Fritz Ferdinand Otto Rücker (* 9. April 1892 in Muskau; † 20. Mai 1974 in Kleinmachnow)Bettina Goldberg: Schulgeschichte als Gesellschaftsgeschichte. Berlin 1994, ISBN 3-89468-087-3, S. 375; Reihe Deutsche Vergangenheit. Stätten der Geschichte Berlins, Band 99. war ein deutscher Pädagoge und Vizepräsident der Provinzialverwaltung Brandenburg in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) sowie brandenburgischer Minister für Volksbildung, Wissenschaft und Kunst, außerdem leitender Mitarbeiter im Verlag Volk und Wissen der DDR.

Sein Grab befindet sich auf dem Waldfriedhof Kleinmachnow.

Leben Herkunft und Familie Rücker war Sohn des RentmeistersPersonalbogen der Lehrer höherer Schulen Preußens für Fritz Rücker, Blatt 1, elektronisch archiviert in der Archivdatenbank der BBF – Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung in Berlin des Grafen Traugott Hermann von Arnim-Muskau Friedrich Rücker, der später den Titel Kammerrat erhielt.Dokumente der Familie Rücker aus dem Familienbesitz der Verfasserin babbel61

Er wuchs in bürgerlichen Verhältnissen im damaligen niederschlesischen Landkreis Rothenburg auf und besuchte in Muskau die Volksschule.Wolfgang Rocksch: Fritz Rücker 1892 bis 1974. In: Gerd Hohendorf, Helmut König, Eberhard Meumann (Hrsg.): Wegbereiter der neuen Schule. Berlin 1989, ISBN 3-06-212774-0, S. (210–217) 210. An der Berliner Friedrichswerderschen Oberrealschule legte er im Jahr 1911 das Abitur ab. Sein Hauptwohnsitz blieb weiterhin in Muskau in der Oberlausitz.Personalakte Rücker, Fritz. Archivdatenbank der Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung (BBF) Daraufhin schrieb er sich für das Wintersemester 1911/1912 im Studiengang Deutsch an der Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin unter der Matrikelnummer 4553 einAmtliches Verzeichnis des Personals und der Studierenden der Königlichen Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin, 1912, S 223, wohnhaft: Weißensee, Berliner Allee 242 und studierte dort an der Philosophischen Fakultät bis zum Sommersemester 1914.Amtliches Verzeichnis des Personals und der Studierenden der Königlichen Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin. Auf das Sommersemester vom 16. April bis 15. August 1914, Berlin 1914, S. 203; Als Herkunft wurde Schlesien genannt, wozu Muskau zurzeit seiner Geburt gehörte.

Zu Beginn seiner Berufsjahre als Studienrat im höheren Schuldienst heiratete Rücker am 4. Juni 1925 die Kaufmannstochter Ella Knoll (* 1900; † 1969). Im Jahr 1926 wurde der Sohn Klaus und 1934 die Tochter Ursula geboren.Stammbaum der Familie Rücker, sich im Besitz der Verfasserin babbel61 befindend

Die Lehrerfamilie Rücker hatte in den 1920er Jahren ihren Wohnsitz im Berliner Bezirk Reinickendorf und war danach in Berlin-Hermsdorf ebenfalls zur Miete wohnhaft. Das Mehrfamilienhaus hat den Zweiten Weltkrieg überdauert.Gebäudeansicht: Google Maps: Hermsdorfer Damm 154 in 13467 Berlin Rücker schrieb seiner Familie im Frühjahr 1945 „ausführlich von Lunjowo aus“, wo er von Oktober 1944 bis Februar 1945 die Antifa-Schule besuchte,Fritz Rücker: Neue Schule, neue Lehrer – ein neuer Geist in Potsdam. In: Die ersten Jahre. Erinnerungen an den Beginn der revolutionären Umgestaltungen. Berlin 1979, S. (303–319) S. 304; und erfuhr aus Berlin-Hermsdorf: „Alle waren gesund und hatten die Bombennächte überstanden.“

Von Berufskollegen in der Weimarer Republik wurde Rücker als „fortschrittlicher Pädagoge“ bewertet und von seinen Schülern als feinfühlig beschrieben.

Erster Weltkrieg und Nachkriegsjahre Vom 21. August 1914 bis Kriegsende war Rücker in einem Infanterieregiment Teilnehmer des Ersten Weltkrieges, zunächst als einfacher Soldat, dann als Gefreiter und ab April 1915 als Unteroffizier/Vizefeldwebel sowie ab Dezember 1916 als Leutnant. Nach Auszeichnungen mit dem Eisernen Kreuz (EK) I und zuvor mit dem EK II wurde er am 23. Dezember 1918 als Reserve-Leutnant aus dem Kriegsdienst entlassen. Er studierte 1919 weiter in BerlinAmtliches Verzeichnis des Personals und der Studierenden der Königlichen Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin. Auf das Sommersemester vom 28.April 1919 bis 15. August 1919, Berlin 1919, S. 271, wohnhaft: Weißensee, Albertinenstraße 24; Publikationsserver der Humboldt-Universität zu Berlin und unterzog sich Sprach- und pädagogischen Prüfungen in den Jahren 1920/21 in den Fächern Deutsch, Englisch und Französisch. Die Lehrerlaubnis als Gymnasiallehrer erhielt er im Jahr 1921, das Probejahr als Lehrer wurde ihm wegen seiner Kriegsteilnahme erlassen.

Die erforderliche Vereidigung auf die demokratische Weimarer Verfassung fand am 30. August 1920 statt. Während seiner praktischen Lehrerausbildung trat er im Jahr 1921 in die SPD ein. Überdies wurde er Mitglied in der Liga für Menschenrechte, im Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold, in der Eisernen Front und im Bund Entschiedener Schulreformer.Bettina Goldberg: Schulgeschichte als Gesellschaftsgeschichte, Berlin 1994, S. 374; ISBN 3-89468-087-3

Von Februar bis Oktober 1921 war er Studienassessor an der Liebig-Realschule in Berlin-Friedrichshain, Rigaer Straße, und ab Oktober 1921 setzte er für ein Jahr am Reform-Realgymnasium in Berlin-Reinickendorf seine praktische Ausbildung fort. Zum Oktober 1922 wurde er zum Studienrat ernannt.

Unter Fritz Wuessing, dem Direktor und Oberstudiendirektor des städtischen Reform-Realgymnasium in Berlin-Reinickendorf, arbeitete er als Studienrat. Das sozialdemokratisch geführte Bezirksamt Reinickendorf schuf im Herbst 1926 eine zusätzliche Stelle für einen Oberstudienrat, der als politisches Gegengewicht zum Schuldirektor und ehrenamtlichen DNVP-Funktionär Dr. Steinbrück zugleich stellvertretender Schulleiter werden sollte. Rücker wurde in diese Stelle berufen,Bettina Goldberg: Schulgeschichte als Gesellschaftsgeschichte. Berlin 1994, ISBN 3-89468-087-3, S. 156 f. wechselte daraufhin zum Hermsdorfer Reform-Realgymnasium Im Jahr 1928 zog das Hermsdorfer Realgymnasium in das neue Schulgebäude Fellbacher Straße 18/19; 1934 wurde Oberstudiendirektor Dr. Steinbrück (* 1885; † 1972) versetzt und degradiert zunächst zum Studiendirektor und später nochmals zum Studienrat. und wurde am 7. Januar 1927 zum Oberstudienrat befördert und als stellvertretender Direktor eingesetzt. Er wohnte zu dieser Zeit in Berlin-Rosenthal.

Zeit des Nationalsozialismus Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 wurde der Oberstudienrat und Sozialdemokrat Fritz Rücker zum Schuljahresende an Ostern von der NS-Schulverwaltung zeitweilig beurlaubt und vom Oberstudienrat zum Studienrat degradiert.Holger Dainat, Lutz Danneberg (Hrsg.): Literaturwissenschaft und Nationalsozialismus. Berlin/Boston 2003, ISBN 3-11-091064-0, S. 157. Ab 1. Oktober 1933 wurde er an die Arndt-Oberrealschule in Berlin-Kreuzberg, Belle-Alliance-Str. 80, versetzt. Seine Stelle wurde ab 1. Oktober 1934 mit dem ebenfalls nach dem Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums gemaßregelten Fritz Wuessing besetzt. Beide waren als progressive Gymnasiallehrer bekannt und in der Weimarer Republik Mitglied im Bund Entschiedener Schulreformer, einer Vereinigung zur Erneuerung des Erziehungs- und Bildungswesens.

Im Gegensatz zu seinem Lehrerkollegen Fritz Wuessing beantragte Rücker am 30. Juli 1940 die Aufnahme in die NSDAP und wurde zum 1. Oktober desselben Jahres aufgenommen (Mitgliedsnummer 8.285.975).Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/35911025Ehemalige Nationalsozialisten in Pankows Diensten., (zusammengestellt und herausgegeben vom Untersuchungsausschuss Freiheitlicher Juristen, Berlin-Zehlendorf) S. 51 [Fritz Rücker] Überdies wurde er Mitglied im Stahlhelm, Bund der Frontsoldaten und mit der Übernahme des Stahlhelms in die SA dort Mitglied und kam gelegentlich in deren Uniform zur Arbeit.Bettina Goldberg: Schulgeschichte als Gesellschaftsgeschichte. Berlin 1994, S. 191; ISBN 3-89468-087-3

Infolge des Parteieintritts wurde die Herabstufung zum Studienrat wieder rückgängig gemacht. Rücker konnte Ostern 1934 an seine alte Hermsdorfer Schule unter Leitung von Oberstudiendirektor Otto Gall (* 1890; † 1943) zurückkehren, die 1938 in Friedrich-Nietzsche-Schule, Oberschule für Jungen und Gymnasium, umbenannt wurde.Entwicklung vom Reform-Realgymnasium zum Georg-Herwegh-Gymnasium in Berlin-Hermsdorf

Ab September 1941 nahm Rücker am Zweiten Weltkrieg teil. Er wurde zum Oberleutnant der Wehrmacht befördert und geriet im Dezember 1942 in sowjetische Kriegsgefangenschaft. Nach seiner Gefangennahme wurde er gezielt mit dem ebenfalls kriegsgefangenen Offizier und Gymnasiallehrer Ernst Hadermann zusammengeführt, um ihn „von der Notwendigkeit der Mitarbeit zu überzeugen.“Wolfgang Rocksch: Fritz Rücker 1892 bis 1974. In: Gerd Hohendorf, Helmut König, Eberhard Meumann (Hrsg.): Wegbereiter der neuen Schule. Berlin 1989, ISBN 3-06-212774-0, S. (210–217) 212.

Im Jahre 1943 gehörten Rücker wie auch Hadermann zu den Gründungsmitgliedern des Bundes Deutscher Offiziere (BDO). Er unterzeichnete den „Aufruf an die deutschen Generale und Offiziere! An Volk und Wehrmacht!“ vom 12. September 1943 und wurde Mitglied des Geschäftsführenden Ausschusses des Nationalkomitees Freies Deutschland (NKFD).Jörg Morré: Hinter den Kulissen des Nationalkomitees. München 2002, ISBN 3-486-64582-X, S. 57. Rücker schrieb Artikel für die Zeitung Freies Deutschland und engagierte sich im Sender „Freies Deutschland“, wobei er sich insbesondere an ehemalige Sozialdemokraten, Pädagogen und Jugendliche wandte.Wolfgang Rocksch: Fritz Rücker 1892 bis 1974. In: Gerd Hohendorf, Helmut König, Eberhard Meumann (Hrsg.): Wegbereiter der neuen Schule. Berlin 1989, ISBN 3-06-212774-0, S. (210–217) 213. Zu Beginn des letzten Kriegsjahres gehörte er der neu gegründeten „Kommission für die Umgestaltung des Schul- und Unterrichtswesen“ des NKFD an, die aus elf Mitgliedern bestand, darunter ein evangelischer und ein katholischer Geistlicher sowie der Pädagoge Heinrich Abel (1908–1965).Fritz Rücker: Neue Schule, neue Lehrer – ein neuer Geist in Potsdam. In: Die ersten Jahre. Erinnerungen an den Beginn der revolutionären Umgestaltungen. Berlin 1979, S. (303-319) 303; Mit dem Mittelschullehrer und Oberst der Wehrmacht Wilhelm Adam sowie weiteren kriegsgefangenen Lehrern arbeitete er Richtlinien für den Unterricht in deutscher Geschichte 1944/45 im ehemaligen Erholungsheim in Lunjowo im Auftrage des NKFD aus.Bonna, Rudolf: Die Erzählung in der Geschichtsmethodik von SBZ und DDR, Bochum 1996, S. 92 f.; ISBN 3-8196-0390-5

Rückkehr nach Deutschland Im August 1945 kehrte Rücker aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft nach Deutschland zurückFritz Rücker: Erinnerungen an die Gründung der Pädagogischen Hochschule Potsdam. In: Pädagogische Hochschule Potsdam. Wissenschaftliche Zeitschrift, Jahrgang 12/1968, Heft 1, S. (17-34) 28; Gesellschafts- und Sprachwissenschaftliche Reihe und trat wieder in die Sozialdemokratische Partei Deutschlands ein. Er wurde nach dem 22. April 1946 Mitglied der SED, als in der SBZ und in Ost-Berlin unter dem SPD-Vorsitzenden Otto Grotewohl diese Partei mit der KPD unter dem Vorsitz Wilhelm Piecks vereinigt wurde. An einem unmittelbar zuvor begangenen gemeinsamen Parteitag von KPD und SPD der Provinz Mark Brandenburg hatten die SPD-Mitglieder Karl Steinhoff und Fritz Rücker sowie von der KPD die Politiker Franz Moericke, Bernhard Bechler und Heinrich Rau teilgenommen.Bildunterschrift zu einem zeitgenössischen Gruppenfoto, abgedruckt in: Die ersten Jahre. Erinnerungen an den Beginn der revolutionären Umgestaltungen, Berlin 1979, Bildtafel zwischen den Seiten 336 u. 337 [Abb. 2: Steinhoff (2. v. links), Rücker (Brillenträger, 5. v. l.)]; Die Mitgliedschaft in der Partei wurde in DDR-Veröffentlichungen seit 1921 gezählt.Die ersten Jahre. Erinnerungen an den Beginn der revolutionären Umgestaltungen, Berlin 1979, S. 358;