alternativtext=|mini|hochkant|Pop-up-Radweg auf dem Kottbusser Damm in Berlin Ein Pop-up-Radweg (zeitweise auch Corona-Radweg) ist ein kurzfristig eingerichteter Radweg, der in einer akuten Gefahren- oder Krisensituation, bei plötzlich veränderten Rahmenbedingungen im Straßenverkehr oder als Verkehrsversuch schnell für mehr Platz und Sicherheit im Radverkehr sorgen soll. Teilweise werden die neuen Radwege auch als ein Sprung in einer sich längerfristig vollziehenden Verkehrswende betrachtet.Die Zeit, Verkehrswende: Die Pop-up-Radwege müssen bleiben, 7. Mai 2020

Pop-up-Radwege wurden in den 2010er-Jahren in Nordamerika entwickelt und seitdem in verschiedenen Ländern erprobt. Während der COVID-19-Pandemie wurde das Konzept in mehreren Städten adaptiert und erweitert, wo die Pop-Up-Radwege ursprünglich als temporäre Radinfrastruktur für die Zeit während des ursächlichen Ereignisses gedacht waren. Die während der Pandemie angeordneten Radwege sollten Radfahrern dabei helfen, größere Abstände zueinander einhalten zu können, um das Infektionsrisiko mit dem SARS-CoV-2-Virus zu minimieren. Als weitere Gründe für Pop-up-Radwege während der Pandemie gelten eine Entlastung des öffentlichen Nahverkehrs, dessen Nutzung mit einem erhöhten Ansteckungsrisiko verbunden war, sowie die Förderung körperlicher Bewegung an frischer Luft und damit die Stärkung des Immunsystems. Unterstützend wirkte, dass der Kfz-Verkehr während bestimmter Phasen der Pandemie teils sehr deutlich abgenommen hatte und insofern Flächen umgenutzt werden konnten.

Die in Deutschland meist mit gelben Linien und Baustellenbaken markierten Radwege werden in der Regel durch Umwidmung des rechten Fahrstreifens oder eines bisherigen Parkstreifens zum Radfahrstreifen eingerichtet. In Berlin beliefen sich die Kosten für einen Kilometer Pop-up-Radweg auf etwa 9500 Euro.

Begriff Mit der englischen Bezeichnung „pop-up“ werden Vorgänge bezeichnet, bei denen Dinge plötzlich aus dem Verborgenen hervortreten.

Die Wörter „Pop-up-Radweg“ und „Pop-up-Bikelane“ wurden von Sprachwissenschaftlern als zwei von tausend Begriffen aufgeführt, mit denen die COVID-19-Pandemie den Wortschatz der deutschen Sprache prägte und die das Leibniz-Institut für Deutsche Sprache im Dezember 2020 veröffentlichte.

Entwicklung

mini|Erster Pop-up-Radweg in Berlin am Halleschen Ufer

Als Machbarkeitsstudien, zu Demonstrationszwecken oder zur temporären Kompensation eines kurzfristig erhöhten Radverkehrsaufkommens wurden „Pop-up-Bike-Lanes“ weltweit in verschiedenen Städten errichtet, unter anderem 2013 in Minneapolis (USA) und Denver (USA) sowie 2017 in Brisbane (Australien), Winnipeg (Kanada) und Hannover (Deutschland), dort aber nur zeitlich befristet während einer regelmäßig stattfindenden Veranstaltung.

Im Zuge der globalen COVID-19-Pandemie errichteten zahlreiche weitere Städte Pop-up-Radwege, um insbesondere Berufspendlern eine Alternative zum öffentlichen Personennahverkehr anzubieten. Beispielsweise startete die US-amerikanische Stadt New York Versuche mit kurzfristiger Radverkehrsinfrastruktur. Die COVID-19-Pandemie in Kolumbien führte dazu, dass zunächst in der dortigen Hauptstadt Bogotá kurzfristig auf insgesamt über hundert Kilometern auf Hauptverkehrsstraßen mehr Platz für den Radverkehr geschaffen wurde. Über die Maßnahme wurde international berichtet.

In Deutschland wurden Pop-up-Radwege zunächst im Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg eingerichtet. Der erste Pop-up-Radweg in Berlin entstand am 25. März 2020 am Halleschen Ufer. Weitere folgten am Tempelhofer Ufer, in der Skalitzer und Gitschiner Straße, in der Lichtenberger und Petersburger Straße und am Kottbusser Damm. Später kündigte der Bezirk Mitte an, Pop-up-Radwege am Schöneberger Ufer zwischen Potsdamer Brücke und Flottwellstraße und in der Müllerstraße zwischen Seestraße und U-Bahnhof Wedding einzurichten, wobei letzterer erst 2023 umgesetzt wurde.Pressemitteilung April 2023 Der bis dahin längste Berliner Pop-up-Radweg wurde mit einer Länge von 3,5 Kilometern in der Kantstraße im Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf angelegt.

Der Bezirk Pankow gab bekannt, einen Pop-up-Radweg auf der Danziger Straße zwischen der Prenzlauer Allee und der Danziger Straße 142 einzurichten und die Einrichtung eines weiteren Pop-up-Radwegs auf der Schönhauser Allee zwischen Schwedter Straße und Torstraße zu prüfen. Letzterer ist nicht als Pop-Up-Radweg umgesetzt worden, soll aber ab 2023 dauerhaft angelegt werden.Berliner Zeitung, 30.6.2023: Manja Schreiner entscheidet: Breite Radwege für die Schönhauser Allee

Die Pop-up-Radwege in Berlin wurden befristet bis 31. Mai 2020 angelegt, dann Ende 2020 verlängert, mit Überführung in eine permanente Radinfrastruktur entsprechend dem Berliner Mobilitätsgesetz. Dies ist für die meisten der genannten Straßen inzwischen erfolgt.

mini|Der öffentliche Raum wird neu verteilt. Statt für den ruhenden Verkehr werden Flächen bspw. auch für Restaurants genutzt

Die Stadt Leipzig kündigte im Mai 2020 an, zur Entschärfung eines Unfallschwerpunktes auf der Jahnallee auf Höhe der Zeppelinbrücke temporäre Radfahrstreifen zu markieren, was inzwischen erfolgt ist und zur dauerhaften Lösung wird. Stuttgart begann nach Bürgerprotesten ebenfalls Pop-up-Radwege einzurichten. In München wurde im Juni der erste Pop-up-Radweg auf der Elisenstraße eingerichtet und mit ursprünglicher Befristung bis Oktober 2020 Pop-up-Radwege auf vier weiteren Straßen umgesetzt.

In Nürnberg ist nach Protesten und Petitionen ein erster etwa ein Kilometer langer Pop-Up-Radweg auf der Rothenburger Straße zwischen Bertha-von-Suttner-Straße und der Wredestraße in Planung. Er soll bis zur 2021 geplanten Eröffnung eines Fahrradschnellwegs in Richtung Zirndorf und Oberasbach als dessen Vorläufer dienen.

In Wien wurde im Zuge der COVID-19-Pandemie in Österreich am 7. Mai 2020 ein Pop-up-Radweg auf der Praterstraße eröffnet. Am 15. Mai wurde ein zweiter Pop-up-Radweg in der Wagramer Straße im Bezirk Donaustadt und am 1. Juni ein dritter Pop-up-Radweg von der Oberen Donaustraße über die Roßauer Brücke, die Türkenstraße und die gesamte Länge der Hörlgasse sowie die Straße des 8. Mai bis zur Universitätsstraße im Bezirk Alsergrund eingerichtet. Am 9. Juni erfolgte die Eröffnung eines vierten Pop-Up-Radwegs auf der Lassallestraße zwischen Venediger Au und Vorgartenstraße, der die Fortsetzung des ersten Pop-Up-Radwegs auf der Praterstraße bis hin zur Reichsbrücke darstellt.Wien bekommt vierten Pop-Up-Radweg auf heute.at, vom 8. Juni 2020, abgerufen am 8. Juni 2020

Des Weiteren wurden Pop-up-Radwege in den Städten Budapest, Calgary, Mailand, Mexiko-Stadt, Minneapolis, Vancouver und Paris eingerichtet. Entsprechend den Pop-up-Radwegen existieren ähnliche Vorhaben und Forderungen für den Fußverkehr und für Busse.

Konzeption am Beispiel Berlin Provisorisch gestaltete Pop-up-Radwege, die später in dauerhafte Infrastruktur überführt werden sollen, bieten gegenüber direkt umgesetzten Bauplänen den Vorteil, dass die geschaffene Verkehrssituation zunächst in der Praxis getestet und eventuell auftretende Probleme nachgebessert werden können.

Die Konzeption von Pop-up-Radwegen zeichnet sich durch zügige Umsetzung und zeitlich reduzierte Planungsprozesse aus und wird in Berlin inzwischen anhand von Regelplänen umgesetzt. Durch das Berliner Mobilitätsgesetz gab es in Berlin allerdings bereits Vorplanungen zur Einrichtung von Radverkehrsanlagen an Hauptstraßen. Pop-up-Radwege auf Hauptstraßen werden in Berlin als gemeinsame Projekte des jeweiligen Bezirks als Baulastträger und auf Anordnung der Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz umgesetzt.

Das Bezirksamt Berlin Friedrichshain-Kreuzberg empfiehlt ein Konzept, nach dem Pop-up-Radwege von der Identifizierung der betroffenen Bereiche, über die Anhörung der zu beteiligenden Behörden, der Anordnung der Maßnahmen und der temporären Beschilderung bis hin zur Fertigstellung innerhalb von zehn Tagen und in elf Schritten eingerichtet werden können. Bei der Konzeption werden die folgenden vier Grundprinzipien angewendet:

Verkehrstrennung: Über Markierungen hinausgehende physische Trennung von Fuß-, Rad- und Autoverkehr, die nach Möglichkeit nicht zum Einparken vom Autoverkehr überquert werden muss. Entsprechend liegen Parkstreifen entweder vor dem Pop-Up-Radweg, oder sie entfallen ganz. Verzeihende Infrastruktur: Infrastruktur, die Verletzungsrisiken bei Fehlverhalten minimiert, beispielsweise durch Sicherheitsabstände von den befahrenen Flächen und Einbauten oder zu Leitbaken oder die Verwendung von Separationselementen aus nachgebenden Materialien Vorhersehbarkeit: leicht verständliche und wenig komplexe Verkehrsführung Netzwerk-Ansatz: Einrichtung eines Verkehrsnetzes zur Entlastung einzelner Straßenabschnitte

Bei Straßen mit zwei Fahrstreifen in beide Richtungen wird der rechte Fahrstreifen inklusive einer Pufferzone zum fließenden motorisierten Verkehr vollständig als Radfahrstreifen separiert und vorhandene Beschilderung für den ruhenden Verkehr abgedeckt. Das Parken von Kraftfahrzeugen ist dann nicht mehr erlaubt und das Fahren sowohl für den Radverkehr als auch für den motorisierten Verkehr auf jeweils einem Fahrstreifen möglich. Bei Straßen mit zwei Fahrstreifen und einem zusätzlichen Parkstreifen in beide Richtungen wird der rechte Fahrstreifen für den Radverkehr inklusive jeweils einer Pufferzone zum ruhenden und zum fließenden motorisierten Verkehr hin separiert und der Parkstreifen erhalten. Das Befahren der Straße ist dann für den motorisierten Verkehr auf einem Streifen je Richtung möglich. Hierbei müssen Fahrzeuge beim Ein- und Ausparken allerdings den Radweg kreuzen, was dem oben genannten Grundsatz der Verkehrstrennung entgegensteht. Bei Straßen mit drei Fahrstreifen in jede Richtung, bei denen auf dem rechten Fahrstreifen geparkt werden darf, wird der rechte Fahrstreifen als Radfahrstreifen mit einer Pufferzone zum mittleren Fahrstreifen separiert und der mittlere Fahrstreifen als Parkstreifen ausgewiesen, sodass der fließende motorisierte Verkehr, parkende Autos und der Radverkehr jeweils einen der vorherigen Fahrstreifen zur Verfügung gestellt bekommen.

An Kreuzungsbereichen mit Ampelanlage existieren mögliche Maßnahmen zum Schutz des geradeaus fahrenden oder rechts abbiegenden Radverkehrs vor dem rechtsabbiegenden motorisierten Verkehr. Dazu gehört die Schaffung einer temporären geschützten Kreuzung mit temporären Bordsteinausbauten oder alternativ Ampelphasen mit separaten, exklusiven Grünphasen für den Fußverkehr und den Radverkehr. Sollte das nicht möglich sein, wird empfohlen, die Grünphase für den Radverkehr vor der Grünphase für den motorisierten Verkehr zu schalten (Grünvorlauf).Kreuzberg-Handbuch von Mobycon, Version 4

Rechtliche Betrachtung Das der Errichtung von Pop-up-Radwegen zugrundeliegende Beschleunigungsgebot leitete sich in Deutschland von Verordnungen zur Eindämmung der COVID-19-Pandemie und darin genannter Mindestabstandsregelungen ab. In Berlin war dies die Verordnung über erforderliche Maßnahmen zur Eindämmung der Ausbreitung des neuartigen Coronavirus SARS-CoV-2 in Berlin (SARS-CoV-2-Eindämmungsmaßnahmenverordnung – SARS-CoV-2-EindmaßnV).

Zur Einrichtung von Radwegen ist in Deutschland eine straßenverkehrsbehördliche Anordnung erforderlich. Rechtliche Grundlage für die Umsetzung bildet § 45 Abs. 9 Satz 4 der Straßenverkehrsordnung. Die sachliche Zuständigkeit liegt dafür laut § 44 Abs. 1 Satz 1 StVO bei den Straßenverkehrsbehörden.

In Berlin ist dies nach Nr. 11 Abs. 3 des Zuständigkeitskatalogs zum Allgemeinen Sicherheits- und Ordnungsgesetz die Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz. Der jeweilige Bezirk ist als Baulastträger für die Umsetzung zuständig.