Alfred Fritz Karl Zehe (* 23. Mai 1939 in Farnstädt) ist ein deutscher Physiker und Hochschullehrer. Er ist international bekannt geworden, nachdem ihn die US-amerikanische Justiz 1983 wegen Spionage für die ostdeutsche Regierung verhaftet, angeklagt und 1985 verurteilt hatte. Im Juni 1985 kam er im Rahmen eines Agentenaustauschs frei und in die DDR zurück.
Ausbildung und Hochschulkarriere Alfred Zehe besuchte in Farnstädt, damals zum Kreis Querfurt gehörig, die Grundschule bis 1953. Im Jahr 1956 schloss er eine bergmännische Lehre im VEB Mansfeld Kombinat Wilhelm Pieck in Lutherstadt Eisleben ab. Von 1956 bis 1959 besuchte er die Oberschule in Freiberg und Halle (Saale). Von 1959 bis 1964 studierte er Physik und Linguistik an der Karl-Marx-Universität Leipzig. 1969 wurde er zum Dr. rer. nat. am physikalischen Institut der Universität promoviert. 1975 folgte dann am gleichen Ort der Dr. sc. nat. in der Fachrichtung Werkstofftechnik (Optoelektronik) mit der Arbeit Beiträge zur Untersuchung optischer und optoelektronischer Erscheinungen in A3-B5-Halbleitern.
Von 1964 bis 1975 war er am physikalischen Institut der Universität Leipzig tätig, zunächst als wissenschaftlicher Assistent, dann als wissenschaftlicher Oberassistent und ab 1971 als Hochschuldozent mit Lehrbefähigung. Im Jahr 1975 wurde er zum Professor für Technische Physik an die Ingenieur-Hochschule Zwickau berufen. Im Rahmen eines Wissenschaftleraustausch zwischen der DDR und Mexiko war er von 1976 bis 1980 Professor am Instituto de Ciencias, Universidad Autónoma de Puebla, einer öffentlichen Universität in Heroica Puebla de Zaragoza (oft kurz Puebla), Hauptstadt des zentralmexikanischen Bundesstaates Puebla. 1980 kehrte er in die DDR zurück und wurde Professor für Experimentalphysik am physikalischen Institut der Technischen Universität Dresden. In dieser Funktion war er bis 1991 tätig. Danach ging er nach Puebla zurück und war dort in verschiedenen Funktionen aktiv.
Seit 2006 ist Alfred Zehe emeritiert.
In seiner akademischen Laufbahn waren Zehes Hauptforschungsgebiete Materialwissenschaften, Festkörperphysik und Vakuumphysik. Zehe ist Inhaber oder Mitinhaber von mehr als 75 Patentanmeldungen in 25 Ländern. Er war akademischer Berater einer internationalen Studentenschaft für 3 Habilitationen, 20 Promotionen und mehrerer hundert Master- und Bachelor-Abschlüsse in Natur- und Ingenieurwissenschaften. Er ist Herausgeber und Autor von 15 wissenschaftlich-technischen Monografien und fast 700 Artikeln, die in wissenschaftlichen Zeitschriften, Monografien oder Konferenzberichten veröffentlicht wurden. Er gehört als Vollmitglied der Akademie der Wissenschaften der Dominikanischen Republik, der Academia Mexicana de Ciencias, der New York Academy of Sciences und als Gründungsmitglied der Akademie der Wissenschaften des Staates Puebla in Mexiko an.
Verdeckte Operation und Verhaftung mini|Wohnsitz von Dr. Alfred Zehe in Dresden-Loschwitz, Schillerstr. 19 Alfred Zehe war schon in seiner Leipziger Zeit ein IM der Stasi. Werner Stiller, von 1972 bis 1979 hauptamtlicher Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit, schreibt dazu: „Alfred Zehe war für die Südamerikaabteilung der HVA erfasst, speziell für Mexiko. Das interessierte auch die CIA. (...) Nach meiner Vermutung ist Zehe daraufhin bestimmt von der CIA angesprochen worden. So, wie ich die Geheimdienste kenne, wird man ihn zu erpressen versucht haben, entweder mit dem amerikanischen Nachrichtendienst zusammenzuarbeiten oder wegen Spionage belangt zu werden. Egal, wie es ausgegangen ist, Zehe konnte anschließend ungestört zwischen der DDR und Mexiko hin- und herreisen. Beim MfS wurde man allerdings stutzig und ließ ihn überprüfen, stellte aber lediglich »karrieristisches und kleinbürgerliches Verhalten« fest. Er war einer der wenigen erfolgreichen IM, den die HVA in die USA schicken konnte, weshalb man ihn gewiss nicht verlieren wollte. Doch wenig später geriet Zehe tatsächlich zwischen alle Fronten, und es begann ein bizarres Spiel, von dem ich allerdings erst Jahre später erfuhr.“
„Die Stasi bat Professor Zehe, der Fakultätsmitglied der Universität Dresden war und ein halbes Jahr an der Universität Puebla in Mexiko verbrachte, ihr bei der Bewertung veralteter Materialien zu helfen. Während seines Aufenthalts in Mexiko erfüllte der Professor die Bitte, da seine Reiseerlaubnis von der bewertenden Unterstützung abhing, die ihm die Stasi von Zeit zu Zeit gewährte.“ „The Stasi asked Professor Zehe, who was a faculty member at Dresden University and spent half the year at the University of Puebla in Mexico, to help them evaluate the obsolete materials. While in Mexico the professor fulfilled their request, since his permission to travel was contingent upon the evaluative assistance he provided the Stasi from time to time.“ Er wurde in die ostdeutsche Botschaft in Mexiko-Stadt gerufen, um sich mit ostdeutschen Beamten zu treffen, die Zehes Fachwissen in Bezug auf kürzlich erworbene Dokumente zur Sonartechnologie einholen wollten.
Zu diesem Zeitpunkt war Zehe nicht bekannt, dass die Dokumente von ostdeutschen Agenten von einem verdeckten US-Agenten in Washington, D.C. gekauft worden waren. Der US-Agent gehörte zu einer vom FBI initiierten verdeckten Operation, „um einen Spion von der einen oder anderen kommunistischen Botschaft mit einem Köder in eine Falle zu locken“. Die Ostdeutschen tappten in die Falle, kauften die Dokumente für 22.000 US-Dollar, erkannten danach aber, dass ihnen in Washington das Fachwissen fehlte, um den Ankauf zu bewerten. Also forderten sie Zehe in Mexiko-Stadt zu einer Expertise auf. Dort überprüfte er die Dokumente, die sich als veraltete Informationen zur U-Boot-Sonarerkennung herausstellten. Zehe kehrte darauf nach Puebla und später nach Dresden zurück.Harvey A. Silverglate: Three felonies a day, S. 219
Als Zehe am jährlichen Symposium der American Vacuum Society in Boston teilnahm, wurde er am 3. November 1983 verhaftet. Er wurde nach dem Spionagegesetz der USA der Verschwörung beschuldigt, speziell deswegen, Verschlusssachen im Zusammenhang mit Militärtechnik erhalten und diese an eine ausländische Regierung weitergegeben zu haben. Die Entscheidung, ihn auf einer Konferenz vor laufenden Fernsehkameras festzunehmen, sollte die Öffentlichkeit für die Gefahren wissenschaftlicher Spionage sensibilisieren.P. A. Redhead, ed.: Vacuum Science and Technology: Pioneers of the 20th Century, History of Vacuum Science and Technology, vol. 2 (American Vacuum Society, 1994), S. 21 Das FBI forderte die American Vacuum Society auf, ihr die Namen aller 2600 Teilnehmer des Treffens in Boston mitzuteilen, und drohte mit einer Vorladung. Die Gesellschaft lehnte die Weitergabe der Namen ab, antwortete jedoch, dass sie einer solchen Vorladung nachkommen werde. Das FBI verfolgte aber die Angelegenheit nicht weiter.Mitchel B. Wallerstein, Lawrence E. McCray: Scientific Communication and National Security: The Issues in 1984, January 31, 1984, 11,
Die Haft wurde ausgesetzt, nachdem die ostdeutsche Regierung im Juni 1984 eine Kaution von 500.000 US-Dollar für Zehe hinterlegt hatte. Er blieb in Boston, während er auf seinen Prozess wartete.
Geheimverhandlungen und Verurteilung Wolfgang Vogel, Organisator des ersten Agentenaustausches von 1962 im Kalten Krieg und später Unterhändler der DDR beim so genannten Häftlingsfreikauf, wurde von der ostdeutschen Regierung beauftragt, ihr behilflich zu sein, Zehe aus der Haft zu befreien.Berliner Zeitung, 12. Juni 1995: Der Regisseur fuhr im goldfarbenen Mercedes vor. Abgerufen am 1. Mai 2020 Vogel wandte sich an Alan Dershowitz, Professor der Harvard Law School, mit der Bitte, ihn in rechtlichen Aspekten zu beraten und Zehes Verteidigung zu übernehmen, und an Ronald Greenwald (1934–2016), einen US-amerikanischen orthodoxen Rabbiner und Geschäftsmann, um als Kontaktmann zwischen ihm und Zehe zu fungieren.Craig R. Whitney: Spy trader, S. 266
Dershowitz befürchtete einen Interessenkonflikt mit seinem damaligen Klienten Anatoli Schtscharanski, einem Gründer der Refusenik-Bewegung in der Sowjetunion. Schtscharanski war in Moskau wegen angeblicher Spionage für die Vereinigten Staaten inhaftiert worden. Deshalb schlug er Harvey A. Silverglate (* 1942) als Verteidiger für Zehe vor.Craig R. Whitney: Spy trader, S. 265
Silverglate machte geltend, Zehe habe nach vernünftiger Auslegung des Spionagegesetzes kein Verbrechen begangen. Zehe habe die in diesem Fall in Rede stehenden Dokumente nicht selbst gekauft, sondern nur die ihm in Mexiko-Stadt vorgelegten Dokumente überprüft. Silverglate machte weiter geltend, dass die Anklage ungültig sei, da das Spionagegesetz keine Spionage eines ausländischen Staatsbürgers außerhalb der USA abdeckt, denn Zehe seien ja die Dokumente in Mexiko-Stadt vorgelegt worden.Harvey A. Silverglate: Three Felonies a Day", S. 220 Am 29. Januar 1985 lehnte der US-Bezirksrichter David S. Nelson den Antrag auf Abweisung des Falls ab und entschied, dass das Spionagegesetz aufgrund der Bedrohung der nationalen Sicherheit durch Spionage sowohl für US-Bürger als auch für Nicht-US-Bürger, auch extraterritorial, angewendet werden könne.United States v. Zehe, 601 F. Supp. 196 (D. Mass 1985); Kent College of Law: United States v. Zehe, January 29, 1985. Abgerufen am 1. Mai 2020
Die US-Staatsanwaltschaft bot daraufhin Zehe an, er könne in den USA seinen Wohnsitz nehmen und seine akademische Laufbahn fortsetzen. Obwohl Zehe wusste, dass seine Reaktionen von der ostdeutschen Regierung genau beobachtet werden, nahm er dieses Angebot an. Kurz danach weigerte sich die US-Regierung jedoch, Zehe als echten Überläufer zu akzeptieren.Harvey A. Silverglate: Three Felonies a Day, S. 222 Zehe stand nun vor der Entscheidung, sich entweder schuldig zu bekennen und auf eine milde Strafe zu hoffen oder sich nicht schuldig zu bekennen und das amerikanische Rechtssystems voll über sich ergehen zu lassen. Am 22. Februar 1985 bekannte sich Zehe schuldig, und zwar als Vorleistung für das Versprechen eines milden Urteils. Ein Bundesgericht in Boston verurteilte ihn zu acht Jahren Freiheitsstrafe.
Medienkampagne in der DDR Unmittelbar nach der Verhaftung von Zehe am 3. November 1983 wurde in der DDR von der SED eine Kampagne initiiert und Zehe „ein unschuldiges Opfer US-amerikanischer Willkürjustiz“ genannt. Diese Kampagne wurde von der Tageszeitung Neues Deutschland (ND), dem sog. Zentralorgan der SED, verbreitet. Am 7. November erschien auf der Titelseite des ND ein Protest des Rektors der autonomen Universität von Puebla (BUAP), Alfonso Velez Pliego. Dieser habe im Namen der Wissenschaftler und Hochschullehrer dieser Einrichtung die willkürliche Verhaftung des DDR-Physikers Alfred Zehe in Boston verurteilt. Am 10. November 1983 erschien im ND ein Artikel unter der Überschrift „DDR-Physiker verlangen die Freilassung von Prof. Dr. Zehe. Protestbriefe der Wissenschaftler an USA-Präsidenten“. Der Grund für die Verhaftung von Zehe wurde nicht genannt.
In den Parteigruppenversammlungen der SED war die Verhaftung Zehes DDR-weit Ende 1983, Anfang 1984 das Topthema. Die Universitätszeitung (UZ) der Karl-Marx-Universität Leipzig, Organ der Kreisleitung der SED, klinkte sich am 18. November mit der Überschrift „KMU-Angehörige verurteilen den USA-Willkürakt. Sofortige Freilassung von Prof. Dr. Alfred Zehe gefordert“ ein. Dort wurde aus einem Brief des Physikers Prof. Artur Lösche an den US-Präsidenten Ronald Reagan zitiert: „Unserer Meinung nach ist diese Willkürmaßnahme ein schwerer Schlag gegen die Prinzipien der friedlichen Koexistenz und des Wissenschaftleraustausches zwischen Staaten unterschiedlicher Gesellschaftsordnung.“