Domenico Orseolo († nach 1036 in Ravenna) war im Jahr 1032 für einen einzigen Tag Doge von Venedig. Er usurpierte, unterstützt von einer Minderheit, nach dem Sturz seiner mächtigen Familie den Dogensitz, stieß jedoch auf übermächtigen Widerstand der Volksversammlung. Er floh nach Ravenna, wo er noch mindestens vier Jahre lebte, wie eine Urkunde erweist. In den zeitlich näheren Quellen erscheint er als Dominicus Ursiolo oder Domenego Ursiolo. Domenico gehörte der letzten der drei Familien an, die im Laufe der venezianischen Geschichte versuchten, das Dogenamt erblich zu machen. Zugleich war er der letzte Doge aus der Orseolo-Familie.
Einordnung Heiratsallianzen und die Besetzung von hohen Kirchenpositionen waren ein Kennzeichen der Politik der Familie Orseolo, die eine Art Erbmonarchie anstrebte. Bedroht war die Stellung Venedigs stärker durch äußere Mächte. Das westliche Kaiserreich unterstützte den Patriarchen von Aquileia Poppo gegen Venedig. Dieser versuchte, das Patriarchat Grado zu seinem Suffraganbistum zu machen. Dieses Vorgehen bedrohte sowohl die Stellung Venedigs als auch die Machtposition der Orseolo, denn Orso Orseolo war dort Patriarch und die von Grado abhängigen Bistümer lagen auf venezianischem Gebiet.
Als der Doge Ottone Orseolo (1009–1026) in Folge eines Aufstands, den die Familien Flabanico und Gradenigo wohl angefeuert hatten, gestürzt wurde, bemächtigten sich seine Gegner unter Führung des Domenico Flabanico des Dogen und verbannten ihn aus Venedig. An seine Stelle trat als Doge Pietro Centranico, eine „Kreatur“ des Domenico Flabanico. Ottone ging ins Exil nach Konstantinopel. Dort starb zwar 1028 der Kaiser, der der Schwiegervater des älteren Bruders von Ottone, von Giovanni (Johannes) gewesen war, doch blieb, auch wenn dieser Bruder gleichfalls längst verstorben war, die Partei der Orseolo einflussreich.
Die Unfähigkeit Centranicos, ein Mittel gegen Unruhen in Dalmatien und gegen den Patriarchen Poppo von Aquileia zu finden, der mit Rückendeckung König Konrads II. den Handel der Venezianer schädigte, führte zu seinem Sturz. Wieder übernahm ein Mitglied der Orseolo-Familie, der Patriarch Orso Orseolo, das Dogenamt. Er ließ Ottone aus Konstantinopel zurückrufen, doch starb dieser im Frühjahr 1032 ohne Venedig erreicht zu haben. Auf die Todesnachricht hin trat Orso zurück.
Domenico Orseolo, der in unbekanntem Verwandtschaftsverhältnis zu den Dogen stand, nutzte die Gelegenheit, um sich selbst zum Dogen zu erheben, doch musste er auf Druck der Volksversammlung weichen und ins Exil nach Ravenna gehen. Am Ende übernahm Domenico Flabanico die Macht, dem es 1040 gelang, die Erbmonarchie in Venedig endgültig auszuschließen.
Die Kenntnisse über die venezianische Geschichte sind um diese Zeit wieder wesentlich geringer als bis zum Jahr 1008, da der wichtigste Historiograph der frühen Geschichte der Stadt, Johannes Diaconus, gestorben war. Infolgedessen wurde die Chronik des Dogen Andrea Dandolo aus dem 14. Jahrhundert maßgeblich.
Familie, politischer Hintergrund, gescheiterte Usurpation Die Orseolo beherrschten in höchstem Maße die venezianische Politik, zugleich waren sie mit den mächtigsten Dynasten verwandt. Domenico Orseolo gehörte zu einer einflussreichen tribunizischen Familie, die mit Pietro II. Orseolo, Pietro I. und Ottone bereits drei Dogen gestellt hatte. Die Brüder des Dogen Ottone, Orso und Vitale, bekleideten als Patriarch von Grado und Bischof von Torcello die höchsten geistlichen Ämter. Ottone war eines von neun Kindern Pietros II. und seiner Frau Maria, Tochter des Dogen Vitale Candiano. Als drittgeborener Sohn wurde er Patenkind des römisch-deutschen Kaisers Otto III., nach dem er benannt wurde. Verheiratet war er ab 1011 mit einer Tochter des ungarischen Großfürsten Géza, wodurch er zum Schwager von Stephan I., dem ungarischen König, wurde.
Im Jahr 1004 begleitete Ottone seinen ältesten Bruder Giovanni (Johannes), der bereits Mitdoge war, nach Konstantinopel. Johannes heiratete dort Maria, eine Tochter aus kaiserlichem Hause. Doch 1007 starben Johannes, Maria und ihr gemeinsamer Sohn Basilios in Venedig, wie es heißt, an der Pest. So wurde Ottone zum Mitdogen seines Vaters. Als dieser starb, wurde er selbst im Alter von 16 Jahren zum Dogen erhoben. Von Ottones vier Schwestern gingen drei ins Kloster, während Hicela (Icella) Stephan (Stjepan) heiratete, den Sohn des kroatischen Königs Krešimir III.
Als 1018 der Patriarch von Grado, Vitale Candiano, nach fast fünfzigjähriger Amtszeit starb, erreichte die Familie, dass Ottones Bruder Orso, der bis dahin Bischof von Torcello gewesen war, Candiano im Amt folgte. Dieses Amt übernahm wiederum ein weiterer Bruder, nämlich Vitale, der kaum 20 Jahre alt war. Damit waren die höchsten Würden in der Hand der Orseolo.
Wie sein Vater handelte Ottone Orseolo in Abstimmung mit Konstantinopel. Hingegen kühlten sich die Beziehungen zum westlichen Kaiserreich ab. Dieses unterstützte die Ambitionen des Patriarchen von Aquileia Poppo. Das Patriarchat Aquileia lag seit Jahrhunderten in Konflikt mit dem Patriarchat Grado, das Poppo versuchte wieder zu seinem Suffraganbistum zu machen; damit aber beanspruchte er Einfluss auf venezianischem Gebiet. Auch wurde dadurch die gesicherte Machtposition der Orseolo gefährdet. Der Konflikt eskalierte, als Ottone aus Venedig vertrieben wurde.
Dies wiederum war die Folge eines Volksaufstands, den die Flabanici und die Gradenigo wohl angefeuert hatten. Ottone, dem sein Bruder Orso folgte, erschien in Istrien auf Gradenser Gebiet, während Poppo die Gelegenheit nutzte, Grado zu plündern. Venedig rief daraufhin den Dogen zurück, dem die Rückeroberung von Grado gelang. Doch seine Rückkehr war von kurzer Dauer. Unter Führung des Domenico Flabanico bemächtigte sich eine Gruppe von Aufständischen des Dogen, ließ seinen Bart scheren und verjagte ihn aus Venedig. An seine Stelle trat 1026 als Doge Pietro Centranico, eine „Kreatur“ des Domenico Flabianico.Flabànico, Domenico, doge di Venezia, Enciclopedie on line, Treccani. Ottone ging nach Konstantinopel, sein Sohn Pietro floh nach Ungarn an den dortigen Hof.
Die Unfähigkeit Centranicos, ein Mittel gegen die Unruhe in Dalmatien und die Feindseligkeiten des Patriarchen Poppo zu finden, der mit Rückendeckung Konrads II. den Handel der Venezianer schädigte, führte zu einem erneuten Umsturz. Der neue Doge wurde von den Anhängern Orseolos schon 1031 wieder gestürzt. Auch ihm wurde der Bart geschoren und er musste seinem Vorgänger nach Konstantinopel ins Exil folgen. Orso Orseolo, der Patriarch, übernahm für 14 Monate die Regentschaft. Er ließ Ottone aus Konstantinopel zurückrufen, doch starb dieser auf der Rückreise von Konstantinopel im Frühjahr 1032.
Nun versuchte der ansonsten unbekannte Domenico Orseolo, wohl mit Unterstützung seiner noch immer einflussreichen Familie, auf den Dogenstuhl zu gelangen. Der Arengo, die Volksversammlung, die zu dieser Zeit noch immer den Dogen wählte, zwang ihn jedoch, nach nur einem Tag als Doge, Venedig zu verlassen und ins Exil nach Ravenna zu gehen. Dort starb er einige Jahre später.
Rezeption Bis gegen Ende der Republik Venedig Während die frühe Zeit der Orseolo bis 1008 verhältnismäßig gut erforscht ist, lässt dies die völlig veränderte Quellenlage für die Zeit danach, und damit auch für die kurze Herrschaft Domenicos, nicht zu. Nur bis 1008 berichtet die Chronik des Johannes Diaconus, die Istoria Veneticorum, wobei sie dies in für die Epoche ungewöhnlicher Breite tut.
Venedig stand, soviel lässt sich erkennen, in einem wieder schwieriger werdenden Verhältnis zu den weit überlegenen, überaus expansiven Kaiserreichen, wobei Konrad II. die venedigfeindliche Politik Ottos II. wiederaufnahm. Das ungewöhnlich freundschaftliche Verhältnis zu Otto III., dem Taufpaten und Namensgeber Ottones, hatte bereits 1002 mit dem Tod des Kaisers geendet. Für das Venedig des 14. Jahrhunderts, auf dessen chronikalische Überlieferung wir nach Johannes Diaconus angewiesen sind – sieht man von einigen Urkunden ab –, war die Deutung, die man der Herrschaft der Orseolo und damit auch des letzten Herrschers aus diesem Hause gab, von erheblicher symbolischer Bedeutung im Kontinuum der äußeren Beziehungen, vor allem aber der inneren Auseinandersetzungen zwischen den clanartigen Familienverbänden. Denn wenige Jahre nach dem Sturz Domenicos wurde in Venedig die Erbmonarchie endgültig abgeschafft, es entstand die eigentliche Republik Venedig.
Das Augenmerk der Chronik des Dogen Andrea Dandolo repräsentiert dabei in vollendeter Form die Auffassungen der längst fest etablierten politischen Führungsgremien, die vor allem seit diesem Dogen die Geschichtsschreibung steuerten. Sein Werk wurde von späteren Chronisten und Historikern immer wieder als Vorlage benutzt. Daher wurde es überaus dominierend für die Vorstellungen von der venezianischen Geschichte vor seiner Zeit. Im Mittelpunkt stand bei beiden Chronisten das Recht aus eigener Wurzel, mithin die Herleitung und Legitimation ihres territorialen Anspruches. In diesem Zusammenhang war schon immer die Anerkennung und möglichst die Erweiterung der „alten Verträge“ durch die jeweils neu ins Amt gelangten Kaiser (und Könige) von enormer Bedeutung, denn seit 992 besaß Venedig im Osten ein Privileg, das seinen dortigen Händlern eine enorme, letztlich irreversible Dominanz verlieh, die sich durch den Niedergang nach der Makedonischen Dynastie noch weiter verstärken sollte. Die Frage der Erbmonarchie, an der die Candiano 976 in einer Katastrophe gescheitert waren, und die durch die Orseolo wieder virulent wurde, war zur Zeit Andrea Dandolos in keiner Weise mehr mit den Interessen der zu dieser Zeit herrschenden Familien, vor allem aber nicht mehr mit dem Stand der Verfassungsentwicklung in Übereinstimmung zu bringen. Die Etappen der politischen Entwicklungen, die schließlich zur weitgehenden Entmachtung des Dogen, dem man möglichst nur noch Repräsentationsaufgaben zuwies, aber keine eigenständigen Entscheidungen mehr zugestand, war ein weiteres Darstellungsziel. Dies galt in besonderem Maße bei Pietro II. Orseolo, der im Gegenteil diesen Herrschertypus verkörpert hatte, denn in ihm sah man geradezu absolutistische Züge. Das Scheitern der Orseolo war somit zentral, denn in einer Reihe von Etappen gelang es, die institutionelle Einbindung des Amtes bis zum 14. Jahrhundert vergleichsweise weit voranzutreiben. Zugleich blieb einerseits der Ausgleich zwischen den ehrgeizigen und dominierenden Familien eines der wichtigsten Ziele, denn sie hatten nicht nur mehrfach für bürgerkriegsartige Zustände in der Stadt gesorgt, sondern auch externe Mächte zur Einmischung veranlasst und erhebliche Teile der Stadt in Schutt und Asche gelegt. Ebenfalls erklärungsbedürftig war die Herleitung der herausgehobenen Position der ‚nobili‘ im Staat. Unter den Orseolo gelang dieser Ausgleich nicht, was wieder einmal zu mörderischen Kämpfen zwischen den Adelsfamilien führte. Diese Kämpfe boten zugleich, weil die Kirchenämter hierbei eine wesentliche Rolle spielten, dem Patriarchen von Aquileia und dem dahinterstehenden Römisch-deutschen Reich, sowie dem Papst, neue Möglichkeiten der Einmischung.
Noch die erste Redaktion der Origo civitatum Italie seu Venetiarum erwähnt, im Gegensatz zu Andrea Dandolo, dass Domenico durch „non modica quantitate“ des Volkes gewählt worden sei, während die dritte Redaktion ihn zum Usurpator machte, der nur eine Nacht im Dogenpalast zugebracht habe. Bei Andrea Dandolo wurde aus der ‚nicht geringen Menge‘ des Volkes eine nur noch „modica quantitate“.Lazzarini, S. 51.