mini|250px|Blick auf den östlichen Teil der Heiligen Moschee in Mekka. Die Madrasat al-Aschraf Qā'itbāy mit deutlich sichtbarem Minarett befindet sich rechts hinter der Kaaba. Die Madrasat al-Aschraf Qā'itbāy () oder Madrasa Aschrafīya in Mekka war eine Vier-Madhhab-Madrasa in unmittelbarer Nähe der Heiligen Moschee. Die Einrichtung, zu der ein Sabīl, ein Minarett, ein Ribāt und eine Bibliothek gehörten, wurde von dem mamlukischen Sultan al-Malik al-Aschraf Qā'itbāy (reg. 1468–1496) gestiftet, der auch ihrer feierlichen Eröffnung im Februar 1480 beiwohnte. Dem Unterhalt der Einrichtung, in der Studenten, Sufis und Bedürftige wohnen konnten, dienten mehrere Mietshäuser und Dörfer in Ägypten, deren Erträge regelmäßig nach Mekka abgeführt wurden. Die Madrasat al-Aschraf Qā'itbāy war die letzte Schule, die von den ägyptischen Mamluken in Mekka gegründet wurde, verlor aber schon kurz nach dem Tod ihres Stifters ihre Funktion als Bildungsinstitution. In der Zeit der osmanischen Oberherrschaft über Mekka diente sie vor allem als Herberge für die Anführer der ägyptischen Pilgerkarawane und andere hochgestellte Persönlichkeiten. Die große Bedeutung, die das Gebäude der Madrasa in der allgemeinen Wahrnehmung der Stadt Mekka hatte, spiegelt sich darin, dass sie auf vielen bildlichen Darstellungen der Heiligen Moschee aus dem 16.–18. Jahrhundert namentlich genannt wird. Im 19. und frühen 20. Jahrhundert diente das Gebäude als Wohnhaus. Im Jahre 1956 wurde es bei der Erweiterung der Heiligen Moschee abgerissen.
Position und Beschreibung mini|links|Grundriss der Heiligen Moschee von 1946. Die Räumlichkeiten der Madrasat al-Aschraf Qā'itbāy befanden sich zwischen dem Bāb as-Salām (Nr. 31) und dem Bāb an-Nabī (Nr. 33). Der Gebäudekomplex der Madrasa befand sich an der östlichen Seite der Heiligen Moschee zwischen dem Moscheehof, dem Bāb as-Salām („Friedenstor“), dem Bāb an-Nabī („Prophetentor“) und dem Masʿā, also der Laufstrecke zwischen as-Safā und al-Marwa,Siehe die Karte des ägyptischen Vermessungsamtes bei al-Ḥāriṯī: ʿImārat al-madrasa fī Miṣr wa-l-Ḥiǧāz. 1995, . die zugleich die geradeste, längste und am besten gebaute Straße von Mekka war. Die westliche Front grenzte unmittelbar an die östliche Säulenhalle der Heiligen Moschee an; von den Fenstern dieser Seite hatte man einen direkten Blick auf Moscheehof und Kaaba, womit das Gebäude eine enorm privilegierte Position hatte.Newhall: The patronage of the Mamluk Sultan Qaʾit Bay. 1987, S. 235f.
mini|Die Madrasat al-Aschraf Qā'itbāy um 1700, vom Osten aus gesehen. Auf der linken Seite des Minaretts der Ribāt mit dem Sabīl, auf der rechten Seite die eigentliche Madrasa. Der Gebäudekomplex umfasste einen Sabīl mit Zisterne, einen Ribāt mit 72 Wohnzellen, eine Elementarschule (maktab), eine Vorrichtung zur rituellen Waschung (mīḍāʾa) und ein Minarett. Die eigentliche Madrasa bestand nach Qutb ad-Dīn an-Nahrawālī aus einem Versammlungsraum (maǧmaʿ), der mit buntem Marmor verkleidet war und eine vergoldete Decke besaß.Quṭb ad-Dīn an-Nahrawālī: Kitāb al-Iʿlām bi-aʿlām bait Allāh al-ḥarām. 1857, S. 225. Der Ribāt befand sich auf der Seite des Bāb an-Nabī, der eigentliche Schulbau auf der Seite des Bāb as-Salām.al-Ḥāriṯī: ʿImārat al-madrasa fī Miṣr wa-l-Ḥiǧāz. 1995, Bd. I, S. 269. Der Sabīl, der sehr groß war und an dem Wasser für die Allgemeinheit ausgegeben wurde,al-ʿAidarūs: an-Nūr as-sāfir ʿan aḫbār al-qarn al-ʿāšir. 2001, S. 37. befand sich am Ribāt.ʿAlī ibn ʿAbd al-Qādir aṭ-Ṭabarī: al-Araǧ al-miskī fī t-tārīḫ al-Makkī. Ed. Ašraf Aḥmad al-Ǧammāl. Al-Maktaba at-Tiǧārīya, Mekka, 1416/1996. S. 82. Digitalisat Die Zisterne lag direkt darunter, hatte eine Fläche von 14 × 14 Meter und war 6 Meter tief.al-Ḥāriṯī: ʿImārat al-madrasa fī Miṣr wa-l-Ḥiǧāz. 1995, Bd. I, S. 294. Die Koranschule befand sich unmittelbar oberhalb des Sabīl.as-Saḫāwī: aḍ-Ḍauʾ al-lāmiʿ fī aʿyān al-qarn at-tāsiʿ. 1934–36. Bd. VI, S. 207.
Das Gebäude war auf der westlichen zum Masʿā hin weisenden Seite 33 Meter lang und drei Stockwerke hoch.al-Ḥāriṯī: ʿImārat al-madrasa fī Miṣr wa-l-Ḥiǧāz. 1995, Bd. I, S. 272f. Die Länge der nördlichen Front betrug 28,5 Meter, die der westlichen Front 30 Meter und die der nördlichen Front 19 Meter.al-Ḥāriṯī: ʿImārat al-madrasa fī Miṣr wa-l-Ḥiǧāz. 1995, Bd. I, S. 278f, 281. In etwa der Mitte der westlichen Front befand sich ein Tor mit einer Eingangshalle (fasaḥa),al-Ǧazīrī: Durar al-fawāʾid al-munaẓẓama. 2002, S. 517. die kunstvoll mit Trompen gestaltet war.Siehe al-Ḥāriṯī: ʿImārat al-madrasa fī Miṣr wa-l-Ḥiǧāz. 1995, . Das Minarett befand sich unmittelbar über diesem Eingangstor.ʿAbd al-ʿAzīz Ibn Fahd: Bulūġ al-qirā fī ḏail Itḥāf al-warā. 2005, S. 1330. An den Seiten des Toreingangs war eine Bauinschaft angebracht, in der der Koranvers Sure 9:18 („Die Kultstätten Gottes soll erhalten, wer an Gott und den Jüngsten Tag glaubt, das Gebet verrichtet und die Zakāt entrichtet [...]“) zitiert und darauf verwiesen wurde, dass Sultan Qā'itbāy die Errichtung der Madrasa angeordnet hatte.al-Ḥāriṯī: ʿImārat al-madrasa fī Miṣr wa-l-Ḥiǧāz. 1995, Bd. I, S. 283.
Nach den Beschreibungen der letzten Bewohner des Gebäudes gelangte man, wenn man durch das Eingangstor der Madrasa ging, zu einem Korridor (dihlīz), der mit einem Holzdach bedeckt, in der Mitte des Gebäudes jedoch unbedeckt war und sich dort nach rechts und links verzweigte. Wenn man geradeaus weiterging, gelangte man über Stufen hinunter zu einem Durchgang zum Hof der Heiligen Moschee.al-Ḥāriṯī: ʿImārat al-madrasa fī Miṣr wa-l-Ḥiǧāz. 1995, Bd. I, S. 289. Allerdings war dieses Tor üblicherweise moscheeseitig verschlossen.Muḥammad ibn Aḥmad aṣ-Ṣabbāġ: Taḥṣīl al-marām fī aḫbār al-bait al-ḥarām wa-l-mašāʿir al-ʿiẓām wa-Makka wa-l-ḥaram wa-wulātihā al-fuḫām. Ed. ʿAbd-al-Malik ibn ʿAbdallāh Ibn-Duhaiš. Mekka, 2004. S. 389f. Digitalisat Zum Norden hin öffnete sich der Korridor zu einem Lichthof (fināʾ) mit einem Īwān, dem ein Spitzbogen vorgelagert war.al-Ḥāriṯī: ʿImārat al-madrasa fī Miṣr wa-l-Ḥiǧāz. 1995, Bd. I, S. 290f, Bd. II. . Dieser Īwān, der schon in den frühesten Beschreibungen des Gebäudes erwähnt wird,Ibn Fahd: Itḥāf al-warā bi-aḫbār Umm al-Qurā. 1988. Bd. IV, S. 648. war mit einem dekorierten Holzdach bedeckt, und sein Fußboden war mit buntem Marmor gestaltet. Die jeweils von einer Person bewohnten Zellen, von denen es ursprünglich 72 gab, hatten eine Fläche von nicht mehr als 1,5 mal 2 Meter.al-Ḥāriṯī: ʿImārat al-madrasa fī Miṣr wa-l-Ḥiǧāz. 1995, Bd. I, S. 300.
Errichtung und Eröffnung Erbauer der Madrasa war der ägyptische Sultan al-Malik al-Aschraf Qā'itbāy aus der Burdschiyya-Dynastie, der schon vorher großes Interesse für Mekka gezeigt und verschiedene Bauprojekte in der Heiligen Stadt durchgeführt hatte. So hatte er schon 874 (= 1469/70 n. Chr.) die Chaif-Moschee in Minā erneuern und danach die Nimra-Moschee in ʿArafāt reparieren lassen, 879 (= 1474/75) einen neuen Minbar nach Mekka geschickt und 881 (= 1476/77) die Dachsparren an der östlichen Halle der Heiligen Moschee und die Marmorplatten des Hidschr an der Kaaba ausbessern lassen.Wüstenfeld: Geschichte der Stadt Mekka. 1861, S. 290f. In Kairo hatte er außerdem 1472–1474 eine Grabmoschee errichten lassen.
Im Jahre 882 (= 1477/78) beauftragte Qā'itbāy seinen Bevollmächtigten und Händler al-Chawādscha Schams ad-Dīn Muhammad ibn ʿUmar, der unter dem Namen Ibn az-Zamin bekannt war, und seinen Baumeister Amīr Sunqur al-Dschamālī, einen Ort mit Blick auf die Heilige Moschee zu erwerben, um dort für ihn eine Schule für die vier sunnitischen Rechtsschulen und einen Ribāt, in dem Arme (fuqarāʾ) wohnen könnten, zu errichten. Zum Unterhalt der beiden Einrichtungen sollten mehrere Mietwohnungen (rubūʿ) und überdachte Räume (musaqqafāt) gebaut werden. Aus ihren Mieteinnahmen sollten die Lehrer der Einrichtung bezahlt werden. Um Platz für die beiden neuen Einrichtungen zu haben, erwarben die beiden Beauftragten des Sultans ein Grundstück an der Ostseite der Heiligen Moschee, auf dem drei Gebäude standen, nämlich der Ribāt as-Sidra, der Ribāt al-Marāghī (auch Ribāt al-Qailānī genannt) und das Haus der Scherifin Schamsīya. Der Erwerb der beiden Ribāte erfolgte durch Istibdāl (Austausch von Waqf-Eigentum),Vgl. dazu Mortel: „Madrasas in Mecca during the Medieval Period“. 1997, S. 249. der Erwerb des Hauses der Scherifin durch Kauf.Quṭb ad-Dīn an-Nahrawālī: Kitāb al-Iʿlām bi-aʿlām bait Allāh al-ḥarām. 1857, S. 225. Der Abriss der drei Gebäude war Ende des Jahres 883 (= Frühjahr 1479) abgeschlossen.Ibn Fahd: Itḥāf al-warā bi-aḫbār Umm al-Qurā. 1988. Bd. IV, S. 638f.
Der Bau des neuen Gebäudekomplexes war im Ramadan 883 schon relativ weit fortgeschritten. Allerdings ereignete sich am 15. Ramadan 883 (= 10. Dezember 1478) in Mekka nach einem heftigen Regen eine große Überschwemmung, bei dem die Zisterne der Madrasa mit Wasser volllief und das Wasser schließlich bis zur Höhe der Fenster des Erdgeschosses des Gebäudes stand.Ibn Fahd: Itḥāf al-warā bi-aḫbār Umm al-Qurā. 1988. Bd. IV, S. 634. Über dem Eingangstor, das zum Masʿā hin lag, errichtete Sunqur al-Dschamālī in kunstvoller Weise ein Minarett mit drei Stockwerken, das vom Aussehen dem Minarett des ebenfalls von ihm erbauten Minarett der Chaif-Moschee in Minā glich.Quṭb ad-Dīn an-Nahrawālī: Kitāb al-Iʿlām bi-aʿlām bait Allāh al-ḥarām. 1857, S. 426. Sunqur al-Dschamālī erbaute außerdem zum Unterhalt der Einrichtung zwei Mietshäuser. Das eine davon befand sich am Bāb as-Salām, das andere am Bāb al-Harīrīyīn.Quṭb ad-Dīn an-Nahrawālī: Kitāb al-Iʿlām bi-aʿlām bait Allāh al-ḥarām. 1857, S. 226. Als der Sultan im Februar 1480 zur Wallfahrt nach Mekka, konnte er schon in seiner neu erbauten Madrasa absteigen.Quṭb ad-Dīn an-Nahrawālī: Kitāb al-Iʿlām bi-aʿlām bait Allāh al-ḥarām. 1857, S. 234f.
Die feierliche Eröffnung der Einrichtung fand nach Ende der Wallfahrtsriten am 13. Dhū l-Hiddscha 884 (= 25. Februar 1480) in Anwesenheit aller großen Würdenträger der Stadt statt. Bei dieser Gelegenheit nahm der Sultan an einer gemeinsamen Rezitation des Korans teil und reichte hinterher Speisen.Ibn Fahd: Itḥāf al-warā bi-aḫbār Umm al-Qurā. 1982–1990. Bd. IV, S. 648.
Stellenausstattung und Finanzierung Bei der feierlichen Eröffnung der Schule wurden auch ihre verschiedenen Amtsträger eingesetzt. So ernannte der Sultan vier ScheicheSo Ibn al-Ǧīʿān: „Kitāb al-Maǧmūʿ aẓ-ẓarīf“. 1976, S. 680. bzw. LehrerSo Quṭb ad-Dīn an-Nahrawālī: Kitāb al-Iʿlām bi-aʿlām bait Allāh al-ḥarām. 1857, S. 226, 225. für die vier sunnitischen Lehrrichtungen. Die betreffenden Lehrstühle wurden den vier Qādīs, die zu jener Zeit die Rechtsprechung in der Stadt innehatten, übertragen. Qā'itbāy stellte außerdem 40 Studenten (ṭalaba) aus dem Kreis der Bewohner Mekkas ein, die jeden Tag anwesend zu sein hatten. Die Lehrer hatten sich an den Unterrichtstagen mit den Studierenden ihres Madhhabs zu versammeln und sie zu unterrichten.Ibn al-Ǧīʿān: „Kitāb al-Maǧmūʿ aẓ-ẓarīf“. 1976, S. 681. Die Schule war außerdem mit einem Kātib Ghaiba ausgestattet, also einem Sekretär, der die Abwesenheit von Studenten registrierte.Vgl. zu diesem Amt Jonathan Porter Berkey: The Transmission of Knowledge in Medieval Cairo: A Social History of Islamic Education. Princeton University Press, Princeton, New Jersey, 1992. S. 74f. Als Scheich der gesamten Einrichtung fungierte der Qādī Burhān ad-Dīn Ibn Zahīra.ʿAbd al-ʿAzīz Ibn Fahd: Bulūġ al-qirā fī ḏail Itḥāf al-warā. 2005, S. 354. Darüber hinaus ernannte der Sultan einen eigenen Scheich für den Ribāt. Der mekkanische Geschichtsschreiber ʿUmar Ibn Fahd erwähnt, dass der Ribāt daneben noch einen eigenen Verwalter (nāẓir) hatte. Ersterer war Schams ad-Dīn al-Masīrī, letzterer Fachr ad-Dīn Abū Bakr Ibn Zahīra.Ibn Fahd: Itḥāf al-warā bi-aḫbār Umm al-Qurā. 1982–1990. Bd. IV, S. 648.