Im Verlaufe der Industriespionage bei der Entwicklung der Concorde waren Pläne sowie Informationen zur Fertigungstechnik und verwendeten Materialien des 1959 bis 1976 in Entwicklung befindlichen Überschall-Verkehrsflugzeuges Concorde aus den britischen und französischen Fertigungsstätten in die Sowjetunion gelangt.

Hintergrund mini|Concorde und Tu-144 in Sinsheim Als die zuvor in Geheimhaltung entwickelte Tupolew Tu-144 im Jahr 1965 auf dem Aerosalon von Le Bourget als Modell vorgestellt wurde, erhielt sie aufgrund der äußerlichen Ähnlichkeit mit der seit 1962 „augenblicklich erkennbaren“Dale Anderson, Ian Graham, Brian Williams: Flight and Motion: The History and Science of Flying, Verlag Routledge, 2015, ISBN 978-1-317-47042-7, Seite 194; „Concorde was an instantly reconizable delta-wing airplane.“ Concorde den Übernamen Konkordski.Kleine Erfolge für russische Flugzeugindustrie, NZZ, 7. Januar 1997 Laut dem Autor Simons handelt es sich aber um einen Mythos, dass die Tu-144 eine Kopie der Concorde gewesen sei. Allerdings gibt es Hinweise darauf, dass die Sowjetunion mittels Industriespionage an die technische Dokumentation des Concorde-Prototyps gelangen wollte.Graham M Simons: Concorde Conspiracy: The Battle for American Skies 1962–77. History Press, New York 2012, ISBN 978-0-7524-7693-3, S. 74. Spätere Einschätzungen sprachen – speziell nach der Aufdeckung der Wirtschaftsspionage durch die britische Zeitung Observer im Jahre 1969 – von einem „klassischen Beispiel von Industriespionage“ (NZZ).Konkordski – das Flugzeug, das aus der Kälte kam, NZZ, 20. April 1998, Seite 32 Im französischen Figaro war 2013 die Rede von der Spionageaktion, welche „die Geschichte der Spionage des zwanzigsten Jahrhunderts kennzeichne“.Les précédentes affaires d’espionnage industriel en France Le Figaro, 9. November 2013; „Si une affaire d’espionnage a marqué l’histoire du XXe siècle en France, c’est bien celle dont a été l’objet le projet du Concorde“ Der Luftfahrtjournalist Andreas Spaeth nannte die extrem knappe Zeitvorgabe auf der sowjetischen Seite als Grund für die Rolle der Spionage. Das Autorenduo Bottom/Gallati nannte die bekannten Fälle dieser Spionage .Norman R. Bottom, Robert R. J. Gallati: Industrial Espionage: Intelligence Techniques and Countermeasures, Butterworth-Heinemann Limited, 1984, ISBN 978-0-409-95108-0, Seite 263; “It should be understood that the cases that have been made public by court action, arrests, and so on are only the tip of the iceberg”

Verlauf/Verhaftungen Begonnen hatte die Spionage schon im Jahr 1959, die Aktivitäten des Spionagerings der DDR trugen den Codenamen Operation Brünnhilde.Operation Brünnhilde, Der Spiegel, 22. Dezember 1969 Aufgrund seines aufwändigen Lebensstils begann sich 1961 der belgische Geheimdienst für den aus der Schweiz stammenden pensionierten Chemiker Jean-Paul Soupert zu interessieren, welcher tatsächlich nach einer Ausbildung in der DDR als Kurier zwischen Belgien und Ostberlin fungierte. Im Januar 1964 wurde er verhaftet, was wiederum zur Verhaftung von Herbert Steinbrecher im November desselben Jahres führte. Steinbrecher hatte fünf Jahre lang in Frankreich Informationen gekauft.Raymond Palmer, (1974) „Espionage threat to British industry: Spies don’t only operate in books and films. They can be for real. And their target might be your industrial secrets“, Industrial Management, Band 74 Issue: 7/8, S. 10–13; „They included Herbert Steinbrecher, an East German spy who between 1959 and 1964 made 20 forays into Western Europe and obtained many valuable industrial secrets, particularly about precision machinery and chemical processes“Wie die DDR half, die Concorde zu klonen, Schweriner Volkszeitung, 27. Dezember 2013Peter A. Heims: Countering Industrial Espionage, 20th Century Security Education, Limited, 1982, ISBN 978-0-905961-03-3, Seite 31Jay Robert Nash: Spies: A Narrative Encyclopedia of Dirty Tricks and Double Dealing from Biblical Times to Today, Verlag Rowman & Littlefield, 1997, ISBN 978-1-4617-4770-3, Seite 539Peter Wright: Spycatcher: The Candid Autobiography of a Senior Intelligence Officer Verlag Viking, 1987, ISBN 978-0-670-82055-9, Seite 303 Sergej Pawlow wurde 1965 verhaftet; bei seiner Verhaftung trug er Baupläne des Fahrwerks und der Bremsen der Concorde bei sich. Nach seiner Abschiebung wurde er in der Sowjetunion stellvertretender Minister für Zivilluftfahrt.Konkordski – Documentary, Channel 4, Secret History, 22 August 1996 - Teil-Transcript: https://www.pbs.org/wgbh/nova/transcripts/2503supersonic.htmlDu Concorde à Renault, 14 affaires d’espionnage industriel, usinenouvelle.com, 11. Januar 2011 Im Januar 1966 verhaftete Frankreichs Abwehrorganisation die zwei ČSSR-Staatsbürger Stephan Krigovsky und Jean Sarrady. Die beiden Männer, welche sich als Priester verkleidet hatten, wurden später zu acht,The Bridgeport Post, Connecticut, 26. April 1967, Seite 30; “Stephan Krigovsky, a Czech, wag sentenced to eight years” respektive vier Jahren Haft verurteilt. Erst 1977 wurde Sergej Fabiew verhaftet, in dessen nach seiner Verhaftung decodierten Depeschen ihm seitens Moskau in einer Nachricht zu den kompletten Plänen der Concorde gratuliert worden war.Howard Moon in Supersonic Spies (Transcript), PBS, gesendet am 27. Januar 1998 im Wissenschaftsmagazin NOVA, Speedbird Concorde, 31. Mai 2016 James Doyle hatte beim britischen Flugzeugkonzern BAC rund 90.000 Dokumente über die Concorde und andere Projekte an die Sowjetunion übermittelt.UK Politics: ‘Ace‘ spy revealed Concorde secrets, BBC, 14. September 1999 Es konnte ihm keine straffähige Handlung nachgewiesen werden, dies auch darum, weil die Concorde als ziviles Projekt keiner Geheimhaltung unterstand.Jonathan Glancey: Concorde: The Rise and Fall of the Supersonic Airliner, Atlantic Books Ltd, 2015, ISBN 978-1-78239-108-1Mr James Doyle, Anfrage von Arthur Lewis, MP im Britischen Parlament an den Attorney General, 18. Oktober 1971

Auswirkung Das Erhalten von Spionagematerial wurde später von damals leitenden Ingenieuren bei Tupolew bestätigt, so auch durch Alexander Pouchow. Gemäß Pouchow hätte es „natürlich von Nutzen“ sein können, doch wäre das Material für die ersten Prototypen zu spät gekommen. Tatsächlich jedoch unterschieden sich diese Prototypen der ersten Generation grundlegend von den nachfolgend gebauten Flugzeugen., 3sat: „Die Blaupausen der Concorde lagen auf den Tischen der Tupolew-Ingenieure. Blieben sie ungenutzt?“ Pouchow: „Nehmen wir die Flügel: Hätte man uns 2 Jahre mehr Zeit gegeben hätten wir sie auch anders gebaut“ Darüber hinaus können selbst in Details bekannte technische Lösungen bei je nach Land unterschiedlichen Standards und Verfahren nicht unverändert umgesetzt werden. Zur sich ähnelnden Grundkonzeption wurde teils argumentiert, dass sich Ähnlichkeiten auch mit einer normalen technologischen Evolution erklären ließen.Johann Althaus: Die Tu-144 geriet zum Rohrkrepierer der UdSSR. Die Welt, 31. Dezember 2018.

Weblinks

Belege

Kategorie:Industriegeschichte (Frankreich) Kategorie:Industriegeschichte (Vereinigtes Königreich) Kategorie:Concorde Kategorie:Sud Aviation Kategorie:Kalter Krieg Kategorie:Wirtschaftskriminalität