mini|400px|Menantes (Christian Friedrich Hunold), Verliebte und Galante Welt (Hamburg, 1707). Die Begriffsfügung galanter Roman geht zum einen auf Sprachgebrauch des späten 17. und frühen 18. Jahrhunderts zurück. Man bezeichnete in Westeuropa Romane als galant, die einen bestimmten Publikumsanspruch zeigten (die „galante Welt“ adressierten), „galante“ Interaktionen boten (vorzugsweise „Liebes-Intriguen“) oder aber in einem „galanten Stil“ geschrieben waren. Mitunter wurde Erotische Literatur als Periphrase „galant“ euphemistisch umschrieben, da Erotik im galanten Roman gern thematisiert wurde.Katja Barthel: Gattung und Geschlecht. Walter de Gruyter GmbH & Co KG, 2016, ISBN 978-3-110-45988-3, S. 398 (). Das Etikett der Galanterie blieb in all diesen Punkten Geschmacksurteilen vorbehalten, die Gesichtspunkte Inhalt, Stil, Umgang mit dem Publikum, bildeten einen engen Zusammenhang.

Eine Neuausrichtung erfuhr die Diskussion um den galanten Roman in der Literaturwissenschaft des 20. Jahrhunderts insbesondere in der Romanistik und der Germanistik. Das hat vor allem damit zu tun, dass eine Diskussion galanter Romane im 17. und 18. Jahrhundert vor allem in Deutschland im Blick auf den französischen Roman und französische Moden stattfand. Die Hauptfragen waren hier, ob der galante Roman ein eigener epochaler Typus ist und wie er sich in diesem Fall gegenüber dem Barockroman und dem Roman der Aufklärung verortete.

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Forschungspositionen Stärker als die germanistische Diskussion blieb die romanistische einer Variante des höfisch-heroischen Barockromans gewidmet, wie er Mitte des 17. Jahrhunderts von Autoren wie Madeleine de Scudéry verfasst wurde.

Die germanistische Forschung entwickelte sich aus der Beobachtung heraus, dass eine Diskussion galanter Romane in Deutschland erst in den 1680er Jahren einsetzt. Die grundlegende Frage war hier, warum es zu dieser – epochalen? – Verzögerung kam. Die Forschung widmete sich ihr unter verschiedenen Perspektiven, denen gemeinsam war, dass sie von einer Produktionslücke zwischen 1680 und 1730 ausgingen. Konzentrierten sich die Untersuchungen bis in die 1930er Jahre auf die Romane August Bohses alias Talanders,Sie Ernst Schubert, August Bohse, genannt Talander. Ein Beitrag zur Geschichte der galanten Zeit in Deutschland, [=Breslauer Beiträge zur Literaturgeschichte, 27] (Breslau, 1911), Hermann Tiemann: Die heroisch-galanten Romane August Bohses. Diss. Kiel 1932, Heinlein, Otto, August Bohse-Talander als Romanschriftsteller der galanten Zeit [Diss. Greifswald, 1939] (Bochum, 1939), Lieselotte Brögelmann, Studien zum Erzählstil im „idealistischen“ Roman von 1643-1733 mit besonderer Berücksichtigung von August Bohse [Diss. masch.] (Greifswald, 1939) sowie nachgesetzt: Elizabeth Brewer: The Novel of Entertainment during the Gallant Era. A Study of the Novels of August Bohse. Bern: Lang 1983. mit denen die Diskussion galanter Romane in den 1680er Jahren aufkam, so fand hier in den letzten Jahrzehnten eine Schwerpunktverlagerung statt. Sie geht vor allem auf die Arbeiten Herbert Singers zurück, die zu Beginn der 1960er Jahre den Blick auf den mutmaßlichen Epochenhöhepunkt legten. Erst mit Christian Friedrich Hunolds Adalie (1702) habe, so Singer, der galante Roman seine mustergültige Ausprägung gefunden. Der Konstruktionstyp, den Singer herausarbeitete,Siehe Singer, Herbert, Der galante Roman (Stuttgart, 1961) und sein Der deutsche Roman zwischen Barock und Rokoko (Köln / Graz, 1963) und ihm folgend Hans Wagener, Die Komposition der Romane Christian Friedrich Hunolds, [=University of California Publications in Modern Philology, 94] (Berkeley / Los Angeles, 1969) wie sein Vorwort zu C. F. Hunolds, Der Europæischen Höfe / Liebes- und Helden-Geschichte [Faks. Nachdr. d. Ausg. (1705)] (Bern / Frankfurt a. M. / Las Vegas, 1978). stand, so die abschließende Interpretation, ähnlich zwischen Barock und Aufklärung wie es das frühe Rokoko in der Kunstgeschichte tut. Vom „Komödienroman des Rokoko“ sprach Singer, von einer Schwundform des heroischen Barockromans französischer Prägung, die keinen Übergang in den Roman der Aufklärung aufwies, der am Ende in den 1740er Jahren mit Samuel Richardsons Pamela von Deutschen Autoren übernommen wurde.

Die Epochenlokalisierung wurde 1983 von Rolf Grimminger in Hansers Sozialgeschichte der Deutschen LiteraturRolf Grimminger, „Roman“, in: Rolf Grimminger (ed.), Hansers Sozialgeschichte der deutschen Literatur, 3 (München, 1983), S. 635–715 – S. 655–64 zum galanten Roman. nach folgend von John A. McCarthy (1985)John A. McCarthy, "The Gallant Novel and the German Enlightenment", DVjS 59 (1985), S. 47–78. und Bernhard Fischer (1989)Bernhard Fischer, „Ethos, Konvention und Individualisierung. Probleme des galanten Romans in Christian Friedrich Hunolds Europäischen Höfen und im Satyrischen Roman“, Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte, 63.1 (1989), p.64-97. im Ansatz hinterfragt. Legte man die Kriterien anders, als Singer es getan hatte, ließen sich eigene Aspekte aufweisen, die in die Aufklärung führten.

Die Forschung, die sich seit 2001 dem galanten Roman zuwandte, stellte die vorangegangene Suche nach dem typischen galanten Roman und seiner epoachalen Konstruktion in Frage. Die Arbeiten von Olaf Simons argumentierten mit dem europäischen Buchmarkt.Olaf Simons, Marteaus Europa, oder, Der Roman, bevor er Literatur wurde: eine Untersuchung des Deutschen und Englischen Buchangebots der Jahre 1710 bis 1720 (Amsterdam: Rodopi, 2001) und „Zum Korpus ‚galanter‘ Romane zwischen Bohse und Schnabel, Talander und Gisander“ in Das Werk Johann Gottfried Schnabels und die Romane und Diskurse des frühen 18. Jahrhunderts, hrsg. v. Günter Dammann und Dirk Sangmeister (Tübingen: Max Niemeyer, 2004), S. 1–34. Die Frage war hier, warum zum Teil dieselben Romane, die im Englischen als „novels“ gegenüber „romances“ diskutiert wurden, in Deutschland mit einer Mode des Galanten in Verbindung gebracht wurden; der Diskussion des Galanten wies das eigenen Stellenwert gegenüber den Texten zu, anhand derer man diskutierte. Die Arbeiten Florian Gelzers galten dezidierter den Qualitäten des Galanten, die sich in Titeln sehr unterschiedlicher Genres und Erzählmuster aufweisen lassen. Gelzer weitete hier den Zeitraum bis zu Christoph Martin Wieland aus.Florian Gelzer, Konversation, Galanterie und Abenteuer. Romaneskes Erzählen zwischen Thomasius und Wieland (Tübingen: Niemeyer, 2007).

Die Untersuchungsbände, die 2001Thomas Borgstedt / Andreas Solbach: Der galante Diskurs : Kommunikationsideal und Epochenschwelle (Dresden: Thelem, 2001). und 2004Sylvia Heudecker / Dirk Niefanger / Jörg Wesche: Kulturelle Orientierung um 1700 (Tübingen: Niemeyer, 2004). die Frage nach der germanistischen Epochendefinition für die Phase 1680 und 1730 neu aufwarfen, gingen auf den galanten Roman nur am Rande ein, widmeten sich jedoch zentral der Formulierung von Theorien des Epochenwechsels, unter denen galante Roman zwischen Barock und Aufklärung auf Umbrüche, gleitende ÜbergängeDirk Niefangers These eines „Sfumato“ wurde hier von Stephan Kraft in einer eigenen Arbeit zu Anton Ulrichs Romanen wieder aufgegriffen: Stephan Kraft: Geschlossenheit und Offenheit der „Römischen Octavia“ von Herzog Anton Ulrich. Epistemata 483 (Würzburg, 2004). oder eine spezifische Orientierungslosigkeit hin zu untersuchen wären.

Definitionsaspekte des 17. und 18. Jahrhunderts Unter galanten Romanen versteht man bis in das frühe 18. Jahrhundert hinein weder Romane eines bestimmten Gattungstypus noch den Roman der gegenwärtigen „galanten“ Epoche. Es gibt zwar ein Bewusstsein dafür, dass das Galante in Mode ist. Historische Selbstverortungen geschehen jedoch im bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts im Blick auf das zu benennende Jahrhundert oder „Säkulum“ sowie im intellektuellen Schlagabtausch im Blick auf die Querelle des Anciens et des Modernes. Man sieht sich hier gegenüber dem Mittelalter und der Antike in der Moderne verortet.

Die Einstufung von Romanen als „galant“ geschieht im späten 17. und frühen 18. Jahrhundert in vor allem im Rahmen von Geschmacksurteilen. Es auf der anderen Seite im Deutschen bis in das frühe 18. Jahrhundert hinein nicht minder möglich, den Roman insgesamt zu den galanten Schriften zu rechnen. Die Abgrenzung geschieht hier gegenüber wissenschaftlicher, religiöser Publizistik auf der einen Seite und gegenüber ungebildeter Lektüre auf der anderen. Im Französischen spricht man von den „belles lettres“ als dem größeren Textbereich aller eleganten modischen Schriften. Im Deutschen ist „galante Wissenschafften“ bis in die 1720er die Übersetzung für „belles lettres“. Im Englischen spricht man von „polite literature“ und schafft innerhalb dieses Bereichs einen besonderen der „Writers of Gallantry“, zu denen Romanautoren gehören. Das Vorhandensein von Liebesgeschichten ist hier das entscheidende Definitionskriterium.

Das Geschmacksurteil „galant“ erfasst eine Vielzahl von Aspekten: Sujet, Interaktion mit dem Publikum, Stil, die einander bei näherem Blick erfordern.

Mit dem Urteil „galant“ geht es in jedem Fall primär um den Effekt des Textes, um die Annehmlichkeit, die er in den Augen des Betrachters erreicht und um eine spezifische Unverfrorenheit der mutigen, galanten Interaktion, die galante Verfasser gegenüber dem Publikum an den Tag legen. Die Urteilsstrukturen weichen an dieser Stelle zum Teil erheblich von den germanistischen ab, die im 20. Jahrhundert eine Gattungstypologie des galanten Romans aufzumachen suchten.

Sujets und Genres des galanten Romans Die meisten Romane, die im 17. und 18. Jahrhundert als „galante“ ausgewiesen werden, bieten Liebesgeschichten. Im Einzelfall kann jedoch eine Karriere als Spieler oder Soldat ein ebenso galantes Sujet sein. Entscheidend ist die Distanz gegenüber dem dargebotenen Leben. Der galante Held muss sich als „munterer Kopf“ auszeichnen, einen „aufgeräumten Humeur“ zeigen, letztlich unberührt bleiben von Katastrophen. Er kann sich selbst dem Spott aussetzen wie satirische (pikareske) Helden, muss dann aber nach dem berichteten Missgeschick Leichtfertigkeit und Souveränität im Blick auf das eigene Leben zurückgewinnen. Man lacht gemeinsam mit dem galanten Helden aus dem Abstand heraus, nicht über ihn als Menschen, der seine eigene Situation nicht relativieren kann. Sujet und Conduite hängen an dieser Stelle eng zusammen. Robinson Crusoe (1719) ließ sich unter diesen Prämissen nicht als galanter Roman wahrnehmen, da dem Helden Spaß an der Gesellschaft wie humorvolle Distanz gegenüber sich selbst abgehen. Die eigene Leidensgeschichte gewinnt für Crusoe Aspekte der qualvollen, selbstquälerischen religiösen Selbsterforschung – eine Option jenseits allen galanten Umgangs mit dem Publikum und dem Leben. Galante Romane finden sich darum nicht in allen Genres des Marktes. Sie sind dort selten, wo Helden Bildung und Training der eigenen Conduite nicht gewinnen können.

Heroisch galante Romane Die ersten Zuweisungen des Wortes „galant“ finden sich im 17. Jahrhundert im Blick auf die heroischen Romane gemacht, die dem Amadís in kritischere Distanz folgen. Galant ist hier die Konzentration auf einen Haupthelden hohen Standes und dessen Liebe sowie seinen heroischen Umgang mit Schwierigkeiten. Bereits der Amadís bot einen Schwerpunkt auf Liebesdialoge, mit denen er sich vom Ritterroman des Mittelalters abgrenztete. Das Angebot galanter Dialoge, die Integration galanter Briefe und Complimente wird ein wesentliches Kriterium „galanter“ Romane Mitte des 17. Jahrhunderts.