Die Zarenbraut (russisch: Царская невеста, Zarskaja newesta) ist eine Oper in vier Akten von Nikolai Rimski-Korsakow (Musik) mit einem Libretto von Nikolai Rimski-Korsakow und Ilja Tjumenew nach der gleichnamigen historischen Tragödie (1849) von Lew Mei. Sie wurde am vom Ensemble der Russischen Privatoper von Sawwa Mamontow im Solodownikow-Theater in Moskau uraufgeführt.
Handlung mini|Iwan Bilibin: Bühnenbild des ersten Akts, 1930 Die folgende Inhaltsangabe basiert auf der deutschen Übersetzung des Librettos. Die kursiven Szenenanweisungen sind dem Klavierauszug von 1899 entnommen. Sie wurden lediglich in der Rechtschreibung geringfügig modernisiert.
Erster Akt: „Der kleine Schmaus“ Ein großes Gemach im Haus des Bojaren Grigori Grjasnoi
Im Hintergrund die niedrige Eingangstür, neben der ein Schenktisch mit Bechern, Schalen und Schöpfkellen besetzt. Rechts drei verzierte Fenster und ihnen gegenüber ein langer Tisch, mit einem Tischtuch bedeckt; auf dem Tisch Kerzen in hohen Silberleuchtern, Salzfass und Tafelaufsatz. Links Eingang zu den inneren Gemächern und eine breite Bank mit geschnitztem Wandbrett; an die Wand gelehnt ein Spieß; an der Wand hängen eine Armbrust, ein großes Jagdmesser, verschiedene Kleidungsstücke und, nicht weit von der Tür, näher zum Vordergrund, ein Bärenfell. An den Wänden und zu beiden Seiten des Tisches Bänke mit rotem Tuch bedeckt. Grjasnoi steht den Kopf nachdenklich gesenkt am Fenster.
mini|hochkant|Iwan Bilibin: Kostümentwurf für Iwan Lykow, 1930
Szene 1. Der Opritschnik Grigori Grjasnoi, einst ein leichtfertiger Draufgänger, hat sich heftig in Marfa, die Tochter des Nowgoroder Kaufmanns Wassili Sobakin, verliebt und bei ihrem Vater um ihre Hand angehalten. Der hat jedoch Grjasnois Brautwerber abgewiesen, weil das Mädchen bereits dem Bojaren Iwan Lykow versprochen ist. Lykow ist erst kürzlich von einer weiten Reise zurückgekehrt (Rezitativ und Arie: „S uma neidjot krassawiza!“ – „Kuda ty, udal preschnjaja, dewalas“). Um auf andere Gedanken zu kommen, hat Grjasnoi Gäste eingeladen, darunter Lykow und Jelissei Bomeli, den Leibarzt des Zaren Iwan des Schrecklichen.
Szene 2. Grigori Maljuta-Skuratow, Lykow, Bomeli und weitere Opritschniki treffen ein und werden von Grjasnois Dienern mit Speisen und Wein bewirtet (Fughetta a 3 voci: „Slaschtsche medu laskwoje slowo“). Auf Bitten Grjasnois erzählt Lykow von der Lebensweise der Deutschen, die er auf seiner Reise kennengelernt hat (Arioso: „Inoje wsjo, i ljudi, i semlja“). Sie erheben ihre Gläser zum Wohl des Zaren.
Szene 3. Grjasnoi lässt Guslispieler, Sänger und Sängerinnen auftreten (Tafellied: „Slawa na nebe solnzu wyssokomu“ – Tanz mit Chor: „Kak sa retschenkoi jar-chmel“). Anschließend bittet er Ljubascha herein, ein schönes Mädchen, das die Opritschniki Jahre zuvor gewaltsam aus Kaschmir entführt haben und das Maljuta-Skuratow jetzt als sein Patenkind bezeichnet. Sie war Grjasnois Geliebte, bis er das Interesse an ihr verlor.
Szene 4. Trotz ihrer Kopfschmerzen muss Ljubascha den Gästen vorsingen (Lied der Ljubascha: „Snarjaschai skorei, matuschka rodimaja“). Anschließend verlassen die Gäste das Haus. Nur Bomeli bleibt auf Wunsch des Gastgebers. Ljubascha versteckt sich hinter dem Bärenfell, um ihr Gespräch zu belauschen.
Szene 5. Unter dem Vorwand, es sei für einen Freund bestimmt, bittet Grjasnoi den Arzt um Zauberpulver für einen Liebestrank. Er will damit das Herz Marfas gewinnen. Ljubascha erkennt, dass Grjasnoi keine Gefühle mehr für sie hat (Terzett: „Och, ne weritsja“).
Szene 6. Es kommt zur Aussprache zwischen Ljubascha und Grjasnoi, bei der sie ihn an seine einst glühenden Küsse erinnert (Duett: „Snat, ne ljubisch“). Doch alles Flehen bleibt vergeblich. Er verlässt das Haus für die Frühmesse, ohne sich noch einmal nach ihr umzusehen. Ljubascha schwört sich, ihn vom Zauber dieser Hexe zu lösen.
Zweiter Akt: „Das Zauberkraut“
Straße in der Alexandrowa Sloboda
Vorne links ein Haus (Wohnung der Sobakin) von drei Fenstern zur Straße, Pforte und Zaun; bei der Pforte unter den Fenstern eine hölzerne Bank. Rechts Haus des Bomeli mit einem Handpförtchen. Dahinter, im Grund Mauer und Eingang zum Kloster. Gegenüber dem Kloster im Hintergrund links, Haus des Fürsten Gwosdew-Rostowski mit einem hohen Vorbau an die Straße vortretend. Herbstlandschaft; an den Bäumen gelbe und rote Färbungen. Gegen Abend.
Szene 1. Die Gläubigen verlassen nach der Messe das Kloster (Chor: „Wot bog priwjol wetscherenku otsluschat“). Sie beobachten, wie Opritschniki das Haus des „Verräters“ Gwosdew-Rostowski angreifen, und unterhalten sich vorsichtshalber über etwas anderes, der bevorstehenden Brautschau des Zaren. Zwei junge Burschen kommen mit Arznei aus dem Haus Bomelis. Als das Volk sie darauf hinweist, dass der Arzt Deutscher und somit ein Ungläubiger ist, werfen sie die Kräuter als „Hexenzeug“ fort. Alle gehen ihrer Wege.
Szene 2. Sobakins Tochter Marfa, ihre Freundin Dunjascha und die Wirtschafterin Petrowna kommen aus dem Kloster. Die beiden Mädchen setzen sich auf eine Bank, um auf Marfas Vater zu warten, und unterhalten sich über ihre bevorstehende Hochzeit mit Lykow, mit dem sie schon von Kindheit an befreundet ist (Arie Marfa: „W Nowgorode my rjadom s Wanei schili“).
Szene 3. Zwei vornehme Herren reiten im Hintergrund vorbei. Einer von ihnen ist unschwer (musikalisch durch das Zarenthema aus Pskowitjanka) als Zar Iwan zu erkennen. Er hält für einen Augenblick an und betrachtet Marfa intensiv. Sie erschauert. Kurz darauf erscheinen Sobakin und Lykow und gehen mit den Mädchen ins Haus (Quartett: „Pogodi, moja milaja“).
Intermezzo – Im Hintergrund der Bühne, eingehüllt in ein Schleiertuch erscheint Ljubascha; sie schleicht langsam, sich scheu umblickend zwischen den Häusern hin und kommt in den Vordergrund.
Szene 4. Nach einem Blick durch das Fenster des Hauses weiß Ljubascha, dass sie der Schönheit Marfas nichts entgegensetzen kann. Sie geht daher zu Bomeli und bittet ihn um ein Gift. Es soll nicht tödlich sein, sondern lediglich die Schönheit des Opfers langsam zerstören. Bomeli verlangt als Gegenleistung eine Liebesnacht. Ljubascha läuft entsetzt fort, doch da Bomeli ihr folgt und damit droht, Grjasnoi alles zu erzählen, stimmt sie schließlich zu. Bomeli eilt in sein Haus zurück, als er Stimmen aus dem Haus Sobakins hört.
Szene 5. Ljubascha denkt über ihre Eifersuchtsgefühle nach (Arie: „Wot do tschego ja doschila“). Sie belauscht Sobakin und Lykow bei deren Verabschiedung und erfährt, dass Grjasnoi am nächsten Tag kommen will. Bomeli bringt ihr das Gift und zieht sie in sein Haus.
Szene 6. Die betrunkenen Opritschniki verlassen grölend das Haus Gwosdew-Rostowskis (Chor: „To ne sokoly w podnebessje sletalis“).
Dritter Akt: „Der Brautführer“
Ein Zimmer im Haus von Sobakin
Rechts drei verzierte Fenster; links in der Ecke ein Kachelofen; neben ihm, näher zum Vordergrund, Tür in das Vorhaus. Im Hintergrund, in der Mitte eine Tür; rechts ein Tisch vor einer Bank; links neben der Tür ein Schenktisch, unter den Fenstern eine breite Bank (W. Sobakin, I. Lykow und Gr. Grjasnoi sitzen auf der Bank am Tisch).
Szene 1. Lykow kann es kaum erwarten, seine geliebte Marfa zu heiraten (Terzett: „Tschto gospoda gnewit, Iwan Sergeitsch“). Zuerst jedoch muss die Brautschau des Zaren abgewartet werden, bei der sowohl Marfa als auch Dunjascha in die engere Wahl von 12 der ursprünglich 2000 Mädchen gekommen sind. Alle gehen davon aus, dass sich der Zar für eine andere entscheiden wird. Grjasnoi überredet Lykow, ihn zum Brautwerber zu ernennen. Er will diese Gelegenheit nutzen, Marfa mit Hilfe des Zaubermittels für sich selbst zu gewinnen.
Szene 2. Grjasnoi gibt vor, auf Marfa verzichten zu wollen und sich über ihre Liebe zu Lykow zu freuen (Arietta: „Tschto sdelal by?“).
Szene 3. Dunjaschas Mutter Domna Saburowa berichtet stolz vom Verlauf der Brautschau, bei der Zar Iwan mit ihrer Tochter persönlich gesprochen habe (Arioso: „Wot, batjuschka, wpustili nas w choromy“). Obwohl die Wahl noch nicht beendet ist, zeigt sich Lykow erleichtert (Arie: „Tutscha nenastnaja mimo promtschalassja“). In seinem Amt als Brautführer füllt Grjasnoi zum Hochzeitstrunk Trinkschalen mit Met. Dabei schüttet er heimlich das Zauberpulver in diejenige der Braut.
Szene 4. Sobakin, Marfa, Dunjascha, die Saburowa und die Dienstmädchen der Sobakins kommen herein, und Grjasnoi reicht Lykow und Marfa den vorbereiteten Hochzeitstrunk. Alle danken ihm und segnen das Paar (Sextett mit Chor: „Pobolsche schenichu“ – Lobgesang: „Powelitschat by nam s newestoi schenicha“).
Szene 5. Maljuta-Skuratow bringt Sobakin die offizielle Nachricht, dass sich der Zar für Marfa entschieden habe.
Vierter Akt: „Die Braut“
mini|Iwan Bilibin: Bühnenbild des vierten Akts, 1930
Ein Durchgangsgemach im Zarenschloss
Im Hintergrund, dem Zuschauer gegenüber, eine Tür in die Gemächer des Zaren. Links, im Vordergrund eine Tür in den Vorraum. Fenster mit vergoldeten Gittern. Das Gemach ist mit rotem Tuch ausgeschlagen. Bänke mit gemusterten Bankdecken. Vorne rechts der thronartige mit Goldstoff bedeckte Sitz der Zarewna. Von der Decke hängt an goldener Kette ein Kronleuchter aus Kristall.
Szene 1. Die künftige Zarin Marfa wurde im Schloss einquartiert, ist dort aber offenbar aus Kummer erkrankt und schläft. Ihr Vater betrachtet sie besorgt (Arie: „Sabylassja… awos, polegtsche budet“). Domna Saburowa versucht, ihn zu beruhigen. Ein Stubenmädchen informiert die beiden darüber, dass die Zarin aufgewacht sei, und der Heizer des Zaren kündigt einen Boten an.
Szene 2. Der Zar lässt ihnen durch Grjasnoi mitteilen, dass Marfa vergiftet wurde. Der Täter sei bereits gefasst. Aufgeregt und mit zerzausten Haaren eilt Marfa herein, um alles zu hören. Sie beharrt darauf, völlig gesund zu sein. Dass sie verhext wurde, sei eine Lüge. Grjasnoi berichtet jedoch, dass Lykow bereits gestanden habe und zum Tode verurteilt wurde. Er habe ihn persönlich hingerichtet. Marfa schreit auf und fällt in Ohnmacht. Erschrocken beteuern alle, dass hier ein schrecklicher Irrtum vorlegen müsse und fragen sich, wer dahinter stecken könnte (Quintett mit Chor: „Sagublena stradaliza zarewna!“). Marfa erwacht wieder, hat jedoch den Verstand verloren. Entsetzt über diese Wirkung des vermeintlichen Liebestranks gibt Grjasnoi dem heidnischen Arzt die Schuld und schwört Rache. Er gibt zu, Lykow zu Unrecht beschuldigt und Marfa selbst vergiftet zu haben. Diese bekommt nichts mehr von ihrer Umgebung mit, sondern wähnt sich mit ihrem Geliebten im Garten (Szene und Arie: „Iwan Sergeitsch, chotschesch w sad poidjom?“).
Szene 3. Grjasnoi bittet Maljuta-Skuratow, ihn vor Gericht zu bringen, nachdem er mit Bomeli abgerechnet hat. Da löst sich Ljubascha aus der Gruppe der Dienstmädchen und klärt alles auf: Sie selbst hat das Zauberpulver vertauscht, bevor Grjasnoi es Marfa verabreichen konnte. Grjasnoi ersticht sie sofort. Bevor er abgeführt wird, fleht er Marfa an, ihm zu vergeben. Im Glauben, er sei Lykow, ruft sie ihm zum Abschied zu: „So komme morgen, Wanja!“
Gestaltung
Die Zarenbraut ist (abgesehen vom Einakter Bojarynja Wera Scheloga) Nikolai Rimski-Korsakows achte Oper. Sie alle unterscheiden sich formal und stilistisch deutlich voneinander. Das neue Konzept erläuterte der Komponist folgendermaßen:
Dies ist als deutliche Ablehnung der Werte des „Mächtigen Häufleins“ zu verstehen, die er selbst dreißig Jahre zuvor in seinem Opernerstling Pskowitjanka umgesetzt hatte. Mit der jetzt propagierten Sanglichkeit und den durchgearbeiteten Ensembles orientiert er sich eher an den Opern Michail Glinkas oder Peter Tschaikowskis. Die Musiksprache ist schlichter gehalten. Außer wenigen von der russischen Folklore angeregten Motiven fehlen echte Zitate aus der Volksmusik weitgehend. Lediglich die Melodie des Tafellieds: „Slawa na nebe solnzu wyssokomu“ (I:3) ist einem Volkslied entnommen (bekannt u. a. aus der Krönungsszene in Modest Mussorgskis Boris Godunow).