Der Index of Orthodontic Treatment Need (IOTN), deutsch Index der kieferorthopädischen Behandlungsnotwendigkeit, gibt den Behandlungsbedarf bei Zahnfehlstellungen an.

Entstehung des IOTN Der IOTN wurde 1989 von Peter Brook und William Shaw unter dem Namen „Index of orthodontic treatment priority“ in Großbritannien veröffentlicht.Brook, PH und Shaw, WC. The Development of an Index of Orthodontic Treatment Priority. European Journal of Orthodontics. 1989, Bd. 11, S. 309–320. Die Autoren verwendeten dabei die Erkenntnisse aus früheren Arbeiten, insbesondere von A. Björk, A. Krebs und B. Solow (betreffend die Methodik für Reihenuntersuchungen bei Zahnfehlstellungen)Björk, A, Krebs, AA und Solow, B. A Method for Epidemiological Registration of Malocclusion. Acta odontologica Scandinavica. 1964, S. 27–41, von S. Linder-Aronson (betreffend vergleichende kieferorthopädische Untersuchungen in Schweden)Linder-Aronson, St. Orthodontics in the Swedish Public Health Service. European Journal of Orthodontics. 1974, Bd. 29 (Suppl 1), S. 233–240. und von M. Evans und W. Shaw (betreffend vergleichende ästhetische Untersuchungen bei Zahnfehlstellungen).Evans, MR und Shaw, WC. Preliminary evaluation of an illustrated scale for rating dental attractiveness. European Journal of Orthodontics (9). 1987, S. 314–318

Der IOTN sollte dazu dienen, die Beurteilung der kieferorthopädischen Behandlungsnotwendigkeit zwischen den einzelnen Kieferorthopäden bzw. Behandlungszentren zu vereinheitlichen und zu harmonisieren, insbesondere vor dem Hintergrund, dass die Finanzierung solcher Behandlungen in Großbritannien großteils von der öffentlichen Hand getragen wurde. Zur Beurteilung der Ergebnisqualität einer kieferorthopädischen Behandlung ist der IOTN weniger gut geeignet. Zu diesem Zweck wurde der 1992 publizierte PAR-Index entwickelt.Richmond, S, Shaw, WC, O’Brien, KD, Buchanan, IB, Jones, R, Stephens, CD, Roberts, CT und Andrews, M. The development of the PAR Index (Peer Assessment Rating): reliability and validity. European Journal of Orthodontics. April 1992, Bd. 14, 2, S. 125–139.Richmond, S, Shaw, WC, Roberts, CT und Andrews, M. The PAR Index (Peer Assessment Rating): methods to determine outcome of orthodontic treatment in terms of improvement and standards. European Journal of Orthodontics. Juni 1992, Bd. 14, 3, S. 180–187. Die Verwendung des IOTN wurde in Großbritannien wissenschaftlich begleitet: 1992 erschien eine zusammenfassende Publikationen von S. Richmond, K. O’Brien, I. Buchanan und D. Burden.Richmond, S, O’Brien, KD, Buchanan, IB und Burden, D. An Introduction to Occlusal Indices. Mandent Press. 1992, Reprint 1994 2005 veröffentlichte Stephen Richmond, Professor für Public Dental Health an der University of Cardiff, eine weitere Zusammenfassung des IOTN, des PAR-Index sowie weiterer kieferorthopädischer Indices.Richmond, S. Evaluating Effective Orthodontic Care. s. l. : First Numerics Ltd., Cardiff, 2005, Reprint 2014. ISBN 0-9549670-1-1.

In Deutschland diente der IOTN als Grundlage zur Entwicklung des Systems der '''Kieferorthopädischen Indikationsgruppen''', die seit 2002 verwendet werden.Schopf, P. Kieferorthopädische Abrechnung. Quintessenz, Berlin, 2. Auflage 2013. ISBN 978-3-86867-188-9.

In Österreich ist die Verwendung des IOTN seit 1. Juli 2015 zur Beurteilung der kieferorthopädischen Behandlungsnotwendigkeit als maßgeblicher Index für die Behandlungskostenübernahme durch die Sozialversicherungen verpflichtend vorgesehen.Gesamtvertrag Kieferorthopädie für Leistungen gemäß § 153a ASVG (§ 94a GSVG, § 95a BSVG, § 69a B-KUVG) und den Richttarif gemäß § 343c ASVG, abgeschlossen zwischen der Österreichischen Zahnärztekammer und dem Hauptverband der Sozialversicherungsträger, 2015.Amtliche Verlautbarung der österreichischen Sozialversicherung (Hauptverband) Nr. 66/2015, 7. Änderung der Mustersatzung 2011. 2015. Im Sommer 2017 wurden in einer vertraglichen Vereinbarung zwischen dem damaligen Hauptverband der Sozialversicherungsträger (seit 1. Januar 2020: Dachverband der Sozialversicherungsträger) und der Österreichischen Zahnärztekammer am IOTN einige Änderungen vorgenommen.Gemeinsame Festlegung zwischen Österreichischer Zahnärztekammer und Hauptverband der Sozialversicherungsträger zum IOTN vom 16. August 2017, 2017 Online Dadurch entstand eine eigenständige österreichische Variante des IOTN, die seit 1. September 2017 für die Honorierung kieferorthopädischer Behandlungen innerhalb des österreichischen Sozialversicherungssystems verbindlich ist.

Aufbau des IOTN Der IOTN besteht aus zwei Komponenten:

Ästhetische Komponente (Aesthetic Component): Die ästhetische Komponente besteht aus 10 von anterior aufgenommenen Gebiss-Fotos mit unterschiedlich attraktiver Zahnstellung, wobei das Foto Nr. 1 das attraktivste, das Foto Nr. 10 das am wenigsten attraktive Gebiss zeigt. Durch Vergleich der Fotos mit dem Gebiss eines zu untersuchenden Patienten wird die ästhetische Komponente ermittelt. Zahngesundheitskomponente (Dental Health Component): In dieser Komponente wird die Malokklusion in 5 Schweregrade eingeteilt. Grad 1: keine Behandlungsnotwendigkeit Grad 2: geringe Behandlungsnotwendigkeit Grad 3: mäßige Behandlungsnotwendigkeit Grad 4: große Behandlungsnotwendigkeit Grad 5: sehr große Behandlungsnotwendigkeit Die spezifisch vorliegende Fehlstellung wird an 15 Qualifikationsmerkmalen (Qualifier) beurteilt. Jedem dieser Merkmale ist ein Buchstabe zugeordnet: a: positiver sagittaler Überbiss b: verkehrter sagittaler Überbiss ohne Kau- oder Sprachprobleme c: Kreuzbiss d: Kontaktpunktverschiebung e: offener Biss f: Tiefbiss g: gute Okklusion h: Hypodontie i: impaktierter Zahn l: posteriorer lingualer Kreuzbiss m: verkehrter sagittaler Überbiss mit Kau- oder Sprachproblemen p: Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalten s: versunkene Milchzähne t: teilweise durchgebrochene Zähne, gekippt und impaktiert gegen Nachbarzähne x: überzählige Zähne

Beurteilung der Qualifikationsmerkmale der Zahngesundheitskomponente Die einzelnen Qualifikationsmerkmale der Zahngesundheitskomponente des IOTN werden bewertet. In die Beurteilung fließen sowohl Messungen am Gebiss bzw. Zahnmodell als auch klinische Beurteilungen ein. Messungen können mit geeigneten Messinstrumenten (schmales Lineal, Parodontalsonde, Messkreuz) am Patienten oder an einem physischen Zahnmodell, oder mit digitalen Vermessungsprogrammen an virtuellen Zahnmodellen durchgeführt werden. Anamnese und klinische Untersuchungen müssen vom Kieferorthopäden am Patienten durchgeführt werden.

Merkmal a – positiver sagittaler Überbiss Gemessen wird die Größe der sagittalen Stufe im Bereich der Schneidezähne. Es werden nur bleibende Zähne gewertet. Besonderheiten der österreichischen IOTN-Variante sind weiter unten angeführt. IOTN-Wert 2a: >3,5mm aber ≤6mm mit kompetentem Lippenschluss IOTN-Wert 3a: >3,5mm aber ≤6mm mit inkompetentem Lippenschluss IOTN-Wert 4a: >6mm aber ≤9mm IOTN-Wert 5a: >9mm

Merkmal b – verkehrter sagittaler Überbiss ohne Kau- oder Sprachprobleme Gemessen wird die Größe der verkehrten sagittalen Stufe im Bereich der Schneidezähne. Es werden nur bleibende Zähne gewertet. Alle vier oberen Schneidezähne müssen sich im verkehrten Überbiss befinden. Besonderheiten der österreichischen IOTN-Variante sind weiter unten angeführt. IOTN-Wert 2b: >0mm aber ≤1mm IOTN-Wert 3b: >1mm aber ≤3,5mm ohne Kau- oder Sprachprobleme IOTN-Wert 4b: >3,5mm ohne Kau- oder Sprachprobleme

Merkmal c – Kreuzbiss Beurteilt wird der Kreuzbiss im Bereich der Zähne 1 bis 7, zu dem auch Scherenbiss, Kantbiss und Höcker-Höcker-Verzahnung gezählt werden. Für die Wertung ausschlaggebend ist die durch den Kreuzbiss verursachte Diskrepanz zwischen der retralen Kontaktposition und der interkuspidalen Position, das heißt des durch den Kreuzbiss verursachten Zwangsbisses (RKP/IKP-Diskrepanz). Dieser kann durch bleibende Zähne oder durch Milchzähne verursacht werden. IOTN-Wert 2c: RKP/IKP-Diskrepanz ≤1mm IOTN-Wert 3c: RKP/IKP-Diskrepanz >1mm aber ≤2mm IOTN-Wert 4c: RKP/IKP-Diskrepanz >2mm

Merkmal d – Kontaktpunktverschiebung Gemessen wird, wie stark die anatomischen Kontaktpunkte benachbarter Zähne gegeneinander verschoben sind (Kontaktpunktverschiebung, KPV). Die vertikale Komponente der Verschiebung wird nicht gewertet. Es werden nur bleibende Zähne gewertet, der Messbereich umfasst alle Zähne von 1 bis 8. Besonderheiten der österreichischen IOTN-Variante sind weiter unten angeführt. IOTN-Wert 2d: KPV >1mm aber ≤2mm IOTN-Wert 3d: >2mm aber ≤4mm IOTN-Wert 4d: >4mm

Merkmal e – offener Biss Gemessen wird der vertikale Abstand antagonistischer Zähne (Schneidekante zu Schneidekante bzw. Kaufläche zu Kaufläche). Es werden nur bleibende Zähne gewertet, der Messbereich umfasst die Zähne 1 bis 7. Besonderheiten der österreichischen IOTN-Variante sind weiter unten angeführt. IOTN-Wert 2e: offener Biss >1mm aber ≤2mm IOTN-Wert 3e: offener Biss >2mm aber ≤4mm IOTN-Wert 4e: offener Biss >4mm

Merkmal f – Tiefbiss Beurteilt wird, wie weit antagonistische Schneidezähne überdeckt werden. Es werden nur bleibende Zähne gewertet, der Messbereich umfasst die Schneidezähne. Abweichungen in der österreichischen IOTN-Variante sind weiter unten angeführt. IOTN-Wert 2f: Tiefbiss mit Überdeckung eines antagonistischen Schneidezahns >3,5mm IOTN-Wert 3f: Tiefbiss mit Berührung der antagonistischen palatinalen oder labialen Gingiva IOTN-Wert 4f: Tiefbiss mit traumatischem Einbiss der antagonistischen palatinalen oder labialen Gingiva

Merkmal g – gute Okklusion Beurteilt wird, ob bei ansonsten fehlenden Malokklusionen im Seitzahnbereich eine unsaubere sagittale Relation besteht. Es werden nur bleibende Zähne gewertet. IOTN-Wert 2 g: Abweichung von höchstens einer halben Prämolarenbreite in der sagittalen Relation

Merkmal h – Hypodontie Beurteilt wird die NichtanlageWatzer, A und Watzer, G. Wie häufig sind Nichtanlagen von Weisheitszähnen bei Patienten mit Hypodontie? – Eine retrospektive Studie. Kieferorthopädie. 2009, Bd. 23 (3), S. 205–213. bleibender Zähne 1 bis 7. IOTN-Wert 4h: Nichtanlage von nicht mehr als einem Zahn pro Quadrant IOTN-Wert 5h: Nichtanlage von mehr als einem Zahn in mindestens einem Quadranten

Merkmal i – impaktierter Zahn Beurteilt werden impaktierte und retinierte Zähne 1 bis 7. Sobald ein Teil des Zahns die Gingiva durchbrochen hat (sichtbar ist), kann das Merkmal „i“ nicht mehr gewertet werden. IOTN-Wert 5i: Behinderung des regelrechten Zahndurchbruchs wegen einer der folgenden Ursachen: Platzmangel (Lücke ≤4mm, Stützzone im OK ≤18mm, Stützzone im UK ≤17mm) Verlagerung (ektopische Lage) Verhinderung des Durchbruchs wegen eines überzähligen Zahns, Mesiodens, Odontom Verhinderung des Durchbruchs wegen eines persistierenden Milchzahns Andere pathologische Ursache

Merkmal l – posteriorer lingualer Kreuzbiss Beurteilt wird, ob ein Scherenbiss des Seitzahnsegments einer oder beider Seiten besteht. Es werden nur bleibende Zähne im Bereich 4 bis 7 gewertet. Alle vorhandenen Zähne dieses Bereichs müssen im Scherenbiss stehen. IOTN-Wert 4l: Scherenbiss ohne funktionalen Okklusionskontakt im gesamten Seitzahnsegment einer oder beider Seiten

Merkmal m – verkehrter sagittaler Überbiss mit Kau- oder Sprachproblemen Gemessen wird die Größe der verkehrten sagittalen Stufe im Bereich der Schneidezähne. Es werden nur bleibende Zähne gewertet. Alle vier oberen Schneidezähne müssen sich im verkehrten Überbiss befinden. Besonderheiten der österreichischen IOTN-Variante sind weiter unten angeführt. IOTN-Wert 4 m: >1mm aber ≤3,5mm mit Kau- oder Sprachproblemen IOTN-Wert 5 m: >3,5mm mit Kau- oder Sprachproblemen

Merkmal p – Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalten Beurteilt wird, ob Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalten vorliegen, die Auswirkungen auf die Zahnstellung haben. IOTN-Wert 5p: Defekte wie Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalten mit Auswirkungen auf die Zahnstellung

Merkmal s – versunkene Milchzähne