Derry [] (offiziell Londonderry, zum Namensstreit siehe unter Geschichte; , oder meist kurz ) ist eine Stadt in Nordirland. Sie ist mit etwa 85.000 Einwohnern (Stand 2008) die zweitgrößte Stadt Nordirlands und viertgrößte der irischen Insel. (MS Excel; 210 kB) Sie liegt am River Foyle in der historischen Grafschaft () Londonderry nahe der Grenze zur Republik Irland. Die Stadt Derry war seit 1973 Teil des größeren , zu dem auch das ländliche Umland der Stadt gehörte, und ist seit 2015 Teil des . Derry ist nunmehr einer der beiden Verwaltungssitze des Distrikts Derry City and Strabane.
Geschichte und Verwendung der verschiedenen Stadtnamen mini|links|hochkant|Wegweiser in Nordirland nach „Londonderry“ Im 17. Jahrhundert wurde die Bezeichnung von den protestantischen Siedlern im Rahmen der (siehe Geschichte Nordirlands und Plantations) zur Anerkennung der Spenden einiger Londoner Handelsorganisationen für den Aufbau der neuen Stadtbefestigung kreiert. Bereits damals wurde diese Bezeichnung wegen des als unlogisch empfundenen Zusatzes London- zum alten irisch-gälischen Namen jedoch von den meisten Einwohnern abgelehnt und hat sich nicht im allgemeinen Sprachgebrauch gefestigt.
Vor den politischen Auseinandersetzungen des Nordirlandkonflikts Ende der 1960er-Jahre bedeutete der Gebrauch von Derry oder Londonderry noch keine besondere politische Stellungnahme, und die meisten Bewohner (auch die protestantischen) hatten ohne Bedenken die alte Form Derry verwendet. Von den Großbritannien treuen Unionisten (meist Protestanten) wird jedoch seitdem die Bezeichnung Londonderry bewusst bevorzugt, Derry von den nationalistischen (meist katholischen und irischstämmigen) Einwohnern. Seit den Troubles hatten vor allem die Medien, die politisch neutral bleiben wollten, ein Problem. Insbesondere einige Radiosprecher, namentlich der Radioreporter Gerry Anderson, verwendeten fortan konsequent einen Schrägstrich (engl. ). Gesprochen hieß das dann . Als neutrale und im Alltag häufig – manchmal auch sarkastisch – benutzte Kurzform ist daher auch verbreitet.
mini|Wegweiser in der Republik Irland (hier in County Donegal) verwenden irisch Doire und englisch Derry
Neben Derry bzw. Londonderry und Stroke City existieren im allgemeinen Sprachgebrauch noch weitere Namen für die Stadt, die meist vom politischen Hintergrund des Sprechers abhängen: , oder kurz ist der ursprünglich irische Name der Stadt. , in Anspielung darauf, dass Derry trotz längerer Belagerungen nie eingenommen wurde. Die bedeutendste Belagerung durch Truppen des katholischen Königs James II. () dauerte 105 Tage. . Diese Bezeichnung verweist auf die bis heute erhaltene Stadtmauer. , nach dem gleichnamigen Fluss, der durch Derry fließt.
1984 wurde der zuvor nach Londonderry benannte District durch den City Council in Derry umbenannt. Der Derry City Council verabschiedete im Januar 2003 einen Antrag, dass Londonderry auch nicht mehr als offizieller Name der eigentlichen Stadt zu behandeln sei und Derry und Londonderry gleichzustellen seien. Im April 2006 beantragte der Derry City Council beim High Court of Northern Ireland, festzustellen, dass der Name der Stadt Derry sei oder andernfalls dahingehend zu ändern sei. Das Gericht entschied, dass die 1984 erfolgte Umbenennung des Districts keinen Einfluss auf den Namen der eigentlichen Stadt habe. Der offizielle Name der Stadt sei Londonderry; um dies zu ändern, müsse die aus dem Jahr 1662 entweder durch ein Gesetz oder königliche Anordnung modifiziert werden. NIQB 5 Ref WEAF5707 Der Antrag Sinn Féins, eine entsprechende Eingabe an den zu senden, wurde im März 2010 im Derry City Council mit den Stimmen von SDLP und Unionisten abgelehnt. Deren Gegenvorschläge fanden ebenfalls keine Mehrheit.
In der englischsprachigen Welt wird meist von Derry gesprochen, nur in Großbritannien fast durchgängig von Londonderry. Im Deutschen werden beide Stadtnamen verwendet. Zur Umgehung der Problematik verwendet die nordirische Eisenbahn bei Durchsagen oder Zugzielanzeigen durchgehend die Bezeichnung „Derry – Londonderry“; nordirische Fernbusse zeigen „L/Derry“ an, während an Bussen oder auch Straßenschildern der Republik Irland grundsätzlich „Derry“ und der irische Name zu lesen ist.
Stadtwappen und Motto mini|hochkant|Stadtwappen Das Wappen von Derry bildet ein zweigeteilter Schild, unter dem auf einem Spruchband das lateinische Motto steht.
Den oberen Bereich des Schildes (das sogenannte Feld) bildet das Stadtwappen der City von London, das Georgskreuz (ein durchgezogenes, rotes Kreuz auf weißem Grund) mit einem roten Schwert im (heraldisch) rechten oberen Viertel, belegt mit einer goldenen irischen bzw. keltischen Harfe im Kreuzmittelpunkt. Der darunterliegende Schildteil des Wappens hat einen schwarzen Grund und zeigt ein goldenes menschliches Skelett, das – den Kopf auf den rechten Arm gestützt – auf einem grünen, moosbewachsenen Stein sitzt, sowie eine weiße Burg mit drei Türmen in der linken oberen Ecke. Die auf dem Wappen abgebildete Burg stellt aller Wahrscheinlichkeit nach die heute nur noch als Ruine bestehende Burg des Richard Og de Burgh, 2. Earl of Ulster, (Graf von Ulster) in Greencastle in der Nähe von Derry aus dem frühen 14. Jahrhundert dar. Über die Bedeutung des Skelettes im Wappen gibt es verschiedene Theorien. Die populärste und am meisten rezipierte Version ist, dass es sich bei dem Skelett um einen im Volksmund „Walter“ genannten Cousin von Richard de Burgh handelt, der von diesem lebendig eingemauert wurde. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass es sich um eine reine symbolhafte Darstellung handelt, die keiner konkreten Person zugeordnet werden kann.
Geschichte mini|Wandgemälde zur Erinnerung an Annette McGavigan, 1971 mit 14 Jahren als 100. ziviles Opfer von britischen Soldaten in der Bogside erschossen.
Das südwestlich gelegene Portal Tomb von Ervey zeugt von frühgeschichtlicher Besiedlung. Im 6. Jahrhundert erfolgte die Klostergründung durch den heiligen Kolumban, der Überlieferung zufolge im Jahre 546.Ingeborg Meyer-Sickendiek: Gottes gelehrte Vaganten. Auf den Spuren der irischen Mission und Kultur in Europa. Seewald, Stuttgart 1980, ISBN 3-512-00591-8, S. 112.
Während des Neunjährigen Krieges von 1594 bis 1603 gelang es dem britischen Befehlshaber Charles Blount, 1. Earl of Devon (allgemein „Lord Mountjoy“ genannt), im Jahre 1600 in Derry einen Stützpunkt zu etablieren.Gerard Hayes-McCoy: The Tudor conquest (1534–1603). In: Theodore W. Moody, Francis Xavier Martin (Hrsg.): The course of Irish history. Mercier Press, Cork, 17. Aufl. 1987, ISBN 0-85342-715-1, S. 174–188, hier S. 188. Eine der Folge des von den Iren verlorenen Krieges war die Kolonisierung des Nordens der irischen Insel durch Schotten und Engländer ab 1609.Aidan Clarke: The Colonisation of Ulster and the rebellion of 1641 (1603–60). In: Theodore W. Moody, Francis Xavier Martin (Hrsg.): The course of Irish history. Mercier Press, Cork, 17. Aufl. 1987, S. 189–203, hier S 191. In Derry wurde die Kolonisierung zum Großteil von Londoner Investoren finanziert; infolgedessen wurde Derry 1613 in „Londonderry“ umbenannt.A Chronology of Irish history. In: Theodore W. Moody, Francis Xavier Martin (Hrsg.): The course of Irish history. Mercier Press, Cork, 17. Aufl. 1987, S. 405–457, hier S. 417.
Während der Glorreichen Revolution belagerten katholisch-jakobitische Truppen ab April 1689 die Stadt, die ein Zufluchtsort der protestantischen Siedler war. Nach 105 Tagen wurde die Belagerung abgebrochen, nachdem es englischen Schiffen mit Lebensmitteln und Nachschub für die Belagerten gelungen war, eine Sperre über den Fluss Foyle zu durchbrechen.John Gerald Simms: The Restoration and the Jacobite War (1660–91). In: Theodore W. Moody, Francis Xavier Martin (Hrsg.): The course of Irish history. Mercier Press, Cork, 17. Aufl. 1987, S. 204–216, hier S. 212.
Ab 1700 war Londonderry einer der wichtigen Häfen der Auswanderung von Iren in die USA. Im Zweiten Weltkrieg war es der westlichste Tiefwasserhafen der britischen Flotte.
Seit 1969 wird die Stadt durch die troubles erschüttert. Die Stadt war während des Nordirland-Konfliktes Schauplatz blutiger Auseinandersetzungen zwischen Anglikanern und Presbyterianern englischer und schottischer Abstammung (Protestanten bzw. Unionisten) und den katholisch-irischstämmigen Bewohnern (Katholiken oder Republikaner). Am 30. Januar 1972 beschossen britische Soldaten unbewaffnete Demonstranten in Derry, wobei 13 ums Leben kamen und weitere 13 verletzt wurden. Dieses Ereignis ging als Blutsonntag in die Geschichte Derrys ein.
Seit der Verwaltungsreform von 1973 war der District Derry einer der 26 Districts (Unitary Authorities) Nordirlands. Seit 1998 gibt es eine friedliche Entwicklung nach dem Karfreitagsabkommen. 1984 benannte sich der von der SDLP dominierte District von Londonderry in Derry um.
Am 25. Juni 2011 wurde die Peace Bridge eröffnet, die aus dem PEACE-III-Programm des Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (2007–2013) kofinanziert wurde. Sie gilt als bauliches Symbol für den Versöhnungsprozess.
Stadtrat
Sehenswürdigkeiten mini|St Columb’s Kathedrale mini|Die Peace Bridge mit der Guildhall
Altstadt, Stadtmauer und Kathedralen Sehenswert ist die Altstadt von Derry mit der 1,6 km langen und bis zu 10,5 Meter hohen, begehbaren Stadtmauer aus dem 17. Jahrhundert, die nahezu im Originalzustand (bis auf drei später ergänzte Tore) erhalten ist und damit als besterhaltene in Großbritannien und Irland gilt. Auch befindet sich die größte anglikanische Kathedrale Nordirlands, St. Kolumban (engl. St Columb’s Cathedral), in der Stadt. Die Kathedrale wurde zwischen 1628 und 1633 erbaut und ist damit das älteste Gebäude der Stadt. Im 19. Jahrhundert wurde sie viktorianisch/neogotisch umgestaltet.
Eine weitere Kathedrale ist die St Eugene's Cathedral des römisch-katholischen Bistums Derry, deren Bau 1849 begonnen und erst 1903 fertiggestellt wurde.
Tower Museum Ebenfalls sehr sehenswert ist das 1992 eröffnete und mehrfach ausgezeichnete Tower Museum, in dem ausführlich die wechselhafte Geschichte der Stadt dargestellt wird und das einen weiteren Schwerpunkt auf der Geschichte der Spanischen Armada hat. Anhand von vielen Artefakten aus der im September 1588 in der Kinnagoe Bay (County Donegal) unweit von Derry gesunkenen und 1971 von Tauchern des „City of Derry Sub-Aqua Club“ wiederentdeckten spanischen Galeone „La Trinidad Valencera“, einem der größten Schiffe der Armada, wird die Geschichte des Angriffs der Armada auf England und ihrem Rückzug über Schottland und Irland erklärt.
Weitere Sehenswürdigkeiten Guildhall (historisches Zunfthaus gegenüber dem Tower Museum mit kunstvollen Glasfenstern, die die Geschichte der Stadt von ihrer Gründung bis zu den „Troubles“ darstellen) Bloody Sunday Monument Amelia-Earhart-Center, Ballyarnett County Park, nördlich der Stadt Grianán von Aileach, ein Ringfort der Könige von Ulster aus dem 10. Jh., nördlich der Stadt im County Donegal Das Auswandererdenkmal am Atlantic Quay The People’s Gallery in der Bogside, einem überwiegend katholischen Stadtteil Derrys. Hier finden sich mehrere großflächige Wandbilder (sog. „Murals“), die an die Bürgerrechtsbewegung, den Bloody Sunday und Ereignisse aus der Zeit des Bürgerkrieges, „The Troubles“ erinnern.
Rundturm Es war aus älteren Aufzeichnungen bekannt, dass es in Derry eine frühchristliche Klosteranlage gab, zu der auch ein Rundturm gehörte. Die dortigen Gebäude wurden in den Kriegen des 16. und 17. Jahrhunderts weitgehend zerstört.
Eine Karte von 1685 zeigt für die Gegend eine Windmühle, die in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zu einem Eishaus umgebaut wurde.