Neidingswerk ist eine deutsche Wortschöpfung, die im Zuge der Übersetzung altnordischer Literatur erforderlich wurde und dem dortigen Begriff níðingsverk entspricht.
Dabei handelt es sich um eine schimpfliche und zutiefst verächtliche Handlung. Die Quellen für diesen mentalitätsgeschichtlichen Vorstellungskomplex sind die Isländersagas, die Anfang des 13. Jahrhunderts in Island aufgezeichnete Snorra-Edda, die um 1270 entstandene Ältere Edda bzw. Lieder-Edda, welche vermutlich auch auf älteren Quellen fußt, deren Inhalt, zumindest einige Lieder, möglicherweise auch in der Zeit vor dem Jahre 1000 entstanden sein könnte. Hinzu kommen einzelne skandinavische Rechtsquellen des 11. bis 13. Jahrhunderts. Der Komplex des „Neidingswerkes“ bzw. der „Neidingschaft“ bezieht sich also auf die Geschichte des hochmittelalterlichen Skandinaviens bzw. im Spezielleren Islands. Die mit Níð in Zusammenhang stehenden kulturgeschichtlichen Phänomene sollten deshalb nicht einfach auf die mentalitätsgeschichtliche Situation bei germanischsprachigen Völkern Mitteleuropas übertragen werden, die während der römischen Kaiserzeit und der Epoche der Völkerwanderung, also deutlich vor dem 8./9. Jahrhundert und außerhalb Skandinaviens lebten.
Das Níð Der erste Teil des Wortes ist Níð und bedeutet „Schimpf“ und „Ehrlosigkeit“; es ist ein ausschließlich altwestnordisches bzw. altisländisches Wort. Es bezeichnet bestimmte Arten gefürchteter und mit hohen Strafen belegter Beleidigungen. Früher war man der Auffassung, dass sich der Schimpf im Wesentlichen darauf beziehe, dass ein persönlich freier Mann im Rahmen eines gleichgeschlechtlichen Sexualkontakts zwischen Männern die passive Rolle eingenommen habe. Aber der Zusammenhang mit den Begriffen argr und ergi, die nicht nur sexuelle Verhaltensweisen (d. h. passives, gleichgeschlechtliches Verhalten von freigeborenen Männern), sondern auch persönliche Feigheit in Bezug auf Kampfverhalten und anderes schmachvolles Verhalten, das den mittelalterlichen Skandinaviern mit der Ehre eines freien Mannes unvereinbar erschien, bezeichnen, zeigt, dass Níð umfassender verstanden werden muss. Diejenigen, gegen die sich das Níð richtete, waren Personen, die nach skandinavisch-mittelalterlichem Verständnis schwere Schandtaten begangen hatten oder denen man diese unterstellte. Solche Handlungen wurden unter dem Begriff Neidingswerk zusammengefasst und die Personen als Neiding bezeichnet. Unbestreitbar ist jedoch, dass die altnordischen Adjektive argr bzw. ragr und ergi eindeutig sexuelle Konnotationen aufweisen.Almqvist S. 141. Hierzu führt Elmar Seebold aus: „arg, Adj. std. (8. Jh.), mhd. arc, ahd. ar(a)g; aus g. * arga-, Adj. >feig<; das Wort gilt in alter Zeit als schlimmes Schimpfwort und hat ersichtlich eine sexuelle Nebenbedeutung, vermutlich beim homosexuellen Geschlechtsverkehr die passive Rolle spielend. Bezeugt in anord. argr und ragr (mit tabuisierender Metathese) ae. earg, afr. erg.“Seebold, S. 58.Schwink, S. 236. Dieses mittelalterlich-skandinavische Sexualkonzept, das noch den Einfluss einer vorchristlich-paganen Mentalität erkennen lässt, verurteilte jedoch lediglich die sexuelle Passivität freigeborener und wehrfähiger – das heißt dem Knabenalter entwachsener – Männer als schandhaft im Sinne von Níð und argr, während hingegen die aktive Rolle eines freien Mannes im Rahmen gleichgeschlechtlicher Kontakte mit männlichen Sklaven offenbar keinem ethischen Verdikt verfiel.Greenberg, S. 249.Karras, S. 275–277. Im letztgenannten Fall scheint die sexuelle Passivität des beteiligten Sklaven ebenfalls hingenommen worden zu sein. Quellenbelege für dieses sexualethische Verständnis finden sich unter anderem in der altnordischen Guðmundar Saga. Auch die Beschuldigung des sexuellen Umgangs mit Tieren („tidelag“) war extrem ehrverletzend. Eine weitere Bedeutung von „arg“ war „zauberkundig“. Offenbar war mit der Zauberei, insbesondere mit Seiðr ein weibisches Auftreten mitgedacht. Die wichtigste Bedeutung war aber, dass arg das Unmännliche, die Feigheit und die Verweichlichung zum Ausdruck brachte, was sich aus der passiven Rolle in der Homosexualität herleitet.
Die unterschiedliche Wertung der aktiven und passiven Homosexualität kommt deutlich in einer Episode des Sneglu-Halla þáttr zum Ausdruck. Der Hirðmann des Königs Harald Hardråde möchte vom König einen herrlichen Stier erstehen. Darauf entspinnt sich folgender Dialog über den möglichen Erwerb: Der König fragt: „Willst Du dich serðast (sexuell gebrauchen lassen) für den Stier?“ - „Das glaube ich nicht“, antwortet Halli, „aber ich meine nicht, dass etwas dazu zu sagen wäre, wenn ich ihn (dir) auf die gleiche Weise verkaufen kann, wie ich ihn kaufte.“ Daraufhin schenkte ihm der König den Stier, weil er ihn selbst geschenkt bekommen hatte. Wenn diese Anekdote auch nicht historisch ist, so zeigt sie doch, dass die aktive Homosexualität nicht verurteilt wurde. Sonst hätte der Autor den König nicht dieses Ansinnen formulieren lassen. Und als Halli ihm zumutet, bei einem Rückkauf die passive Rolle zu übernehmen, da muss der König das ablehnen.
Die Beschreibungen des Nið zeigen, dass der Beschuldigung das Gegensatzpaar maskulin + Mensch : feminin + Tier zugrunde liegt.
Nið war allerdings nicht auf Männer beschränkt. Auch Frauen konnten sexuellem Schimpf ausgesetzt werden. Unzucht, Inzest und Nymphomanie waren hier die Auslöser, aber auch männliches Verhalten. In der Laxdæla saga verliebt sich Guðrún während ihrer Ehe mit Þorvaldr in Þórðr Ingunnarson, der ebenfalls verheiratet ist. Um die Ehen zu sprengen, setzten sie das Gerücht in Umlauf, der Ehemann Guðrúns gehe in Frauenkleidern und die Ehefrau Þórs habe Hosen mit Zwickel an. Beide Vorwürfe führten jeweils zu Scheidung, weil sie Ehrlosigkeit nach sich zogen. Allerdings war das weibliche Verhaltensmuster durchlässiger. Frauen konnten durchaus Männerrollen übernehmen, z. B. einen Hof führen, ohne ihre weibliche Ehre zu verlieren. In der Mythologie gibt es die Göttin Skadi, die als Göttin der Jagd sich männlich betätigt. Auch die Walküren legen ein männliches Verhaltensmuster an den Tag. Dagegen war die Männerrolle auf eine aggressive Ethik starr festgelegt. Sogar das Melken war für einen Mann ehrenrührig.
Auf der anderen Seite ist bemerkenswert, dass in der gesamten altisländischen Literatur kein Fall der tatsächlich ausgeübten Homosexualität genannt wird, sondern ausschließlich die einschlägigen verbalen Beschuldigungen. Auch die Gesetze behandeln sie nicht, sondern nur die Beschuldigung.
Im Gulathingslov werden Níð durch Worte und Verse und Níð durch Holzpfähle und Schnitzereien unterschieden.
Níð durch Worte Das Níð durch Worte hatte die Bezeichnung „Tunguníð“. Es gibt nur sehr wenige Belege für diesen Begriff, obgleich häufig von schweren Beleidigungen berichtet wird.
Gesetze im Gulathingslov heißt es:
„Gylvin“ ist ein besonderes Schimpfwort, dessen Bedeutung aber nicht bekannt ist.
Und etwas weiter:
Auch in der Grágás werde diese Beleidigungen hart bestraft. Die Strafen sind denen, die auf Mord stehen, gleichgestellt.
Sagas Die bekannteste Schilderung des Nið durch Worte steht in der Brennu Njáls saga. Es handelt sich um zwei Schlüsselszenen:
Als Höskuld, der Ziehsohn Njáls, erschlagen wird, fordert seine Witwe Hildigunnr ihren Onkel Flosi zur Rache an seinem Mörder Skarphedin, einem der Njálssöhne, auf. Er möchte den Fall aber vor das Thing-Gericht bringen. Daraufhin wirft Hildigunnr den Mantel Höskulds mit seinem Blut über ihn mit den Worten: „Diesen Mantel hast du, Flosi, einst Höskuld geschenkt, und jetzt schenke ich ihn dir zurück. Er ist in ihm erschlagen worden. Ich rufe Gott und alle guten Menschen zu Zeugen, dass ich dich bei den Wundern deines Christus, bei Deiner Ehre als Mann und bei deinem unbescholtenen Ruf und Ansehen beschwöre und dazu aufrufe, jede einzelne Wunde zu rächen, die Höskuld bei seinem Tod erhalten hat, andernfalls sollst Du von jedermann als ehrloser Feigling verachtet werden.“ Flosi reißt sich den Mantel von den Schultern und wirft ihn Hildigunnr vor die Brust. „Du bist doch ein Ungeheuer!“ ruft er. „Du willst, dass wir genau das tun sollen, was uns alle ins Verderben stürzen würde. Kalt sind doch die Ratschläge der Frauen.“ Flosi reagiert so heftig, dass sein Gesicht abwechselnd rot wie Blut, bleich wie Wintergras und dunkel wie Hel wird.
Die zweite Szene spielt auf dem Allthing.
Die Totschlagssache wegen Höskuld wird verhandelt. Es beginnen Vergleichsverhandlungen zwischen den Njálssöhnen und Flosi. Es werden zwölf Schlichter benannt, die eine dreifache Mannbuße festsetzen. Das Geld wird in einem Topf aufgebracht. Am Ende legt Njáll noch ein wertvolles seidenes Gewand dazu. Flosi ist zunächst mit dem Betrag zufrieden, fragt dann aber dreimal danach, wer das Seidengewand dazugelegt hat. Zunächst antwortet keiner, dann fragt Skarphedin: „Was glaubst du, wer es hingelegt hat?“ Flosi antwortet: „Wenn du es wissen willst, dann sage ich dir, was ich glaube: Dein Vater wird es hingelegt haben, der bartlose Knabe, von dem viele nicht wissen, ob er Männlein oder Weiblein sei.“ Skarphedin antwortet: „Es ist feige, ihn jetzt solchen Anschuldigungen auszusetzen, wo er ein alter Mann ist, während man sich das nie getraut hat, solange er noch bei Kräften war. Sei versichert, dass er ein Mann ist, denn er hat seiner Frau Söhne gemacht. An unserem Hofwall liegen auch nur wenige Verwandte ungebüßt begraben, ohne dass wir sie gerächt hätten.“ Dann reißt er das Gewand an sich und wirft Flosi ein Paar blauer Hosen mit den Worten zu, die habe er nötiger. „Wieso sollte ich die nötiger haben?“ fragt Flosi. „Weil erzählt wird, dass du die Braut des Trolls von Svínafell seiest, der jede neunte Nacht kommt und dich zur Frau nimmt.“ Damit ist der Vergleich geplatzt und das Unheil wechselseitiger Totschläge nimmt seinen Lauf.
Die erste Szene beleuchtet ein Hauptthema der Njáls saga: Den Gegensatz zwischen der alten Moralauffassung, wo Tötung mit Tötung zu beantworten ist, und der neuen, die Konflikte durch Vergleich und Mannbuße lösen will. Das Entscheidende dabei ist, dass der Frieden in der Weise wiederhergestellt wird, dass niemand sein Ansehen und seine soziale Position verliert. Sowohl Flosi als auch Njáll sind Männer des Friedens, die begriffen haben, dass die ausrottenden Fehden gestoppt werden müssen. Doch in Hildigunnrs Augen ist er ein feiger und ehrloser Schurke, wenn er auf die Blutrache verzichtet. Dieser Gegensatz kommt in der zweiten Szene zum Durchbruch. Flosi deutet die Gabe Njáls und die höhnenden Worte Skarphedins als Bestätigung der Vorwürfe Hildigunnrs. Denn Skarphedin betont, dass es in seiner Familie nicht üblich sei, dass die getöteten Verwandten ungerächt im Grabe lägen, was indirekt auch Flosi trifft, der gerade dabei ist, auf seine Rache zu verzichten. Außerdem beschuldigt er Flosi der passiven Homosexualität mit einem Troll.
In der Grágás wird die Beschuldigung, ein Mann sei „sorðinn“ oder „ragr/argr“, mit voller Mannbuße bestraft, also wie Mord und härter als Körperverletzung. Das Wort „sorðinn“ bezeichnet ein ungebremstes sexuelles Verhalten, das nicht auf die Homosexualität beschränkt ist. In der Handschrift AM 556a ist das Gedicht Grettísfærsla aus dem 14. Jahrhundert überliefert, das wahrscheinlich wegen seiner Obszönität im 16. Jahrhundert ausradiert wurde, aber mit Hilfe ultravioletten Lichts sichtbar gemacht werden konnte. Dort heißt es unter anderem, dass Grettir Mädchen, Witwen, alle möglichen Ehefrauen, Bauernsöhne, Pröpste, königliche Gefolgsmänner, Abte und Äbtissinnen, Kühe und Kälber, ja alles, was lebte, sexuell missbraucht habe. Er wird als „sorðinn“ bezeichnet. Während sorðinn sich auf Handlungen bezieht, bezieht sich arg/ragr auf den Habitus einer Person, seine Eigenschaft.