Karl Hermann Schelkle (* 3. April 1908 in Steinhausen an der Rottum; † 9. März 1988 in Tübingen) war ein deutscher katholischer Theologe. Er wirkte an 1950 als Professor für Neutestamentliche Theologie an der Universität Tübingen.
Leben Karl Hermann Schelkle wurde am 3. April 1908 in Steinhausen in Württemberg als jüngster Sohn des Lehrers Sebastian Schelkle (1868–1960) und dessen zweiter Frau Josefa Balle (1872–1940) geboren. Er begann 1926 sein Studium an der Universität Tübingen. Er war Mitglied der Theologengesellschaft Danubia Tübingen.Mitgliederverzeichnis der Verbindung Danubia im Wintersemester 1926/27 im Universitätsarchiv Tübingen (Signatur: UAT 117/2002, 7) Mit Erfolg bearbeitete er eine für das akademische Jahr 1928/29 von der Katholisch-Theologischen Fakultät ausgeschriebene Preisarbeit: Die formgeschichtliche Betrachtung der Leidensgeschichte Jesu. Dies brachte Schelkle nicht nur wissenschaftliche Anerkennung ein, sondern stürzte ihn auch in eine Glaubens- und wohl auch Lebenskrise.Thurau: Der „Fall Schelkle“, S. 40. Er wurde für ein Jahr an die Universität Bonn beurlaubt. Anschließend trat er im Frühjahr 1930 in die Benediktinerabtei Maria Laach als Postulant ein, wurde aber bereits im August wieder entlassen und kehrte nach Tübingen zurück. 1931 beendete er sein theologisches Studium und trat ins Priesterseminar Rottenburg ein. Am 19. März 1932 wurde er zum Priester geweiht.
Nach einjähriger Seelsorgetätigkeit in Friedrichshafen und Saulgau stellte man ihn zum Weiterstudium der Klassischen Philologie und Religionswissenschaft in Tübingen frei. Da er zum Referendardienst aus politischen Gründen nicht zugelassen wurde,„Der Eintritt in das Referendariat [war ihm] durch die NS-Behörden verwehrt worden“ (Helmut Feld: Schelkle, Karl Hermann, Digitalisat) promovierte er 1935 bei Otto Weinreich zum Dr. phil. mit einer Arbeit über Virgil in der Deutung Augustins.
Auf Empfehlung zweier Professoren der Philosophischen Fakultät, Weinreich und Carl Watzinger, sowie durch Vermittlung des Dekans der Katholisch-Theologischen Fakultät in Tübingen, Joseph Rupert Geiselmann, trat er 1936 ein Reisestipendium des Deutschen Archäologischen Instituts nach Rom, Griechenland und in den Vorderen Orient an und kehrte im September 1939 als Hilfsassistent der Fakultät nach Tübingen zurück.
Bei Stephan Lösch, der bereits an der Lateinschule in Horb am Neckar Schelkles Klassenlehrer gewesen war und mittlerweile als Professor für Neues Testament in Tübingen lehrte, reichte Schelkle 1940 an der Katholisch-Theologischen Fakultät eine überarbeitete Fassung der Preisarbeit aus dem Jahr 1929 als Dissertation ein unter dem Titel Die Passion Jesu in der Glaubenspredigt des Neuen Testaments. Aufgrund von Löschs negativer Bewertung zog Schelkle die Dissertation jedoch auf Rat Geiselmanns zurück.Zu eventuell auch politischen Hintergründen vgl. Thurau: Der „Fall Schelkle“, S. 222–232. Der Grund für Löschs Verhalten blieb Schelkle bis zuletzt „immer unerklärt“.Karl Hermann Schelkle: Lebenserinnerungen. In: Römische Quartalschrift für christliche Altertumskunde und Kirchengeschichte 82 (1987), S. 66–79, hier: S. 70.
Anschließend war er von 1940 bis 1945 als Seelsorger in Wachendorf (Starzach) bei Rottenburg am Neckar tätig. 1941 wurde er, trotz erneuten Interventionen Löschs, bei Heinrich Joseph Vogels an der Universität Bonn mit einer Arbeit über Die Passion in der Verkündigung des Neuen Testaments zum Dr. theol. promoviert. Im Druck konnte die Arbeit erst 1949 (ohne Imprimatur) erscheinen. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges erhielt Schelkle 1946 eine Anstellung im Bibliotheksdienst der Universitätsbibliothek Tübingen. 1949 erfolgte seine Habilitation an der Universität Würzburg bei Karl Staab, obwohl Lösch erneut intervenierte.Thurau: Der „Fall Schelkle“, S. 171–182. Von 1950 bis zu seiner Emeritierung 1976 war Schelkle als Nachfolger Löschs Inhaber des Lehrstuhls für Neutestamentliche Theologie in Tübingen.
Im Jahr 1976 erhielt er den Titel „päpstlicher Hausprälat“, 1985 das Bundesverdienstkreuz.
Werk Schelkle war einer der ersten Protagonisten der formgeschichtlichen Methode auf katholischer Seite. Diese Methode war für Schelkle eine Möglichkeit, dem historischen Christusereignis sehr viel näher zu kommen als zum Beispiel durch reine Quellen- oder Textkritik. Wie bezeichnend steht dafür sein Beitrag in der Festschrift zum einhundertfünfzigjährigen Bestehen der Katholisch-Theologischen Fakultät Tübingen: In einem mit nur vier Seiten wahrscheinlich demonstrativ kurzen Beitrag gibt Schelkle schon allein im Titel – "Von der Predigt zur Predigt" – den entscheidenden Ansatzpunkt seines formgeschichtlichen Arbeitens: „Zu einem wesentlichen Teil ist das Neue Testament unmittelbar schriftliche Niederlegung der Predigt der Kirche wie Erinnerung an ihren Kult.“Karl Hermann Schelke: Von der Predigt zur Predigt, in: Theologie im Wandel, München 1967, S. 408–412, hier: S. 412.
Lange bevor die Themen kirchenöffentlich virulent wurden, etwa in der Würzburger Synode oder im Synodalen Weg, erhob Schelkle entscheidende Antworten aus dem Neuen Testament zu Fragen um die Rolle der Frau in der Kirche,Der Geist und die Braut. Frauen in der Bibel. Düsseldorf 1964 das Amtspriestertum, Ihr alle seid Geistliche, Einsiedeln 1964, und Jüngerschaft und Apostelamt, Freiburg im Breisgau 1965. und die neutestamentlich nicht begründete Machtausübung in der Kirche.„Für die Bibelwissenschaft ist es eine schmerzliche Erinnerung, daß von etwa 15 Dekreten der Bibelkommission ungefähr sämtliche irrig waren.“ (Ansprache Schelkles zum goldenen Priesterjubiläum 1982, zitiert nach Meinrad Limbeck: Karl Hermann Schelkle. Zu Person und Werk, in: Karl Hermann Schelkle: Die Kraft des Wortes, Stuttgart 1983, S. 11–21, hier: S. 16.)
Die Summe seiner Arbeiten ist in seiner fünfbändigen Theologie des Neuen Testaments zusammengefasst, in der er bestimmten Gedanken und Themen neutestamentlicher Verkündigung nachging und das gläubige Leben der neutestamentlichen Gemeinde zum Ausdruck brachte.Theologie des Neuen Testaments. 5 Bände. Düsseldorf 1968–1976. Von innerer Konsequenz und sicher auch großer ökumenischer Bedeutung ist daher auch die von Schelkle als katholischem Neutestamentler 1984 zusammen mit seinem Schüler Helmut Feld herausgegebene – bis dahin unveröffentlichte – Habilitationsschrift von Rudolf Bultmann aus dem Jahre 1912.Rudolf Bultmann: Die Exegese des Theodor von Mopsuestia, Habilitationsschrift Marburg 1912, posthum hg. von Helmut Feld und Karl Hermman Schelkle, Stuttgart 1984.
Schelkle verfasste über 150 Bücher und Zeitschriftenartikel; Übersetzungen in bis zu fünfzehn Sprachen wurden veröffentlicht.
Schriften (Auswahl) Virgil in der Deutung Augustins. 1939; zugleich Philosophische Dissertation Tübingen 1935. Die Passion Jesu in der Verkündigung des Neuen Testaments. Ein Betrag zur Formgeschichte und zur Theologie des Neuen Testaments. Heidelberg 1949; unter abweichendem Titel (Die Passion Jesu in der Verkündigung des Neuen Testaments. Ein Beitrag zur biblischen Theologie) zugleich Theologische Dissertation Bonn 1941. Paulus, Lehrer der Väter. Die altkirchliche Auslegung von Römer 1–11. Düsseldorf 1956; 2. Auflage 1959; unter abweichendem Titel (Die Auslegung von Paulus’ Römerbrief bei den Vätern) Habilitationsschrift Würzburg 1949. Das Neue Testament. Seine literarische und theologische Geschichte. 2. Auflage. Kevelaer 1964. Das Neue Testament. Eine Einführung. 4. Auflage. 1970; erschienen auch in englischer, französischer, niederländischer und japanischer Sprache. Jüngerschaft und Apostelamt. 3. Auflage 1965; erschienen auch in englischer, französischer, niederländischer und spanischer Sprache. Der Geist und die Braut. Frauen in der Bibel. Düsseldorf 1964, ISBN 3-491-77394-6 Wort und Schrift. 1967; erschienen auch in spanischer Sprache. Theologie des Neuen Testaments. 5 Bände. Düsseldorf 1968–1976, italienische Übersetzung Bologna 1969–1974, englische Übersetzung 1971–1978, spanische Übersetzung Barcelona 1975–1978, portugiesische Übersetzung São Paulo 1977–1979, polnische Übersetzung 1984; erschienen auch in slowenischer Sprache. Die Petrusbriefe – Der Judasbrief. 5. Auflage. Freiburg im Breisgau 1980 (erschienen auch in italienischer und spanischer Sprache); Neuauflage 1988, ISBN 3-451-01149-2. Der zweite Brief an die Korinther. Düsseldorf 1984, ISBN 3-491-77108-0. Israel im Neuen Testament. Darmstadt 1985, ISBN 3-534-09619-3. Paulus. Leben – Briefe – Theologie. 1981; Neuauflage: Darmstadt 1988, ISBN 3-534-08011-4. Die Chöre der Engel. Ostfildern 1988, ISBN 3-7966-0660-1.
Literatur
Dominik Burkard: Charakter – Biographie – Politik. Die Theologen Bernhard Hanssler, Karl Hermann Schelkle und Josef Schuster in Malbriefen aus den Jahren 1932–1935. Regensburg 2016, ISBN 3-7954-3171-9. Markus Thurau: Der „Fall Schelkle“ (1929–1949). Zur frühen Rezeption der Formgeschichte innerhalb der katholischen Bibelwissenschaft im Spannungsfeld von lehramtlichem Widerstand, politischem Kalkül und theologischer Erneuerung. Frankfurt am Main 2017, ISBN 3-631-71397-5.
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Einzelnachweise
Kategorie:Neutestamentler Kategorie:Hochschullehrer (Eberhard Karls Universität Tübingen) Kategorie:Römisch-katholischer Theologe (20. Jahrhundert) Kategorie:Römisch-katholischer Geistlicher (20. Jahrhundert) Kategorie:Träger des Bundesverdienstkreuzes 1. Klasse Kategorie:Korporierter (katholische Studentenverbindung) Kategorie:Deutscher Kategorie:Geboren 1908 Kategorie:Gestorben 1988 Kategorie:Mann