einem Guss reagieren“.Armin Nassehi: Das große Nein. Eigendynamik und Tragik des gesellschaftlichen Protests. S. 82 Die »Fundis« bei den Grünen haben ihre „Nein-Stellungnahmen“ nicht durchsetzen können. Die Grünen sind heute eine der staatstragenden Parteien. Die AfD hat mit ihrem Protest das Ziel „die Institutionen und Verfahren zu destabilisieren“Armin Nassehi: Das große Nein. Eigendynamik und Tragik des gesellschaftlichen Protests. S. 90 und nicht in den Institutionen Probleme klein zuarbeiten.

Protestbewegungen haben das Problem, dass sie über einen langen Zeitraum protestieren müssen, um Erfolg zu haben. Aber sie sind keine klassischen Organisationen wie Parteien und Verbände. Um den Zusammenhalt zu stärken, brauchen Protestbewegungen Symbole, Posen oder charismatische Elemente. Es werden Elemente aus der Popkultur übernommen, die von Reflexionen entlasten. Fridays for Future und Pegida nutzen „die wöchentliche Wiederholung von charismatischen Situationen“.Armin Nassehi: Das große Nein. Eigendynamik und Tragik des gesellschaftlichen Protests. S. 107

Protest beinhaltet eine „Steigerungslogik“, da die Proteste nicht vollumfänglich erfolgreich sein können. Zum einen ist es eine Steigerung durch immer heftigere Wortwahl und extremere Diagnosen des nicht erwünschten Zustandes. Zum anderen eine Steigerung von Gewalt, obwohl viele sich für Gewaltlosigkeit aussprechen.Armin Nassehi: Das große Nein. Eigendynamik und Tragik des gesellschaftlichen Protests. S. 118

Armin Nassehi schreibt, dass Proteste nach wie vor die physische Präsenz in der Öffentlichkeit brauchen. Im Netz ist die Möglichkeit „Nein-Stellungnahmen“ zu geben niederschwellig und entwickelt eine höhere Eigendynamik. In der realen Kommunikation, Angesicht zu Angesicht, fällt die Kommunikation nicht so unkontrolliert aus. Im Internet verbinden sich „die Elemente mündlicher Interaktion und schriftlicher Kommunikation.“Armin Nassehi: Das große Nein. Eigendynamik und Tragik des gesellschaftlichen Protests. S. 214 Dies führt in der gegenwärtigen Gesellschaft zu Veränderungen in der Kommunikation. Sie ist schneller und es fehlen Stopp-Regeln. „Gerade die verschriftliche Mündlichkeit dieser Kommunikation erzeugt ein explosives Milieu“.Armin Nassehi: Das große Nein. Eigendynamik und Tragik des gesellschaftlichen Protests. S. 127 Nassehi schreibt weiter, dass soziale Netzwerke ein „Protestmedium“ sind. Das YouTube-Video Die Zerstörung der CDU von Rezo ist ein Beispiel. Die CDU reagierte wie immer, „aber nicht medieaffin“. Es ist ein Beispiel dafür, dass „das Medium die Botschaft ist“.Armin Nassehi: Das große Nein. Eigendynamik und Tragik des gesellschaftlichen Protests. S. 130