mini|Emil Stumpp: Rudolf Schulz-Dornburg (1933) Rudolf Schulz-Dornburg (* 31. März 1891 in Würzburg; † 16. August 1949 in Gmund am Tegernsee) war ein deutscher Dirigent und Komponist. Bekannt wurde er in den 1920er und 1930er Jahren als Avantgardedirigent und Pionier des modernen Musiktheaters. Er gehörte zu den Gründern der heutigen Folkwang-Hochschule. In der Zeit des Nationalsozialismus war er unter anderem Dirigent des Reichsorchesters des Deutschen Luftsportverbandes und Generalmusikdirektor des Deutschlandsenders. Nach dem Krieg amtierte er kurz als Generalmusikdirektor am Theater Lübeck.
Frühe Jahre Schulz-Dornburg entstammt einer Kölner Sängerfamilie. Sein Vater, Richard Schulz-Dornburg (1855–1913), war Konzertsänger und später Gesangs- und Hochschullehrer an der Kölner Musikhochschule.Bernhard Habla, Internationale Gesellschaft zur Erforschung und Förderung der Blasmusik (Hrsg.): Kongressbericht Oberwölz/Steiermark 2004. ISBN 978-3-7952-1203-2, Schneider 2006, S. 153. Sohn Rudolf hatte einen älteren Bruder und zwei Schwestern: Hanns Schulz-Dornburg (1890–1950) war als Opernsänger und Theaterintendant tätig,Thomas Eicher, Barbara Panse und Henning Rischbieter, Theater im «Dritten Reich». ISBN 978-3-7800-0117-7, Kallmeyer, Seelze-Velber 2000. Maria Schulz-Dornburg (1892–1976) wirkte als Opernsängerin und Hochschullehrerin am Salzburger Mozarteum,Akademie für Musik und darstellende Kunst Mozarteum in Salzburg (Hrsg.): Jahresbericht 1961/1962, Horst Springauf (Verantl), Eigenverlag, S. 22. Else Schulz-Dornburg (* 1903) als Koloratursoubrette.Karl-Josef Kutsch und Leo Riemens, Unvergängliche Stimmen, Francke, 1975, S. 635.
Rudolf Schulz-Dornburg besuchte das Kölner Konservatorium und studierte anschließend in Würzburg. Zu seinen Lehrern gehörte Otto Neitzel, bei dem er Kompositionsunterricht erhielt.
Berufsbeginn in der Weimarer Republik Nach ersten Betätigungen als Sänger und Chorleiter wurde er 1912 nach einer Studienreise Kapellmeister am Deutschen Theater in Köln, wo er eine Bearbeitung des ältesten deutschen Singspiels Seelewig von Sigmund Theophil Staden aufführte. 1913 wechselte er als Dirigent (Kapellmeister) und Dramaturg an das Hoftheater Mannheim.Matthias Uecker, Ein “Märtyrer für die Jüngsten”. In: Zwischen Industrieprovinz und Großstadthoffnung. ISBN 978-3-8244-4151-8, Deutscher Universitätsverlag, Wiesbaden 1994, S. 100–139. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs, in dem er als Jagdflieger eingesetzt wurde,Chris Walton, Othmar Schoeck: Life and Works, University Rochester Press, ISBN 978-1-58046-300-3, 2009, S. 229 (in Englisch) begann die Karriere Schulz-Dornburgs.
Bochumer Symphoniker mini|hochkant|Städtisches Orchester Bochum 1919 Mit nur 28 Jahren wurde er 1919 zum Generalmusikdirektor des neu gegründeten Städtischen Orchesters Bochum berufen. In einer Zeit, in der im Ruhrgebiet – anders als in anderen Teilen Deutschlands – Symphonieorchester vergrößert wurden und neue entstanden, konnte Schulz-Dornburg dem Ensemble mit avantgardistischen Programmen (so mit Kompositionen von Paul Hindemith, Ernst Krenek und Erwin Schulhoff) schnell einen überregionalen Ruf verschaffen.Die Geschichte der Bochumer Symphoniker, Website der Bochumer Symphoniker Er realisierte auch die Idee, mittelalterliche Musik zusammen mit zeitgenössischer (in einem oder mehreren Konzerten) aufzuführen und so miteinander zu konfrontieren.Nathanael Ullmann, Zehn Generäle führten in Bochum das Orchester, 11. Oktober 2016, IKZ Online (Funke Medien)
Sinfonieorchester in Münster Es folgte ab 1924Wilhelm Koschs (Hrsg.): Deutsches Theaterlexikon und die Deutsche Biographische Enzyklopädie (Online-Ausgabe) geben 1925 als Beginn der GMD-Position in Münster an. eine Tätigkeit als Generalmusikdirektor der Stadt Münster, mit Verantwortung für das Sinfonieorchester Münster und mit der musikalischen Leitung des Städtischen Theaters unter gleichzeitiger Übernahme der Direktorenfunktion an der „Westfälischen Schule für Musik“. Hier initiierte Schulz-Dornburg u. a. die „Händel-Renaissance“, die mit Händel-Opern und -Oratorien über die Region hinaus Aufmerksamkeit erregte.Musikschulleitungen 1919–2019: Rudolf Schulz-Dormburg, Westfälische Schule für Musik, Website der Stadt Münster Auch die moderne Musik erlebte unter ihm einen Aufschwung in Münster – so wurden neben Hindemith auch Béla Bartók und Arnold Schönberg gespielt.Christoph Schmidt, Nationalsozialistische Kulturpolitik im Gau Westfalen-Nord: regionale Strukturen und lokale Milieus (1933–1945), Forschungen zur Regionalgeschichte (54), Dissertation, ISBN 978-3-506-72983-5, Paderborn 2006, S. 297. Der Plan, eine „Akademie für Bewegung, Sprache und Musik“ zu gründen, zerschlug sich allerdings in der Wirtschaftskrise. Als es im Rahmen einer Ballettproduktion von Kurt Jooss (Der Tanz des Todes) zu einem Eklat kam, musste Schulz-Dornburg Münster verlassen.
Essener Bühnen und Folkwang-Schule Unter dem damaligen Oberbürgermeister Franz Bracht wurde er 1927 als „Künstlerischer Fachberater“ nach Essen berufen. Bracht erhoffte sich von seiner Verpflichtung eine deutliche Verbesserung des Essener Kulturlebens. So sollten auch Uraufführungen zu einer Anhebung des Niveaus der Essener Opernbühne führen. Gemeinsam mit Kurt Weill und Bertolt Brecht wurde die Idee zu einer revue-artigen Industrieoper, dem „Ruhr-Epos“, entwickelt. So sollte nach Schulz-Dornburg „etwas außerordentlich Wichtiges und Schönes werden, das ... Absichten der Stadt in künstlerischer Beziehung besonders deutlich schon im ersten Jahr erkennen lässt ...“.Werner Häußner, Vertane Chance: Das „Ruhrepos“ von Kurt Weill und Bert Brecht, 27. Februar 2015, in: Revierpassagen Auch in Essen profilierte sich der Generalmusikdirektor neben der Pflege der Klassik wieder als Befürworter modernistischer Strömungen in der Musik. So wurden Alban Berg, Ernst Krenek, Paul Hindemith, Arnold Schönberg und Igor Strawinsky auf die Bühne gebracht. Essen war zu dieser Zeit auch im Ballett richtungsweisend – die Jooss-Choreografie Der grüne Tisch erlebte hier 1932 ihre Uraufführung., 22. Oktober 2017, Lintorfer (Internet-Zeitung)
In Essen erfolgte 1927 auch die Gründung der (späteren) Folkwang-Hochschule. Das Ausbildungskonzept der Folkwang-Schule für Musik, Tanz und Sprechen entwickelte Schulz-Dornburg gemeinsam mit dem Bühnenbildner Hein Heckroth und dem ebenfalls nach Essen gewechselten Choreographen Kurt Jooss.Die Folkwang Geschichte, Website der Folkwang Universität der KünsteDer Musikwissenschaftler Jens Ferber vermutet Gemeinsamkeiten zwischen der ursprünglichen Folkwang-Idee und der Ideologie der Nationalsozialisten. Schließlich habe das Dritte Reich auch manchem Folkwang-Exponenten Ruhm und Ehre gebracht. Jens Ferber, Künstler, Bürger, Obrigkeit: Hagener Musik- und Theaterpolitik im 19. und 20. Jahrhundert. ISBN 978-3-89688-058-1, Agenda, 1999, S. 159.
Tätigkeit in der NS-Zeit Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 änderte sich Schulz-Dornburgs programmatischer Ansatz. Er wandte sich von der vorher geförderten Avantgardemusik ab und begann, von den Machthabern geschätzte Künstler wie auch eine „arteigene Fliegermusik“ zu spielen und zu komponieren. Die bald geächtete Musik von Alban Berg, Strawinsky oder Hindemith wurde aus dem Repertoire gestrichen, Werke von Paul Höffer und Curt Gebhard aufgenommen.Susann Witt-Stahl, "But his soul goes marching on": Musik zur Ästhetisierung des Krieges, ISBN 978-3-00-005319-1, Forum Coda, 1999. In der Spielzeit 1933/34 dirigierte er an der Städtischen Oper Berlin die Premiere der Oper Michael Kohlhaas von Paul von Klenau,Detlef Meyer zu Heringdorf: Das Charlottenburger Opernhaus von 1912 bis 1961: Von der privat-gesellschaftlich geführten Bürgeroper bis zur subventionierten Berliner «Städtischen Oper». 2 Bde., S. 359. Verlag: Deutsche Oper, Berlin 1988, ISBN 978-3-926412-07-2. der zu den führenden Komponisten im Nationalsozialismus gehörte. 1936 wurde Schulz-Dornburg als Gast-Dirigent für das alljährlich in Stuttgart vom „SS-Abschnitt X“ zum sog. „Tag der Machtergreifung“ veranstaltete Festkonzert verpflichtet, bei dem er das Württembergische Staatsorchester und das Orchester des Reichssenders Stuttgart vereinigte und ein Programm mit Werken von Ludwig van Beethoven aufführte, dessen Höhepunkt die Kantate Der glorreiche Augenblick war, die Schulz-Dornburg durch einen neuen, von ihm verfassten Text im Sinne des NS-Staates umprägte.Fred K. Prieberg: Musik im NS-Staat. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 1982, ISBN 3-596-26901-6.
Carl Zuckmayer stellte 1944 in seinem für das Office of Strategic Services verfassten Charakterporträt zu Schulz-Dornburg fest:
Die Lübecker Kulturjournalisten Karsten Bartels und Günter Zschacke vermuten, dass Schulz-Dornburg mit Blick auf seine Tätigkeiten in der NS-Zeit der „NSDAP zumindest nahegestanden haben musste“.Karsten Bartels und Günter Zschacke, 100 Jahre Orchester in der Hansestadt Lübeck 1897–1997. ISBN 978-3-7950-1225-0, Schmidt-Römhild, 1997. Andererseits war Schulz-Dornburg, der zum Ende des Krieges Major der Luftwaffe war, im Dritten Reich auch umstritten und wurde bespitzelt.Der "Reichssender Köln": Der Rundfunk während der NS-Diktatur, Website des WDR, Bildunterschrift 12/29
Reichsorchester Deutscher Luftsport mini|hochkant|1934 von Jupp Wiertz für den Deutschen Luftsport-Verband entworfenes Plakat:Reichsorchester Deutscher Luftsport / Generalmusikdirektor Schulz-Dornburg Auf Wunsch Hermann Görings, der ebenfalls Jagdflieger im Ersten Weltkrieg gewesen war,Die Kultur- und Politikjournalistin Susann Witt-Stahl bezeichnet Schulz-Dornburg als „Fliegerkamerad Görings“. Susann Witt-Stahl, "But his soul goes marching on": Musik zur Ästhetisierung des Krieges. ISBN 978-3-00-005319-1, Forum Coda, 1999. gründete Schulz-Dornburg 1934 das Reichsorchester Deutscher Luftsport, dem er als Dirigent vorstand.Michael Schramm, Hans Felix Husadel: Werk, Wirken, Wirkung ; Dokumentation zum Symposium, Dokumentationsband zum gleichnamigen Symposium vom 20. bis 22. Oktober 2004 in Bonn, ISBN 978-3-00-020320-6, Militärmusikdienst der Bundeswehr (Hrsg.), 2006. Dieses Blasorchester des Deutschen Luftsportverbandes, einer Vorgängerorganisation der Luftwaffe der Wehrmacht, trat einschließlich seines Dirigenten in einer Art Phantasie-Uniform auf und bestand aus jungen und guten, wenn auch zunächst unerfahrenen Musikern.Mitteilungen der Hans Pfitzner-Gesellschaft, Folgen 51–54, Hans Pfitzner-Gesellschaft (Hrsg.), ISBN 978-3-7952-0636-9, Verlag H. Schneider, 1990, S. 26. Schulz-Dornburg wurde in Medien als „Musikflieger“ oder „Fliegerkapitän“ des Orchesters bezeichnet und sehr bekannt.Christa Brüstle, Anton Bruckner und die Nachwelt: Zur Rezeptionsgeschichte des Komponisten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. ISBN 978-3-476-04283-5, Springer-Verlag, 2016, S. 99 (Fußnoten) Das zu NS-Propagandazwecken genutzte Orchester trat im ganzen Land auf, mitunter sogar mehrmals täglich.Neue Zeitschrift für Musik, Jahrgang 102, Verlag Gustav Bosse, 1935, S. 174.
Aufgaben in Berlin Immer wieder arbeitete Schulz-Dornburg auch in Berlin, dazu wurde er von der Leitung des Luftsport-Orchesters beurlaubt. 1936 wurde er Chefdirigent des Deutschlandsenders. So wirkte er als Chefdirigent des Berliner Rundfunk-Sinfonieorchesters und arbeitete mit den Berliner Philharmonikern. Ab 1939 war er auch als Generalmusikdirektor und Dirigent beim neu gegründeten Kammerorchester des Deutschlandsenders tätig.
Generalmusikdirektor beim Reichssender Köln Seit April 1937 leitete Schulz-Dornburg das Orchester des Kölner Reichssenders. Hier versuchte er, seine musikpädagogische Arbeit – unter Ausschluss von neuer, atonaler Musik – fortzusetzen.
Bei der Reichs-Rundfunk-Gesellschaft