mini|hochkant=1|Fassade des Doms von Siena Giovanni (di Niccolò) Pisano (* um 1248 in Pisa; † nach 1314 in Siena) war ein italienischer Bildhauer und Baumeister der Spätgotik. Er gilt neben seinem Vater Nicola Pisano als der bedeutendste Vertreter der toskanischen Skulptur des ausgehenden 13. und beginnenden 14. Jahrhunderts.
Die Werke Giovanni Pisanos sind von großer Bedeutung für die Entwicklung der italienischen Bildhauerkunst. Während das Werk seines Vaters Nicola stark von der Auseinandersetzung mit antiken Sarkophagreliefs geprägt ist, griff Giovanni diese Formen zwar auf, gestaltete seine Figuren jedoch mit stärkerer innerer Bewegtheit und Emotionalität. In der Forschung wird zudem eine Rezeption französischer gotischer Formen diskutiert. Eine mögliche Reise Giovanni Pisanos nach Frankreich wird jedoch erst seit kurzem diskutiert, seitdem bekannt ist, dass er zwischen der Arbeit an der Sieneser Kanzel (ab 1269) und der Fontana Maggiore in Perugia (vollendet 1278) tätig war.
Die früheste zusammenhängende Lebensbeschreibung stammt von Giorgio Vasari. In der ersten Auflage seiner Künstlerviten (1550) ordnete Vasari Giovanni Pisano noch der Biografie Andrea Pisanos zu. Erst in der zweiten Auflage von 1568 widmete er ihm und seinem Vater eine eigene Vita. Vasaris Darstellung enthält nach heutigem Forschungsstand mehrere nicht belegbare Zuschreibungen, darunter ein umfangreiches architektonisches Œuvre sowie die Urheberschaft am Campo Santo von Pisa.
Leben
Giovanni Pisano ist erstmals am 29. September 1265 bzw. am 1. März 1266 urkundlich fassbar, als sein Vater Nicola vertraglich verpflichtet wurde, gemeinsam mit seiner Werkstatt – der auch Arnolfo di Cambio und Lapo angehörten – eine Kanzel für den Dom von Siena zu schaffen. In diesem Vertrag wird Giovanni als Sohn Nicolas’ genannt und durfte an der Arbeit mitwirken. Der vergleichsweise geringe ihm zugestandene Tageslohn deutet darauf hin, dass er zu diesem Zeitpunkt noch als Lehrling galt. Dies macht ein Geburtsjahr um 1250 wahrscheinlicher als ein früheres Datum. Die Kanzel des Sieneser Doms wurde 1269 vollendet, doch lässt sich Giovannis eigenständiger künstlerischer Anteil daran nicht sicher bestimmen, da er in der Werkstatt des Vaters tätig war. mini|Nicola und Giovanni Pisano: Fontana Maggiore, 1278–1280, Piazza IV Novembre, Perugia (2006) Ein weiteres gemeinsames Werk von Vater und Sohn ist die Fontana Maggiore in Perugia, ein kommunaler Prachtbrunnen mit umfangreichem Bildprogramm. Die dortige Inschrift nennt beide Bildhauer bereits als gleichrangige Meister und nicht mehr in einem Lehrer-Schüler-Verhältnis. Ein am Brunnen angebrachtes Adlerrelief ist von Giovanni Pisano signiert. Ein Dokument vom 13. März 1284 weist Giovanni Pisano als Zeugen eines Rechtsakts in Pisa aus und belegt zugleich, dass sein Vater Nicola zu diesem Zeitpunkt bereits verstorben war. Zwischen Oktober 1284 und September 1285 erhielt Giovanni Pisano das Bürgerrecht der Stadt Siena und wurde von Steuern und öffentlichen Dienstleistungen befreit. Eine erst nach 1362 verfasste anonyme Chronik überliefert die Grundsteinlegung der Fassade des Sieneser Doms für Mai 1284.
Als Dombaumeister (magister operis) und caput magistrorum der Sieneser Dombauhütte ist Giovanni Pisano am 17. Juli 1290 erstmals urkundlich bezeugt. An diesem Tag wurde eine gegen ihn verhängte Strafe in eine Geldbuße umgewandelt – mit der ausdrücklichen Begründung, dass das begonnene Werk ohne seine weitere Mitwirkung nicht vollendet werden könne. Neuere Forschungen zur Fassade des Sieneser Doms (Haas/von Winterfeld, 2006) legen nahe, dass das um 1290 begonnene Untergeschoss auf einem einheitlichen Entwurf Giovanni Pisanos als leitender Architekt beruht. Der Wechsel von romanischen zu gotischen Formen ist demnach als dessen künstlerische Konzeption zu verstehen und geht nicht, wie die ältere Forschung vermutete, auf einen Wechsel der ausführenden Personen zurück.
Bereits im Juli 1295 ist Giovanni Pisano urkundlich mit Arbeiten am Baptisterium von Pisa befasst. Am 15. März 1298 gehörte er zu dem Gutachtergremium, das die Neigung des Pisaner Glockenturms (Schiefer Turm von Pisa) vermaß. In einem Nachtrag zum Stadtstatut von Siena aus dem Mai 1296 wird er noch einmal als Dombaumeister genannt. Am 30. August 1287 wird er in einem Rechtsakt als Zeuge in Siena erwähnt.
Ab 1301 schuf Giovanni Pisano die Kanzel der Kirche San Andrea in Pistoia, die durch eine Inschrift datiert und ihm namentlich zugeschrieben ist. Ab 1302 arbeitete er an der Kanzel des Pisaner Doms. Sie ersetzte die ältere Kanzel des Guglielmo aus dem Jahr 1162 (die sich heute im Dom von Cagliari befindet) und wurde 1311 fertiggestellt. Zwischen dem Bildhauer und dem Leiter der Dombauhütte, Burgundio di Tado, der ihm 1302 den Auftrag erteilt hatte, kam es zu Streitigkeiten, auf die eine Inschrift am Sockel der Kanzel anspielt.
In den Jahren 1311 bis 1313 war Giovanni Pisano im Auftrag Kaiser Heinrichs VII. tätig. Er schuf das Grabmal von dessen Ehefrau Margarete von Brabant, die am 14. Dezember 1311 in Genua an einer Seuche starb, die im kaiserlichen Heer grassierte. Eine Teilzahlungsquittung vom 25. August 1312 belegt seine Arbeit daran. Zudem fertigte er in den Jahren 1312/13 eine Figurengruppe mit einer thronenden Madonna, der Personifikation der Stadt Pisa und der knienden Stifterfigur des Kaisers für die Porta di San Ranieri des Pisaner Doms an.
Die letzte urkundliche Erwähnung Giovanni Pisanos datiert vom 9. März 1314 und verortet ihn in Siena, allerdings ohne den Titel des Dombaumeisters. Danach fehlen weitere Nachrichten über ihn. An der nördlichen Seitenschiffwand des Sieneser Doms befindet sich eine erhaltene Grabinschrift, die die Stelle als sein Grab bezeichnet. Eine im Bode-Museum in Berlin aufbewahrte Madonnenstatuette gilt in der Forschung als sein letztes Werk und wird auf die Jahre 1314/1315 datiert.
Werk mini|Giovanni Pisano: Kanzel von Sant’Andrea, 1298–1301, Marmor, Sant’Andrea, PistoiaGiovanni Pisano und sein Vater Nicola schufen gemeinsam beziehungsweise nacheinander vier monumentale Kanzeln: Die erste fertigte Nicola allein im Baptisterium von Pisa, die zweite entstand als gemeinsame Arbeit im Dom von Siena, die dritte fertigte Giovanni allein; sie wurde 1301 in San Andrea in Pistoia vollendet. Die vierte entstand ab 1302 im Dom von Pisa. Alle vier Kanzeln zeigen einen sechseckigen Kanzelkorb, der von reliefierten Platten mit Szenen aus dem Leben Christi umschlossen ist. Sie stehen auf einem von Säulen getragenen unteren Geschoss.
Die Kanzel in Pistoia trägt eine Inschrift in Hexametern, die Giovanni Pisano als Sohn Nicolas’ und gebürtigen Pisaner benennt. Die Kanzel des Pisaner Doms ist durch zwei ausführliche Inschriften dokumentiert. Eine befindet sich am unteren Gesims der Brüstung, die andere am Sockel. Sie nennen das Datum (1311) und den Künstler, bringen sein künstlerisches Selbstbewusstsein zum Ausdruck und spielen auf während der Arbeit erlittene Anfeindungen an. Die Kanzel stand ursprünglich vermutlich unter der Kuppel an der ersten östlichen Säule des südlichen Querschiffarms. Nach dem Dombrand von 1595 wurde sie abgebaut und 1926 von Peleo Bacci rekonstruiert und wieder aufgestellt.
Giovanni Pisano schuf mehrere Marmor-, Elfenbein- und Holzfiguren der Madonna mit Kind. Ihre chronologische Einordnung wird in der Forschung unterschiedlich beurteilt. Dazu zählen die Madonna im Museo dell’Opera del Duomo in Pisa (sogenannte Camposanto-Madonna, um 1275, zugeschrieben), eine Elfenbeinmadonna (Auftrag von 1298), eine Madonna mit zwei Engeln in der Cappella degli Scrovegni in Padua (um 1305) sowie eine 1306 datierte Halbfigur am Hauptportal des Baptisteriums von Pisa. Für den Dom von Prato entstand um 1312 die Madonna della Cintola. Giovanni Pisano arbeitete zudem als Holzbildhauer. Ihm zugeschriebene Kruzifixe befinden sich unter anderem im Bode-Museum in Berlin, in San Andrea in Pistoia, im Dom von Massa Marittima (datiert auf das Jahr 1287) und im Museo dell’Opera del Duomo in Siena.
Für die Domfassade von Siena fertigte Giovanni Pisano in seiner Zeit als Dombaumeister zahlreiche überlebensgroße Figuren von Propheten, Sibyllen, Patriarchen und antiken Philosophen sowie mehrere Tierfiguren.
Werke (Auswahl)
Architektur
Als Dombaumeister in Siena und später in Pisa war Giovanni Pisano auch architektonisch tätig, wobei sein genauer Anteil an den ausgeführten Bauten in der Forschung nicht abschließend geklärt ist. Die Zuschreibung des Campo Santo in Pisa an Giovanni Pisano, die von Giorgio Vasari überliefert wurde, gilt in der neueren Forschung als nicht haltbar.
Literatur Clario Di Fabio, Gianluca Ameri, Francesca Girelli: Giovanni Pisano, in: Art e Dossier, 376, Florenz-Mailand, Giunti Editore 2020. Kai Hohenfeld: Die Madonnenskulpturen des Giovanni Pisano. Stilkritik, Kulturtransfer und Materialimitation. VDG Weimar, Kromsdorf 2014, ISBN 978-3-89739-821-4 Joachim Poeschke: Die Skulptur des Mittelalters in Italien, Band 2: Gotik. Hirmer Verlag, München 1998, ISBN 3-7774-8400-8 Anny E. Popp: Nicolo und Giovanni Pisano. E. A. Seemann, Leipzig 1922 (Bibliothek der Kunstgeschichte 36)
G. Jászai: GIOVANNI PISANO. In: Enciclopedia dell’Arte Medievale (1995)
Wolfgang Stechow: Pisano, Giovanni. In: Ulrich Thieme, Felix Becker (Hrsg.): Allgemeines Lexikon der bildenden Künstler von der Antike bis zur Gegenwart. Band 27, Leipzig 1933, S. 99–101. Henrike Haug: Pisano, Giovanni. In: Allgemeines Künstlerlexikon. Band 96, De Gruyter, Berlin/Boston 2017, S. 51. Max Sauerlandt: Ueber die Bildwerke des Giovanni Pisano. Langewiesche, Düsseldorf/Leipzig 1904. Adolfo Venturi: Giovanni Pisano. Sein Leben und sein Werk. 2 Bde., Pantheon Casa Editrice / Kurt Wolff Verlag, Firenze/München 1927. Harald Keller: Giovanni Pisano. Anton Schroll & Co., Wien 1942. Enzo Carli: Giovanni Pisano. Pacini, Pisa 1977. Max Seidel: Nicola and Giovanni Pisano. Father and Son. 2 Bde., Hirmer, München 2012.
Weblinks
Liste der Werke (Auswahl) von Pisano Giovanni der Fondazione Zeri der Universität Bologna Giovanni Pisano | Italian sculptor Eintrag in encyclopedia britannica Treccani
Einzelnachweise
Kategorie:Bildhauer (Italien) Kategorie:Architekt (Italien) Kategorie:Dom von Siena Kategorie:Person (Pisa) Kategorie:Person als Namensgeber für einen Asteroiden Kategorie:Historische Person (Italien) Kategorie:Geboren im 13. Jahrhundert Kategorie:Gestorben 1318 Kategorie:Mann