Deutsche Bischöfe im Weltkrieg ist der Titel eines Dokuments der römisch-katholischen Deutschen Bischofskonferenz. Das „Wort zum Ende des Zweiten Weltkriegs vor 75 Jahren“ wurde am 29. April 2020 aus Anlass des bevorstehenden 75. Jahrestags des Kriegsendes veröffentlicht und ist nach Aussage des Vorsitzenden der Bischofskonferenz, Bischof Georg Bätzing, als Schuldbekenntnis zu verstehen.Joachim Heinz: „Ein Schuldbekenntnis“. Bischöfe veröffentlichen Erklärung zum Zweiten Weltkrieg. domradio.de, 29. April 2020 online
Vorgeschichte An der Rolle der deutschen Bischöfe im Nationalsozialismus bemängelt der kirchenkritische Schriftsteller Karlheinz Deschner, dass die Klagen der katholischen Kirche in Deutschland stets der Verletzung katholischer Interessen, nicht dem System des Nationalsozialismus als solches galten. Die katholischen deutschen Bischöfe hatten sich während der 1930er-Jahre und im Zweiten Weltkrieg lange darauf beschränkt, lediglich durch Eingaben an die Reichsregierung gegen Missstände zu protestieren, da es unter den Bischöfen einen länger dauernden Konflikt und eine Führungskrise sowie unterschiedliche Auffassungen über das Vorgehen gab, die das Gremium an den Rand einer Spaltung brachten.Wann müssen wir Gott mehr gehorchen als den Menschen? Interview mit Christoph Kösters in: Tag des Herrn, Nummer 19, 10. Mai 2020, S. 4. Öffentliche Proteste der deutschen Bischöfe gegen Justizmorde an ihren Gegnern, gegen die Verfolgung von Liberalen, Demokraten und Kommunisten fanden daher nicht statt, genauso wenig wie gegen Homosexuelle und Bibelforscher. Ein Protest der Bischöfe gegen Hitlers Überfall auf Österreich, die Tschechoslowakei, Polen, Dänemark, Norwegen, Belgien, Holland, Frankreich oder die Sowjetunion blieb ebenso aus, wie ein Aufbegehren gegen Judenpogrome, die Zerstörung von Synagogen, die Verschleppung und Vergasung der Juden. Exemplarisch für die Haltung der deutschen Bischöfe ist ein mit Imprimatur des Bischöflichen Ordinariats (8. November 1938) des Bistums Münster versehenes „Vademecum für den katholischen Soldaten“, in welchem es heißt: „Der Führer verkörpert die Einheit des Volkes und Reiches. Er ist der oberste Träger der staatlichen Gewalt. Ihm als solchen zu gehorchen, ist der christliche Deutsche auch ohne Eid im Gewissen gebunden [...]. Ist dem deutschen Soldaten solche Treue seinem Führer und obersten Befehlshaber zu geloben schon leicht gemacht, weil er in ihm das Vorbild wahrhaft soldatischen Wesens und soldatischer Treue erkennt, weil er seine Treue einem Manne schenkt, der den Sinn seines Lebens in der Mehrung der Größe und Ehre seines Volkes sieht und Tag und Nacht selbst das Beispiel der Treue gibt, dann wird der christliche Soldat erst recht sein Gelöbnis in Ernst und Freudigkeit des Herzens sprechen können, weil ihn sein Glaube lehrt, in der Person des Herrschers über die rein menschlichen Fähigkeiten und Leistungen hinaus die ihm von Gott verliehene Herrlichkeit und Ehre zu erkennen und anzuerkennen.“Zit. in Gesamtdeutsche Rundschau, 14. März 1958, S. 3.
Erst im August 1943 entschlossen sich die katholischen deutschen Bischöfe, sich in einem gemeinsamen Hirtenbrief mit dem Titel „Zehn Gebote als Lebensgesetz der Völker“ öffentlich zu äußern, und erklärten darin am 12. September 1943: „Tötung ist in sich schlecht, auch wenn sie angeblich im Interesse des Gemeinwohls verübt wurde: An schuld- und wehrlosen Geistesschwachen und -kranken, an unheilbar Siechen und tödlich Verletzten, an erblich Belasteten und lebensuntüchtigen Neugeborenen, an unschuldigen Geiseln und entwaffneten Kriegs- oder Strafgefangenen, an Menschen fremder Rassen und Abstammung.“Christoph Arens: Als Deutschlands Bischöfe die Nazimorde verurteilten. In: katholisch.de, 12. September 2018 online
Nach Kriegsende legten auf Initiative von elf nordwestdeutschen Bischöfen die deutschen Bischöfe am 23. August 1945 in Fulda ein Schuldbekenntnis ab und erklärten: „Viele Deutsche, auch aus unseren Reihen, haben sich von den falschen Lehren des Nationalsozialismus betören lassen.“ Sie seien den Verbrechen gegenüber gleichgültig geblieben und hätte ihnen sogar Vorschub geleistet. „Viele sind selber Verbrecher geworden.“ Seitdem hätten die Bischöfe nach Erkenntnissen des Historikers Ulrich Helbach ihre Rolle in der NS-Zeit nie mehr kritisch thematisiert.Christoph Arens: Ein historisches Schuldbekenntnis. In: katholisch.de, 23. August 2015 online.
Am Ende des Zweiten Vatikanischen Konzils richteten die polnischen Bischöfe am 18. November 1965 eine Botschaft an die Mitglieder der Deutschen Bischofskonferenz, die angesichts zahlloser Toter und Vertriebener auf beiden Seiten in dem Satz gipfelte: „Wir vergeben und bitten um Vergebung.“ Die Erklärung stieß bei der kommunistischen Regierung der Volksrepublik Polen auf entschiedenen Widerspruch. Die deutschen Bischöfe antworteten am 5. Dezember 1965 sehr distanziert und für die polnischen Bischöfe enttäuschend, da man eine Aussage zur Oder-Neiße-Grenze erhofft hatte; in Deutschland befürchtete man, dass vor allem eine Aussage zur Anerkennung der deutsch-polnischen Grenze den Gläubigen, vor allem den Heimatvertriebenen, nur schwer zu vermitteln sei.Carsten Dippel: Briefwechsel polnischer und deutscher katholischer Bischöfe. In: deutschlandfunk.de, 18. November 2015. OME-Lexikon: Briefwechsel der polnischen und deutschen Bischöfe, abgerufen am 1. Mai 2020
Entstehung des Textes Eine Auseinandersetzung mit dem Verhalten der deutschen Bischöfe in den 1930er- und 1940er-Jahren war wiederholt gefordert worden, zuletzt in einem Schreiben, das der deutsche Theologe Heinrich Missalla kurz vor seinem Tod am 3. Oktober 2018 an die Deutsche Bischofskonferenz richtete und in dem er anlässlich des 80. Jahrestages des Kriegsausbruchs „ein offenes und ehrliches Bekenntnis zum problematischen Verhalten der damaligen Bischöfe zu Hitlers Krieg“ verlangte. Unterstützt wurde das Anliegen von der katholischen Friedensbewegung Pax Christi und der „KirchenVolksBewegung Wir sind Kirche“.paxchristi.de: Kirchliche Unterstützung des Hitler-Krieges nicht verschweigen!, 22. August 2019, mit dem Text des Briefes Die Deutsche Bischofskonferenz beschloss im Oktober 2019, eine Stellungnahme zum Verhalten der Bischöfe im Zweiten Weltkrieg zu veröffentlichen, auf ihrer Frühjahrsvollversammlung im März 2020 verabschiedete sie den inzwischen erarbeiteten Text.dw.com: Katholische Bischöfe: Vorgänger "machten sich mitschuldig am Krieg", 29. April 2020
Der Text beruht auf Untersuchungen der Kommission für Zeitgeschichte, die die Geschichte des deutschen Katholizismus im 19. und 20. Jahrhundert erforscht, und wurde unter Koordination der Deutschen Kommission Justitia et Pax erstellt. Dabei suchte die Kommission auch den Kontakt zur Polnischen und zur Französischen Bischofskonferenz, deren Länder während des Zweiten Weltkriegs besonders unter der deutschen Besatzung litten. Die 23-seitige Erklärung wurde herausgegeben als Nr. 107 in der Schriftenreihe „Die deutschen Bischöfe“ und am 29. April 2020 in einer Video-Pressekonferenz vom Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Georg Bätzing, dem Vorsitzenden der Kommission „Justitia et Pax“, Bischof Heiner Wilmer, und für die Kommission für Zeitgeschichte von dem Historiker Christoph Kösters vorgestellt.
Inhalt 1. Abschnitt: Die Gegenwart der Erinnerung Im ersten Abschnitt (S. 9–11) gehen die Bischöfe den Kriegsfolgen und der Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg in der Gesellschaft der beiden deutschen Staaten und in der Kirche nach, die nicht ohne Konflikte verlaufen seien. Sie sprechen die Gefühle von Scham und Schuld wie auch der Erleichterung darüber an, dass Krieg und die Zeit des Nationalsozialismus vorüber seien; für viele sei das Kriegsende mit schmerzhaften Vertreibungserfahrungen und dem Verlust der Heimat verbunden gewesen. Die Bischöfe begrüßen den europäischen Kontext der deutschen Erinnerungskultur und die Tatsache, dass eine kritische Auseinandersetzung mit der Vergangenheit heute zum Selbstverständnis der Bundesrepublik Deutschland gehöre. Dabei sei „die Bereitschaft unserer Nachbarn zur Versöhnung ... ein bleibendes Geschenk, für das wir demütig dankbar sind“, so dass es möglich geworden sei, dass sich die Deutschen mit sich, ihrer schuldbelasteten Vergangenheit und ihren Nachbarn weitgehend ausgesöhnt hätten. Erst spät sei in Deutschland verstanden worden, dass der Tag des Kriegsendes am 8. Mai 1945 auch für die Deutschen „vor allem ein Tag der Befreiung“ war. Aus Respekt vor den Opfern sei jetzt der Jahrestag des Kriegsendes ein Anlass, das Verhalten der damaligen Bischöfe kritisch zu betrachten und auch Verfehlungen zu benennen, nicht zuletzt bestärkt durch die Klagen, „dass die katholischen Bischöfe in Deutschland die katholischen Soldaten in ihrer Gewissensnot allein gelassen und sich – mehr noch – am Krieg beteiligt hätten“. Die Bischöfe seien bemüht, die Gründe für das Handeln ihrer Vorgänger zu erkennen, um für das eigene Wirken zu lernen.
2. Abschnitt: Das Verhalten der katholischen Bischöfe in Deutschland während des Zweiten Weltkriegs Auf den Seiten 12 bis 15 tragen die Bischöfe Fakten über die Verflechtungen zwischen der katholischen Kirche und Staat und Gesellschaft während des Weltkriegs zusammen und konstatieren, bei aller inneren Distanz, bisweilen sogar offener Gegnerschaft zum Nationalsozialismus sei die katholische Kirche in Deutschland „Teil der Kriegsgesellschaft“ gewesen. Sie verweisen auf die Tätigkeit von Militär- und Gefängnisseelsorgern und Dienste in der Krankenpflege in Lazaretten und kirchlichen Häusern. „Trotz massiver Bedrängnisse der Kirche durch Staat und NSDAP, blieb – wie schon im Ersten Weltkrieg – die patriotische Bereitschaft, die materiellen, personellen und geistigen Ressourcen der Kirche für den Kriegseinsatz zu mobilisieren, bis zum Ende ungebrochen.“ Als deutsche Truppen einen völkerrechtswidrigen Angriff auf Polen unternahmen, ließen die katholischen Bischöfe in ihren Predigten und Hirtenbriefen zwar überwiegend Zurückhaltung erkennen, riefen jedoch Soldaten und Gläubige „zu Treue, Gehorsam und Pflichterfüllung, zu Bewährung, Sühne und Opfersinn“ auf. Die damaligen Bischöfe legitimierten den von Deutschland ausgehenden Krieg nicht mehr ausdrücklich als „gerecht“, und sie teilten nicht die rasseideologische Begründung des Krieges durch die Nationalsozialisten; allerdings akzeptierten sie die zu bringenden Opfer aus einem nationalen, „vaterländischen“ Denken heraus. Sie ließen etwa nach dem Sieg über Frankreich 1940 die Kirchenglocken läuten und begrüßten den Angriff auf die Sowjetunion als „Kreuzzug“ gegen den „gottlosen Bolschewismus“, was das Kriegsgeschehen zusätzlich religiös auflud und dem Krieg einen zusätzlichen Sinn verlieh. Die deutschen Bischöfe zeigten sich seinerzeit entsetzt über das Leiden und Sterben der Soldaten und die Erschütterungen des Bombenkriegs gegen die heimische Zivilbevölkerung. Die Leiden der Anderen seien hingegen nur ungenügend in den Blick gekommen. Der offene Protest der deutschen Bischöfe gegen den nationalsozialistischen Vernichtungskrieg sei aus nationalem Bewusstsein ausgeblieben; man habe „auf die (illusorische) Verhaltensänderung der politischen Führung, auf die Einhaltung der rechtlichen Vereinbarungen sowie auf die tugendhafte Pflichterfüllung der Geführten“ gesetzt. Gegen die Verbrechen an den vom Naziregime Verfolgten, insbesondere den Juden, hätten öffentlich nur einzelne Bischöfe wie der Münsteraner Bischof Clemens August Graf von Galen protestiert. Erst am 19. August 1943 rang sich die Bischofskonferenz zu dem gemeinsamen Hirtenbrief „Über die zehn Gebote als Lebensgesetz der Völker“ durch und klagte die Bindung der staatlichen Ordnung an Wahrheit und göttliches Recht und das bedingungslose Recht auf Leben öffentlich ein; die Soldaten wurden jedoch weiterhin „zu treuer Pflichterfüllung“ aufgerufen.
Die Deutsche Bischofskonferenz folgert aus solchen Untersuchungsergebnissen: