mini|hochkant=1.5|Verbreitung der regional jeweils frühesten Kultur mit Töpfer­ware (etwa 6000–4000 v. Chr.)(etwa 7,500-5,500 BPBefore Present ist eine Altersangabe, zu und wird für unkalibrierte 14C-Daten gebraucht):

Hinweis: Die Karte ist ungenau und bedarf einer Überarbeitung; sie gibt nur die ungefähren territorialen Bedingungen einzelner Kulturen wieder.

Mittels der Paläogenetik und der Populationsgenetik können in der Anthropologie wichtige Zusammenhänge aufgedeckt und Fragen geklärt werden. Für das wissenschaftliche Arbeiten in der Archäologie, hier über die neolithische Kultur der Linearbandkeramiker, sind genetische und anthropologische Verfahren bedeutsame Hilfswissenschaften geworden.

Methodik Die Paläogenetik ist ein wissenschaftliches Teilgebiet der Genetik. Sie befasst sich mit der Analyse genetischer Proben aus den Überresten von Organismen, hier vor allem aus den Funden von linearbandkeramischen Skeletten, expressis verbis dem Felsenbein am Schädel und den Zähnen. Aus den Proben werden die Erbinformationen (aDNA, meist DNA-Bruchstücke) extrahiert, mittels Polymerasekettenreaktion amplifiziert und sequenziert. Durch neuere Techniken (zusammengefasst als Next Generation Sequencing) ist zunehmend auch eine direkte Sequenzierung, ohne vorhergehende Amplifizierung, möglich.

Allgemeiner Hintergrund In der angelsächsischen Literatur, und in dieser Sprache sind ein Großteil der paläogenetischen Untersuchungen versprachlicht worden, wird die Linearbandkeramik als Linear Pottery culture oder Linear Band Ware, Linear Ware, Linear Ceramics oder als Incised Ware culture bezeichnet. Ferner werden die „ersten europäischen Ackerbauer“ auch als European Neolithic farmers (ENFs) bzw. Early European Farmer (EEF) und, bezogen auf ihre hypothetischen Herkunft auch als Anatolian Neolithic farmers (ANFs) bezeichnet. In der menschlichen Genetik werden zwei wesentliche biologische Strukturen zur Untersuchung herangezogen: Haplogruppen für die mitochondriale DNA (mtDNA).

und für das Y-Chromosom (Y-DNA)

Die Bandkeramiker und die Frage nach den Vorfahren der modernen Europäer mini|300px|Schädelfund aus der Grubenanlage von Herxheim bei Landau/Pfalz (Museum des Institutes für Geowissenschaften an der Ruprecht-Karls-Universität in Heidelberg) mini|300px|Skelett-Fund einer Bestattung auf einem linearbandkeramischen Friedhof von Aiterhofen-Ödmühle (Gäubodenmuseum, Straubing); der Leichnam wurde typischerweise in Nordost-Südwest-Richtung ausgerichtet.

Die Ausbreitung der Linearbandkeramischen Kultur (LBK) begann wahrscheinlich ungefähr 5700 v. Chr. – ausgehend von der Gegend um den Neusiedler See – und schuf innerhalb einer menschheitsgeschichtlichen Zeitspanne von etwa 200 Jahren einen großen, kulturell einheitlichen und stabilen Siedlungs- und Kulturraum. Die Rekonstruktion dieser kulturellen Einheit beruht auf Bodenfunden in Gebieten der heutigen Länder Westungarn (Transdanubien), Rumänien, Ukraine, Österreich, Südwestslowakei, Mähren, Böhmen, Polen, Deutschland und Frankreich (hier unter der Bezeichnung culture rubanée: Pariser Becken, Elsass und Lothringen). Entsprechend gilt die LBK als größte Flächenkultur der Jungsteinzeit.T. Douglas Price, Joachim Wahl u. a.: Das bandkeramische Gräberfeld von Stuttgart-Mühlhausen: Neue Untersuchungsergebnisse zum Migrationsverhalten im frühen Neolithikum (= Fundberichte Baden-Württemberg. Band 27). Herausgegeben vom Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart. Konrad Theiss, Stuttgart 2003, S. 23–58 (online auf researchgate.net; PDF: 454 kB, 36 Seiten auf discovery.ucl.ac.uk).

Eine mögliche Unterteilung der LBK in Epochen ist:Hans-Christoph Strien: Besiedlungsgeschichte des Zabergäus 5500–5000 v. Chr. Sonderdruck aus: Christhard Schrenk, Peter Wanner (Hrsg.): heilbronnica 5 – Beiträge zur Stadt- und Regionalgeschichte Quellen und Forschungen zur Geschichte der Stadt Heilbronn. Nr. 20 (= Jahrbuch für schwäbisch-fränkische Geschichte. Band 37). Stadtarchiv Heilbronn, 2013, S. 35–50 (PDF: 932 kB, 17 Seiten auf stadtarchiv.heilbronn.de).Eva Lenneis, Peter Stadler: Zur Absolutchronologie der Linearbandkeramik aufgrund von 14C-Daten. In: Archäologie Österreichs. Band 6, Nr. 2, S. 4–13 (Gesamtseite auf winserion.org). um 5700/5500 bis um 5300: älteste LBK um 5300 bis 5200: mittlere LBK um 5200 bis 5000: jüngere LBK um 5100 bis 4900: jüngste LBK (Überschneidungen mit jüngerer LBK)

mini|hochkant=1.3|Die neolithischen Bauern des alten Europas waren den modernen östlichen, anatolischen Populationen genetisch am nächsten. Dargestellt sind die genetischen, matrilinearen Abstände zwischen den Populationen der europäischen neolithischen linearen Keramikkultur (5.500–4.900 v. Chr.) und der modernen westeurasischen Populationen; genauer aus 55 rezenten westeurasischen Populationen und insgesamt 42 neolithischen LBK-Proben.

Obgleich der Vorgang der Neolithisierung in Südost- und Zentraleuropa vorrangig durch zwei Modelle erklärt wird, hat das cultural diffusion-Modell, also der Aneignung der Kulturtechniken (Kulturtransfer, Akkulturation) durch die örtliche spätmesolithische Bevölkerung, aus der Sicht der Paläogenetik eine deutlich geringere Beweiskraft.Silviane Scharl: Die Neolithisierung Europas - Modelle und Hypothesen. Archäologische Informationen 26/2, (2003) 243–254 ( auf journals.ub.uni-heidelberg.de) hier S. 246 f.Wolfram Schier: Extensiver Brandfeldbau und die Ausbreitung der neolithischen Wirtschaftsweise in Mitteleuropa und Südskandinavien am Ende des 5. Jahrtausends v. Chr. Praehistorische Zeitschrift 84(1):15-43, Januar 2009 ( auf researchgate.net) hier S. 16–17A. Ammerman, L. Cavalli-Sforza: The Origins of Agriculture. In: Albert J. Ammerman, Luigi Luca Cavalli-Sforza (Hrsg.): The Neolithic Transition and the Genetics of Populations in Europe. Princeton University Press, Princeton, New Jersey 1984, S. 9–33, doi:10.2307/j.ctt7zvqz7.7

Sämtliche bisherigen genetischen Untersuchungen, inklusive der Genanalyse von möglichen Haustieren, sehen das demic diffusion-Modell hinsichtlich seiner Beweiskraft deutlich bestärktsiehe auch wave of advance Modell von Ammerman AJ, Cavalli-Sforza LL (1984), Sjödin P., François O.: Wave-of-Advance Models of the Diffusion of the Y Chromosome Haplogroup R1b1b2 in Europe. PLoS ONE 6(6) (2011) doi:10.1371/journal.pone.0021592 ( auf journals.plos.org): Einwanderung von Gruppen aus dem Nahen Osten – die Träger der bandkeramischen Kultur – waren keine Angehörigen oder Abkömmlinge der nacheiszeitlichen, mesolithischen einheimischen Jäger und Sammler; die Ausbreitung des Neolithikums (Jungsteinzeit) gründete in einem Wachstum der Bevölkerung mit räumlicher Ausdehnung landwirtschaftlicher Gemeinschaften oder ganzer Gesellschaften (auch engl. integrationist model).

Wenn die Bandkeramiker ihren Ursprung in der Starčevo-Körös-Kultur oder in einem anatolischen Kulturkreis hatten, die sich sukzessive in nordwestlicher Richtung, entlang der Flussläufe, nach Mitteleuropa ausbreiteten – dabei ist die allgemeine, geringe Bevölkerungs- oder Besiedlungsdichte zu berücksichtigen –, so muss man mutmaßen, dass die mittelsteinzeitlichen Ortsansässigen mit ihrer mehr als 30.000 Jahre andauernden eigenständigen kulturellen Entwicklung und die der Einwanderer ihre jeweiligen Unterschiedlichkeiten aufrechterhielten. Ferner muss man annehmen, dass die Mitglieder der beiden Bevölkerungsgruppen unterschiedliche Sprachen sprachen.Ivo Hajnal: Historisch-Vergleichende Sprachwissenschaft, Archäologie, Archäogenetik und Glottochronologie. Lassen sich diese Disziplinen sinnvoll vereinen? In: Wolfgang Meid (Hrsg.): Archaeological, Cultural and Linguistic Heritage: Festschrift for Erzsébet Jerem in Honour of her 70th Birthday. Archaeolingua Alapítvány, Budapest 2012, ISBN 978-963-9911-28-4, S. 265–282.

Die Diffusionisten, die die Aneignung der Kulturtechniken durch die lokale spätmesolithische Bevölkerung verwirklicht sehen, räumen zwar eine vorderasiatische oder innereuropäische Migration ein, sehen aber in den Bandkeramikern die Nachkommen mesolithischer Jäger- und Sammler, die das „Agrarpaket“ übernommen hätten. Dem widersprechen bisher die aDNA-Analysen.Harald Haarmann: Auf den Spuren der Indoeuropäer: Von den neolithischen Steppennomaden bis zu den frühen Hochkulturen. Beck, München 2016, ISBN 978-3-406-68824-9, S. 31–33. Dann hätten die verschiedenen miteinander in Berührung tretenden Sprachräume über einen Sprachkontakt den komplexen Kulturtransfer ermöglichen müssen. Ein solcher Austausch kann durch direkte Nah- oder Fernkontakte zwischen Vertretern der über die Agrartechniken verfügenden Volksgruppen erfolgt sein, wobei man unter Fernkontakten Beziehungen versteht, die nicht durch räumliche Nähe in der unmittelbaren Heimat erfolgen, sondern z. B. durch Handelsbeziehungen stattfinden.

Genetische Untersuchungen mini|300px|Vermutete Migrationsroute im Sinne der Out-of-Africa-Theorie und gemäß der mitochondrialen DNA, (Archäogenetik)M. Metspalu, T. Kivisild, E. Metspalu, J. Parik, G. Hudjashov, K. Kaldma, P. Serk, M. Karmin u. a.: Most of the extant mtDNA boundaries in south and southwest Asia were likely shaped during the initial settlement of Eurasia by anatomically modern humans. In: BMC Genetics. Nr. 5, 2004, S. 26 (doi:10.1186/1471-2156-5-26; ; PMID 15339343).

DNA (aDNA)-Studien zeigen, dass die frühesten neolithischen europäischen Bauernpopulationen (European Neolithic farmers; ENFs) in erster Linie genetische Nachkommen der zentral- und westanatolisch neolithischen Bauern (Anatolian Neolithic farmers; ANFs) waren.Mathieson, I. et al.: Genome-wide patterns of selection in 230 ancient Eurasians. Nature (2015) 528, 499–503.Kılınç, G. M. et al.: The Demographic Development of the First Farmers in Anatolia. Curr. Biol., (2016) doi:10.1016/j.cub.2016.07.057Lazaridis, I. et al.: Ancient human genomes suggest three ancestral populations for present-day Europeans. Nature (2014) 513, 409–413 Ihre genetische Signatur unterschied sich deutlich von den in Mitteleuropa zuvor ansässigen mesolithischen Jägerkulturen (Westeuropäische Jäger und Sammler; Western Hunter-Gatherers; WHGs). Obwohl das genetische Erbe der anatolischen Bauern in der DNA der Linienbandkeramiker dominierte, kam es auch zu genetischem Austausch zwischen den einwandernden Bauern und den ansässigen Jägern. Der Grad dieser Vermischung scheint je nach Region und Zeitstufe unterschiedlich ausgeprägt gewesen zu sein.Mattila, T.M., Svensson, E.M., Juras, A. et al. Genetic continuity, isolation, and gene flow in Stone Age Central and Eastern Europe. Commun Biol 6, 793 (2023). doi:10.1038/s42003-023-05131-3.Alexey G. Nikitin, Peter Stadler, Nadezhda Kotova, Maria Teschler-Nicola, T. Douglas Price, Jessica Hoover, Douglas J. Kennett, Iosif Lazaridis, Nadin Rohland, Mark Lipson, David Reich: Interactions between earliest Linearbandkeramik farmers and central European hunter gatherers at the dawn of European Neolithization. Sci Rep (2019) 9, 19544 doi:10.1038/s41598-019-56029-2. Daneben konnte der Austausch materieller Güter zwischen den Landwirten einerseits sowie den Jägern und Sammlern andererseits dokumentiert werden.Vanmontfort, B.: Forager–farmer connections in an ‘unoccupied’ land: First contact on the western edge of LBK territory. J. Anthropol. Archaeol. (2008) 27, 149–160