mini|hochkant=1.7|alt="Heute reden wir mit einer Wissenschaftlerin über das Sonnensystem. Damit ihre Meinung nicht alleine im Raum steht, haben wir ein Mitglied der Flat Earth Society eingeladen."|Karikatur über falsche Ausgewogenheit von John Cook (2018)
Falsche Ausgewogenheit, gelegentlich auch als falsche Gleichgewichtung bezeichnet (), ist ein Phänomen der medialen Verzerrung, bei dem vornehmlich im Wissenschaftsjournalismus einer klaren Minderheitenmeinung oder völligen Außenseitern ungebührlich viel Raum gegeben wird, sodass fälschlich der Eindruck entsteht, Minderheitenmeinung und Konsensmeinung seien gleichwertig.
Hierbei werden beispielsweise Argumente und Belege angeführt, die in keinem Verhältnis zu den tatsächlichen Nachweisen der jeweiligen Seiten stehen oder Informationen unberücksichtigt lassen, die die Behauptung einer Partei als haltlos erscheinen lassen würden. Teilweise werden auch wissenschaftlich völlig haltlose Thesen als plausible oder gar fundierte Hypothesen präsentiert. Ursache für diese Verzerrung ist häufig der Wunsch von Journalisten, Verzerrung möglichst zu vermeiden.
Durch diese vermeintlich neutrale bzw. objektive Darstellung, die sich nicht am Forschungsstand orientiert, sondern Mehrheits- bzw. Konsensmeinung und Außenseitermeinung als gleichwertig darstellt, entsteht in der Öffentlichkeit ein falsches Bild über den Kenntnisstand innerhalb der Wissenschaft, das bis hin zur Verbreitung von klaren Falschinformationen reichen kann. In manchen Fällen wie z. B. beim wissenschaftlichen Konsens zum Klimawandel, den Gesundheitsgefahren des Tabakkonsums oder der Wirksamkeit von Impfungen kann in der Öffentlichkeit selbst bei seit langem wissenschaftlich unumstrittenen Themen der Eindruck entstehen, diese würden in der Wissenschaft kontrovers diskutiert.
Beschreibung Falsche Ausgewogenheit ist im Kontext des Wissenschaftsjournalismus eine gleiche Gewichtung bzw. gleichwertige Darstellung zweier unterschiedlicher Positionen, obwohl die wissenschaftliche Beleglage klar für eine Seite spricht. Während es im Journalismus bei Meinungen oder im politischen Bereich sinnvoll ist, gegensätzliche Meinungen gleichwertig zu behandeln, ist dieser Ansatz im Kontext Wissenschaft nicht praktikabel, da sich wissenschaftliche Meinungen und ein Konsens in der Fachwelt aus der Beleglage ergeben. Wenn also eine Ansicht auf einer überwältigenden Beleglage fußt, eine andere aber nicht, dann ist es falsch, diese gleichwertig zu behandeln. Im Wissenschaftsjournalismus ist daher ein Streben nach Ausgewogenheit verfehlt, stattdessen ist das Ziel sachliche Korrektheit. Ausgewogene Darstellung bedeutet damit nicht, unterschiedliche Positionen gleich zu gewichten, sondern die Gewichtung anhand der Beleglage auszurichten. Der Wissenschaftsjournalist Dirk Steffens beschreibt die Situation wie folgt:
Falsche Ausgewogenheit trägt zur Verbreitung von Falschinformationen bei. Dies gilt insbesondere, wenn die Ansichten von Wissenschaftsleugnern und Vertretern der wissenschaftlichen Konsensmeinung vermeintlich ausgewogen dargestellt werden. Daneben kann falsche Ausgewogenheit auch dazu dienen, bestimmte Formen etablierten, aber störenden Wissens auszuhebeln, beispielsweise im Hinblick auf Fragen der Ernährung, den menschengemachten Klimawandel oder bei der COVID-19-Pandemie.
Forschungen ergaben, dass falsche Balance verschiedene negative Auswirkungen auf das Publikum hat: Sie verzerrt die Wahrnehmung des wissenschaftlichen Kenntnisstandes, vermittelt den Eindruck, dass Fachleute weiterhin über bestimmte (wissenschaftlich unstrittige) Sachverhalte uneins seien, und birgt auch die Gefahr, dass Menschen bestimmte Risiken falsch einschätzen, was potenziell schwere oder gar tödliche Folgen haben kann. Problematisch ist nicht zuletzt, dass falsche Ausgewogenheit zweifelhaften Meinungen den Anschein von Seriosität vermittelt und so dazu beiträgt, dass selbst klare Fiktionen Fuß fassen können. Da sie wissenschaftlich unstrittige Themen umkämpft erscheinen lässt, trägt sie auch dazu bei, Zweifel an wissenschaftlichen Erkenntnissen zu säen, und stiftet Verwirrung bezüglich der Wissenschaft selbst, was wiederum von Interessengruppen ausgenutzt werden kann, um nötiges Handeln zu verzögern. Beispiele hierfür sind etwa die Tabakindustrie, die über lange Zeit die Gesundheitsgefahren des Rauchens herunterspielte, oder gegenwärtig und seit Jahrzehnten das Vorgehen der fossilen Energiebranche zum Kleinreden des Klimawandels. Des Weiteren nutzen u. a. auch Kreationisten und Impfgegner ähnliche Strategien.
Falsche Ausgewogenheit kann aber auch in der Politikberichterstattung vorkommen. Äußern kann sie sich z. B. im Zurückschrecken vor dem Benennen von Falschaussagen, insbesondere wenn diese mit vermeintlich neutralen Worten wie „Kritik“, „Vorwurf“ oder „Provokation“ eingeordnet werden. Eine solche falsche Ausgewogenheit begünstigt den Erfolg populistischer Politikansätze, wie die US-Wahlkämpfe 2016 und 2020 sowie die erste Präsidentschaft Donald Trumps zeigen.Peter Weissenburger: Umgang mit Falschbehauptungen: Fehlende Analyse . In: taz, 14. August 2021. Abgerufen am 29. August 2021.
Entstehungsgründe Die journalistische Norm, ausgewogen darzustellen, ist auf die Forderung nach neutraler bzw. objektiver Berichterstattung zurückzuführen, indem man beide Seiten eines Konfliktes gleichermaßen zu Wort kommen lässt. Journalisten halten sich an diese Praxis, um ihre Professionalität zu zeigen und etwaiger Kritik vorzubeugen, dass sie einseitig berichteten. Gleichzeitig kann Ausgewogenheit auch als Ersatz für Plausibilitätsüberprüfungen dienen, z. B. wenn Journalisten nicht über ausreichend Zeit für Recherchen verfügen oder ihre eigene Kompetenz nicht ausreicht, um die Gültigkeit bestimmter im Konflikt stehender Aussagen beurteilen zu können. Besonders ausgeprägt ist die Norm zur Ausgewogenheit dann, wenn umstrittene Aussagen und mangelnde Expertise bei den Journalisten zusammentreffen. Werden allerdings abweichende Außenseiterstimmen außer Kontext wiedergegeben, dann verleiht das diesen Legitimität und mediales Ansehen, die ihnen auch politische Macht ermöglichen kann. Zudem deuten Untersuchungen darauf hin, dass auch ideologische Voreingenommenheit eine wichtige Rolle spielen kann, beispielsweise indem rechte/konservative Kolumnisten Klimawandelleugnern in ihren Artikeln viel Raum gewähren.
Falsche Ausgewogenheit kann mitunter aus ähnlichen Motiven wie Sensationsjournalismus entstehen, sodass Fragestellungen mit wissenschaftlichem Konsens auf einmal als strittige Debatte dargestellt werden. Gründe lassen sich beispielsweise in der Hoffnung der Entscheidungstragenden suchen, die einen größeren kommerziellen Erfolg als bei einer zutreffenderen Darstellung des Problems erwarten. Insbesondere gilt dies bei wissenschaftlichen Themenbereichen, deren Forschungsergebnisse Auswirkungen auf Wirtschaftszweige oder politische Entscheidungen erwarten lassen. Falsche Ausgewogenheit findet damit als Teil zeitgenössischer Polarisierung in westlichen Gesellschaften und in der Wissenschaftskommunikation Beachtung.
Im Gegensatz zu anderen Verzerrungen durch Medien ist falsche Ausgewogenheit oft auf den Versuch zurückzuführen, Verzerrungen zu vermeiden. Für Produktionsleitung und Redaktion kann unbemerkt bleiben, dass sie konkurrierende Ansichten nicht im Verhältnis zu ihren Stärken und ihrer Signifikanz behandeln, indem sie sie komplett gleichwertig behandeln. Dies kann sich zum Beispiel in gleichen Anteilen an der Sendezeit äußern, auch wenn im Voraus bekannt sein kann, dass einzelne Positionen auf falschen oder umstrittenen Informationen beruhen.
Ein weiterer Grund, der zur Verwirrung über den Forschungsstand beiträgt, ist die Existenz von Wissenschaftlern, die als falsche Experten antiwissenschaftliche oder längst widerlegte Positionen vertreten wie beispielsweise die AIDS-Leugnung. Allerdings sprechen Wissenschaftler nur dann mit wissenschaftlicher Autorität, wenn sie den Forschungsstand wiedergeben. Vertreten sie hingegen eine Meinung, die nicht von der Beleglage gestützt wird, dann sind ihre Qualifikationen belanglos.
Mit dem Aufkommen hochgradig parteiischer Quellen im Internetzeitalter, bei denen sich Information und Propaganda vermischen, erweitert sich das Problem. Auch wenn diese selbst keinerlei Anstalten machen, Neutralität oder Objektivität an den Tag zu legen, besteht eine Gefahr, dass reputable Medien im Umgang mit diesen eine falsche Ausgewogenheit an den Tag legen. Oft geschieht diese z. B. dadurch, dass Journalisten Behauptungen solcher Medien alleine aus quantitativen Gründen als berichtenswert einstufen und aufgreifen, anstatt den Nachrichtenwert anhand der Qualität der Behauptungen zu bestimmen. Auch dies kann Ansichten Glaubwürdigkeit verleihen, die es aus inhaltlichen Gründen nicht verdienen, und somit die Wahrnehmung in der Öffentlichkeit verzerren.
Beispiele Tabakindustrie Die journalistische Norm der Ausgewogenheit wurde unter anderem von der Tabakindustrie strategisch ausgenutzt, um die von ihr kreierte vermeintliche Kontroverse um die Gesundheitsgefahren des Rauchens am Leben zu halten. So führte falsche Ausgewogenheit in Kombination mit dem journalistischen Interesse an Neuem und Kontroversem dazu, dass diese "Kontroverse" am Leben gehalten wurde, solange sie der Tabakindustrie nutzte, indem Journalisten mit Verweis auf Objektivität und Ausgewogenheit immer auch die Meinung der Tabakindustrie zu diesem Thema präsentierten.Jon Christensen: Smoking out Objectivity. Journalistic Gears in the Agnogenesis Machine, in: Robert N. Proctor, Londa Schiebinger (Hrsgs.), Agnotology. The Making & Unmaking of Ignorance. Stanford University Press 2008, 266-, S. 282, hier S. 271. Zunächst versuchte die Tabakindustrie, schlechte Nachrichten über Tabakprodukte ganz aus den Medien herauszuhalten. Als dies nicht mehr möglich war, ergriff sie Maßnahmen, um zu erreichen, dass immer auch ihre eigene Sichtweise präsentiert wurde. Dafür besuchten ihre Vertreter wissenschaftliche Treffen, bei denen Forschungsergebnisse bekannt gegeben wurden, und gaben vorab Pressemitteilungen zu eigenen Forschungen heraus, wenn neue Studien zur Verbindung von Tabakkonsum und Krebs angekündigt waren, um mit widersprechenden Informationen ein Gegengewicht zu diesen zu schaffen. Zudem beschwerte sich die Industrie bereits ab Mitte der 1950er Jahre intensiv bei Redakteuren und Herausgebern, wenn Berichte erschienen, in denen die Industrieposition nicht wiedergegeben wurde; eine Praxis, die in späterer Zeit immer weiter ausgeweitet und professionalisiert wurde. Ende der 1990er Jahre entwickelte der Tabakkonzern Philip Morris ein als „Media Fairness Program“ bezeichnetes Frühwarnsystem, das zum Ziel hatte, „die Zeitspanne zwischen Identifikation von Ungenauigkeiten/Schieflagen und Fertigstellung einer Erwiderung“ zu reduzieren, und im Jahr 1997 ein Budget von 250.000 US-Dollar besaß.Jon Christensen: Smoking out Objectivity. Journalistic Gears in the Agnogenesis Machine, in: Robert N. Proctor, Londa Schiebinger (Hrsgs.), Agnotology. The Making & Unmaking of Ignorance. Stanford University Press 2008, 266-, S. 282, hier S. 275f.
Klimawandel