mini|Giuseppe Baretti Giuseppe Marco Antonio Baretti (auch bekannt unter dem Herausgeber-Pseudonym Aristarco Scannabue; geboren am 24. April 1719 in Turin, gestorben am 5. Mai 1789 in London) war ein italienischer Literaturkritiker, Übersetzer, Dichter, Journalist, Dramaturg, Lexikograph und Linguist.
Leben und Werke 1719–1747 Giuseppe Baretti wurde als ältester Sohn von Luca Baretti und Anna Caterina Tesio in Turin, der Hauptstadt des vom Haus Savoyen regierten Königreichs Piemont und Sardinien, geboren. Um seine Erziehung zu finanzieren, erhob 1733 der Vater, der als Militärarchitekt am Hof angestellt war, für seinen Sohn Ansprüche auf die Einkünfte einer nach dem Tod eines entfernten Verwandten vakanten Kaplanstelle.Gian Luigi Rapetti Bovio della Torre: Baretti, Rivalta Bormida e le radici familiari. In: Carlo Prosperi (Hg.): Giuseppe Baretti: Rivalta, le radici familiari, l’opera. Edizioni dell’Orso, Alessandria 1999, S. 9–10. So wurde der vierzehnjährige Giuseppe der Klerikerlaufbahn geweiht und wahrscheinlich im Seminar der Hauptstadt angemeldet.
Kulturell und wirtschaftlich gesehen reichte Piemont zu dieser Zeit wohl nicht an andere, weiterentwickeltere Staaten in Italien heran, Turin jedoch war allseits anerkannt als der Sitz einer der ältesten Herrscherdynastien und einer der politisch mächtigsten Kräfte in Europa. Zweifellos konnte Turin als kosmopolitisch gelten,Paola Bianchi: Una palestra di arti cavalleresche e di politica. Presenze austro-tedesche all'Accademia Reale di Torino nel Settecento. In: M. Bellabarba, J.P. Niederkorn (Hg.): Le corti come luogo di comunicazione. Gli Asburgo e l'Italia (secoli XVI-XIX). Höfe als Orte der Kommunikation. Die Habsburger und Italien (16. bis 19. Jh.). Il Mulino / Duncker & Humblot, Bologna / Berlin 2010, S. 135–153; dies.: Conservazione e modernità: il binomio corte-città attraverso il prisma dell'Accademia Reale di Torin. In: M. Formica, A. Merlotti, A.M. Rao (Hg.): La città nel Settecento. Saperi e forme di rappresentazione, Edizioni di Storia e Letteratura, Roma 2014, S. 107–125; dies.: The British at the Turin Royal Academy: Cosmopolitanism and Religious Pragmatism. In: Paola Bianchi, Karin Wolfe (Hg.): Turin and the British in the Age of the Grand Tour, Cambridge University Press, Cambridge 2017, S. 91–107. nicht nur wegen der vielen dort ansässigen ausländischen Diplomaten, sondern auch wegen seiner Accademia Reale delle Scienze di Torino, die sich eines außerordentlich guten Rufs und großen Zuspruchs sowohl aus dem lokalen Umfeld als auch aus anderen italienischen und ausländischen Staaten erfreute. Auch die neu modernisierte und nun säkulare Universität von Turin war zu einem Vorzeige-Modell geworden, die berühmte Gelehrte und Lehrende anzog, so auch Girolamo Tagliazucchi, der Rhetorik und Griechisch lehrte und in dessen Kreis von Studenten sich der junge Baretti als Literatur-Liebhaber gelegentlich und ganz informell bewegte.
1735 starb Caterina, die Mutter von Giuseppe und seinen drei Brüdern, Filippo, Giovanni und Amedeo. Einen Monat später heiratete der Vater Luca Baretti, die aus einer wohlhabenden und bedeutenden Familie stammende Genoveffa Astrua, die ihrerseits einen Cicisbeo bzw. cavalier servante mit in die Familie einbrachte.Norbert Jonard: Giuseppe Baretti (1719–1789). L’homme et l’oeuvre. G. De Bussac, Clermont-Ferrand 1963, S. 21–23. Diese familiäre Konstellation führte schließlich zum Bruch Giuseppes mit dem Vater, nicht zuletzt auch weil dieser die Neigung zur Literatur des Sohnes heftig bekämpfte. Am Ende der Fastenzeit 1737 gab Giuseppe Baretti die sichere geistlichen Karriere auf und verließ Familie und Heimatort.Gian Luigi Rapetti Bovio della Torre: Baretti, Rivalta Bormida e le radici familiari. In: Carlo Prosperi (Hg.): Giuseppe Baretti: Rivalta, le radici familiari, l’opera. Edizioni dell’Orso, Alessandria 1999, S. 10; Ursula Reuter-Mayring: Giuseppe Baretti: Sugo, sostanza e qualità. Moderne italienische Literaturkritik in der Mitte des 18. Jahrhunderts. Verlag Frank&Timme, Berlin 2015, S. 22ff. (ital.: Giuseppe Baretti: Sugo, sostanza e qualità. La critica letteraria italiana moderna a metà del XVIII secolo. Leo Olschki Editore, Firenze 2019.). Zunächst ging er nach Guastalla und kam bei seinem Onkel Giovanni Battista, dem jüngeren Bruder seines Vaters, unter, der eine Sekretärsstelle am dortigen Fürstenhof innehatte und Giuseppe eine Anstellung bei einem fürstlichen Kämmerer und Händler besorgte. Dort traf Baretti auf den Dichter Carlo Cantoni, der nun Barettis literarische Studien begleitete, ihn unterstützte und von ihm stets – zusammen mit Tagliazucchi – als Lehrmeister gesehen wurde.William Spaggiari: Preistoria del Baretti: le Piacevoli poesie e la scuola di Girolamo Tagliazucchi. In: Giuseppe Baretti: Rivalta, le radici familiari, l’opera. Edizioni dell’Orso, Alessandria 1999, S. 41–60.
In diese Zeit fallen erste lyrische Versuche, die sich an den Großen der italienischen poetischen Tradition in Genres wie der Burleske, des Satirischen und Komischen oder dem italienischen Heldenepos orientierten: an Luigi Pulci, Francesco Berni, Ludovico Ariosto, Niccolò Machiavelli, Antonio Francesco Grazzini und Lorenzo Lippi.William Spaggiari: Baretti e la poesia burlesca. In: 1782. Studi di italianistica. Diabasis, Reggio Emilia 2004, S. 46–64. Zu diesem Typus von Dichtung – als Gegenentwurf zur als süßlich-frivol eingeschätzten lyrischen Produktion der zahlreichen Dichter aus dem Umkreis der Accademia dell’Arcadia konzipiert – zählt auch diejenige von Vittore Vettori, einem Dichter und Arzt aus Mantua, mit dem Baretti in jenen Jahren korrespondierte,Francesca Savoia: „Datemi carte, penna, e calamaio“: Lettere di Giuseppe Baretti a Vittore Vettori. QuiEdit, Verona 2019. und von diversen anderen, mit denen er später in Venedig und schließlich Mailand (wo er in die Accademia dei Trasformati aufgenommen wurde) Bekanntschaft schloss. Nach dem Aufenthalt in Guastalla verbrachte Baretti ab 1742 zwei Jahre in Cuneo als Angestellter in der neu errichteten Zitadelle. In dieser Zeit entstanden die Stanze al Padre Serafino Bianchi da Novara(Übers.) „Stanzen an Padre Serafino Bianchi da Novara“ (veröffentlicht 1744) und die unveröffentlicht gebliebene Liberazione di Cuneo.(Übers.) „Die Befreiung von Cuneo“; Francesca Savoia (Hg.): Giuseppe Baretti, ‹Nel bitume, nel fuoco, e nell'obblio›. Poesie inedite. Aracne, Canterano (RM) 2017, S. 22–31. Nach Turin kehrte Baretti nur kurz 1744 anlässlich des Todes seines Vaters zurück; danach begab er sich auf der Suche nach einer Anstellung weiter nach Mailand und Genua.
1747–1751 Seit dem Frühling 1747 in Venedig verkehrte er schließlich im literarischen Zirkel von Carlo Gozzi, dessen Bruder Gasparo und Luisa Bergalli, denen er freundschaftlich verbunden war,Ursula Reuter-Mayring: Giuseppe Baretti: Sugo, sostanza e qualità. Moderne italienische Literaturkritik in der Mitte des 18. Jahrhunderts. Verlag Frank&Timme, Berlin 2015, S. 101. ebenso wie in der Accademia dei Granelleschi. Die Lettere di Giuseppe Baretti torinese ad un suo amico di Milano sopra un certo fatto del Dottor Biagio Schiavo da Este(Übers.): „Briefe von Giuseppe Baretti aus Turin an einen Freund in Mailand über eine bestimmte Sache Dottor Biagio Schiavo da Este betreffend“ (Venedig 1747) sind eine frühe Probe von Barettis polemischem Schreiben; aus wirtschaftlichen Gründen nahm er den Auftrag zu einer recht mittelmäßig ausgefallenen Übertragung der Tragödien Corneilles ins Italienische in versi sciolti an.Giovanni Ponte: Giuseppe Baretti traduttore del „Cid“ di Pierre Corneille. In: Giuseppe Baretti: Rivalta Bormida e le radici familiari. In: Carlo Prosperi (Hg.): Giuseppe Baretti: Rivalta, le radici familiari, l’opera. Edizioni dell’Orso, Alessandria 1999, S. 61–73; Francesca Savoia: Fra letterati e galantuomini. Notizie e inedita del primo Baretti inglese. SEF, Firenze 2010, S. 120–129. In den dazu beigefügten Prefazioni alle tragedie di Pier Cornelio(Übers.): „Vorbemerkungen zu den Tragödien von Pierre Corneille“ (1747–1748) zeigte Baretti jedoch einige von nun an kontinuierlich in seinem Werk weiterentwickelte Aspekte, die von der Forschung bis heute rezipiert werden: seinen polemischen, dabei aber einnehmenden und modernen Schreibstil, die Einschätzung des italienischen Heldenepos als in diesem Genre unübertroffen, den Vorwurf an die französischen Kritiker der Arroganz und Ignoranz gegenüber anderen, z. B. der italienischen Literatur und Sprache.
1750, wieder zurück in Turin, entwickelte Baretti zunächst ein dramatisch-musikalisches Werk (Musik G. A. Gray), Fetonte sulle rive del Po(Übers.): „Phaeton an den Ufern des Po“, anlässlich der Feierlichkeiten für die Hochzeit des zukünftigen Vittorio Amedeo III di Savoia mit der spanischen Infantin Anne Marie de Bourbon-Orléans. Vergebens bemühte er sich um eine feste Anstellung in der sabaudischen Hauptstadt: Die ablehnende Haltung im Senat der Universität gründete sich auf Barettis polemischer Kritik am Nachfolger seines Lehrers Tagliazucchi, dem ‚pedante‘ Giuseppe Bartoli, dem Primo cicalamento di Giuseppe Baretti sopra le Cinque lettere del sig. Giuseppe Bartoli intorno al libro, che avrà per titolo ‚La vera spiegazione del Dittico Quiriniano‘(Übers.) „Giuseppe Barettis erster Schwatz über die ‚Fünf Briefe‘ des Signor Giuseppe Bartoli über ein zukünftiges Buch mit dem Titel ‚Die wirkliche Bedeutung des Diptychon des Quirinian‘“ (1750). Als auch der inzwischen veröffentlichte erste Band seiner Gedichtsammlung Le piacevoli poesie(Übers.)„Gefällige Gedichte“ (I: 1750; II: 1764) daran nichts änderte, entschloss sich Baretti, Italien zu verlassen und nach England zu gehen. Maßgeblich an dieser Entscheidung beteiligt war sein lebenslanger Freund und Förderer James Caulfield, Viscount Charlemont, ein Kenner italienischer Literatur, auf den Baretti in Turin getroffen war.Ursula Reuter-Mayring: Giuseppe Baretti: Sugo, sostanza e qualità. Moderne italienische Literaturkritik in der Mitte des 18. Jahrhunderts. Verlag Frank&Timme, Berlin 2015, S. 25, n., 27.
1751–1760