Jäger, Hirten, Kritiker. Eine Utopie für die digitale Gesellschaft ist ein im Jahr 2018 veröffentlichtes Sachbuch des deutschen Publizisten Richard David Precht. Darin reflektiert der Verfasser die Perspektiven der digitalen Revolution und skizziert angesichts ihm bedrohlich erscheinender Zukunftsszenarien seine Vision eines Lebens „in selbstbestimmtem Tun, ohne Konditionierung und Eintönigkeit.“ (S. 9)
Auf das Einleitungskapitel, das unter anderem die Gesellschaftsvisionen von Tommaso Campanella, Karl Marx und Oscar Wilde aufruft, folgt der erste Hauptteil Die Revolution, in dem Precht das Ende der herkömmlichen Arbeits- und Leistungsgesellschaft im Zuge einer „großen Überforderung“ durch „die Umwälzungen“ auf der Basis von digitaler Technologie, Robotern und künstlicher Intelligenz kommen sieht. Im zweiten Hauptteil unter dem Titel Die Utopie entwickelt Precht Strategien für eine menschengerechte Zukunft unter den Bedingungen der digitalen Automation. Da viele bestehende Formen von Lohn- und Erwerbsarbeit laut Precht in Zukunft entfallen werden, plädiert er für ein bedingungsloses Grundeinkommen, das sinnstiftende Tätigkeit als vollwertige Alternativform von Arbeit ermöglichen soll. (S. 124) Für die auf lebenslanges individuelles Weiterlernen angelegte Zukunft werde vermehrt intrinsische Motivation und ein den digitalen Herausforderungen angepasstes, auf Erinnerungs- und Urteilsvermögen gerichtetes Bildungswesen gebraucht. (S. 170)
Zu trennen seien schätzenswerte Verbesserungen und Lebenserleichterungen durch digitale Technik von den gleichfalls möglichen, jedoch inakzeptablen Übergriffen auf die ethische Orientierung und Freiheit von Menschen. (S. 218) Schutz der persönlichen Daten und informationelle Selbstbestimmung zu gewährleisten, hält Precht für dringliche Aufgaben von Staat und Politik. Zweifel äußert er in seinen Schlussbetrachtungen unter der Überschrift Nachtgedanken vor allem hinsichtlich der Umsetzbarkeit seines Zukunftsentwurfs im globalen Maßstab. (S. 266)
Inhaltliche Akzente
Anzeichen einer großen Überforderung
Eingangs seiner Ausführungen zur digitalen Revolution betont Precht, dass die Zukunft nicht so sehr über die Menschen komme, vielmehr von ihnen gemacht werde. Die sich stellende Grundfrage sei darum nicht: „Wie werden wir leben?“ Sondern: „Wie wollen wir leben?“ (S. 15) Die Dringlichkeit der Behandlung dieser Frage ergibt sich für Precht unter anderem aus Entwicklungen am Arbeitsmarkt: „Jede Tätigkeit, deren Routinen algorithmisierbar sind, ist prinzipiell ersetzbar.“ Wahrscheinlich wegfallen könnten u. a. Millionen von Buchhaltern, Finanzbeamten, Verwaltungsfachleuten, Juristen, Steuerberatern, LKW-, Bus- und Taxifahrern, Bankangestellten, Finanzanalysten und Versicherungsagenten. Frühere Ausbildungsberufe würden künftig von Robotern ersetzt, ungezählte Dienstleistungen nur noch in Selbstbedienung am Bildschirm erledigt, beispielsweise Reisen buchen, Kleider und Bücher bestellen oder Überweisungen ausführen. (S. 24)
Über den Plattform-Kapitalismus kann laut Precht alles ohne Fachpersonal gehandelt werden, von Gegenständen aller Art bis Übernachtungen, Kommunikation, Verkehr, Energie, Finanztransaktionen, Ernährung, Lebensberatung, Partnersuche und Bespaßung. Auch die Zeit der Niedriglohnjobs in der digitalen Revolution laufe ab. Paketausfahrende von heute könnten vielleicht noch eine Zeit lang Drohnen bestücken, „bis auch solche Tätigkeiten robotisiert sind.“ Selbst IT-Experten würden voraussichtlich großteils von künstlicher Intelligenz verdrängt. (S. 25) Auch in Zukunft nicht verzichtbar – selbst wo technisch ersetzbar – hält Precht Tätigkeiten bzw. Berufe, die mit starker zwischenmenschlicher Zuwendung einhergehen sollten wie etwa im Erziehungs- und Bildungsbereich, in Betreuungszusammenhängen und im medizinischen Bereich. (S. 27 f.)
Für solche Aussichten und die damit verbundenen Begleit- und Folgeerscheinungen sieht Precht Politik und Gesellschaft schlecht vorbereitet.„Es gibt kein positives Zukunftsszenario für die Digitalisierung unserer Gesellschaft. Gewiss, die Großstädte könnten grüner und energieeffizienter werden. Die Medizin gewinnt an Präzision. Ältere Menschen bekommen einen smarten Roboter als Haushaltshilfe und Haustier in einem. Und intelligente Beleuchtung passt sich uns an und lässt alles in schönem Licht erscheinen – aber all das ist keine gesellschaftliche, politische und volkswirtschaftliche Vision.“ (S. 56) Moderne europäische Politik sei „gekennzeichnet durch den Ethosverzicht zugunsten taktischer Klugheit und höchster Flexibilität.“ Man überlasse Technokraten das Regieren, die ohne eigene inhaltliche Ziele die Dinge massenmedial vermittelt auf sich zukommen ließen: „Finanzkrise, Schuldenkrise, Bespitzelungsaffäre, Migrationskrise. Nichts davon geahnt, nichts gewusst.“ Nicht Politiker bestimmten auf diese Weise die künftigen Lebensverhältnisse, „sondern die Visionäre und Utopisten der digitalen Revolution: Google, Facebook, Amazon, Apple, Microsoft und Samsung. Gegen diese digitalen Supermächte sind Deutschlands Politiker strategische Pygmäen.“ (S. 52) Für Precht aber kommt es politisch entscheidend darauf an, „die Möglichkeiten digitaler Technologie nicht nur aus dem Blickwinkel des wirtschaftlichen Wettbewerbs zu sehen, sondern als Chance zu einem guten Gesellschaftsmodell. […] Keine ökonomische Logik produziert aus sich heraus ein menschenwürdiges Leben. Die Demokratisierung von Lebenschancen ist eine politische Aufgabe.“ (S. 57)
Dystopie, Retropie und Utopie der digitalen Revolution
Von den drei kontrastierenden Szenarien, die Precht als mögliche Konsequenzen der digitalen Revolution anspricht, erscheint nur eines erstrebenswert. In dem als Dystopie bezeichneten pessimistischen Zukunftsentwurf für das Jahr 2040 werden junge Erwachsene von ihrem Datenerfassungsprogramm ganztägig gesteuert und versorgt. „Unser Leben kann gar nicht mehr nicht gelingen. Google, Facebook und Co. haben uns von der Diktatur der Freiheit befreit.“ (S. 59)„Die Chance, in diesem unfallfreien Leben weit über hundert zu werden, ist groß. All unsere Zellen lassen sich in der Petrischale klonen, und der 3D-Drucker druckt uns bei Bedarf neue Nieren, eine neue Leber oder ein neues ‚eigenes‘ Herz aus.“ (Ebenda, S. 59) Den Profit davon hat eine junge Garde von Investoren und Spekulanten im Datenhandel, deren Energie- und Ressourcenverbrauch die Abschaffung der Menschheit vorantreibt. (S. 60 f.) Chinas auf digitale Komplettüberwachung gegründetes „System für soziale Vertrauenswürdigkeit“ funktioniert seit zwei Jahrzehnten unangefochten und in anderen Teilen der Welt lediglich auf subtilere Art. (S. 67) In einer neuen Grundwerteordnung hat man „Autonomie gegen Bequemlichkeit getauscht, Freiheit gegen Komfort und Abwägung gegen Glück. Das Menschenbild der Aufklärung findet in der schönen neuen Digitalwelt der Überwachungssensoren und Digital-Clouds einfach keinen Platz mehr. Wozu Urteilskraft, wenn Algorithmen und diejenigen, denen sie gehören, mich besser kennen als ich mich selbst?“ (S. 69) Verhaltensmanipulation auf der Grundlage von Datenverarbeitung bestimmt den Lebensalltag und die Politik. (S. 71) Das Individuum hat Aussicht auf „Reinkarnation in der Technosphäre“ durch digitale Konservierung des Gehirns. (S. 81)
Andererseits ist auch die Vergangenheitsdimension, wie Precht eingehend darlegt, im individuellen Erleben sehr gewichtig. „Denn was sind wir im Alter anderes, als unsere eigene Geschichte.“ Normalerweise wüssten Menschen „den festen Boden von Traditionen, Überlieferungen, Gewohnheiten und Fortsetzbarem“ sehr zu schätzen. Doch in einer Wirtschaftsform, „die allen Raum auf unserem Planeten entgrenzt, Kulturen im Eiltempo entwurzelt, Tradition durch Neues ersetzt, flache Gesellschaften in Arm und Reich spaltet und überall Bedürfnisse und Bedarf weckt, sind solche Seelenheimaten belanglos.“ (S. 83 f.) Die Propagandisten der Digitalisierung, so Precht, nähmen keine Rücksicht auf hergebrachte Werte, sondern trieben zur Eile an, damit man nicht den Anschluss verpasse: „Digitalisierung first – Bedenken second.“ (S. 84 f.) Demgegenüber stünden vielerlei im Vergangenen, in der Retropie, einen Halt suchende gesellschaftliche Strömungen. Deren Anliegen seien ernstzunehmen und nur bei Auswüchsen wie Pegida grotesk. Doch generell sei die Retropie keine realistische Option. „Denn in der Geschichte der Menschheit gibt es kein freiwilliges Zurück, nur eine Bewegung nach vorn.“ (S. 89–92 und 97)
Folglich bleibt für Precht als sinnvolle Alternative zur Dystopie nur eine in die Zukunft gerichtete, auf konkrete Visionen gegründete, entwicklungsoffene, menschengerechte Utopie, die Orientierung für politisches Handeln bieten soll. Im Zentrum von Prechts Entwurf steht erklärtermaßen „der Mensch als freier Gestalter seines Lebens.“ (S. 97 f. und 124)
Grundeinkommen als Autonomiebasis
Die vorherrschende Hochschätzung von Lohn- und Erwerbsarbeit und deren Kopplung an das individuelle Selbstwertgefühl hält Precht für unzeitgemäß, ebenso die Vorstellung von einem für alle möglichen gesellschaftlichen Aufstieg durch eigene Leistung, wie sie dem Bild der Leistungsgesellschaft zugrunde liege. Dagegen spreche – neben Niedriglohnsektor und wegfallenden Beschäftigungszweigen – die unterschiedliche Verteilung von Erbmassen. (S. 114–118)
Die Voraussetzung dafür, dass auf der Basis befriedigter Grundbedürfnisse allen ein freies Leben möglich wird, sieht Precht im Jahr 2018 in Deutschland in einem bedingungslosen Grundeinkommen von 1500 Euro. Ein damit verbundener freiwilliger Zuverdienst könne dafür sorgen, dass etwa auch Krankenschwestern und Altenpfleger (anders als bislang) über adäquate Einkommen verfügten. Es entfalle der Zwang, monotone und demoralisierende Arbeit auszuüben, die größtenteils ohnehin bald komplett digitalisiert würden. (S. 144 f. und 149)
Menschliches Glück hängt nicht ab von einem wachsenden Bruttoinlandsprodukt (BIP), betont Precht: „Was zum Glück beiträgt – Achtsamkeit, Respekt, eine Kultur des Vertrauens, Selbstbestätigung, Selbstwirksamkeit, die Kunst, mit seinen Ansprüchen umzugehen, keine Existenzangst zu haben, ein gutes Umfeld, Freunde usw. – ist seit den Tagen der antiken Griechen gut bekannt.“ Ein wachsendes BIP führe in Deutschland nicht zu mehr Glück. Vielmehr sei es Treiber einer wirtschaftlichen Dynamik, die bislang mit mehr Energieverbrauch und Ressourcenausbeutung einhergehe, mit stetigem Klimawandel und mehr Müll. (S. 152)
Zur Grundeinkommensfinanzierung ist für Precht eine Finanztransaktionssteuer in Form einer Mikrosteuer das geeignete Mittel. Diese könne auch Spekulationen auf Kosten von Investitionen in die Realwirtschaft eindämmen. „Eine Finanztransaktionssteuer macht die Finanzmärkte stabiler und verringert die Zockerei im Börsencasino. Verlierer sind nur die Extremzocker und niemand sonst.“ (S. 133–135)
Bildung zur Humanität im digitalen Wandel
Zu Menschen, die nach Prechts Vorstellung künftig zu freien Gestaltern ihres Lebens werden sollen, passt ein vorrangig auf Arbeitsmärkte ausgerichtetes Bildungswesen nicht. Einerseits könne selbst umfassende Bildung nicht verhindern, dass jemand durch Technik ersetzt wird oder aus dem Schema der künftigen Arbeitswelt herausfällt. Ein hohes Maß an Bildung und Kreativität brauchten andererseits aber gerade auch Menschen, die zeitweilig oder länger keiner Erwerbsarbeit nachgingen. „Seinen Tag frei zu gestalten, sich freiwillig für eine Sache einzusetzen, Pläne zu machen und Ziele zu entwickeln, die einem niemand vorgibt – all diese Fähigkeiten unterscheiden den glücklicheren Menschen ohne Brotberuf vom abgespeisten, sich nutzlos fühlenden unglücklicheren.“ (S. 119 und 168)