mini|Physikzentrum Bad Honnef, Sitz der GDNÄ-Geschäftsstelle mini|Bad Honnef, Hölterhoffstift, Hauptstraße 5, Luftaufnahme (2015)
Die Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte e. V. (GDNÄ) ist die älteste und größte interdisziplinäre Wissenschaftsvereinigung in Deutschland (siehe auch: Naturforschende Gesellschaft). Ihre Hauptaufgabe sieht sie im Wissens- und Informationsaustausch zwischen Wissenschaftlern verschiedener Fachdisziplinen und zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit. Sie wurde im Jahr 1822 in Leipzig gegründet und nach dem Zweiten Weltkrieg im Februar 1950 in Göttingen als Verein wieder gegründet. Sie hat gegenwärtig etwa 4.000 Mitglieder. Ihre Geschäftsstelle befindet sich in den Räumen des Physikzentrums Bad Honnef in Bad Honnef bei Bonn.
Geschichte mini|Lorenz Oken, Gründer der GDNÄ
Die Vereinigung wurde 1822 als Gesellschaft der deutschen Naturforscher und Aerzte auf einer Versammlung in Leipzig gegründet, um deren Zustandekommen sich der Herausgeber der Isis, der Naturforscher und Arzt Lorenz Oken, lange bemüht hatte.Vgl. seinen Bericht Versammlung der deutschen Naturforscher und Aerzte zu Leipzig am 18. Sept. 1822. In: Isis, Jg. 1823, Spalte 553–559, und die Statuten in Spalte 1–3.P. Aschoff, P. Diepgen, H. Goerke: Kurze Übersichtstabelle zur Geschichte der Medizin. 7. Auflage. 1960, S. 29. Das Gründungsziel war das persönliche Kennenlernen der deutschen Naturwissenschaftler und Ärzte, um durch den Austausch untereinander zu profitieren. Diese Zusammenkünfte („Verhandlungen“) wurden in der Folgezeit zunehmend zu einem Forum zur Präsentation neuer Ergebnisse aus der naturwissenschaftlichen und medizinischen Forschung. 1828 wurden innerhalb der GDNÄ Fachsektionen eingerichtet. In der Anfangszeit wurde die Arbeit der Gesellschaft durch die Gefahr der Zensur behindert und erst 1861 konnten beispielsweise die österreichischen Mitglieder auch namentlich genannt werden, da sie sich vorher der Verfolgung ausgesetzt sahen. Bekannte Beispiele für die Vorstellung und Diskussion wichtiger Erkenntnisse auf Versammlungen der GDNÄ sind: die Vorstellung der Entwicklungstheorie Darwins durch Ernst Haeckel auf der 38. Versammlung am 19. September 1863, die Relativitätstheorie von Albert Einstein im Jahr 1909 und ein Vortrag von Gerhard Domagk im Jahr 1936, der den Beginn der Chemotherapie von bakteriellen Infektionen markierte. Die Versammlungen, die nach der Gründung der Gesellschaft zunächst jährlich abgehalten wurden, finden gegenwärtig in einem zweijährigen Rhythmus in verschiedenen Städten statt. Sie stehen jeweils unter einem Generalthema. Seit 1983 verleiht die GDNÄ während jeder Versammlung die Lorenz-Oken-Medaille an Personen, „die bei der allgemeinverständlichen Interpretation oder Verbreitung naturwissenschaftlicher und/oder medizinischer Erkenntnisse und Einsichten herausragende Leistungen erbracht haben“.
Ziele Die GDNÄ sieht ihre Ziele und Aufgaben in der Schaffung von Verständnis und Vertrauen für die wissenschaftliche Forschung durch Dialog zwischen Wissenschaftlern und Öffentlichkeit und in der Förderung des interdisziplinären Informations- und Meinungsaustausches zwischen Wissenschaftlern verschiedener Fachgebiete. Sie verfolgt diese Ziele durch verschiedene Veranstaltungen, Publikationen und andere Formen der Öffentlichkeitsarbeit. Ihr offizielles Organ ist die monatlich erscheinende Zeitschrift „Naturwissenschaftliche Rundschau“.
Die wichtigste Veranstaltung ist die alle zwei Jahre stattfindende Versammlung der Gesellschaft, zu der jeweils in Form der „Verhandlungen“ ein Tagungsband herausgegeben wird. Die 125. Versammlung stand unter dem Thema „Wachstum - Eskalation, Steuerung und Grenzen“ und fand vom 19. bis zum 22. September 2008 in Tübingen statt. Die 126. Versammlung fand vom 17. bis zum 21. September 2010 in Dresden zum Generalthema „Herausforderung Mensch: Energie, Ernährung, Gesundheit“ statt. Vom 14. bis zum 18. September 2012 fand die 127. Versammlung in Göttingen statt. Das Thema war: „Gesellschaft braucht Wissenschaft – Wissenschaft braucht Gesellschaft: Mobilität – Kommunikation – Interaktion“. Die 128. Versammlung in Mainz hatte den Titel „Vorbild Natur - Faszination Mensch und Technologie“ und fand vom 12. bis zum 15. September 2014 statt. Die 129. Versammlung hatte den Titel „Naturwissenschaften und Medizin - zwischen Kontinuität und Umbruch“ und fand vom 9. bis zum 12. September 2016 in Greifswald statt. Die 130. Versammlung fand vom 14. bis zum 17. September 2018 in Saarbrücken statt und hatte den Titel „Digitalisierung in den Wissenschaften“. Die 131. Versammlung, die vom 11. bis zum 13. September 2020 in Würzburg stattfinden sollte, wurde wegen der Corona-Pandemie um zwei Jahre verschoben und mit der 132. Versammlung und 200 Jahr-Feier in Leipzig zusammengelegt; diese Jubiläumsfeier fand vom 8. bis zum 11. September 2022 unter dem Motto „Wissenschaft im Bild“ in der Kongresshalle Leipzig statt./ Programm 200-Jahr-Feier Leipzig 2022, abgerufen am 11. September 2023Rückblick Jubiläumsfeier Leipzig 2022, abgerufen am 11. September 2023
Mitgliedschaft und Gliederung Eine ordentliche Mitgliedschaft steht jedem an den Naturwissenschaften, der Medizin und Technik interessierten Menschen offen. Während die meisten Mitglieder forschend tätig sind an Hochschulen, außeruniversitären Forschungseinrichtungen und in der Industrie, sind insbesondere Schüler und Studenten als Mitglieder ebenso willkommen wie interessierte Laien. Derzeit hat die Gesellschaft etwa 4.000 ordentliche Mitglieder, von denen rund 14 Prozent jünger als 35 Jahre sind. Korporatives Mitglied können darüber hinaus Verbände, Organisationen, Institute, Firmen und ähnliche juristische Personen werden.
Die Verband gliedert sich in die Fachsektionen Chemie, Physik einschließlich Geowissenschaften, Biologie, Medizin und Technik einschließlich Informatik.
Vorsitzende Seit 1890 besteht der Vorstand aus dem Vorsitzenden der Gesellschaft und drei weiteren Vorstandsmitgliedern. Der Vorsitzende ist für die in seiner Amtszeit stattfindende Versammlung verantwortlich. Die weiteren Vorstandsmitglieder sind jeweils der Vorsitzende der vorangegangenen Versammlung, der Vorsitzende der nachfolgenden Versammlung sowie der Schatzmeister der Gesellschaft. Zudem verfügt die Gesellschaft über Generalsekretäre.
1890 August Wilhelm von Hofmann 1891 Wilhelm His 1893 Ernst von Bergmann 1894 Eduard Suess 1895 Johannes Wislicenus 1896 Hugo von Ziemssen 1897 Viktor von Lang 1898 Wilhelm von Waldeyer 1899 Georg von Neumayer 1900 Wilhelm Olivier von Leube 1901 Richard Hertwig 1902 Otto Heubner 1903 Jacobus Henricus van ’t Hoff 1904 Hans Chiari 1905 Franz von Winckel 1906 Carl Chun 1907 Bernhard Naunyn 1908 Richard Wettstein 1909 Max Rubner 1910 Wilhelm Wien 1911 Maximilian von Frey 1912 Karl Heider 1913 Hans Horst Meyer 1914 (bis 1920) 1. Eberhard Fraas (bis 1915), 2. Friedrich von Müller, 3. Walther Hempel (bis 1916) 1921/22 Max Planck 1923/24 Wilhelm His 1925/26 Walther von Dyck 1927/28 Anton von Eiselsberg 1929/30 Hans Fitting 1931/32 Ludwig Aschoff 1933/34 Carl Bosch 1935/36 Ferdinand Sauerbruch 1937/38 Alfred Kühn 1950 Gustav von Bergmann 1951/52 Adolf Butenandt 1953/54 Franz Büchner 1955/56 Otto Heckmann 1957/58 Karl Heinrich Bauer 1959/60 Richard Wagner 1961/62 Karl Matthes 1963/64 Kurt Mothes 1965/66 Otto Kratky 1967/68 Hans Hermann Weber 1969/70 Alf Meyer zum Gottesberge 1971/72 Egon Wiberg 1973/74 Heinz Maier-Leibnitz 1975/76 Hans Erhard Bock 1977/78 Peter Sitte 1979/80 Gustav Adolf Martini 1981/82 Heinz A. Staab 1983/84 Peter Karlson 1985/86 Reimar Lüst 1987/88 Wolfgang Gerok 1989/90 Heinz-Günter Wittmann / Wolfgang Gerok 1991/92 Günther Wilke 1993/94 Hubert Markl 1995/96 Joachim Treusch 1997/98 Detlev Ganten 1999/2000 Ernst-Ludwig Winnacker 2001/2002 Rolf Emmermann 2003/2004 Harald Fritzsch 2005/2006 Konrad Sandhoff 2007/2008 Christiane Nüsslein-Volhard 2009/2010 Hans-Peter Zenner 2011/2012 Ludwig Schultz 2013/2014 Klaus Müllen 2015/2016 Eva-Maria Neher 2017/2018 Wolfgang Wahlster 2019/2020 Martin Lohse (2021 Reinhard Hüttl)Reinhard Hüttl war gewählter Vizepräsident und designierter Präsident 2021/2022. Am 26. Januar 2021 wurde Hüttl vom Kuratorium des GFZ wegen Korruption fristlos gekündigt.() 2021/2022 Martin Lohse 2023/2024 Heribert Hofer 2025/2026 Anke Kaysser-Pyzalla
Auszeichnungen Die Lorenz-Oken-Medaille kann von der Gesellschaft an Personen verliehen werden, die besonders zur Interpretation und Verbreitung naturwissenschaftlicher oder medizinischer Erkenntnisse beigetragen haben. Mit der Alexander-von-Humboldt-Medaille werden Persönlichkeiten ausgezeichnet, die sich um die GDNÄ besonders verdient gemacht haben. Die Auszeichnungen werden zu Beginn der zweijährlich stattfindenden Versammlungen in einem Festakt überreicht.Website der Gesellschaft, abgerufen am 26. Januar 2016
Literatur Rolf Emmermann, Rudolf Balling, Günther Hasinger: An den Fronten der Forschung. Hirzel, Stuttgart 2003, ISBN 3-7776-1257-X (Verhandlungen der Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte, 122. Versammlung, Halle/Saale 2002). Harald Fritzsch, Jörg Hacker, Henning Hopf, Klaus Peter, Markus Schwoerer, Wolfgang Donner: Materie in Raum und Zeit. Hirzel, Stuttgart 2005, ISBN 3-7776-1375-4 (Verhandlungen der Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte, 123. Versammlung, Passau 2004). Detlev Ganten, Erhard Meyer-Galow, Hans-Hilger Ropers: Gene, Neurone, Qubits & Co. Hirzel, Stuttgart 1999, ISBN 3-7776-0970-6 (Verhandlungen der Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte, 120. Versammlung, Berlin 1998). Martin Lohse (Hrsg.): Wenn der Funke überspringt. 200 Jahre Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte. Passage-Verlag, Leipzig 2022, ISBN 978-3-95415-130-1. Ansgar Schanbacher: Menschen und Ideen, Die Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte 1822–2016. Hrsg. von Eva-Maria Neher. Wallstein, Göttingen 2016, ISBN 978-3-8353-1880-9 (als PDF verfügbar auf www.gdnae.de). Katrin Ursula Schmalenbeck: Ludwig Franz Alexander Winther (1812–1871). Erster ordentlicher Professor für Pathologie der Gießener Ludwigsuniversität. Dissertation, Universität Gießen 2007 (Volltext). Joachim Treusch, Helmut Altner, Harald zur Hausen: Koordinaten der menschlichen Zukunft: Energie, Materie, Information, Zeit. Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, Stuttgart 1999, ISBN 3-8047-1525-7 (Verhandlungen der Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte, 119. Versammlung, Regensburg 1996). Ernst-Ludwig Winnacker, Johannes Dichgans, Gerhard Erker: Unter jedem Stein liegt ein Diamant. Hirzel, Stuttgart 2001, ISBN 3-7776-1122-0 (Verhandlungen der Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte, 121. Versammlung, Bonn 2000).
Zur Geschichte
Axel W. Bauer: Die Krankheitslehre auf dem Weg zur naturwissenschaftlichen Morphologie. Pathologie auf den Versammlungen Deutscher Naturforscher und Ärzte von 1822–1872. Schriftenreihe zur Geschichte der Versammlungen Deutscher Naturforscher und Ärzte, Band 5. Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft mbH, Stuttgart 1989. [ Wilhelm Behn:] Zur Gründungsgeschichte der Versammlungen Deutscher Naturforscher und Aerzte. In: Leopoldina 7. Heft, 1871–1872, S. 103–109. Andreas W. Daum: Wissenschaftspopularisierung im 19. Jahrhundert. Bürgerliche Kultur, naturwissenschaftliche Bildung und die deutsche Öffentlichkeit, 1848–1914. Oldenbourg, München 1998 (2. Auflage 2002), ISBN 978-3-486-56337-5. Heinz Degen: Vor hundert Jahren: Die Naturforscherversammlung zu Göttingen und der Materialismusstreit. In: Naturwissenschaftliche Rundschau, Band 7, 1954, S. 271–277. Heinz Degen: Die 16. Versammlung deutscher Naturforscher und Ärzte zu Freiburg i. Br. im Jahre 1838. In: Naturwissenschaftliche Rundschau, Band 7, 1954, S. 358–367.