Die Corona-Warn-App (kurz: CWA) ist eine mobile App, die ab 16. Juni 2020 in Deutschland und seit Anfang Juli 2020 auch in vielen Staaten der Europäischen Union sowie weiteren Staaten in 7 Sprachen als COVID-19-App verfügbar war und die eine Variante der Kontaktpersonennachverfolgung nutzte.

Die App sollte den Benutzer alarmieren, wenn es wahrscheinlich war, dass dieser in gefährdendem Umfang Kontakt mit einer infektiösen Person hatte. In diesem Fall sollte man sofort gefährdende Kontakte mit Dritten einschränken, bis die Infektion durch ärztliche Untersuchung ausgeschlossen wurde. Das sollte den zuständigen Behörden helfen, Infektketten nachzuverfolgen und zu unterbrechen und so die Ausbreitung der COVID-19-Pandemie einzudämmen. Die Funktion, andere Personen zu warnen, wurde am 1. Mai 2023 eingestellt. Seitdem ist die App nur noch für Impfzertifikate des COVID-19-Impfstoffs nutzbar.

Herausgeber der App ist das Robert Koch-Institut (RKI), entwickelt wurde sie von den Unternehmen SAP und Deutsche Telekom unter Beteiligung von rund 25 weiteren Unternehmen.Juergen Mueller: COVID-19: Die technische Grundlage der Corona-Warn-App in Deutschland, SAP, online 20. Mai 2020, Abruf am 18. Juni 2020 Die App nutzte die Schnittstellen der Betriebssysteme von Apple und Google und die Protokolle von DP-3T und TCN. Die CWA wurde am 1. Juni 2023 in einen Ruhemodus versetzt und wird seitdem nicht mehr weiterentwickelt. Seit Mitte Juni 2023 ist sie nicht mehr in App Store oder Play Store verfügbar.

Historie und Zweck Im Frühjahr 2020 entstand auf dem Hintergrund der COVID-19-Pandemie der Bedarf, eine Warn-App zur Prävention gegen Ausbreitung der Pandemie zu entwickeln. Im Verlauf der Entwicklung und zum Einsatz der Corona-Warn-App kam es zu zahlreichen Kontroversen und teils auch zu Wettbewerb mit vergleichbaren Apps anderer Länder.

Durchsetzung des dezentralen Ansatzes Zentraler Ansatz Am 15. April 2020 entschieden sich die Regierungschefs von Bund und Ländern für die Unterstützung der Initiative PEPP-PT, die Software entwickeln wollte, auf deren Grundlage mit zentraler Speicherung der Kontaktdaten unterschiedliche nationale Contact-Tracing-Apps in Europa entstehen können. Als Teil des Leadership-Teams wurde Chris Boos in der Öffentlichkeit bekannt, wohl auch, weil er zuvor schon Mitglied im Digitalrat der Bundesregierung und Teilnehmer der Bilderberg-Konferenz 2019 war. Unter diesem Dach versammelten sich mehrere Entwicklergruppen, wobei auch konkurrierende Ansätze verfolgt wurden. Anfangs schien es so, dass sich dank der Unterstützung der Bundesregierung der „zentrale Ansatz“ für eine deutsche Contact-Tracing-App durchsetzen würde. Auf Nachfrage in einer Pressekonferenz vom 16. April 2020 wollte die Bundesregierung trotz des gemeinsamen Vorstoßes von Apple und Google weiter auf Chris Boos’ Projekt setzen.

Als diese Vorentscheidung der Bundesregierung öffentlich deutlich wurde, setzte Kritik daran ein. Im Verlaufe der Diskussion wurde von Seiten der Bundesregierung gesagt, dass über die App zusätzliche Erkenntnisse für die epidemiologische Forschung gewonnen werden sollen.

Auf eine schriftliche Frage von Anke Domscheit-Berg wurde am 20. April 2020 mitgeteilt, dass weiterhin verschiedene Alternativen betrachtet werden (DP-3T, PEPP-PT sowie die in Österreich eingesetzte Lösung Stopp Corona der Accenture GmbH).

Die beiden US-Technologieriesen Apple und Google folgten dem Protest einer Reihe deutscher Start-Ups, den diese am 14. April 2020 zugunsten dezentralen Speicherlösung für Corona-Apps äußerten. Das hatte Gewicht, denn 99 Prozent aller Smartphones weltweit nutzen ein Betriebssystem von Apple oder Google.Apple und Google: Bluetooth-Schnittstellen werden nicht für Corona-App mit zentralem Datenspeicher geöffnet, in www.n-tv.de, online 24. April 2020, Abruf am 30. Juni 2020 Zumal auf Apple-Smartphones die Funktechnik Bluetooth Low Energy normalerweise nicht im Hintergrund läuft, wie es bei dieser Anwendung sinnvoll und mit Nutzung der von Apple aktuell programmierten Software möglich ist, bekamen die Vertreter des „dezentralen Ansatzes“ durch die Festlegung von Apple und Google, ihre Betriebssysteme für Contact-Tracing-Apps anzupassen, mächtige Unterstützer.

Wechsel zum dezentralen Ansatz Technisch war die Bundesregierung also auf ein Entgegenkommen der beiden Unternehmen angewiesen. Noch am 24. April 2020 hatte aber eine Sprecherin der Bundesregierung die Präferenz für das zentrale Konzept von PEPP-PT bekräftigt. Am selben Tag veröffentlichten unter anderem der Chaos Computer Club, die Gesellschaft für Informatik sowie weitere Organisationen, die sich mit netzpolitischen Fragen beschäftigen, einen offenen Brief an die Bundesregierung. Darin hieß es: „Das von Ihnen präferierte Konzept für die App ist nicht der richtige Weg.“Kristin Becker und Christian Feld: Radikaler Kurswechsel – Bundesregierung denkt bei App um, in: www.tagesschau.de, online 26. April 2020, Abruf am 30. Juni 2020 In der Nacht zum 26. April 2020 gab die Bundesregierung nach und erklärte am Morgen, sie bevorzuge nun einen dezentralen Ansatz. Sie werde „eine dezentrale Architektur“ vorantreiben, die „die Kontakte nur auf den Geräten speichert und damit Vertrauen schafft.“ Eine Pressemitteilung vom 28. April 2020 stellte die Herausgabe der App durch das Robert Koch-Institut nach „Fertigstellung durch die Telekom und die SAP“ in Aussicht.

Am 12. Mai 2020 wurde ein Quellcode-Repository auf GitHub veröffentlicht.

Ziel des Projektes ist eine dezentrale Lösung mit einer Datenspeicherung lokal auf den Smartphones basierend auf dem Privacy-Preserving Contact Tracing Protokoll (PPCP) von Apple und Google mittels Bluetooth. Die Technik ist stark inspiriert von den DP-3T- und TCN-Protokollen und wie diese werden Apps und Backend-Infrastruktur vollständig quelloffen unter Apache-2.0-Lizenz gestellt werden.

Ende der Weiterentwicklung Angesichts der gewachsenen Immunität der Bevölkerung und Aufhebung der meisten Corona-Maßnahmen und dem dementsprechenden Entfall an Bedarf an einer App zur Kontaktnachverfolgung wurde die Corona-Warn-App am 1. Juni 2023 in einen Ruhemodus versetzt und wird seitdem nicht mehr weiterentwickelt. Die App bleibt auf den Endgeräten der Nutzenden erhalten, sodass Impfzertifikate damit bei Bedarf weiterhin genutzt werden können. Die Anwendung soll bis zu ihrer Einstellung mehr als 48 Millionen Mal installiert worden sein, knapp neun Millionen Menschen teilten positive Testergebnisse, um andere Nutzer zu warnen. Die Verträge mit den Dienstleistern SAP und T-Systems endeten zum 31. Mai 2023.

Funktionsweise mini|Komponenten mini|Derzeitige Architektur

Die Systemarchitektur umfasst vor allem die auf den einzelnen Smartphones durch die Nutzer freiwillig installierte App, die Schnittstelle Exposure Notification Framework (ENF) zwischen App und Betriebssystem im Smartphone, unterschiedliche Hotlines für technische Fragen und zur Autorisierung der Meldung „positiver Corona-Tests“ und mehrere in der T Cloud Public installierte Webserver.

Die App besitzt vier Hauptfunktionen: Die Risiko-Ermittlung, die Meldung des positiven Corona-Tests, die Risikobewertung sowie die Information und Handlungsempfehlung.Juergen Mueller: COVID-19: Die technische Grundlage der Corona-Warn-App in Deutschland, SAP, online 20. Mai 2020, Abruf am 18. Juni 2020

Wie diese Hauptfunktionen konkret durch den Code der App implementiert und durch dessen Zusammenspiel mit dem Code der Google Apple Exposure Network API und der Betriebssysteme von Google und Apple verwirklicht werden, ist für die Öffentlichkeit aufgrund ihrer Komplexität nur schwer nachzuvollziehen. Die beim Nutzer an der Teststation eingeforderte Entscheidung über die Erlaubnis zur Datenübermittlung setzt jedoch ein entsprechendes Verständnis voraus, sodass viele Nutzer vorsichtshalber der Datenübermittlung nicht zustimmen und in der Folge positive Testergebnisse häufig nicht erfolgreich in der App eingetragen werden (können).

Webserver Entsprechend dem Client-Server-Modell betreibt die Deutsche Telekom für die App vier Server:, RKI, v. 1.0.1 vom 18. Juni 2020, Abruf am 10. Juli 2020, 116 Seiten, PDF 2,8 MB den Corona-Warn-App-Server. Er speichert die autorisierten Meldungen positiver Corona-Tests, so lange sie nicht älter als 14 Tage sind. den Verifikations-Server. Er dokumentiert, dass ein Nutzer freiwillig zugestimmt hat, die Meldung über seinen positiven Corona-Test einzureichen, und dass diese Meldung vom Labor als zutreffend bestätigt („verifiziert“) wurde. den Portal-Server. Er erzeugt teleTANs für noch nicht digital an das App-System angeschlossene Gesundheitsämter und Labore. den Testergebnis-Server. Er stellt die Ergebnisse der Labors zur weiteren Verwendung bereit.

Die Verteilung der Daten auf mehrere Server soll dazu dienen, diese Daten zu entkoppeln und so eine Rückverfolgung zu einzelnen Nutzern zu erschweren.

Risiko-Ermittlung Sofern im Menü der App die Funktion „Risiko-Ermittlung“ eingeschaltet ist, sendet das Smartphone mit Bluetooth Low Energy (BLE) bis zu vier Mal pro Sekunde RPI-Kennungen (Rolling Proximity Identifiers, Zufalls-IDs), die alle 10 bis 20 Minuten neu aus einem „Tagesschlüssel“ (Temporary Exposure Key, TEK, Diagnoseschlüssel) abgeleitet werden. Damit kann grundsätzlich von außen erkannt werden, ob in der Nähe ein anderes Smartphone die App verwendet. Durch die regelmäßige Änderung der gesendeten Kennungen wird jedoch verhindert, dass man auf die Identität des sendenden Smartphones oder dessen Nutzers schließen kann. Jeweils um Mitternacht UTC wird ein neuer „Tagesschlüssel“ erzeugt.

Andererseits überprüft die App in Abständen von 4 bis 5 Minuten jeweils ungefähr 4 Sekunden lang, ob andere Smartphones ebenfalls solche Kennungen aussenden, und speichert sie, die Signalstärke und den Zeitpunkt des Empfangs für eine Dauer von 14 Tagen.

Meldung des positiven Corona-Tests Die App enthält im Menü „Überblick“ vor allem die Funktion „Benachrichtigung anderer“.DTAG-Vorstandsvors. Höttges: Wir werden innerhalb von 4 Wochen alle Gesundheitsämter und Labore digital anschließen, in: Pressekonferenz zur Vorstellung der Corona-Warn-App, online 16. Juni 2020, Abruf am 8. Juli 2020 Damit kann ein Test, der eine aktuelle Infektion mit dem SARS-CoV-2-Erreger wahrscheinlich gemacht hat („positiver Corona-Test“), freiwillig und auf anonyme Weise zur Warnung von Kontaktpersonen im Corona-Warn-App-Server registriert werden. In der Regel handelt es sich bei diesem Test um einen RT-PCR-Test. Eine Person mit einem solchen Testergebnis wird als „Corona-positiv getestet“ bezeichnet (vereinfachend „aktuell infiziert“ oder „Neu-Infektion“ genannt).

Sofern das Gesundheitsamt oder Testlabor bereits in die Struktur des für die App eingerichteten Systems digital eingebunden ist, bekommt man bei der Probenabgabe einen QR-Code, den man mit der App einscannen kann. Im Menü „Überblick“ kann damit der Status und das Ergebnis des Tests abgefragt werden.

Falls das Gesundheitsamt oder Testlabor noch nicht digital in das App-System eingebunden ist, muss die Meldung des positiven Corona-Tests per teleTAN über eine Verifikations-Hotline erfolgen.

In beiden Fällen lädt die App erst nach Zustimmung durch den Nutzer die Tagesschlüssel der letzten 14 Tage, versehen mit dem Gültigkeitstag und dem „Übertragungsrisiko“, in den Corona-Warn-App-Server hoch.

Übertragungsrisiko Das „Übertragungsrisiko“ (Transmission Risk Level, TRL) wurde anfänglich anhand des Zeitpunkts des Hochladens der Tagesschlüssel geschätzt. Inzwischen kann es genauer geschätzt werden, wenn der Nutzer den Tag erster Symptome angibt. Es wird quantifiziert in die Stufen I (geringstes Risiko) bis VIII (höchstes Risiko) und Teil des Diagnoseschlüssels.

Risikobewertung Die Risikobewertung wird mit der Schnittstelle „Exposure Notification Framework“ (ENF), die von Apple und Google eigens für COVID-19-Apps eingeführt wurde, durchgeführt.

Risiko-Begegnungen