mini|Titelseite von Gottliebs Buchhalten. Zwey Künstliche vnnd verstendige Buchhalten, Bayerische Staatsbibliothek Bůchhalten, Zwey Künstliche vnnd verstendige Buchhalten/Gottlieb verwendet Buchhalten an Stelle der heute geläufigen Bezeichnungen Buchhaltung und Buchführung. In Anlehnung an Gottlieb wird in diesem Beitrag Buchhalten synonymisch mit Buchhaltung und Buchführung benutzt. Das erst/ wie Einer fur sich selbst oder Geselschafter handeln sol. Das ander/ fur Factorey […] von Johann Gottlieb (Joann Gotlib) ist ein frühes deutschsprachiges Buchhaltungslehrbuch von 1546 (VD 16 G 2698), das als erste Publikation im deutschen Sprachraum den Prozess des Rechnungsabschlusses in der doppelten Buchführung (Doppik) erklärt. Frühere Werke beschränkten sich entweder auf die kamerale (= einfache) Buchhaltung oder setzten die Doppik nicht vollständig um,Eine Beschreibung der einfachen Buchhaltung enthält das Kapitel Buechhalten durch Zornal Kaps vnd Schuldtbůch auff alle kauffmanschafft in: Eine weitere Beschreibung der einfachen Buchhaltung findet sich in: stellten den Abschlussprozess nicht dar wie das vom gleichen Autor 1531 in Druck gegebene Ein Teutsch verstendig Buchhalten (VD 16 G 2697) oder wurden nicht (eher) publiziert.Die Musterbuchhaltung des fuggerischen Hauptbuchhalters Matthäus Schwarz von 1518 war ursprünglich ein ausschließlich für den firmeninternen Gebrauch bestimmtes Manuskript und wurde erst 1931 auszugsweise veröffentlicht in: 1592 erschien ein postumer Nachdruck der Ausgabe von 1546 (VD 16 G 2699).
Kurzbiographie des Verfassers
Über Johann Gottliebs Leben ist wenig bekannt. Er wurde wohl 1485/90 geboren. Spätestens 1523 heiratete er die Witwe Apollonia Schweicker und lebte mit ihr und ihren beiden Kindern aus erster Ehe in Nürnberg. Ihr Verwandter, der Nürnberger Kaufmann Wolfgang Schweicker, lebte später in Venedig, wo die doppelte Buchführung schon seit dem 15. Jahrhundert betrieben wurde, und verfasste 1549 zu diesem Thema Zwifach Buchhalten unter dem Einfluss des venezianischen Mathematikers Luca Pacioli, der die „Venezianische Methode“ genannte doppelte Buchführung 1494 erstmals schriftlich darstellte.Alfred Holl: Johann Gottliebs Einführungen in die Buchhaltung (Nürnberg 1531 und 1546). 2020, S. 2. Nach Apollonias Tod 1541 schloss Gottlieb eine zweite Ehe mit Agnes Hutzelmann. Kinder aus diesen Ehen sind nicht bekannt. Als Buchhalter war Gottlieb im Almosenamt tätig und unterrichtete daneben die Buchhaltung. 1531 verfasste er ein erstes Lehrbuch Ein Teutsch verstendig Buchhalten. Um Zeit für die Arbeit an dem vorliegenden Lehrbuch zu finden, gab er 1545 seine Arbeit im Almosenamt auf. Danach gibt es keine weiteren Nachrichten über ihn.Alfred Holl: Johann Gottliebs Einführungen in die Buchhaltung (Nürnberg 1531 und 1546). 2020, S. 3–5.
Die doppelte Buchhaltung des Johann Gottlieb
Aufbau des Buches Das Werk besitzt kein Inhaltsverzeichnis, ist jedoch folgendermaßen klar gegliedert:Alfred Holl: Johann Gottliebs Einführungen in die Buchhaltung (Nürnberg 1531 und 1546). 2020, S. 8–10. TitelseiteLehrhafte Verse für Kaufmannsaspiranten (nur Ausgabe 1592)VorredeEinführungErstes Buchhalten: Buchhaltung für sich selbst oder Gesellschafter
Journal Schuldbuch Güterbuch (mit direkter Ergebnisermittlung aus Aufwendungen & Erlösen) Abschluss (mit bilanzieller Ergebnisermittlung und Verprobung mit Ergebnis aus dem Güterbuch)Anderes (zweites) Buchhalten: Faktoreibuchhaltung für Herrn oder sich selbst
Journal Schuldbuch Güterbuch (mit direkter Ergebnisermittlung aus Aufwendungen & Erlösen) Abschluss (mit bilanzieller Ergebnisermittlung, Verprobung mit Ergebnis aus dem Güterbuch und Berichten für den Herrn)Schlusswort Das Lehrbuch behandelt die Geschäftsvorfälle Bareinlage für Handelsgeschäfte, Barkauf und -verkauf, Ratenkauf und -verkauf, Zielkauf und -verkauf, Gewährung und Inanspruchnahme eines Lieferantenkredits, Darlehen, Wechsel, Stich (= Warentauschgeschäft) und Behandlung von Unkosten.Alfred Holl: Johann Gottliebs Einführungen in die Buchhaltung (Nürnberg 1531 und 1546). 2020, S. 12.
Die lehrhaften Verse für Kaufmannsaspiranten finden sich lediglich in der postumen Ausgabe von 1592. Diese enthalten, bis auf eine Ergänzung am Ende, die gleichen Reime, die Gottlieb bereits 1531 seinem Werk Ein Teutsch verstendig Buchhalten voranstellte.
In der Vorrede nimmt der Autor Bezug auf sein vierzehn Jahre früher erschienenes Buch, in dem er den Rechnungsabschluss noch nicht dargestellt hatte. Aufgrund der vielen zwischenzeitlich erhaltenen Anregungen enthalte das vorliegende Buch nun auch diesen und Anleitungen für weitere Berichterstattung.
Die sich daran anschließende Einführung ist nicht eigens überschrieben und von der Vorrede lediglich durch eine Initiale am Absatzanfang abgesetzt. Hier wird die Struktur der Buchungssätze anhand von Beispielen vorgestellt. Im Buchungssatz werden dabei der Soll-Teil und Haben-Teil durch zwei senkrechte Striche voneinander abgegrenzt.
Weiterhin wird erklärt, wie die Geschäftsvorfälle zwischen den einzelnen Büchern „referenziert“ werden. Doppelseiten, die in Aufbau und Funktion T-Konten entsprechen, werden hierbei als cart[a] angesprochen. Am Ende der sechsseitigen Einführung stellt Gottlieb fest, „Dits sey iꜩo vom vnterricht bißher gnug“, um sich anschließend den beiden Beispielbuchhaltungen zuzuwenden.
Im Journal werden sämtliche Geschäftsvorfälle gemäß der vorgestellten Buchungslogik fortlaufend und vollständig verzeichnet. Das Schuldbuch enthält als Unterkonten das Kassenbuch, in dem der Barbestand fortentwickelt wird, und ferner ein Sammelkonto, auf dem der „Saldo je Geschäftspartner“ ermittelt wird, wobei a priori nicht feststeht, ob dieser debitorisch oder kreditorisch ist. Im Güterbuch erfolgt eine „direkte Gewinnermittlung“ durch Gegenüberstellung des Wareneinsatzes, der Bestandsveränderung und der Umsatzerlöse, im zweiten Teil des Buches (Faktoreibuchhaltung) noch ergänzt um die Berücksichtigung von „Unkost“.
Der Abschluss mit der „bilanziellen Gewinnermittlung“ umfasst folgende Posten (Beschreibung aus dem ersten Buchhalten, cart. 11): … findt sich fur alles so noch vorhanden ist. Nemlich/… findt sich fur alles das so ich in diesem handel zubezalen schuldig bin. Als nemlich.An Barmgeld (Kasse)Mir Gotlib mein hauptgut (≙ modern Eigenkapital)An Schulden (Forderungen)Merck Andern Glaubigern (Verbindlichkeiten)An Wahr (Vorräte)Thut beides zusammen (Zwischensumme)Lauter Gewin hierein gelegt (Residualgröße)Summa summarumSumma summarum Der bilanziell ermittelte lauter Gewinn wird schließlich gegen den im Güterbuch ermittelten Gewinn verprobt.
Im Schlusswort bietet der Autor seine Dienste als Lehrer in den zwei dargestellten und weiteren dort aufgeführten Buchhaltungsformen an.
Besonderheiten von Gottliebs Buchhaltung Die angesetzte Buchhaltungsperiode im ersten Teil erstreckt sich über 131 Tage, die im zweiten Teil über 48 Tage. Überlegungen hinsichtlich eines Geschäfts- oder Wirtschaftsjahres, wie sie etwa heute den Vorschriften von , IAS 1.36 oder zugrunde liegen, waren für den Autor offensichtlich nicht maßgeblich, obgleich das Geschäftsjahr auch damals schon in der Regel mit dem Kalenderjahr übereinstimmte.Vgl. Fuggerarchiv, Dillingen 43, 2, zitiert in:
Ein Anlagevermögen erscheint trotz der Nennung eines „Gewölbes“ als Lagerstätte für die dargestellten Handels- und Finanztransaktionen unerheblich. Dementsprechend fehlen Ausführungen zur Anlagenbuchhaltung. Selbst 1669 bemerkt Nicolaus Beusser noch, dass die unbeweglichen Güter nicht in den Handelsbüchern geführt, sondern lediglich im Secret-Buch verzeichnet würden.
Im zweiten Teil wird Unkost berücksichtigt, wie z. B. Fuhrlohn, die keinem bestimmten Geschäftsvorfall zugeordnet ist und somit als sonstiger betrieblicher Aufwand zu behandeln ist. Der Autor verweist hinsichtlich der Dokumentation auf das nicht weiter beschriebene Unkostbüchlein.
Anscheinend in Ermangelung einer deutschen Fachsprache trägt der eigentliche Rechnungsabschlussteil keine Überschrift. Diese wird sinngemäß von folgender, recht umständlich anmutender Textpassage vertreten:
Diese Ausführungen zum Abschluss, dem zentralen neuartigen Inhalt des Werkes, sind somit weiterer Bestandteil der wenigen Erklärungen, die Gottlieb gibt.
Der Begriff des Eigenkapitals ist Gottlieb noch nicht bekannt. Die Einlage (Hauptgut) des Herrn oder des auf eigene Rechnung handelnden Kaufmanns wird durchgängig als Schuld (an sich selbst) betrachtet.
Die Besteuerung bleibt im Lehrbuch als ein im 16. Jahrhundert der handelsgeschäftsbezogenen Ergebnisermittlung allenfalls nachgelagerter Prozess gänzlich unberücksichtigt.
Im Betrachtungszeitraum hatte der häufiger geprägte Silbergulden den Goldgulden als Umlaufmünze verdrängt. Daher wird Bargeld in Gulden (1 Gulden ≙ 60 Kreuzer), Zwölfern (1 Zwölfer ≙ 12 Kreuzer), ganzen und halben Batzen (1 ganzer Batzen ≙ 4 Kreuzer, 1 halber Batzen ≙ 2 Kreuzer) und allerley kleiner müntz genannt. Die Bücher werden dagegen, entsprechend den Gepflogenheiten der Nürnberger Kaufleute, in Goldgulden (fl, Floren), Schilling (ß) und Heller (h) geführt, deren Werte in folgendem Verhältnis zueinander stehen: 1 Gulden ≙ 20 Schilling, 1 Schilling ≙ 12 Heller. (Vgl. z. B. Wolfgang Schweiker 1549, Cap. XIIII.)Alfred Holl: Johann Gottliebs Einführungen in die Buchhaltung (Nürnberg 1531 und 1546). 2020, S. 8.
Bei der Darstellung der Zahlen wurde den arabischen Zahlzeichen gegenüber den herkömmlichen römischen Zahlzeichen der Vorzug gegeben. Obgleich die Bruchrechnung zur Entstehungszeit des Lehrbuchs bereits verstanden wurde, erübrigt sich durch die Verwendung der geringwertigen Heller die Darstellung von Bruchteilen der anderen Münzeinheiten.
Vergleich der Ausgaben von 1546 und 1592 mini|Druckfehler bei einem Buchungseintrag in cart. 1 (1546): Beim Silberverkauf müssten betragsgleich zu Journal (oben) und Güterbuch (unten) auch im Schuldbuch (Mitte) fl 86 | ß 16 | h 8 stehen. Das 1592 neu gesetzte Werk ist mit der 1546 hergestellten Ausgabe nicht gänzlich identisch und es finden sich auch einige Abweichungen bei den jeweils wiedergegebenen Zahlen, z. B.: +Erstes Buchhalten: Barverkauf Silber für 86 fl. 16 ß. 8h.,15. März 1545AusgabeJournalSchuldbuch/Einnam(cart. 1)Güterbuch(cart. 6)1546fl 86 | ß 16 | h 8fl 88 | ß 16 | h 8fl 86 | ß 16 | h 81592fl 89 | ß 16 | h 8fl 88 | ß 16 | h 8fl 86 | ß 16 | h 8 Im ersten Buchhalten der Ausgabe von 1592 wurde ein Fehler beim Abschluss der Kasse (Schuldbuch, cart. 1) korrigiert (1546 fehlerhaft mit 3447 fl. 13 ß. 8 h., 1592 korrekt mit 3647 fl. 13 ß. 8 h.).
Die dennoch identischen und korrekten Bilanzergebnisse in beiden Ausgaben sind ein starkes Indiz dafür, dass es sich bei den Fehlern tatsächlich um Druckfehler handelt, die doppelte Buchführung jedoch ihrem Anspruch der Fehlervermeidung durch die systemimmanente Kontrolle gerecht wird, während ein möglicher Lektor nicht über die entsprechenden mathematischen Kenntnisse verfügte, die Zahlenbeispiele nicht gewissenhaft überprüfte oder nicht wusste, welche Zahlen im Rahmen der doppelten Buchführung miteinander abzustimmen sind.
Fallbeispiel vom Journal bis zum Abschluss mini|Lediglich beim Textilhandel stellte Gottlieb ein Verlustgeschäft dar. Es werden Geschäfte mit Samt betrachtet (aus dem zweiten Buchhalten/Faktoreibuchhaltung). Zum leichteren Verständnis und, um die umständlichen Umrechnungen zwischen Gulden, Schilling und Heller zu vermeiden, werden hier die jeweiligen Werte unter Verwendung einer einzigen Buchwährung (Gulden) in der heute üblichen Weise mit zwei Nachkommastellen dargestellt.