Ibn Yamin (, vollständiger Name arabisch-, geboren um 1286/87 in Faryūmad, heutige iranische Provinz Semnān; gestorben um 1368 ebenda) war ein persischer Dichter der späten Īlchān- und beginnenden Timuriden-Zeit.
Leben Aus Ibn Yamins Leben ist nicht allzu viel bekannt. Man weiß um die regionalen Machtverhältnisse seiner Zeit und einige Lebensdaten. Wesentliche Auskünfte über sein Leben und seine Persönlichkeit stammen von Ibn Yamin selbst, da er autobiografische Elemente in das Vorwort zu seinem Dīwān sowie in die Gedichte selbst eingearbeitet hatte. Spätere Biografen bezogen sich darauf und erstellten das Bild seiner Persönlichkeit.
Er wurde in dem kleinen Ort Faryūmad in West-Chorasan in eine Familie des Landadels hinein geboren, wo sein abenteuerreiches Leben seinen Ausgang nahm. Zu jener Zeit begannen die Machtkämpfe zwischen den Kartiden und den Sarbedaran, in die er schließlich verwickelt wurde und die ihn an mehrere Fürstenhöfe führten, darunter nach Herat, dem Sitz des Kartidenfürsten. Dort verrichtete er als hoher Staatsbeamter für Finanzen seinen Dienst. Gegen Ende seines Lebens kehrte er in seinen Geburtsort Faryūmad zurück, wo er verstarb.Vgl. Browne, S. 215 f.; Ṣafā, S. 952 ff.; Zarrīnkūb, S. 229 ff.
Werk Ibn Yamins Ur-Handschrift ging nach eigener Aussage im Zusammenhang mit der Schlacht zwischen Malik Mu‘izz ad-Dīn Ḥusain aus dem Haus der Kart und Waǧīh ad-Dīn Mas‘ūd, dem Anführer der Sarbedaran, um 1342 verloren.Dīwān, S. 3 f. Alle noch vorhandenen Handschriften sind deshalb aus einer zweiten von ihm verfassten Zusammenstellung, jenem Dīwān, entnommen.Dīwān, S. 5.
Sein Stil, der die persische Dichtung der Chorasanischen Schule widerspiegelte, aber auch prägte, war nicht nur aufgrund vielfältiger allgemeiner Einflüsse, sondern auch durch die von ihm vorgenommene Einteilung in bestimmte Kategorien gekennzeichnet. Er gilt noch heute als Meister der Qiṭ‘a (von ), einer der Ghasele verwandten GedichtformVgl. Browne, S. 216; Rypka, S. 261; Ṣafā, S. 906. mit philosophischer, ethischer oder auch meditativer Grundausrichtung,Vgl. Rypka, S. 95 f. in der Ibn Yamin seine eigenen Erfahrungen verarbeitete. Außerdem umfasst sein Dīwān viele kleinere Formen, darunter Rätselgedichte (), Sinngedichte, Chronogramme und vielerlei Gelegenheits- und Gedenkgedichte. Hinzu kommen über hundert kurze mulamma‘ (, persisch auch „Gedicht mit Versen aus verschiedenen Sprachen“)Vgl. Wehr: Arabisches Wörterbuch, Wiesbaden 1968, S. 783; Junker/Alavi: Persisch-deutsches Wörterbuch, Leipzig/Teheran 1970, S. 760. genannte zweisprachige Kurzgedichte auf Arabisch und Persisch, aber auch arabische Gedichte mit deren persischen Übersetzungen in Versform.
Dies ist zum Teil auf den Einfluss der Irakischen Schule zurückzuführen, über die vielschichtige syntaktische Formen sowie ein auserlesener Gebrauch arabischer Begriffe in der persischen Dichtkunst einhergingen. Zusätzlich zu den bereits vorhandenen Themen und Motiven, wie sie in Oden () und Liebesgedichten verwendet wurden, beschäftigte sich Ibn Yamin in seinen Versen mit dem Thema Fleiß und Streben der Menschen. Dabei warnte er auch vor Maßlosigkeit aller Art, indem er die Vergänglichkeit der Zeit sowie die Gebrechlichkeit des hohen Alters, den Tod und das Leben im Jenseits im Blick hatte.
Berühmte Zitate (Auswahl)
ān-kas ke bedānad-o beḫwāhad ke bedānad ḫod-rā be bolandā-ye sa‘ādat beresānadUmschriften nach DMG in aktueller Vokalisation.
Wenn jemand weiß und will, dass er weiß, Trägt er sich selbst in die Höhe des Glücks.
ān-kas ke bedānad-o bedānad ke bedānad asb-e šaraf az gonbad-e gardūn beǧahānad
Wenn jemand weiß und weiß, dass er weiß, Galoppiert [ihm] das Ross der Ehre vom Himmel [entgegen].Bedeutung: Das „Ross der Ehre“ weilt in der Kuppel des Himmels [der Ehre] und kommt nun von dort zu ihm auf die Erde. Es handelt sich um ein Wortspiel mit dem persischen Verb , in dem auch der Begriff „Welt“ () enthalten ist.
ān-kas ke bedānad-o nadānad ke bedānad bā kūze-ye āb ast walī tešne bemānad
Wenn jemand weiß und nicht weiß, dass er weiß, Ist sein Krug voller Wasser, doch bleibt er voll Durst.
ān-kas ke nadānad-o bedānad ke nadānad langān-e ḫarak-e ḫwīš be maqṣad beresānad
Wenn jemand nicht weiß und weiß, dass er nicht weiß, Bringt er sich hinkend mit Krücken zum Ziel.Der persische Begriff hat mehrere Bedeutungen, darunter „Eselchen“, „Steg (Musikinstrument)“, „Bock (über den man springt)“, „Stelzen“ (vgl. Junker/Alavi: Persisch-deutsches Wörterbuch, Leipzig/Teheran 1970, S. 271). Es handelt sich demzufolge darum, dass einer sein eigentliches Ziel zwar erreicht, aber mit Hindernissen verschiedener Art.
ān-kas ke nadānad-o beḫwāhad ke bedānad ǧān-o tan-e ḫod-rā ze ǧahālat berahānad
Wenn jemand nicht weiß und will, dass er weiß, Rettet er sein DaseinWörtlich: „Seele und Körper“. vor Unwissenheit.
ān-kas ke nadānad-o nadānad ke nadānad dar ǧahl-e morakkab-e abado'd-dahr bemānad
Wenn jemand nicht weiß und nicht weiß, dass er nicht weiß, Bleibt er in grober Unwissenheit für alle Zeit.Vgl. Junker/Alavi: Persisch-deutsches Wörterbuch, Leipzig/Teheran 1970, S. 708.
ān-kas ke nadānad-o naḫwāhad ke bedānad ḥeyf ast čenīn ǧānwar-ī zende bemānad
Wenn jemand nicht weiß und nicht will, dass er weiß, Ist’s schade, wenn solch ein Wesen am Leben bleibt.Sämtliche Aussprüche sind im Original in einer konjunktivisch-konditionalen Form gehalten.
Rezeption im Westen Maria von Ottokar übersetzte eine Auswahl von Gedichten Ibn Yamins ins Deutsche und versah sie mit einem Vorwort, in dem auch sein Leben kurz skizziert wird: Ibn Jamin's Bruchstücke aus dem Persischen, Wien 1852. Ebenso übersetzte E. H. Rodwell hundert Qiṭ‘a-Gedichte aus einer Lithografie-Ausgabe, die 1865 in Kalkutta erschien, ins Englische: Ibn Yamin. Short Poems, London 1922.
Literatur Mīr ʿAbd-al-Razzāq Ḵvāfī: Bahārestān-e soḫan (), Madras 1958. Āftāb Rāy Lakhnavī: Riyāż al-ʿārefīn (), ed. S. Ḥ. Rāšedī, 2 vols., Rawalpindi 1976. Dawlatšāh, Hrsg. Browne. Brown: Lit. Hist. Persia III. Ebn Yamīn Faryūmadī: Dīwān-e ašʿār (), Hrsg. Ḥ.-‘A. Bāstānī Rād, Teheran 1965. Faṣīḥ Aḥmad b. Maḥmūd Ḵvāfī: Moǧmal-e faṣīḥī (), Hrsg. M. Farroḵ, 3 Bde., Maschhad 1960–62. Reżāqolī Khan Hedāyat: Maǧma‘ al-foṣaḥā’ (), 2 Bde., Teheran 1960. M.-J. Maḥjūb: Sabk-e ḫorāsānī dar še‘r-e fārsī (), Teheran 1971. Rypka: Hist. Iran. Lit. Ṣafā: Adabīyāt () III, ʿA-Ḥ. Zarrīnkūb: Bā kārwān-e ḥolle (), 5. Ausgabe, Teheran 1983.
Anmerkungen
Weblinks Encyclopædia Iranica: Artikel über Ibn Yamin
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