Die Solnzewo-Bruderschaft () ist eine Vereinigung, die der russischen Mafia zugerechnet wird. Ihr Name bezieht sich auf den Bezirk Solnzewo in Moskau, wo die Gruppe ihren Ursprung hat. Schätzungen über die Größe der Bruderschaft schwanken zwischen 5.000 und 9.000 Mitgliedern. Die Gruppierung beinhaltet mindestens zehn halbautonome Brigaden, die unter dem Namen Solnzewskaja agieren. Ein FBI-Bericht von 1995 beschrieb sie als die weltweit mächtigste eurasische Gruppierung der organisierten Kriminalität in Bezug auf Vermögen, Einfluss und finanzielle Kontrolle.Federico Varese: Mafias on the Move. How Organized Crime Conquers New Territories, Princeton University Press, Princeton 2013, S. 67, ISBN 978-0-691-15801-3.
Die Anfänge Der Hotelkellner Sergei Anatoljewitsch Michailow (Michas), der im Moskauer Stadtbezirk Solnzewo aufgewachsen war, gründete gemeinsam mit seinem Freund Viktor Awerin die kriminelle Gruppierung Solnzewskaja in der zweiten Hälfte der 1980er-Jahre, möglicherweise auch schon in den frühen AchtzigernDepartment of Justice, Federal Bureau of Investigation: Semion Mogilevich Organization. Eurasian organized crime, August 1996, S. 2, abgerufen am 3. Juni 2020.. Er gründete zunächst Sportklubs und warb arbeitslose, aggressive junge Männer an, die in demselben Bezirk wohnten.Federico Varese: Mafias on the Move. How Organized Crime Conquers New Territories, Princeton University Press, Princeton 2013, S. 65 ff, ISBN 978-0-691-15801-3. Und so gelang es ihm als erfolgreichem Kampfsportler und ehemaligem Gefängnisinsassen um sich und seinen Sportlerkollegen Awerin herum die Jugend von Solnzewo zu versammeln.Jekaterina Zapodinskaja: Жизнь солнцевского авторитета. Professor Михась покоряет мир, Kommersant, vom 7. Dezember 1995, Nr. 227, S. 14, abgerufen am 22. Mai 2020. Schon bald ordneten sich kriminelle Brigaden aus den Moskauer Bezirken Tscherjomuschki, Tschertanowo und Jassenewo der Solnzewskaja Bande unter.Russkaja semjorka: Чем в 80-е и 90-е «прославилась» солнцевская братва?, vom 5. Mai 2017, abgerufen am 28. Mai 2020. Aufgrund der Lage von Solnzewo nahe der Autobahn M3 in die Ukraine, der Moskauer Ringautobahn und des Flughafens Wnukowo gelang es der Bruderschaft, das örtliche Transportgewerbe zu kontrollieren, insbesondere den internationalen Autohandel.Godfather of the Kremlin? Forbes, 30. Dezember 1996. Hinzu kam die Kontrolle über das Taxigewerbe und über die sich noch in den Anfängen befindliche Glücksspielbranche.Georgij Rozhnow: ПОЛПРЕДЫ РОССИЙСКОЙ МАФИИ успешно обживают дальнее зарубежье, Ogonjok, vom 11. November 1996, Nr. 46, S. 4, abgerufen am 22. Mai 2020. Bis Ende der 1980er Jahre kontrollierte die Solnzewskaja bereits mehr als 20 Wirtschaftsunternehmen in Stadt und Oblast Moskau, darunter den ehemaligen Arbeitgeber Michailows – Hotel „Sowjetskaja“. Zum Kern ihres Geschäftes wurde die Schutzgelderpressung.Federico Varese: Mafias on the Move. How Organized Crime Conquers New Territories, Princeton University Press, Princeton 2013, S. 66 ff, ISBN 978-0-691-15801-3. Später dehnte die Bande ihren Einfluss auf die Bereiche Waffenhandel, Geldwäsche und Prostitution aus. Außerdem kontrollierte sie im Jahr 2014 nachweislich den Handel mit Heroin aus Afghanistan und den Menschenhandel mit Einwanderern aus Zentralasien.Die fünf größten Mächte der Schattenwirtschaft. Manager Magazin, 17. September 2014. In den 1990er Jahren verfolgte die Bruderschaft finanzielle Interessen in Archangelsk und Murmansk und erhielt Zahlungen von kriminellen Brigaden aus dem Baltikum. 1997 standen große Unternehmen innerhalb und außerhalb Russlands unter Michailows Kontrolle, die die Bereiche Erdölhandel, Werbung, Telekommunikation und Tourismus umfassten. Er kontrollierte zudem praktisch den gesamten elektronischen Zahlungsverkehr der Uralregion.Wladimir Iwanidse: Проверку швейцарских счетов могут начать с Михася, Kommersant, vom 31. Januar 1997, Nr. 1, S. 2, abgerufen am 23. Mai 2020.
Innere Struktur Insgesamt ist über den inneren Mechanismus der Bruderschaft wenig bekannt, doch gaben ehemalige Mitglieder an, die Solnzewskaja werde von einem Gremium aus zwölf Personen gesteuert, das sich regelmäßig in verschiedenen Teilen der Welt trifft. Die Anführer der Bruderschaft lebten in den 1990er Jahren in Russland, Mitteleuropa und Israel. Zur Tarnung dieser Zusammenkünfte werden festliche Anlässe genutzt.
Der emeritierte FBI-Agent Robert Levinson zeigte während des zwischen 1996 und 1998 stattgefundenen Gerichtsverfahrens gegen Sergei Michailow in Genf auf, wie die Solnzewo-Bruderschaft intern organisiert war. Angeführt werde sie von Sergei Michailow. Die Nummer zwei und „rechte Hand“ Michailows sei Viktor Awerin und der dritte Mann der „Dieb im Gesetz“ Dschemal Chaschidze. Diesen drei sind sogenannte Koordinatoren unterstellt, die Aufgaben unter den Bratwa-Mitgliedern verteilen und die Befehlsausführung überwachen. Zu den Koordinatoren zählen Arnold Tamm (Deckname: Arnold Solnzewski), Anatoli Anisimow (Deckname: Bulylolija) und Aleksandr Awerin (Bruder von Viktor Awerin, Deckname: Awera Malenki). Sie hätten unter ihrer Befehlsgewalt zwischen 5 und 50 Kämpfer (bojewiki). Zur Organisationsstruktur gehöre eine Art Schatzamt, das für die Kontrolle der Gemeinschaftskasse (obschtschak) verantwortlich sei. Levinson nannte drei Schatzmeister der Bratwa: Leonid Orlow, Jewgeni Nowizki und Sergei Ferronski.
Darüber hinaus gebe es zwei Abteilungen, die für Aufrechterhaltung der Disziplin, Morde und Beilegung von Konflikten mit anderen Gruppierungen verantwortlich seien. Diese Abteilungen werden von Juri Drozhzhin und Aleksandr Sedow geleitet. Levinson führte zugleich zwei Beispiele an, wie Disziplinverstöße abgestraft werden. Michailow verdächtigte Leonid Orlow, der die Moskauer Firma SV Holding Inc. managte, Bratwagelder zu stehlen und genehmigte seinen Mord. Später jedoch, dank der Fürsprache von Sergei Pogramkow, des Anwalts von Michailow, ließ man Orlow am Leben. Doch bestraft wurde er trotzdem: Nach schweren Prügeln nahm man ihm das Auto und die Wohnung weg. Zweites Opfer der „inneren Säuberungen“ wurde Juri Denisow, der es wagte, während der Geburtstagsfeier von Viktor Awerin am 31. Mai 1995 in Prag vor vielen Zeugen Michailow um einen Rechenschaftsbericht über die Nutzung der Obschtschak-Gelder zu bitten. Michailow erwiderte, es sei nicht die Zeit, dies zu besprechen. Einen Monat später wurde Denisow auf der Schwelle seines Hauses von einem Scharfschützen erschossen.Jekaterina Zapodinskaja: Главному свидетелю по делу Михася угрожают убийством, Kommersant, vom 22. Juli 1997, Nr. 115, S. 1, abgerufen am 23. Mai 2020.
Leonid Roitman, ehemaliges Mitglied der Magadan-Brigade, so benannt nach dem Anführer Oleg Asmakow (Deckname: Magadan), bestätigte 2019 in einem Interview mit dem russisch-amerikanischen Journalisten Seva Kaplan, dass Andrei Wladimirowitsch Skotsch schon immer ein Solnzewo-Anführer war und bis heute geblieben ist. Seine kriminelle Tätigkeit in Moskau begann Skotsch zusammen mit Oleg Asmakow. Skotsch erfüllte innerhalb der Solnzewo-Bruderschaft die Funktion eines Koordinators und gab unter anderem die Befehle für Auftragsmorde. Er habe beispielsweise seinen Untergebenen gezeigt, wie man Leichen durch Verbrennen entsorgt. Heute habe er, so Roitman, mehr Einfluss in der Bratwa als Michailow.YouTube-Kanal von Seva Kaplan: 5 лет спустя: Леонид Ройтман в Толковище с Севой Капланом., vom 22. März 2019, abgerufen am 28. Mai 2020.
Verbindungen zu anderen kriminellen Gruppierungen 1989 begannen in Moskau Konflikte zwischen slawischen und tschetschenischen kriminellen Gruppierungen. Daher verbündete sich die Solnzewo-Bruderschaft mit Sergei Timofejew (Deckname: Silvestr) und seiner Orechowskaja Bratwa, die überwiegend aus Sportlern und Ringern bestand, und mit der Leningrader Gruppierung, die von Boris Antonow angeführt wurde. Bei einer der Auseinandersetzungen mit den Tschetschenen im Restaurant „Havana“, verlor Boris ein Auge und wurde seitdem Zyklop genannt. Michailow, Timofejew und Antonow wurden enge Freunde, denn sie verband nicht nur der Hass gegen die Kaukasier, sondern auch der Kampfsport. Doch später verschlechterte sich ihre Beziehung wieder.Kommersant: Призрак Сильвестра бродит среди бандитов и милиционеров, vom 24. Februar 1995, abgerufen am 25. Mai 2020.
Solnzewskaja Bratwa unterhält, nach Angaben von Levinson, Verbindungen zu fünf „Dieben im Gesetz“ und ihren kriminellen Organisationen:Jekaterina Zapodinskaja: Солнцевская группировка глазами ФБР (из уголовного дела Сергея Михайлова), Kommersant Vlast, vom 22. Dezember 1998, Nr. 49, S. 39, abgerufen am 24. Mai 2020. zur Gruppe von Semjon Judkowitsch Mogilewitsch, der der Bruderschaft Verbindungen zur Bankensphäre verschafft hat, mit dem Ziel die kriminell erworbenen Gelder per Geldwäsche in den legalen Wirtschaftskreislauf einzuführen; die Geldwäsche wurde zum Teil mittels der britischen Organisation Arigon Ltd., die von Sergei Michailow mitbegründet wurdeKirill Beljaninow: ПОСЛЕДНЯЯ ЛЕКЦИЯ ПРОФЕССОРА МИХАСЯ, Ogonjok, vom 11. November 1996, Nr. 46, S. 4, abgerufen am 23. Mai 2020., verwirklicht, die in verschiedenen Ländern ihre Vertreter und Bankkonten hat; zur Gruppe von Gafur Achmedowitsch Rachimow (auch als „Taschkenter Mafia“ bekannt), die Drogenhandel betreibt und zur Geldwäsche dieselben Kanäle wie die Solnzewskaja nutzt; zur Gruppe von Wjatscheslaw Kirillowitsch Iwankow, des Geschäftspartners von Michailow in Moskau, vor allem im Hinblick auf das Hotel „Kosmos“; zur Gruppe von Monja Elson; zur Organisation von Leonid Bilunow (Deckname Makintosch bzw. Macintosh), die sich in Paris niedergelassen hat.
Interpol geht davon aus, dass auch Vladimir Plahotniuc lose mit der Solnzewo-Bruderschaft verbunden ist.Kenneth Rapoza: Billion Dollar Theft: In Moldova, One Rich Banker's 'Crime' Has A Nation Doing Time. Forbes, 1. August 2016.
Kriminelle Tätigkeit Schutzgelderpressung