mini|Vokal- und Instrumentalensemble Zwety, undatiertes Poster Vokal- und Instrumentalensemble (, wiss. Transliteration , abgekürzt VIA) war in der ehemaligen Sowjetunion die offizielle Bezeichnung für professionelle, staatlich registrierte Popmusikgruppen. Darüber hinaus wurden in der Sowjetunion zunehmend alle Ensembles der populären Musik so bezeichnet, teilweise auch ausländische Gruppen; schließlich wurde der Begriff auch auf sowjetische Rock-, Folk- und sonstige Musikgruppen angewandt.
Gruppen, die als Vokal- und Instrumentalensemble registriert waren, hatten Zugang zu den sowjetischen Staatsmedien und zu Aufnahmestudios und konnten Tonträger beim staatlichen sowjetischen Plattenlabel Melodija veröffentlichen. Andererseits waren sie verstärkt der Kontrolle der sowjetischen Behörden unterworfen.
Entstehung mini|Die 1966 gegründeten Wesjolyje Rebjata, hier als Begleitgruppe von Alla Pugatschowa, gehören zu den ersten sowjetischen VIA Der Begriff selbst, wie auch die Musikgruppen, auf die sich dieser Begriff bezieht, entwickelten sich in den 1960er Jahren. In dieser Zeit kam auch die sowjetische Jugend auf verschiedenen Wegen in Kontakt mit westlicher Beatmusik. Infolgedessen bildeten sich vor allem an Schulen, Universitäten und Instituten erste Bands, die derartige Musik spielten.Georgi Tolstiakov: Sowjetische Rockmusik in den 80er Jahren. Sowjetunion heute, Nr. 8 (August 1985) Mit dem Amtsantritt Breschnews begann eine Periode des kulturellen Tauwetters. Die bislang abwehrende Haltung der sowjetischen Kulturfunktionäre änderte sich, da sie erkannten, dass populäre Musik eine wesentliche Rolle im Leben junger Menschen spielt. Statt sie zu verbieten, sollte sie in geordnete Bahnen gelenkt und für eigene Zwecke genutzt werden. So wurde 1969 im Moskauer Cafe „Melodie und Rhythmus“ auf Initiative des KGB der erste sowjetische Beat-Club gegründet.Frederick Starr: The Rock Inundation in The Wilson Quarterly, Nr. 4 (Herbst 1983), S. 65 f. Für die sich etablierenden Bands musste ein Name gefunden werden, da sowohl der Begriff Beatgruppe als auch Band ebenso wie später Rockgruppe untrennbar mit westlicher Kultur verbunden und damit in den Augen sowjetischer Kultur- und Jugendfunktionäre negativ konnotiert waren. Für derartige Ensembles wurde daher die Bezeichnung „Vokal- und Instrumentalensemble“ eingeführt.
Die erste Verwendung des Begriffs ist für den Mai 1966 nachgewiesen, als auf einem Aushang der Philharmonischen Gesellschaft in Donezk für einen Auftritt der Gruppe „Awangard“ geworben wurde.Евгений Ясенов: Здесь начинались ВИА. In: donjetsk.com. (russisch) 1966 wurden auch die „Wesjolyje Rebjata“ (deutsch „Fröhliche Kinder“) und die „Pojuschtschije gitary“ (deutsch „Singende Gitarren“) in Leningrad und Moskau gegründet.
Besonderheiten mini|Das Vokal- und Instrumentalensemble Pesnjary bei einem Auftritt in Jaroslawl, 1974 VIA wurden bei verschiedenen kulturellen Einrichtungen zusammengestellt: Philharmonien, Theatern oder ähnlichen Einrichtungen. VIA waren damit offiziell registriert, ihre Mitglieder Angestellte des entsprechenden Trägers. Nachgewiesen wurde das durch das Arbeitsbuch des Musikers, das bei der beschäftigenden Stelle hinterlegt wurde. Dieser Status unterschied VIA von den Rockmusikern, die als Amateure galten. Diese waren beispielsweise gezwungen, offiziell einer Arbeit nachzugehen, um nicht wegen asozialen Verhaltens verfolgt zu werden. Neben den professionellen VIA gab es jedoch in vielen Fällen auch Amateurgruppen bei den entsprechenden Trägern.
Trotz ihrer privilegierten Stellung waren VIA in der musikalischen Praxis vielfältigen Einschränkungen unterworfen. Dabei ist jedoch zu beachten, dass diese Einschränkungen sich im Laufe der Zeit änderten. Aufgrund der vielfältigen, zersplitterten Zuständigkeiten war eine stringente Durchsetzung mit Ausnahme der Phase 1982 bis 1985 kaum möglich, da die ideologischen Vorgaben von den einzelnen zuständigen Stellen und in den einzelnen Sowjetrepubliken unterschiedlich umgesetzt wurden. Auch entwickelten und nutzten sowjetische Musiker vielfältige Möglichkeiten, um derartige Einschränkungen zu unterlaufen.
Das Repertoire der VIA bestand hauptsächlich aus Liedern von Komponisten und Dichtern, die Mitglieder des Verbandes der Komponisten und des Schriftstellerverbandes waren. In der ersten Hälfte der 1980er Jahre gab es sogar die unausgesprochene Regel, das 80 % des Repertoires von Mitgliedern des Komponistenverbandes geschrieben sein mussten.Андрей Макаревич о религии «Битлз», рок-фанатах и Окуджаве (russisch) Da dieser seit 1973 keine neuen Mitglieder mehr aufnahm und das Durchschnittsalter seiner Mitglieder 1983 bei 60 Jahren lag,Sergey Grechishkin: Everything is Normal: The Life and Times of a Soviet Kid, Inkshares, 2018, ISBN 1942645902, S. 127 (englisch) war damit das Angebot an aufführbarer moderner populärer Musik begrenzt. Lieder von Komponisten sozialistischer Länder durften ebenfalls aufgeführt werden, die Texte wurden ins Russische übersetzt. Viele VIA führten auch Kompositionen ihrer Mitglieder auf, darunter auch Instrumentals. Melodien und Texte mussten auf jeden Fall bis 1987 vor der Aufführung durch den „Künstlerischen Rat“ () genehmigt werden. Beim „Künstlerischen Rat“ handelte es sich um Gremien, die von der KPdSU oder der Verwaltung auf Landes- oder regionaler Ebene eingesetzt wurden. Sie bestanden aus Fachleuten für den jeweiligen künstlerischen Bereich. Neben der Konformität zu den jeweiligen ideologischen Vorgaben hatten sie auch die künstlerische Ausführung zu begutachten und stilistisch oder handwerklich unzureichende Darbietungen zurückzuweisen. Diese Räte hatten damit eine ähnliche Funktion wie die Einstufungskommissionen in der DDR.
Eine große Rolle in der Aufführungspraxis spielten Coverversionen westlicher Stücke. Um die Genehmigung dieser Lieder zu erreichen, wurde gelegentlich versucht, diese Stücke zu maskieren: Die Namen wurden geändert, die Kompositionen wurden Mitgliedern des Verbandes der Komponisten, Mitgliedern der Gruppe oder gar erfundenen Komponisten zugeschrieben oder als amerikanische Volkslieder deklariert.
Vokal- und Instrumentalensembles hatten im Vergleich zu sowjetischen Rockgruppen leichteren Zugang zu den sowjetischen Staatsmedien und zu Schallplattenaufnahmen. Aufnahmen der VIA wurden regelmäßig in Rundfunk und Fernsehen gespielt, während andere Musikgruppen nur gelegentlich, insbesondere während der Zeit um die Olympischen Spiele 1980 in Moskau Zugang zu den Medien hatten. Schallplatten wurden in der Sowjetunion nur durch das Label Melodija herausgegeben. Für VIA war es – unter Beachtung der oben genannten Einschränkungen des Repertoires – relativ einfach möglich, Schallplatten zu produzieren, und die Verkäufe erreichten beachtliche Größenordnungen. So wurden von einer Single der „Wesselyje rebjata“ mit zwei Coverversionen von Beatles-Stücken in vier Jahren fast 16 Millionen Exemplare verkauft; allerdings erhielten die Musiker für diese Aufnahmen insgesamt nur 40 Rubel.50 культовых пластинок фирмы «Мелодия» // Серебряный дождь. 2014 (russisch) Die LP „U nas, molodych“ (, deutsch „Bei uns jungen“) des VIA „Samozwety“ (deutsch „Edelsteine“), die zwischen 1975 und 1979 mehrfach aufgelegt wurde, erreichte eine Verkaufszahl von 2,5 Millionen Exemplaren.Статья о ВИА «Самоцветы» из газеты «Труд» 1979 года (russisch)
Auftritte im Hörfunk und Fernsehen sowie Schallplattenaufnahmen führten zu einer großen Popularität der VIA, die sich in entsprechenden Besucherzahlen bei Konzerten führte. Konzerte unterlagen in der Sowjetunion ebenfalls Restriktionen. Konzerte durften nur die dazu ermächtigten Veranstalter durchführen; neben Philharmonien und Theatern waren das vor allem Klubhäuser, Hotels und Erholungsheime, aber auch Restaurants. Offiziellen Veranstaltern war es nicht gestattet, Konzerte mit nicht registrierten Bands zu veranstalten. Auch wenn diese Regelungen auf vielfältige Art unterlaufen wurden, schränkte es die Auftrittsmöglichkeiten nichtregistrierter sowjetischer Rockbands drastisch ein und drängte diese mehr oder weniger in die Illegalität. Die Konzerte waren angesichts der geringen Erlöse aus Plattenaufnahmen die Haupteinnahmequelle der VIA und wurden entsprechend forciert. So sah der jeweils genehmigte Jahresplan der „Wesselyje rebjata“ jährlich bis zu 500 Konzerte vor.«Веселые ребята, до и после антракта». In: YouTube. Film über die "Wesselyje rebjata" (russisch) Die Popularität erreichte eine solche Größenordnung, dass ein VIA in einer mittelgroßen Stadt eine ganze Woche lang auftreten konnte; dabei wurden an Wochentagen jeweils zwei und am Wochenende drei bis vier Konzerte gespielt.Konzertplakat des VIA „Tscherwona Ruta“ für die Auftritte in Protwino vom 27. Juni bis 7. Juli 1975 (russisch) Durch die Genehmigungsbehörden wurde auch festgelegt, welche Vergütung die VIA für ihre Auftritte verlangen durften. Die Honorare bewegten sich im Bereich von 90 bis 140 Rubel pro Konzert.Vlastimir Nesic: Rock u SSSR-u. Reporter (Belgrad), Nr. 947, 14. Juni 1985, S. 40. Der künstlerische Leiter musste die Setlist für die geplanten Konzerte den Behörden zur Genehmigung vorlegen, die Genehmigung galt jeweils für einen Monat und konnte jederzeit widerrufen werden. Jedes Vokal- und Instrumentalensemble hatte einen musikalischen Leiter, der die Gruppe gegenüber den Veranstaltern oder den Behörden vertrat. Diese Rolle konnte auch einer der Musiker der Gruppe übernehmen.
Da Konzerte genehmigt werden mussten, konnte ihre Genehmigung auch widerrufen werden. Dabei ergaben sich aufgrund der verteilten Zuständigkeiten komplexe, nicht auf den ersten Blick erkennbare Folgen. Im Jahr 1982 wurde in der sowjetischen Militärzeitung Krasnaja Swesda in einem Leserbrief ein Konzert des VIA „Golubyje gitary“ vor sowjetischen Truppen in Afghanistan scharf kritisiert. In der Folge wurden nicht nur die Auslandsgastspiele der Gruppe abgesagt, sondern auch die bereits angekündigten Konzerte in Moskau gestrichen.Pedro Ramet, Sergei Zamascikov: The Soviet Rock Scene. In: Wilson Center. 1987. (PDF; englisch)
Abgrenzung zur sowjetischen Rockmusik mini|VIA Zwety mit Konstantin Nikolski (links) und Stas Namin (2. von links), 1976 mini|VIA Plamja, 1978 Die Grenzen zur sowjetischen Rockmusik sind in musikalischer, aber auch in personeller Hinsicht fließend. Viele sowjetische Rockmusiker spielten zeitweise bei anerkannten Vokal- und Instrumentalensembles. Für sie war das ein Weg, sich den Lebensunterhalt zu sichern, aber auch Auftrittsverbote zu umgehen. So spielte beispielsweise Jewgeni Margilus, der ab 1982 ein unionsweites Auftrittsverbot hatte, eine Zeitlang bei Aerobus. Die Band „Zwety“ (deutsch „Blumen“) war lange Zeit ein anerkanntes VIA, wurde aber 1975 per Dekret des sowjetischen Kulturministeriums verboten, ebenso der Name der Gruppe, der „Propaganda der westlichen Ideologie der Hippies“ sei.Радио Маяк . In: radiomajak.ru. (russisch) Stas Namin gelang es, die Gruppe unter seinem Namen neu zu Gründen und zwei Singles und eine LP zu produzieren, doch 1985 wurde die Gruppe in einer offiziellen Stellungnahme des sowjetischen Kulturministeriums der Propaganda für das Pentagon und „ungenehmigter Kontakte zu Ausländern“ beschuldigt.Постановление коллегии Министерства Культуры РСФСР N261 от 12.08.1985 г. (russisch) Bei „Zwety“ spielten neben Namin später so bekannte und einflussreiche Musiker wie Konstantin Nikolski und Andrei Sapunow, die später Teil der nichtregistrierten Rockgruppe „Woskressenije“ wurden. Da sie mehr oder weniger im Untergrund auftraten, wurden die sowjetischen Rockbands auch die „heimlichen“ oder „illegalen“ () genannt.