Der Lyssenkoismus war eine von dem sowjetischen Agrarwissenschaftler Trofim Lyssenko in den 1930er Jahren begründete pseudowissenschaftliche Lehre, die unter anderem an den Lamarckismus anknüpfte. Das zentrale Postulat des Lyssenkoismus lautete, dass die Eigenschaften von Kulturpflanzen und anderen Organismen nicht durch Gene, sondern nur durch Umweltbedingungen bestimmt würden. Das war schon damals mit dem Stand der Wissenschaft in keiner Weise zu vereinbaren.
Lyssenko gewann jedoch in der stalinistischen Sowjetunion vor allem zwischen 1940 und 1962 eine tonangebende Stellung, da es ihm gelang, den Diktator Josef Stalin als Förderer zu gewinnen. Schwere Ernteeinbußen wurden angeblichen Saboteuren zugeschrieben. Damit verbunden war ein Feldzug gegen die sogenannte „faschistische“ oder „bourgeoise“ Genetik sowie gegen jene Biologen, die sich mit dieser Disziplin befassten.
Hintergrund Die kommunistische Partei nahm für sich in Anspruch, die Umgestaltung des Landes auf wissenschaftlicher Grundlage durchzuführen (Wissenschaftlicher Sozialismus). Entscheidend für die Parteiführer waren dabei aber von Anfang an die praktischen Auswirkungen. Wissenschaft sollte zu unmittelbar nutzbaren Ergebnissen führen, die die Wirtschaft und die Menschen voranbringen sollten. Mit der von Lenin initiierten und von Stalin massiv vorangetriebenen Kollektivierung der Landwirtschaft stieg besonders in diesem Bereich der Druck, unmittelbare Erfolge vorzuweisen. Im Wettstreit der Systeme waren die Parteiführer von den Erfolgen der amerikanischen Landwirtschaft sehr beeindruckt. Lenin äußerte sich sehr anerkennend über das (1906 erschienene) Werk The New Earth des US-amerikanischen Autors William Sumner Harwood. Auch die Erfolge des Pflanzenzüchters Luther Burbank wurden anerkannt. Nun galt es, diese Erfolge auf wissenschaftlicher Grundlage zu übertreffen.
Die der Partei nahestehenden sowjetischen Wissenschaftler waren in der Gesellschaft materialistischer Biologen organisiert, deren Präsident der Philosoph Isaak Israilewitsch Present war. Genetiker und überzeugte Kommunisten wie Solomon Grigorjewitsch Lewit und Israil Iossifowitsch Agol hatten darin anfangs einen guten Stand, da die Genetik als „materialistische“ Wissenschaft als in Einklang mit der Parteilinie galt. Hier galt allerdings, wie überall: das Primat der Partei war zu wahren. Maßstab für jede Theorie müsse sein, wie sinnvoll sie sich anwenden ließe. Weitere Forderungen an die Wissenschaften waren, dass sie auf proletarischer Grundlage, von bourgeoisen Einflüssen gereinigt, erneuert werden müsste. „Bürgerliche Spezialisten“ waren vielleicht anfangs ein notwendiges Übel, da man auf ihre Dienste nicht verzichten konnte, die Zukunft müsste klassenbewussten Forschern gehören. Unter Stalins Einfluss wurde die anfangs internationalistische kommunistische Partei außerdem zunehmend nationalistischer. Einflüsse aus dem Ausland waren per se verdächtig.
Verhängnisvoll für die weitere Entwicklung sollte schließlich sein, dass der autoritär und diktatorisch regierende Parteiführer Stalin ein persönliches Interesse an der Pflanzenzucht hatte, einigen Kommentatoren zufolge war sie sein einziges Hobby. Auf seiner privaten Datscha nahe Moskau ließ er Gewächshäuser an das Wohnhaus anbauen. Stalin war dabei ein Anhänger der These, dass sich Pflanzen gegenüber den Umweltbedingungen quasi unbegrenzt formbar zeigen würden, man müsse nur die Samen in passender Umgebung ausbringen. Die Theorie, dass die Erbanlagen von Lebewesen durch die Umwelt, in der sie leben, geformt werden, wird als Lamarckismus bezeichnet. Stalin war überzeugter Lamarckist und förderte diesen auch innerhalb der Wissenschaft.Simon Ings: Triumph und Tragödie. Stalin und die Wissenschaftler. aus dem Englischen übersetzt von Brigitte Döbert. Hoffman und Campe, Hamburg 2018. ISBN 978-3-455-50238-1, S. 225–226.
Lyssenkos Aufstieg mini|300px|Lyssenko (links) während einer Rede 1935 im Kreml, rechts oben Stalin Trofim Denissowitsch Lyssenko begann seine Karriere als praktischer Pflanzenzüchter, der in einer Versuchsstation bei Gandsha in Aserbaidschan an der Aufgabe arbeitete, Erbsen als Gründünger an das dortige Klima zu akklimatisieren. Seine Arbeit fiel einem Reporter der Prawda, des Parteiorgans der KPdSU, auf, der in einem Leitartikel „Die Äcker im Winter“ am 7. August 1927 über den aufstrebenden jungen Forscher berichtete.Simon Ings: Triumph und Tragödie. Stalin und die Wissenschaftler. aus dem Englischen übersetzt von Brigitte Döbert. Hoffmann und Campe, Hamburg 2018. ISBN 978-3-455-50238-1, S. 243–244. Lyssenko entsprach einem Idealbild: Ein ernsthafter junger Mann aus dem Bauernstand, in seiner Arbeit ganz der Praxis verschrieben. Lyssenko arbeitete mit der Methode der Vernalisation, in Russland Jarowisation genannt, bei der Wintersaat nach einer Kältebehandlung erst im Frühjahr ausgepflanzt wird. Die Methode war schon lange bekannt, hatte aber nur durchwachsene praktische Resultate gebracht. In Russland hatte der exzentrische Pflanzenzüchter Iwan Wladimirowitsch Mitschurin sie propagiert, als dessen Anhänger sich Lyssenko sah. Mitschurin war zwar kein Proletarier, aber als nationaler Russe für patriotische Propaganda geeignet, zudem imponierten seine kühnen, wagemutigen Thesen. Lyssenko selbst und seine Anhänger bezeichneten ihre Methoden selbst immer als „Mitschurinismus“. Der frühe öffentliche Ruhm brachte Lyssenko, der als verschlossen, misstrauisch und äußerst geltungssüchtig beschrieben wird, in eine gute Situation für seinen weiteren Aufstieg, obwohl Experten wie Nikolai Alexandrowitsch Maximow von Anfang an kein gutes Haar an ihm ließen. Der weltweit anerkannte Botaniker Nikolai Iwanowitsch Wawilow hielt seine schützende Hand über Lyssenko, der ihm als zwar etwas verschrobener, aber hoch talentierter Experimentator galt, der eine Chance verdient habe. Zudem wurde er vom Volkskommissar (Minister) für Landwirtschaft Jakow Arkadjewitsch Jakowlew protegiert. Lyssenko stieg auf zum Direktor des Allunionsinstituts für Genetik und Saatzucht in Odessa und galt vor allem seinen politischen Förderern als führender Experte. Die Jarowisation wurde als die Methode zur Steigerung der Erträge der neu kollektivierten Landwirtschaft gefeiert. Wer dagegen war, konnte leicht als Kulak denunziert werden und musste um sein Leben fürchten. Dementsprechend erreichten die Parteileitung fast nur positive Berichte.Simon Ings: Triumph und Tragödie. Stalin und die Wissenschaftler. aus dem Englischen übersetzt von Brigitte Döbert. Hoffman und Campe, Hamburg 2018. ISBN 978-3-455-50238-1, S. 263.
Aufgrund der politischen Fürsprache steigerte sich Lyssenkos Ehrgeiz. Er wollte nicht nur als Praktiker anerkannt werden, sondern auch als wegweisender Theoretiker. Sein Anfang 1934 veröffentlichtes Werk Physiologie der Pflanzenentwicklung und die Leistung der Selektion enthielt erstmals eine Kritik der Genetik als Wissenschaft: So etwas wie Gene existiere schlicht nicht. Gemeinsam mit dem Philosophen Present schrieb er zudem öffentliche Kampfschriften, die seine Thesen popularisierten. Lyssenko und Present behaupteten, neue Gesetze der Vererbung entdeckt zu haben, die es ihnen – wie von der Parteiführung gefordert – ermöglichten, neue Getreidesorten in weniger als drei Jahren statt zehn bis zwölf Jahren zu erzeugen und dies auch noch mit geringerem Aufwand. In einer 1935 in der Prawda veröffentlichten Rede warnte er, dass „Kulaken und Saboteure“ die gewaltigen Vorteile des Jarowisierens heimlich hintertreiben würden, diesen Klassenfeinden müsse das Handwerk gelegt werden.Simon Ings: Triumph und Tragödie. Stalin und die Wissenschaftler. aus dem Englischen übersetzt von Brigitte Döbert. Hoffmann und Campe, Hamburg 2018. ISBN 978-3-455-50238-1, S. 270–271.
1936 begannen in der Sowjetunion die Jahre der von Stalin initiierten „Großen Säuberung“, bei der Stalin alle seine Kritiker, aber auch sämtliche im Land verbliebenen unabhängigen Denker verfolgen und in der Regel hinrichten ließ. Trotz (oder möglicherweise gerade wegen) hymnischer Reden von kommunistisch inspirierten Genetikern wie des Amerikaners Hermann Joseph Muller über die Schaffung des „Neuen Menschen“ kam in der UdSSR die Genetik insgesamt in den Ruf, die Eugenik zu propagieren und damit Teil der faschistischen Ideologie zu sein. Bei der vierten Jahrestagung der Lenin-Akademie (Sowjetische Akademie für Landwirtschaftswissenschaften) 1936 eskalierte der Streit auch innerhalb der Forschung. „Faschistische“ Wissenschaftler wurden „enttarnt“, die Prawda berichtete ausgiebig darüber. Dazu gehörten bis dahin auch in der Partei hoch anerkannte Forscher wie Nikolai Konstantinowitsch Kolzow. Der neue Vorsitzende Alexander Iwanowitsch Muralow (erschossen 1937), der Wawilow in der Position ablöste, bemühte sich um einen Ausgleich zwischen den Genetikern und der Fraktion um Lyssenko und Present. Diese hatten zwar fachlich einen schweren Stand – viele ihrer wissenschaftlichen Kritiker waren zudem Marxisten der ersten Stunde – doch sie hatten die besseren Verbindungen in die Politik. Letztlich verlegten sie sich darauf, mehr oder weniger immer das Gegenteil von dem zu behaupten, was die Genetiker vorbrachten. Im Zuge der Großen Säuberung wurden nach und nach bis 1938 viele der führenden Genetiker des Landes verhaftet und erschossen. Forscher wie Georgi Karlowitsch Meister behielten zunächst ihre Positionen, er konnte sogar weiter genetisch forschen, bevor er 1937 trotz seiner großen praktischen Erfolge letztlich doch verhaftet wurde. Selbst Kolzow entging zunächst der Säuberung, auch wenn er seinen Einfluss verlor. Er starb einsam 1940 wohl an einem Herzinfarkt, nachdem sein Institut aufgelöst worden war.
Nachdem Meister der Säuberung zum Opfer gefallen war, stiegen Lyssenko und sein Anhänger und Vertrauter Nikolai Wassiljewitsch Zizin zu Präsidenten der Lenin-Akademie auf. Wawilow und der Genetiker Michail Michailowitsch Sawadowski blieben Vizepräsidenten, dies sollte offiziell den „sozialistischen Wettbewerb“ zwischen verschiedenen Richtungen fördern. Lyssenko konnte sie nicht direkt belangen. Es gelang ihm aber, Wawilow mittels einer Intrige um seinen Posten zu bringen. Wawilow wurde schließlich im Mai 1940, auf einer Forschungsreise, verhaftet. Er starb an Entkräftung in der Haft, nachdem sein Todesurteil zu Lagerhaft begnadigt worden war. Die Verhaftung geht nicht direkt auf Lyssenko zurück, der für einen solchen Akt weder mächtig noch einflussreich genug war.Simon Ings: Triumph und Tragödie. Stalin und die Wissenschaftler. aus dem Englischen übersetzt von Brigitte Döbert. Hoffman und Campe, Hamburg 2018. ISBN 978-3-455-50238-1, S. 342. Vermutlich wurden ihm seine guten Kontakte ins Ausland und die freimütige Korrespondenz mit ausländischen Wissenschaftlern zum Verhängnis, die nun als Spionage galten.