Die Republik Dagestan () ist seit 1991 eine russische Republik im Nordkaukasus im südlichen Teil Russlands. Sie ist die flächengrößte und bevölkerungsreichste der russischen Kaukasusrepubliken. Vorgänger des multinationalen Föderationssubjekts war die Dagestanische ASSR im Rahmen der Russischen SFSR. Der Name bedeutet „Bergland“ in den Turksprachen.Es handelt sich hier um eine Wortverbindung des turksprachigen Dag (= „Berg“) mit der persischen Nachsilbe -(i)stān (= „Ort“; auch „Zeit“).

Geographie Dagestan setzt sich aus einem flachen Nordteil, der Nogaiersteppe, dem Kaukasusvorland sowie einem gebirgigen Südteil zusammen. Der höchste Berg ist mit 4466 Meter der Bazardüzü (Basardjusi) an der Grenze zu Aserbaidschan, an das die Republik im Süden grenzt. Im Südwesten grenzt Dagestan an Georgien, im Westen an Tschetschenien und im Norden an Kalmückien und die Region Stawropol. Im Osten besitzt es eine lange Küste am Kaspischen Meer. Die wichtigsten Flüsse sind der Terek, der Sulak und der Samur, der Grenzfluss zu Aserbaidschan. In Dagestan liegt der südlichste Punkt der Russischen Föderation. Die Region ist wichtig für den Transitverkehr von Russland nach Aserbaidschan und in den Iran.

Klima Das Klima ist in den niedrigen Teilen sehr mild und im Sommer meist sehr trocken. Im Norden Dagestans herrschen steppenartige Verhältnisse. 

Bevölkerung Die russische Volkszählung registrierte im Jahr 2010 2.910.249 Einwohner. Dagestan gehört zu den russischen Regionen mit dem stärksten Bevölkerungszuwachs; 1989 lebten noch rund 1,8 Millionen Menschen in Dagestan. 2002 lebten ca. 56 Prozent der Bevölkerung unter der Armutsgrenze; somit gehört Dagestan zu den ärmsten Republiken der Russischen Föderation. Auch das BIP pro Kopf ist eines der niedrigsten in der Föderation: pro Kopf kommt man auf 16.470 Rubel (ungefähr 593,51 US-$ oder 435,60 € bei dem damaligen Wechselkurs).

Sprachen mini|Karte der Hauptverbreitungsgebiete der Sprachen der Nachisch-Dagestanischen oder Nordostkaukasischen Sprachfamilie. 23 der 29 Sprachen (nach verbreiteter Unterteilung) werden fast ausschließlich oder teilweise in Dagestan gesprochen. Dagestan ist ein überaus vielsprachiges Land – wenn man die innereurasische Grenze am Kaukasus festlegt, sogar die vielsprachigste Region Europas. Linguisten zählen fast 30 autochthone Sprachen und nahezu 80 Dialekte, die innerhalb einiger (jedoch nicht aller) Sprachen, z. B. innerhalb der darginischen Sprachgemeinschaft, so unterschiedlich sind, dass einige Linguisten solche Dialekte als gesonderte Sprachen betrachten. Ein Teil dieser Sprachen wird nur in wenigen Dörfern, in seltenen Fällen nur innerhalb eines Dorfes gesprochen. Die meisten einheimischen Sprachen gehören zur nordostkaukasischen Sprachfamilie, die sich im zerklüfteten Bergland stark ausdifferenziert hat. Die drei häufigsten nordostkaukasischen Sprachen sind Awarisch, Darginisch und Lesgisch.

Dazu kommen drei größere Turksprachen (Kumykisch, Aserbaidschanisch und Nogaisch) sowie das dem Persischen nahestehende Tatisch und, in einigen Terekkosaken-Dörfern in der nördlichen Steppe bereits seit dem 16. Jahrhundert verbreitet, das Russische.

Trotz der sprachlichen Eigenständigkeit vieler Landstriche und Dorfgemeinschaften lebten diese nie völlig isoliert. Der Fernhandel über Derbent zwischen Persien/Aserbaidschan und der Krim bzw. Osteuropa, politische Bündnisse und besonders die bis ins 20. Jahrhundert übliche halbnomadische Fernweidewirtschaft, bei der die meisten Dorfbewohner ihre Viehherden aus dem Bergland auf gepachtete Winterweiden im Vorland oder aus dem Vorland auf Sommeralmen im Kaukasus begleiteten, führten zu regelmäßigen Kontakten zwischen verschiedensprachigen Gemeinschaften.

Als mündliche Verkehrssprachen dienten dabei früher Kumykisch, um Derbent auch Aserbaidschanisch. Für die schriftliche Kommunikation (Briefe) und auch nichtreligiöse Literatur (z. B. Lyrik, Geschichtswerke) wurde, stärker als in anderen nicht–arabischsprachigen islamischen Regionen, die Fremdsprache Arabisch verwendet. Seit dem 19. Jahrhundert übernahm Russisch die Rolle der mündlichen und schriftlichen Verkehrssprache.Frédérique Longuet Marx: Die Frage der Identität und die Entstehung der Nationalbewegungen in Dagestan. In: Uwe Halbach/Andreas Kappeler (Hrsg.): Krisenherd Kaukasus. Baden-Baden 1995, S. 238–244; Jörg Stadelbauer: Die Krisenregion Kaukasien: Geographische, ethnische und wirtschaftliche Grundlagen. In: Halbach/Kappeler: Krisenherd Kaukasus. Baden-Baden 1995, S. 13–51, besonders S. 23–29; Uwe Halbach/Manarsha Isaeva: Dagestan: Russlands schwierigste Teilrepublik. Politische und religiöse Entwicklung am „Berg der Sprachen“. (PDF; 472 kB) Berlin 2015, S. 12–14.

Wurden mehrere der oben genannten Sprachen traditionell in arabischer Schrift geschrieben, so wurde unter sowjetischer Herrschaft in den 1920er Jahren zunächst eine lateinische Orthografie festgelegt, ehe diese bereits ein Jahrzehnt später wiederum durch die Schreibung in kyrillischen Buchstaben ersetzt wurde.

Trotz des Rückgangs der russischen Bevölkerung in Dagestan hat die russische Sprache nicht an Bedeutung verloren. Sie dient als Verkehrssprache zwischen den Ethnien und ist besonders in größeren Städten auch zunehmend die bevorzugte Alltagssprache der jüngeren Generation, unabhängig von deren ethnischer Herkunft. Dies hängt unter anderem damit zusammen, dass Russisch in gemischtethnischen Gebieten, vor allem an den höheren Schulen und Hochschulen die führende Unterrichtssprache ist.

Nationalpolitik Bis ins 20. Jahrhundert war die Identität der Dagestaner nicht mit der eigenen Sprache verknüpft. Sie identifizierten sich mit der Dorfgemeinschaft, die viele organisatorische und juristische Angelegenheiten gemeinsam regelte und mit den Gemeindebünden mehrerer Dörfer und den Fürstentümern, deren Grenzen nicht den Sprachgrenzen entsprachen, sondern nur Teile der Sprachgebiete umfassten oder verschiedensprachige Dörfer und Gebiete vereinten.Frédérique Longuet Marx: Die Frage der Identität und die Entstehung der Nationalbewegungen in Dagestan. In: Uwe Halbach/Andreas Kappeler (Hrsg.): Krisenherd Kaukasus. Baden-Baden 1995, S. 238–244. Erst die sowjetische Politik der Korenisazija, nach der möglichst jeder in seiner Muttersprache alphabetisiert werden sollte und regionale Traditionen und Historien bewusst zur Nationalgeschichte und Nationalkultur umgedeutet wurden, verankerte Identifikationen mit der eigenen sprachlich-kulturellen Ethnie (offiziell „Nationalität“ genannt) in der Bevölkerung. Im vielsprachigen Dagestan stieß diese Politik an Grenzen, nur die zahlreicher verwendeten Sprachen wurden zu offiziell anerkannten Schrift- und Schulsprachen erhoben. Die Sprecher der andischen und didoischen Sprachen und des Artschinischen wurden zur Nationalität der Awaren gezählt und auf Awarisch unterrichtet, von den südlichen lesgischen Sprachen oder Samursprachen wurden nur Lesgisch und Tabassaranisch als offizielle Schriftsprachen anerkannt, erst 1992 auch Rutulisch, Aghulisch und Tsachurisch.Gerhard Simon: Nationalismus und Nationalitätenpolitik in der Sowjetunion von der Diktatur zur nachstalinistischen Gesellschaft. Baden-Baden 1986, 34–82.

In der letzten sowjetischen Volkszählung 1989 stellte die Sowjetunion auf der oben geschilderten Kategorisierung der Bevölkerung 14 in Dagestan vorhandene „Nationalitäten“ fest, ferner 32 „ethnische Gruppen“ sowie schließlich „Andere“, die zahlenmäßig zu klein oder durchmischt waren.

Die so verbreitete Betonung nationaler Identitäten führten in den 1990er Jahren zur Bildung zahlreicher nationalistischer Volksfronten mit bewaffneten Formationen, deren Anführer durch das Schüren der Konflikte oft eigene Machtambitionen verwirklichen wollten.Auf diese Verbindung nationalistisch-militanter Bewegungen mit politischen und wirtschaftlichen (z. T. illegalen) Ambitionen ihrer Parteiführer wies besonders Otto Luchterhandt: Dagestan: Unaufhaltsamer Verfall einer gewachsenen Kultur interethnischer Balance? Hamburg 1999 hin. Exemplarisch der Parteichef der awarischen Volksfront „Imam Schamil“ Gatschi Machatschew, der die dagestanische Ölindustrie zunehmend kontrollierte, oder die Vorsitzenden der lakischen Volksfront „Kasi-Kumuch“, die Brüder Chatschilajew, die die Fisch- und Kaviarproduktion zunehmend beherrschten und die, nachdem sie von der Miliz, also der Polizei, angegriffen wurden, im Mai 1998 einen Putsch gegen die Regierung in Machatschkala versuchten (S. 33–38). Diese gefährliche Lage konnte gegen Ende des Jahrzehntes durch eine Konkordanz- und Kompromisspolitik weitgehend entschärft werden, die einige Streitfragen löste.Johannes Rau: Politik und Islam in Nordkaukasien: Skizzen über Tschetschenien, Dagestan und Adygea. Wien 2002, S. 68–73. Bekanntestes Beispiel ist der Konflikt um den Nowolakski Rajon (=Neulakischer Bezirk) südlich von Chassawjurt, der bis zur Deportation aller Tschetschenen unter Stalin 1944 als Auchowski Rajon zu Tschetschenien gehörte, danach aber an Dagestan fiel und systematisch mit Laken neu besiedelt wurde. Nach der Rückkehr und Rehabilitation der Tschetschenen unter Chruschtschow blieb der Rajon bei Dagestan und rückkehrwillige Tschetschenen wurden bis 1991 immer wieder ausgewiesen. Nach Ende dieser Zwangspolitik eskalierte der tschetschenisch-lakische Streit zu bewaffneten Zusammenstößen, die 1992 nur durch das Eingreifen der russischen Armee unterdrückt werden konnten. Schließlich beschloss ein Kongress der dagestanischen Nationalbewegungen unter Vorsitz der Regierung am 5. September 1999 die genau festgelegte Aufteilung der Felder des Rajons zwischen den Familien tschetschenischer Rückkehrer und lakischer Bewohner. Laken, die dadurch ihre Besitzungen verloren, wurden mit Zustimmung kumykischer Parteien mit Land an der Küste des Kaspischen Meeres nördlich von Machatschkala entschädigt, wo neue lakische Dörfer entstanden. Der Konflikt existiert seitdem nicht mehr. Während bei einer Umfrage 1994 in der Hauptstadt Machatschkala noch 52 % ihre Bereitschaft bekundeten, für die eigene Volksgruppe in den bewaffneten Konflikt zu ziehen, glaubten bei einer Umfrage 2013 nur noch 2,8 % der Befragten, dass interethnische Spannungen die Stabilität Dagestans gefährden könnten.Uwe Halbach/Manarsha Isaeva: Dagestan: Russlands schwierigste Teilrepublik. Politische und religiöse Entwicklung am "Berg der Sprachen". Berlin 2015, S. 12.

Volksgruppen mini|Karte der Völker und Sprachen im Kaukasus. Zum Vergrößern auf die Karte klicken. mini|Kubatschi – dagestanisches Bergdorf (Aul) im typischen Stil mini|Traditionelle Architektur im Aul Stary Kachib Zu den einheimischen Ethnien mit nordostkaukasischen Sprachen gehören rund 77 % der Bewohner. Darunter sind mit den Awaren, Darginern, Lesgiern, Laken und Tabassaranen Volksgruppen mit jeweils deutlich über 100.000 Menschen. Zur Gruppe der Turkvölker gehören die Kumyken, Aserbaidschaner und Nogaier. Sie zählen zusammen über 600.000 Personen und somit etwas mehr als ein Fünftel der Gesamtbevölkerung.