Die moderne Medizin hat es geschafft, dass bösartigen Tumoren des Menschen in 50–58 % der Fälle fünf Jahre und in 38–47 % 10 Jahre überlebt werden, während früher die Krankheit „Krebs“ ein Todesurteil bedeutete. Dennoch sterben weiterhin etwa ein Drittel aller Menschen an einem Tumor. Die Fortschritte in der Tumorbehandlung beruhen wesentlich auf der Durchsetzung von Leitlinien, in denen das gegenwärtige Fachwissen über spezielle Tumoren zusammengefasst ist. Die Behandlung nach Leitlinien setzt aber eine exakte Klassifikation des Tumors voraus.

Die wichtigste Klassifikation ist die ICD-10, welche im Wesentlichen eine anatomische Unterteilung in Tumoren verschiedener Körperteile darstellt. Die nächstwichtigste Klassifikation ist der mikroskopische Feinbau, die Histologie. Diese ist in der ICD-H definiert. Vor einer Therapie muss ferner die Tumorausdehnung festgestellt werden, die nach dem TNM-Schema ausgedrückt wird. Zusätzlich gibt es für jede Tumorentität Kriterien, um den Grad der Bösartigkeit festzustellen. Im einfachsten Fall ist dieses das Grading, also der histologische Eindruck der Bösartigkeit. Für manche Tumoren gibt es spezielle genetische Veränderungen, welche die Bösartigkeit bestimmen. Bei Brustkrebs ist dieses zum Beispiel die Amplifikation von Her-2. Hinzu kommen spezielle Tumoreigenschaften, welche die Anwendung bestimmter Medikamente, so genannter Target-Therapien ermöglichen. Ein Beispiel wäre hier das EML4-ALK-Rearrangement beim nicht kleinzelligen Bronchialkarzinom. Nicht jede Therapie kann bei jedem Menschen angewendet werden, weil die Widerstandskraft gegen Nebenwirkungen unterschiedlich ist. Da über die Hälfte der Tumorpatienten älter sind, sind Klassifikationen der individuellen Fitness, ein sogenanntes Alters-Assessment erforderlich. Manchmal sind es auch nur einzelne Organsysteme, die nicht mehr gut funktionieren, zum Beispiel die Leber, die Lunge oder die Nieren. Auch hier gibt es Klassifikationen, die sich in den Leitlinien wieder finden, um zu entscheiden, ob eine wirksame Tumortherapie von dem Patienten voraussichtlich toleriert wird.

Klassifikation menschlicher Tumoren nach der ICD (International Classification of Diseases) Die ICD ist eine international verbindliche, systematische Klassifikation aller Krankheiten des Menschen. Heute gilt die Version ICD-10, wobei die ICD-11 kurz vor der Einführung steht (geplant auf 1. Januar 2022). Die daraus hergeleiteten Kodes finden sich zum Beispiel auf Krankenhauseinweisungen, Verordnungen und Arztbriefen. Diese Kodes sind Grundlage nationaler und internationaler Tumorstatistiken. Sie sind notwendiger Parameter zur Berechnung der DRG, den Krankenhausabrechnungssystemen vieler Länder, darunter Deutschland (G-DRG), die Schweiz (SwissDRG) und Österreich (LKF-System).

Tumoren werden in der ICD-10 mehrheitlich über die Lokalisation klassifiziert.Alphabetisches Verzeichnis zur ICD-10-WHO Version 2019, Band 3. Deutsches Institut für Medizinische Dokumentation und Information (DIMDI), Köln, 2019, S. 601–628. Ausnahmen bilden die Neubildungen des lymphatischen, blutbildenden und verwandten Gewebes. Die Endung .9 bezeichnet jeweils eine ungenaue Lokalisation; die genaue Lokalisation findet sich innerhalb der zweistelligen Gruppe im Systematischen Verzeichnis der ICD-10-WHO (2019). Die grobe Einteilung von Neubildungen ist folgende:

C00-C14: HNO-Tumoren C15-C26: Gastrointestinale Tumoren C30-C39: Tumoren der Atmungsorgane und der intrathorakalen Organe C40-C41: Knochen-Tumoren, Knorpel-Tumoren C43-C44: Haut-Tumoren C45-C49: Bindegewebs-Tumoren C50: Mamma-Tumoren C51-C58: Tumoren der weiblichen Genitalorgane C60-C63: Tumoren der männlichen Genitalorgane C64-C68: Tumoren der Harnorgane C69-C72: Tumoren von Auge und ZNS C73-C75: Tumoren der Endokrinen Organe C76-C80: CUP, Lymphknoten- und Organmetastasen C81-C96: bösartige Veränderungen lymphatischer und blutbildender Gewebe C97: Tumoren mehrerer Lokalisationen D00-D09: In-Situ-Neubildungen D10-D36: Gutartige Neubildungen D37-D48: Neubildungen mit unsicherem oder unbekanntem Verhalten Anmerkungen: Zu den intrathorakalen Organen zählen Lunge, Luftröhre, Brustfell, Herz und der Raum zwischen den beiden Lungen (Mediastinum). ZNS ist das Zentralnervensystem, also Gehirn, Rückenmark, Gehirn- und Rückenmarkshäute. CUP steht für "Cancer of Unknown Primary", also Tumoren, deren Entstehungsort unbekannt ist. In situ bedeutet Neubildung ohne Invasion, d. h. eine noch ungefährliche Vorstufe von möglicherweise metastasierenden Tumoren.

HNO-Tumoren Neubildungen der Lippe, der Mundhöhle und des Pharynx (HNO-Tumoren) bösartigprimär bösartigsekundär in situ gutartig Charakter unsicher oder unbekannt Lippe C00.9 C79.8 D00.0 D10.0 D37.0 Zungengrund C01 C79.8 D00.0 D10.1 D37.0 Sonstige und nicht näher bezeichnete Teile der Zunge C02.9 C79.8 D00.0 D10.1 D37.0 Zahnfleisch C03.9 C79.8 D00.0 D10.3 D37.0 Mundboden C04.9 C79.8 D00.0 D10.2 D37.0 Gaumen C05.9 C79.8 D00.0 D10.3 D37.0 sonstige und nicht näher bezeichneter Teile des Mundes C06.9 C79.8 D00.0 D10.3 D37.0 Parotis C07 C79.8 D00.0 D11.0 D37.0 sonstige und nicht näher bezeichneter große Speicheldrüsen C08.9 C79.8 D00.0 D11.9 D37.0 Tonsille C09 C79.8 D00.0 D10.- D37.0 Oropharynx (Mesopharynx-Tumoren) C10.9 C79.8 D00.0 D10.5 D37.0 Nasopharynx (Epipharynx-Tumoren) C11.9 C79.8 D00.0 D10.6 D37.0 Recessus piriformis C12 C79.7 D00.0 D10.7 D37.0 Hypopharynx C13.9 C79.8 D00.0 D10.7 D37.0 sonstige und ungenau bezeichnete Lokalisationen der Lippe, der Mundhöhle und des Pharynx C14.9 C79.8 D00.0 D10.9 D37.0 Anmerkungen: Der Schlund wird Pharynx genannt. Er wird in 3 Etagen unterteilt: Epipharynx oder Nasopharynx, Mesopharynx oder Oropharynx und Hypopharynx. Der Recessus piriformis ist eine Aussackung zwischen Kehlkopf und Schlund, in der sehr häufig Tumoren entstehen. Tumoren der Verdauungsorgane Neubildungen der Verdauungsorgane bösartigprimär bösartigsekundär in situ gutartig Charakter unsicher oder unbekannt Ösophagus (Speiseröhre) C15.9 C78.8 D00.1 D13.0 D37.7 Magen C16.9 C78.8 D00.2 D13.1 D37.1 Dünndarm C17.9 C78.4 D01.4 D13.- D37.2 Dickdarm C18.9 C78.5 D01.0 D12.- D37.3/4 Rektosigmoid, Übergang (Übergang Dickdarm-Enddarm) C19 C78.5 D01.1 D12.7 D37.5 Rektum (Enddarm) C20 C78.5 D01.2 D12.8 D37.5 Anus und Analkanal (After) C21.- C78.5 D01.3 D12.9 D37.7 Leber und intrahepatische Gallengänge C22.9 C78.7 D01.5 D13.4 D37.6 Gallenblase C23 C78.8 D01.5 D13.5 D37.6 sonstige und nicht näher bezeichnete Teile der Gallenwege C24.9 C78.8 D01.5 D13.5 D37.6 Pankreas (Bauchspeicheldrüse) C25.9 C78.8 D01.7 D13.6/7 D37.7 sonstige und ungenau bezeichnete Verdauungsorgane C26.9 C78.8 D01.9 D13.9 D37.9 Tumoren der Atmungsorgane Neubildungen der Atmungsorgane und sonstiger intrathorakaler Organe bösartigprimär bösartigsekundär in situ gutartig Charakter unsicher oder unbekannt Nasenhöhle und Mittelohr C30.0/1 C78.3 D02.3 D14.0 D38.5 Nasennebenhöhlen C31.9 C78.3 D02.3 D14.0 D38.5 Larynx (Kehlkopf) C32.9 C78.3 D02.0 D14.1 D38.0 Trachea (Luftröhre) C33 C78.3 D02.1 D14.2 D38.1 Bronchien und Lunge C34.9 C78.0 D02.2 D14.3 D38.1 Thymus C37 C79.8 D09.3 D15.0 D38.4 Herz, Mediastinums und Pleura C38.9 C79.8 / C78.1/2 - D15.- D48.7 / D38.3/2 sonstige und ungenau bezeichnete Lokalisationen des Atmungssystems und sonstige intrathorakale Organe C39.9 C78.3 D02.4 D14.4 D38.6 Anmerkungen: Der Thymus ist ein immunologisches Organ im vorderen Brustkorb, in dem Abwehrzellen reifen. Das Mediastinum ist der Raum zwischen beiden Lungen. Die Pleura ist eine Zellschicht, die Lunge und Brustkorbinnenfläche auskleidet. Tumoren der weiblichen Genitalorgane Neubildungen der weiblichen Genitalorgane bösartigprimär bösartigsekundär in situ gutartig Charakter unsicher oder unbekannt Vulva (Schamlippen) C51.9 C79.8 D07.1 D28.0 D39.7 Vagina (Scheide) C52 C79.8 D07.2 D28.1 D39.7 Cervix uteri (Muttermund) C53.9 C79.8 D06.- D26.0 D39.0 Corpus uteri (Gebärmutterkörper) C54.9 C79.8 D07.0/3 D26.1 D39.0 Uterus, Teil nicht näher bezeichnet (Gebärmutter) C55 C79.8 D07.3 D26.9 D39.0 Ovar (Eierstock) C56 C79.6 D07.3 D27 D39.1 sonstige und nicht näher bezeichnete weibliche Genitalorgane C57.9 C79.8 D07.3 D28.7/9 D39.7/9 Plazenta (Mutterkuchen) C58 C79.8 D07.3 D26.7 D39.2 Tumoren der männlichen Genitalorgane Neubildungen der männlichen Genitalorgane bösartigprimär bösartigsekundär in situ gutartig Charakter unsicher oder unbekannt Penis C60.9 C79.8 D07.4 D29.0 D40.7 Prostata (Vorsteherdrüse) C61 C79.8 D07.5 D29.1 D40.0 Hoden C62.9 C79.8 D07.6 D29.2 D40.1 sonstige und nicht näher bezeichnete männliche Genitalorgane C63.9 C79.8 D07.6 D29.7/9 D40.7/9

Tumoren der Harnorgane Neubildungen der Harnorgane bösartigprimär bösartigsekundär in situ gutartig Charakter unsicher oder unbekannt Niere, ausgenommen Nierenbecken C64 C79.0 D09.1 D30.0 D41.0 Nierenbecken C65 C79.0 D09.1 D30.1 D41.1 Ureter (Harnleiter) C66 C79.1 D09.1 D30.2 D41.2 Harnblase C67.9 C79.1 D09.0 D30.3 D41.4 sonstige und nicht näher bezeichnete Harnorgane C68.9 C79.1 D09.1 D30.9 D41.9 Bösartige Veränderungen lymphatischer und blutbildender Gewebe C81: Hodgkin-Lymphom C82: Follikuläres Lymphom C83: Nicht follikuläres Lymphom C84: Reifzellige T/NK-Zell-Lymphome C85: Sonstige NHL C86: T/NK-Zell-Lymphome C88: Bösartige immunproliferative Erkrankungen C90: Multiples Myelom C91: Lymphatische Leukämie C92: Myeloische Leukämie C93: Monozytenleukämie C94: Sonstige Leukämien C95: Leukämie nicht näher bezeichneten Zelltyps C96: Sonstige bösartige Neubildungen des lymphatischen/blutbildenden Gewebes Anmerkungen: Hodgkin-Lymphome sind spezielle bösartige Erkrankungen der Lymphknoten. T/NK-Zellen sind spezielle weiße Blutkörperchen. Multiples Myelome bestehen aus entarteten, antikörperbildenden Zellen. Leukämien oder Blutkrebs liegen vor, wenn die weißen Blutkörperchen teilweise bösartig entartet sind. Lymphatische Leukämien entstehen aus weißen Blutkörperchen, die auch in Lymphknoten an zu finden sind. Myeloische Leukämien entstehen aus weißen Blutkörperchen des Knochenmarks.

Klassifikation nach ICD-H (histologischer Tumortyp) Während die ICD vorwiegend anatomische Einteilungen vornimmt, ist der histologische Feinbau in der ICD-H klassifiziert. Der histologische Tumortyp gibt einerseits Auskunft über die Herkunft der entarteten Tumorzellen (zum Beispiel Epithelzellen oder Bindegewebe), andererseits kann er den Grad der Bösartigkeit ausdrücken (zum Beispiel klarzelliges Endometrium-Karzinom). Der Code besteht aus 4 Ziffern einem Schrägstrich und einer weiteren Ziffer. Die letzte Ziffer hat folgende Bedeutung: /0: benigne, gutartig /1 fragliche Dignität, Borderline-Dignität, semimaligne, potentiell maligne /2: Carcinoma in situ, intraepitheliale Neoplasie, nicht invasiver Tumor /3: maligner Primärtumor, bösartig /6: maligne Metastase, bösartiger Sekundärtumor /9: bösartig, unbestimmt, ob Primärtumor oder Metastase

Wichtige Hauptgruppen sind:

801–804: epitheliale Neoplasien 805–808: Plattenepithel-Neoplasien 814–838: Adenome und Adenokarzinome 850–854: Duktale, lobuläre und medulläre Neoplasien 880: Weichteil-Neoplasien und Sarkome 819–824 Neoplasien der Knochen- und Knorpelgewebe

TNM-Klassifikation