mini|Merlin diktiert seinem Schreiber, Maître Blaise, den Titel der Trilogie:„Li livres dou Graal“Miniatur der Handschrift BnF 95, f. 223r, Robert de Boron: L'Estoire de Merlin, um 1280. Mit dem Terminus Didot-Perceval (Modena-Perceval oder Prosa-Perceval) bezeichnen Romanisten den dritten Teil des sogenannten „Kleinen Gral-Zyklus“.Karl Otto Brogsitter: Artusepik. In: Sammlung Metzler. M 38, 1965, 1971, ISBN 3-476-10038-3, S. 71–72, Die philologische Tradition schreibt diese Trilogie Joseph-Merlin-Perceval dem Trouvère Robert de Boron zu. Sie entstand um 1200.Rupert T. Pickens: « Mais de çou ne parole pas Crestiens de Troies… » A Re-examination of the the Didot-Perceval. In: Romania. Band 105, Nr. 420 (4), 1984, S. 492–510, .

Jüngere Forscher stellen die Autorschaft Robert de Borons in Zweifel und sprechen deshalb von einem „Pseudo-Robert de Boron“.María Paloma Gracia Alonso (Hrsg.): Le roman arthurien du Pseudo-Robert de Boron en France et dans la Péninsule Ibérique. Peter Lang GmbH, Internationaler Verlag der Wissenschaften; 1. Edition 22. Juli 2020.

Der Romanist Patrick Moran vertritt die These, dass der Robert de Boron zugeschriebene Dreiteiler „Joseph-Merlin-Perceval“ ein Konstrukt neuzeitlicher Romanisten sei, die durch Studium, Vergleich und Edition mittelalterlicher Texte darin geübt seien, in langen mittelalterlichen Handschriften „patterns“, Strukturen, zu erkennen. Für mittelalterliche Leser habe es sich nur um einen „Zweiteiler“ gehandelt, einen kurzen Joseph und einen langen Merlin, und nicht um einen Dreiteiler.

Dieser Dreiheit, „Joseph-Merlin-Perceval“, kommt in der Literaturgeschichte ein besonderer Stellenwert zu, denn sie ist der erste französische Prosa-Roman und zugleich die erste prosaische Artuserzählung.Baumgartner Emmanuèle (Rezension): Robert de Boron, Merlin, Roman du XIIIe siècle, édition critique par Alexandre Micha. 1979. In: Romania. Band 101, Nr. 404, 1980, S. 538–543; hier S. 538 (persee.fr).

Nur zwei altfranzösische Manuskripte sind erhalten, welche den „Prosa-Perceval“ überliefern, das Manuscrit-Didot der BnF und das Manuskript der Biblioteca Estense Universitaria di Modena, E. 39. Die zuerst entdeckte Handschrift trägt nach dem Familiennamen seines ehemaligen Besitzers die Bezeichnung Manuscrit-Didot.

Der traditionell an die Handschriftbezeichnung angelehnte Titel „Didot-Perceval“ vermeidet eine Verwechslung dieses „Prosa-Percevals“, des dritten Teils der Pseudo-Robert-Boron-Trilogie, mit Chrétien de Troyes’ Versroman Perceval oder Li Contes del Graal.

Prosajoseph und Prosamerlin Im ersten Teil des Kleinen Gral-Zyklus, dem „Prosa-Joseph“, wird der christliche Ursprung des Grals herausgestellt, und der Leser erfährt, wie dieser geheimnisumwitterte heilige Gegenstand in das keltische Britannien gelangte.

Der Zweite Teil des Zyklus, der „Prosa-Merlin“, erzählt die übernatürliche Geburt des Zauberers und Propheten Merlin, Sohn einer Jungfrau und eines Incubus. Er berichtet über die Erziehung Artus durch seinen Adoptivvater Antor, über die Schwertprobe, die Einführung der Table ronde, des Runden Tisches, durch Merlin, über dessen Prophezeiungen des Aufstiegs und des Untergangs des Artusreiches. Die mittelalterliche Handschrift, welche der Prosa-Merlin Ausgabe von Alexandre Micha als Basismanuskript zugrunde liegtHandschrift Paris, NAF 747, f. 78vb, berichtet in einer Art Metafiktion selbstreferentiell über ihre eigene Entstehung. Der Zauberer und Prophet Merlin habe den Titel, welchen die Robert-Boron-Trilogie einmal tragen werde, vorgegeben, nämlich , Das Buch vom Gral. Merlin habe seinen Schreiber, Maître Blaise, damit beauftragt, diesen Roman auszuarbeiten und zu Ende zu führen. Dieses Buch vom Gral werde in aller Welt und bis ans Ende aller Tage gerühmt werden:

Eine dreibändige Edition, die im Jahre 2001 in der prestigeträchtigen Reihe Bibliothèque de la Pléiade des Pariser Verlages Éditions Gallimard erschienen ist, erfüllt dieser Prophezeiung Merlins. Sie trägt expressis verbis den geweissagten Titel: „Le Livre du Graal“':Philippe Walter (Hrsg.): Le Livre du Graal. Band 1: Joseph d’Arimathie – Merlin – Les Premiers Faits du roi Arthur. Bibliothèque de la Pléiade, Gallimard Paris 2001, ISBN 2-07-011342-6, S. XVIII/XIX

Inhalt des „Didot-Percevals“ Der „Didot-Perceval“, der dritte und letzte Teil des „Kleinen Gral-Zyklus“ (Joseph-Merlin-Perceval), schließt ohne klar definierte Textgrenze an den „Merlin“ an. Die editorische Tradition lässt ihn mit dem Kapitel beginnen, das folgende Überschrift trägt:

Der „Didot-Perceval“ gliedert sich in drei Teile:

Das Incipit, der erste Satz des „Didot-Percevals“, lautet:

Der „Didot-Perceval“ beginnt also mit der Krönung des jungen Artus zum König des keltischen Britanniens, zum König des imaginären Royaume de Logres. Auserwählter Tafelritter ist Perceval, der nach zahlreichen Abenteuern die Gralssuche erfolgreich besteht. Im zweiten Teil des Romans stellt er die Fragen, die er in Chrétiens Version Perceval ou Li Contes del Graal nicht zu stellen gewagt hatte. Er heilt den Fischerkönig und tritt dessen Nachfolge an. Als neuer Gralshüter hat Perceval sein spirituelles Ziel der Vollkommenheit erreicht. Die terrestrische Ritterschaft des Protagonisten hat ihr Ende gefunden.Volker Mertens: Der Gral. Mythos und Literatur. Reclam, Stuttgart 2003, ISBN 3-15-018261-1, S. 95–103. Die „Queste del Saint Graal“, die Gralssuche der Tafelritter, ist damit zum Abschluss gelangt. Um seine Recken und mit ihnen die ritterlichen Idealen nicht zu verlieren, sucht Artus nach neuen Herausforderungen. Er führt siegreich Krieg gegen den König von Frankreich und gegen den römischen Kaiser. Währenddessen vertraut er die Herrschaft Britanniens seinem Neffen Mordred an. Als er jedoch erfährt, dass Mordred ihn verraten, die Krone usurpiert und die Königin geheiratet hat, kehrt er nach England zurück.

Der dritte Teil enthält eine « Mort Artu », das heißt eine Schilderung von König Artus Tod und des Untergangs der Tafelrunde, die in Details von ihrer Vorlage, der Mort le Roi Artu des Vulgata-Zyklus abweicht.

mini|König Artus’ Tod« La Mort Le Roi Artu » ()

Im Schlussteil des „Didot-Percevals“, genannt, besiegt Artus zunächst noch die mit seinem Neffen Mordred verbündeten Sachsen. Doch es kommt zu einem Duell zwischen Onkel und Neffen, wobei Mordred von Artus getötet wird. König Artus trägt schwerste Verletzungen davon. Er verabschiedet sich von seinen Gefolgsleuten mit den Worten:

Daraufhin wird er von einem Boot abgeholt und nach Avalon, in die „Andere Welt“ überführt, aus der er niemals zurückkommen wird.

Auch der Prophet und Zauberer Merlin zieht sich für immer aus der irdischen Welt zurück, denn:

Mit dem Fortgang der drei Romanhelden Perceval, Merlin und Artus ist der Untergang des imaginären keltischen Königreiches von Logres und seiner Ritterwelt besiegelt.

Das Explicit des „Prosa-Perceval“ nach der Modena-Hs. lautet: .

Aus dieser Schlussformel des Kopisten der Modena-Handschrift und aus den fließenden Übergängen, den fehlenden Textgrenzen, wird ersichtlich, dass es für den mittelalterlichen Leser keine drei unterschiedliche Romane gab. Aus dessen Blickwinkel gab es nur einen kurzen Prosa-Joseph, gefolgt von einem langen Prosa-Merlin. So schreibt der Mediävist Patrick Moran in seinem Aufsatz aus dem Jahre 2017:

Patrick Moran vertritt die These, dass die Robert de Boron zugeschriebene „Trilogie“ „Joseph-Merlin-Perceval“ ein Konstrukt neuzeitlicher Romanisten sei, die durch Studium, Vergleich und Edition mittelalterlicher Texte darin geübt seien, in langen mittelalterlichen Handschriften „patterns“, Strukturen, zu erkennen. Für mittelalterliche Leser habe es sich nur um einen „Zweiteiler“ gehandelt, einen kurzen Joseph und einen langen Merlin, und nicht um einen Dreiteiler.

Überlieferung Nur zwei Handschriften, die Pariser-Hs. „D“ (Didot) und die Modena-Hs. „E“, lassen im Anschluss an den „Prosajoseph“ und den „Prosamerlin“ übergangslos, das heißt ohne klare Textgrenzen,Patrick Moran: La trilogie arthurienne de Robert de Boron et les aléas de la pattern recognition. In: Etudes françaises. Band 53, Nr. 2, 2017, S. 37/38 doi:10.7202/1040896ar (PDF, auf erudit.org). einen dritten Teil folgen, den „Prosa-Perceval“.

Die beiden Handschriften weisen starke Abweichungen voneinander auf. Da die zuerst entdeckte Handschrift, Paris, BnF, NAF 4166,Paris, BnF, ms. NAF 4166, f. 93v – Incipit unter dem Namen ihres ehemaligen Besitzers bekannt wurde, hat sich in der romanistischen Fachliteratur die Benennung „Didot-Handschrift“ eingebürgert, abgekürzt mit dem Sigel „D“, für „Didot“. Dies erklärt den Titel „Didot-Perceval“ des letzten Teils der Trilogie.

Eine zweite, erst später bekannt gewordene Handschrift, befindet sich in der Biblioteca Estense Universitaria di Modena, unter der Signatur E. 39. Diese „Modena-Hs.“ wird in der Fachliteratur mit dem Sigel „E“ für „Estense“ abgekürzt.

Der Titel Didot-Perceval der Handschriftentradition vermeidet eine Verwechslung dieses „Prosa-Percevals“ mit Chrétien de Troyes’ Versroman Perceval oder Li Contes del Graal. Dieses wegen Chrétiens Tod im Jahre 1190 unvollendet gebliebener Meisterwerk war der Ausgangspunkt aller literarischer Gralerzählungen:

Robert de Boron war der erste Fortsetzer Chrétiens, der den Perceval Chrétiens einem Ende zuführte. Auf ihn folgten bis in die Gegenwart hinein eine Fülle von Epigonen, von Umgestaltern (remanieurs).

Quellen Nach Walther Hoffmann, der seine Dissertation aus dem Jahre 1905 der Quellenfrage des Didot-Percevals gewidmet hat, kommen sechs Werke in Betracht:Walther Hoffmann: (Dissertation) Die Quellen des Didot-Perceval. Hofbuchdruckerei von C.A.Kaemmerer &. Co, Halle a, S. 1905. Reprint Kessinger 2017, ISBN 978-1-168-95990-4, S. 8/9. Der Versjoseph und der Versmerlin von Robert de Boron, die Prosaauflösungen dieser Gedichte, also Prosajoseph, Prosamerlin, Chrétien de Troyes’ « Perceval ou Li Contes del Graal » und dessen „Zweite Fortsetzung“, auch „Continuation-Perceval“ oder Wauchier-de-Denain-Fortsetzung genannt.

Dass der Autor des Didot-Percevals Chrétiens Versroman « Perceval ou Li Contes del Graal » gekannt hat, beweist eine Stelle, die in der Modena-Handschgrift überliefert ist. Da heißt es:

Geoffrey von Monmouths „Historia Regum Britanniae“ (altfranzösische Übersetzung in Versen von Robert „Wace:Le Roman de Brut“), das Gedicht „Le Bel Inconnu“ von Renaut de Beaujeu, Chrétien de Royes Versroman Erec et Enide.

Dass der Autor des Didot-Percevals Chrétiens Versroman « Perceval ou Li Contes del Graal » gekannt haben muss, beweist eine Stelle, die in der Modena-Handschrift überliefert ist. Da heißt es:

Literaturangaben Lexika Norris J. Lacy (Hrsg.): The New Arthurian Encyclopedia. Garland Publishing, New York 1996, ISBN 0-8153-2303-4. Ruth Moorman-Minary, Charles Moorman: An Arthurian Dictionary. University Press of Mississippi, 2011, ISBN 978-1-61703-030-7. Rudolf Simek: Artus-Lexikon. Mythos und Geschichte, Werke und Personen der europäischen Artusdichtung. Reclam, Stuttgart 2012, ISBN 978-3-15-010858-1.

Bibliographien ARLIMA – Les Archives de littérature du Moyen Âge: Perceval de Didot Bibliography of the International Arthurian Society: BIAS RI-Opac – Literaturdatenbank für die mediävistische Forschung: Didot-Perceval

Handschriften Didot-Handschrift (Sigel „D“) – Le romanz des prophecies Merlin oder roman de Joseph d’Arimathie, la vie de Merlin et la Quête du Saint-Graal. Paris, BnF, NAF„NAF“ = Nouvelles acquisitions françaises 4166. Das vollständige Digitalisat der Didot-Hs. ist auf Gallica online zugänglich: .

Incipit: fol. 93v (linke Spalte in Rot:) Ci palle li conte coment artus fust sacrez a rois par la volonte de touz le peuple.

Explicit: fol. 126v: Ci finist le romanz des prophécies Merlin ….

Ein inhaltliches Aperçu der Handschrift bietet die BnF.