Georg Kolominský (tschechisch: Jiří Kolominský; slowakisch: Juraj Kolominský; * 16. Dezember 1925 in Prag; † 18. Juni 1986 in Bad Oeynhausen) war ein tschechoslowakischer Gastroenterologe mit dem Schwerpunkt Balneologie. Er war Direktor des Balneologischen Forschungsinstituts in Karlsbad, das er zu einem national führenden und international anerkannten Zentrum für Bäderheilkunde ausbaute. Mit dem Schwerpunkt Balneologie bei Erkrankungen des Magen-Darm-Trakts war er ein weltweit anerkannter Forscher, Fachautor und Klinikdirektor. Kolominský war Mitbegründer der Federation der tschechischen und slowakischen Exil-Pfadfinder in Europa und deren Vorsitzender.
Herkunft Georg Vladislav Kolominský wurde als erstes Kind der Eheleute Jaromír Rabas (1887–1929) und Miloslava Peterková (1902–1947) in Prag geboren. Jaromír Rabas entstammte einer großbürgerlichen Prager Familie und studierte Bau- und Ingenieurwesen. Miloslava Peterková entstammte einer mittelständischen Familie aus Suchovršice (deutsch Saugwitz) in Nordböhmen und war Lehrerin. Am Ersten Weltkrieg nahm Jaromír Rabas als Hauptmann der 28. k. u. k. Eisenbahnkompanie der Landstreitkräfte Österreich-Ungarns teil und arbeitete in Tirol unter der Leitung von Leopold Oerley am Bau der Fleimstalbahn und der Grödner Bahn. Die Grödner Bahn wurde 1915/16 als Heeresfeldbahn gebaut, um die damals an der Dolomitenfront stationierten Einheiten mit Material versorgen zu können.Walther Schaumann: Die Bahnen zwischen Ortler und Piave in den Kriegsjahren 1915–1918. Einsatz und Leistung der österreichisch-ungarischen und Kaiserlich deutschen Eisenbahnformationen. Bohmann Verlag, Wien, Heidelberg 1971, S. 22–35. Nach dem Krieg war er in Prag als Bau- und Vermessungsingenieur tätig und führte ein eigenes Bauunternehmen. Die Eltern hatten 1924 geheiratet, im Februar 1929 wurde die Tochter Jarmila geboren. Im August 1929 starb Jaromír Rabas an einer Sepsis als Folge einer akuten Zahnvereiterung im Alter von 42 Jahren. Miloslava heiratete 1932 in zweiter Ehe den russischen Bau- und Vermessungsingenieur Boris Kolominský (* 1896 in Krasnograd; † 1949 in Žilina). Boris Kolominský war Offizier der Kaiserlich Russische Armee und kämpfte im Russischen Bürgerkrieg 1918–1920 in der Weißen Armee an der Seite von Admiral Alexander Wassiljewitsch Koltschak. Nach dem separaten Friedensvertrag von Brest-Litowsk zwischen den Bolschewiki und den Mittelmächten kämpfte er in den Tschechoslowakischen Legionen in Sibirien gegen die Rote Armee von Leo Trotzki. Im Zuge der Verschiffung der Tschechoslowakischen Legionen durch alliierte Schiffe von Wladiwostok nach Europa, verließ Boris Kolominský Russland und gelangte über Shanghai und Istanbul nach Prag, wo er als politischer Emigrant Aufnahme fand. Beide Kinder von Jaromír Rabas wurden von Boris Kolominský im Mai 1942 adoptiert und nahmen offiziell den Nachnamen Kolominský-Rabas an. 1937 verlegte die Familie den Firmen- und Wohnsitz nach Žilina (deutsch Sillein) in der Slowakei.
Leben In der Slowakei besuchte Juraj Kolominský das Gymnasium in Žilina und war dort im Jahre 1941 Mitbegründer der Slowakischen Entomologischen Gesellschaft.siehe :sk:Slovenská entomologická spoločnosť v ŽilineKarol Kříž: Prvá Slovenská entomologická spoločnost v Žiline. In: Bulletin Slovenskej zoologickej spoločnosti. Nr. 1, 2014, S. 9. Nach dem Abitur 1944 studierte er Medizin zunächst an der Universität Bratislava, ab 1946 an der Medizinischen Fakultät der Karls-Universität in Prag, an der er 1950 die Approbation zum Medicinae Universae Doctor (MUDr) erlangte. 1950–1954 musste er eine fünfjährige Dienstzeit in der Tschechoslowakischen Volksarmee als Sanitätsoffizier ableisten. 1956 erhielt er die Anerkennung als Facharzt für Innere Medizin, 1957 die Anerkennung als Facharzt für Balneologie und Physikalische Medizin. Im Rahmen seiner ärztlichen Ausbildung war er in Prag sowie in den Kurbädern Piešťany in der Slowakei, Františkovy Lázně (deutsch Franzensbad) und Mariánské Lázně (deutsch Marienbad) tätig. 1958 wurde er zum Direktor des Balneologischen Forschungsinstituts I.P. Pavlov (Výzkumný ústav balneologický – VUB) in Karlovy Vary (deutsch Karlsbad) berufen.Eva Wasková: Výzkumný ústav balneologický (VUB) Mariánské Lázně 1952–1993. Státní oblastní archiv v Plzni, Plzen 2007, S. 5. (inventare.cz) Das VUB war direkt dem tschechoslowakischen Gesundheitsministerium in Prag unterstellt, verfügte über eine Kapazität von 103 klinischen Betten und etwa 170 Mitarbeitern.Eva Wasková: Výzkumný ústav balneologický (VUB) Mariánské Lázně 1952–1993. Státní oblastní archiv v Plzni, Plzen 2007, S. 7. (inventare.cz) Das VUB war die führende Forschungseinrichtung auf dem Gebiet der Balneologie und Physikalischen Medizin im sog. Ostblock, veröffentlichte im Zeitraum von 1962 bis 1972 insgesamt 530 wissenschaftliche Publikationen und gab ärztliche Leitlinien für therapeutische Anwendungen in den Kurbädern der CSSR heraus.J. Kolominský, J. Benda, J. Hanycz et al.: Léčebné postupy v lázeňské gastroenterologii. Balnea Verlag, Prag 1967. Zu den von Kolominský in Karlovy Vary behandelten Patienten gehörten u. a. der Komponist Aram Chatschaturjan, der Biochemiker und Nobelpreisträger Adolf Butenandt sowie die Kinderärztin von Josef Stalins Kindern, Olga Dawidowna Kitaigorodskaja.O. Kitaigorodskaja: Die Bauchspeicheldrüse beim Kinde. In: Zeitschrift für Kinderheilkunde.Nr. 50, 1931, S. 748–767. Nach der gewaltsamen Niederschlagung des Prager Frühlings durch die Truppen des Warschauer Pakt emigrierte Kolominský im Oktober 1968 mit seiner Familie in die Bundesrepublik Deutschland. 1968–1969 war er Ärztlicher Direktor der Kurklinik Parksanatorium St. Georg in Bad Soden-Salmünster, 1970–1972 wissenschaftlicher Leiter des Balneologischen Institutes Bad LippspringeGünter Linke: Wissenschaft und Forschung in Bad Lippspringe. In: Wo die Lippe entspringt. 4. Jahrgang, Nr. 11, 1992, S. 24. und von 1972 bis zu seinem Tod 1986 als Balneologe in Bad Oeynhausen tätig. Georg Kolominský war mit Rosemarie Kolominský, geb. Wild (* 27. Juli 1923 in Ústí nad Labem) verheiratet. Aus der Ehe ging der Neurologe und Versorgungsforscher Peter Kolominský-Rabas (* 1959) hervor.
Wirken als Wissenschaftler Schon in seiner ärztlichen Ausbildung zum Gastroenterologen beschäftigte sich Kolominský mit der therapeutischen Anwendung natürlich vorkommender Heilquellen in Form von Bädern, Trinkkuren und Inhalationen. Unmittelbar nach seiner Berufung an das VUB nach Karlovy Vary im Jahre 1958 begann er mit Forschungsarbeiten über die Wirkung der Karlsbader Trinkkur auf die Krankheiten der Gallenblase, der Gallenwege sowie der Bauchspeicheldrüse, die in der Balneologie internationale Beachtung fanden.
1968 führte Kolominský zusammen mit Miloslav Keclík eine randomisierte kontrollierte Studie (RCT) zur Wirksamkeit der Karlsbader Trinkkur auf die Entwicklung von Gallensteinen durch.J. Kolominský, M. Keclík, J. Zeman, Z. Král: Balneotherapy of cholecystolithiasis in the light of a controlled clinical experiment. In: Casopís lékar̆ů c̆eských. Nr. 11, 1968, S. 334–340. Damit war Kolominský der erste Wissenschaftler, der auf der Grundlage empirischer Belege die Wirkung der Balneotherapie mittels strenger methodisch-klinischer Anforderungen der Evidenzbasierten Medizin (EbM) belegte.
Seine wissenschaftlichen Arbeiten stehen in einer langen Tradition von Karlsbader Badeärzten zu Störungen der Verdauungsorgane. Bereits 1522 beschrieb der böhmische Arzt Wenceslaus Payer (1488–1537) aus Loket (deutsch Elbogen) in seinem Werk Tractatvs De Termis Caroli Qvarti ImperatorisW. Payer: Tractatvs De Termis Caroli Qvarti Imperatoris. Schumannus, Leipzig 1522. Webseite der Bayerischen Staatsbibliothek, München. Abgerufen am 3. Mai 2020. (deutsche-digitale-bibliothek.de) die förderliche Wirkung der sog. Karlsbader Trinkkur auf „schwachen Magen“ und „Gallensteine“. Payer war der erste Arzt, der mit der Anwendung der Karlsbader Thermalquellen die Trinkkur als neue Heilmethode einführte.J. Krzisch: Die Heilquellen des Königreiches Böhmen. Inaugural-Dissertation. Wallishausers Officin, Wien 1837, S. 50–51. Abgerufen am 3. Mai 2020. (books.google.de) Der Badearzt David Becher (1725–1792)Wurzbach von, C: Becher, David. In: Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich. 1. Theil. Universitäts-Buchdruckerei von L. C. Zamarski, Wien 1856, Band 1, S. 207. Abgerufen am 3. Mai 2020.BLKÖ:Becher, David trennte Mitte des 18. Jahrhunderts aus dem Quellwasser des „Karlsbader Sprudels“ durch Destillation das Handelsprodukt Karlsbader Sprudelsalz und beschrieb dessen Heilwirkung 1772 in seiner Schrift Neue Abhandlung vom Karlsbade : in dreyen Theilen.D. Becher: Neue Abhandlung vom Karlsbade: in dreyen Theilen. Gerle, Prag 1772. Bayerische Staatsbibliothek München. Abgerufen am 3. Mai 2020. (deutsche-digitale-bibliothek.de) Der in Karlsbad lebende Schweizer Arzt Jean de CarroWurzbach von, C: Carro, Johann Ritter de. In: Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich. 2. Theil. Universitäts-Buchdruckerei von L. C. Zamarski, Wien 1857, S. 295–297. BLKÖ:Carro, Johann Ritter de untersuchte die positive Wirkung der Trinkkur bei Erkrankungen der Gallenwege und trug mit seinen Veröffentlichungen dazu bei, Karlsbad als eines der führenden Kurbäder des 18. und 19. Jahrhunderts zu etablieren.Jean de Carro: Essay on the Mineral Waters of Carlsbad for physicians and patients. Prag 1835. Bayerische Staatsbibliothek München. Abgerufen am 3. Mai 2020. (deutsche-digitale-bibliothek.de)
Veröffentlichungen (Auswahl)
Originalarbeiten chronologisch nach Datum der Erstveröffentlichung.
V. Křížek, J. Kolominský: Thermal effect of ultrasonics in tissue. In: Časopis lékar̆ů c̆eských.Nr. 90, 1951, S. 482–486. J. Kolominský: Indikationen und Kontraindikationen der Behandlung in Trencianske Teplice. In: Vojenské zdravotnické listy (Zeitschrift für Militärmedizin). Nr. 2, 1956, S. 261–272. J. Kolominský, L. Svab: Das Röntgenbild der funktionellen Veränderungen der Gallenblase unter dem Einfluss von Karlsbader Trink- und Moorkur. In: J. Kolominský (Hrsg.): Sborník referátů VII. Mezinárodního sjezdu pro vseobecný výzkum raselin. Fyziatrická společnost, sekce Cs. lékařské společnosti J.E. Purkyně, Praha 1960, S. 55–64. J. Kolominský: Veränderungen der Aktivität der glykolytischen Enzyme bei Zuständen nach Hepatitis im Verlauf der Karlsbader Kur. In: Ceskoslovenská gastroenterologie a výz̆iva. Nr. 14, 1960, S. 75–80. J. Kolominský: Berichterstattung – VII. Internationale Kongress für universelle Moorforschung in Franzensbad vom 15.-19.09.1960. In: Zeitschrift für angewandte Bäder- und Klimaheilkunde. Nr. 1, 1961, S. 3–12. K. Bures, J. Fried, J. Kolominský: 120 Jahre Balneotherapie der Zuckerkrankheit in Karlsbad. In: Frantisek Lennoch, Vojmir Kralik (Hrsg.): Balneologia et Balneotherapia 1961. Česká lékařská společnost Jana Evangelisty Purkyně, Státni zdravotnické nakladatelstvi, Praha 1961, S. 254–292. J. Kolominský: Kongreßbericht – Internationaler Kongress für Balneologie und medizinische Klimatologie in Baden-Baden vom 30.9.-4.10.1962. In: Archiv für physikalische Therapie. Nr. 2, 1963, S. 21–25. J. Kolominský, L. Vala, P. Solc, M. Hercikova, V. Böhmova: Balneological treatment after operations of the gastrointestinal tract. In: Ceskoslovenská gastroenterologie a výz̆iva. Nr. 5, 1964, S. 296–304. J. Kolominský: Rational dosage of radon baths in relation to the uricosuric effect. In: Fysiatrický věstník. Nr. 3, 1964, S. 144–152. J. Kolominský, Smrcka: Die Balneotherapie der Funktionsdyspepsien und der Verstopfung. In: Frantisek Lennoch, Vojmir Kralik (Hrsg.): Balneologia et Balneotherapia 1963. Česká lékařská společnost Jana Evangelisty Purkyně , Státni zdravotnické nakladatelstvi Praha, 1964, S. 319–338. J. Kolominský, J. Setka: On the action of thermophysical stimuli on the temperature of the mucosa of the gastrointestinal tract. In: Ceskoslovenská gastroenterologie a výz̆iva. Nr. 7, 1965, S. 389–396.