Die Pratica della mercatura (italienisch für „Praktik des Handels“), auch als „Handbuch des Händlers“ bezeichnet, ist ein umfassender Leitfaden für den Handel in Eurasien und Nordafrika im 14. Jahrhundert, wie er seinem Verfasser, dem Florentiner Händler, Politiker und hohen Angestellten der Bardi-Bank, Francesco Balducci Pegolotti, bekannt war. Die Bezeichnung von Pegolottis Werk als ‚Handelspraktik‘ geht erst auf den Herausgeber des 18. Jahrhunderts zurück, Pegolotti selbst nannte es libro di divisamenti di paexi e di mixure di mercatantie. Das Original ist nicht erhalten, es existiert nur eine einzige, 1472 vollendete Abschrift, die heute in Florenz liegt. Ursprünglich handelt es sich bei dem Begriff Pratica della mercatura um einen Gattungsbegriff, der eine Reihe solcher Werke einschließt, deren ältestes aus dem 13. Jahrhundert stammt.Vgl. Jaime Estevão dos Reis: Os manuais de mercadores da Idade Média. Uma análise comparada do Zibaldone da Canal e o la pratica della mercatura, in: Revista de História Comparada 9 (2015) 43–68. Insgesamt ist das Wirtschaftsschriftgut, ob Produktion, Verteilung oder Verbrauch, noch vergleichsweise schlecht erfortscht. Vgl. Laurent Feller: Les écritures de l’économie au Moyen Âge, in: Revue historique 693 (2020) 25–65. mini|Folio 1r der Handelspraktik in der einzig erhaltenen Abschrift aus dem Jahr 1472.Abgebildet bei Evans, Plate I, S. 2. Dort findet sich der ursprüngliche Titel des Buches: „Questo lib[r]o è chiamato libro di divisamenti di paexi e di mixure di mercatantie“. Dann setzt das Manuskript fort: „e d[']altre chose bixognevoli di sapere a merchatanti di diverse parti del mondo E di sapere che uxano le merchatantie e chanbi E chome rispondono le merchatantie da uno paexe a un altro E da una terra a un'altra E ssimile s'intendera quale è migliore una merchatanitia che un'altra E d[']onde elle vengono E mosterreno il modo a chonservarle più che ssi può“. Schließlich folgen Erläuterungen über „francescho balducci“ selbst sowie eine Art Inhaltsverzeichnis, das die folgenden 18 folia füllt (auf f. 1r „le rubriche“, von den Abkürzungen bis „Tana con Vinegia“ am Ende der Seite).

Der Autor, Lebensweg und Niederschlag im Manuskript (um 1290 bis 1349) Pegolotti verfasste sein Werk zwischen 1335 und 1343. Sein ursprünglicher Titel war Libro di divisamenti di paesi e di misure di mercatantie, was sich etwa mit ‚Buch der Beschreibungen der Länder und der Maße für Waren‘ übersetzen lässt. Sein gebräuchlicherer Name ist jedoch derjenige der ersten Edition von 1766, nämlich als „Pratica della mercatura“.

Pegolottis Werk basiert auf seinen jahrzehntelangen Erfahrungen als hoch eingestufter Angestellter der Bardi-Bank, einer der größten Banken seiner Zeit, sowie auf verschiedenen lokalen Dokumenten, Statuten und Preislisten, die ihm seinerzeit zur Verfügung standen. Andererseits flossen Erfahrungen aus seinen bedeutenden politischen Ämtern, aber auch Verhandlungen und persönliche Kontakte in Nordwesteuropa, der Toskana und im östlichen Mittelmeerraum in sein Werk ein. Aufstieg in der Gesellschaft der Florentiner Bardi: Antwerpen, London (bis 1321) Geboren wohl vor 1290 (Evans, S. xvii), absolvierte er vor 1310 eine Lehre und stieg danach hoch auf. Er besuchte Antwerpen, wo er für die Bardi erfolgreich Unterhandlungen mit dem Herzog von Brabant führte. Von dort brach er im April 1317 nach London auf, wo er zunächst unter Doffo de' Bardi, einem der Meister der Handels- und Finanzgesellschaft arbeitete. Bereits ab Ende des Jahres leitete Pegolotti die englische Niederlassung der Bardi bis 1321 selbstständig; der langen Preisliste nach, die er in seiner ‚Handelspraktik‘ hinterließ, war er vor allem im Wollhandel tätig (ed. Evans, S. 258–269), der die Grundlage für den gewinnträchtigen Tuchhandel bildete. Ihm oblag aber auch der Transfer päpstlicher Einnahmen. In dieser Funktion war er für Kredite bis auf die Königsebene verantwortlich, erscheint aber auch bei Handelstransaktionen und vor allem im Zusammenhang mit der päpstlichen Schatzkammer – allein zwischen dem 6. September 1318 und dem 5. Januar 1321 wurden 41.800 Florin von London nach Avignon transferiert (S. xix), wo zu dieser Zeit der Papst residierte (Avignonesisches Papsttum). Wohl 1322 durchquerte Pegolotti (vermutlich) Frankreich und kehrte in die Toskana zurück. Von König Edward III. erhielt er Ende 1321 einen Geleitbrief, um England verlassen zu können. Mit englischer Wolle landete er in Livorno.

Famagusta (1324–1329/30 und 1335–1339(?)) Am 21. Mai 1324 erlangte er auch beim König von Zypern ein Privileg. Dieses wurde mehrfach verlängert, bis es am 3. August 1327 entfristet wurde. Zugleich war er selbst als Procurator in Famagusta die letzte Instanz in Fragen der Florentiner Bürgerschaft. Diese Zeit auf der Insel, die mindestens bis 1329 dauerte, schlägt sich als sehr umfangreiches Material in Pegolottis Handelspraktik nieder. So ist der Abschnitt über Famagusta einer der umfangreichsten des Werkes (Evans, S. xxi). Auch geht er in ungewöhnlicher Tiefe und in höchstem Detailreichtum auf den dortigen Handel, etwa mit Zucker ein, der so hoch im Kurs stand, dass er als Mitgift in höchsten Kreisen Anerkennung fand. Dabei kam Pegolotti sogar durch selbst durchgeführte Messungen Ungenauigkeiten auf die Spur. Auch dürfte er in Gesprächen umfassende Kenntnisse über Kleinasien und wohl auch Konstantinopel, das Schwarze Meer und Alexandria erlangt haben. Auf der Insel blieb er mindestens bis 1329. 1331 erscheint er dann wieder in Florenz, wo er bis zum Gonfaloniere di Compagnia aufstieg (28. Juni d. J.). Erneut ab spätestens 1335 war er wieder auf Zypern, von wo er am 10. Januar 1336 ein Privileg beim König von Armenien erlangte. Nach über zwanzigjähriger Tätigkeit für die Bardi belief sich sein Jahresgehalt auf 200 Florin. Florenz, politische Karriere, Liquidator der Bardi (1331–1335 und 1340–1349) 1340 erscheint er erneut in Florenz, an seinem Wohnort in S. Frediano, über die Jahre dazwischen ist nichts bekannt. Wieder erhielt er ein hohes politisches Amt und wurde 1341/42 zum zweiten Mal Gonfaloniere di Compagnia; dabei überstand er die Folgen eines niedergeschlagenen Aufstands gegen das oligarchische Regiment in der Stadt schadlos, obwohl die Bardi darin involviert waren. Bis 1346 erscheint er nicht in den Quellen, dann stieg er zum höchsten Amt auf, das er in seinem Leben erreichte, denn er saß als ‚Bannerträger der Gerechtigkeit‘, als Gonfaloniere della Giustizia, den Prioren vor. Er war berechtigt, Verstöße gegen die Verfassung, die Ordinamenti di Giustizia, zu ahnden – ob er dies jemals tat, ist allerdings unbekannt. Klar ist, dass einige seiner nächsten Verwandten ebenfalls Prioren wurden, wie etwa ein zweiter Bruder und ein Neffe, aber auch sein Sohn, sein Enkel und sein Urenkel.

1347 taucht sein Name zum letzten Mal im Zusammenhang mit den Bardi auf, nämlich mit der Liquidation des bankrotten Bankhauses. Es war, wie viele Banken dieser Zeit, an der Weigerung oder Unfähigkeit von Magnaten eingegangen, Kredite zu bedienen. In diesem Falle war es der König von England.

Viele seiner politischen und ökonomischen Kenntnisse flossen in Pegolottis Werk zusammen. Er selbst arbeitete spätestens 1348 für ein anderes Handels- und Bankhaus, die Alberti, eine Zusammenarbeit, die allerdings die Pest beendete.

Vielleicht deretwegen hatte er bereits am 5. Mai 1347 bei dem Notar Ser Filippo di Ser Benintendi ein Testament aufsetzen lassen. Nach seinem wohl 1349 eingetretenen Tod und der Verlesung des Actums wurde sein letzter Wille an die Testamentsvollstrecker überantwortet, nämlich Banco di Ser Bartolo, Priorozzo und Niccolaio, seine Söhne, allesamt aus der Gemeinde S. Niccolò. Unter Einverständnis des Franziskanerbruders Bernardo de’ Pegolotti sollten die im Dokument aufgeführten Personen begünstigt werden. Neben den Franziskanern wurden darin die Armen berücksichtigt, aber auch seine Witwe Tessa und ihr gemeinsamer Sohn Pegolotto, der unter den Schutz des Testamentsvollstreckers gestellt wurde.Staatsarchiv Florenz, Notarile Antecosimiano, 6743, c. 88r, 92v.

Die einzig erhaltene Abschrift (1472) Das einzige erhaltene Manuskript, das beiden gedruckten Ausgaben als Vorlage diente, befindet sich in der Biblioteca Riccardiana in Florenz unter der Signatur Ricc. 2441. Es handelt sich um einen ledergebundenen großen Quart-Band. Darin heißt es, dass es am 19. März 1472 von Filippo di Niccolaio Frescobaldi von einer Kopie angefertigt wurde, die wiederum ein Agnolo di Lotto dall'Antella angefertigt hatte, wie das Titelblatt behauptet. Diese wiederum stamme, so das besagte Titelblatt, von einer Kopie des Autographen des „Francesco Balducci“.ed. Evans, S. xi.

Das Manuskript stammt von einer einzigen Hand, sieht man von wenigen erläuternden Einträgen einer wohl dem 16. Jahrhundert zuzuordnenden Hand ab, die eine Liste von Gewürzen knapp annotierte. Dabei ist die ursprüngliche Reihenfolge der ersten Vorlage nicht eingehalten, so als seien die Blätter neu geordnet worden, wie Evans (S. xii) schreibt. Dies erschließt sich etwa aus Rückverweisen auf bereits dargestellte Themen, die jedoch in der überlieferten Fassung erst später folgen. Soweit möglich hat Evans in seiner Edition die ursprünglichen Zusammenhänge wiederhergestellt. Am Ende bricht die Abschrift einfach ab, der Grund ist nicht klar; auch nicht, ob Pegolotti selbst oder einer der Kopisten abbrach. Um die Ordnung wiederherzustellen, wurde offenbar, nachdem die Seiten durcheinandergeraten waren, ein Index an den Anfang der Handschrift gestellt.

Jedoch modernisierte Evans, wie es üblich war, den Text, das heißt sowohl Schreibweisen als auch Groß- und Kleinschreibung, Satzzeichen und Absatzbildung, und verfuhr mit Schriftarten oder dem Setzen von Kapitälchen etc. recht willkürlich, so dass die Edition für sprachliche oder etwa buchwissenschaftliche Analysen nur partiell zu gebrauchen ist.

Vorlagen, Informationsquellen, Zuverlässigkeit Pegolotti verfasste sein Werk nicht in einem Zuge, sondern es entstand während seiner Tätigkeit für die Bardi, wie sich etwa anhand der jeweils aktuell herrschenden Männer, die genannt werden, eingrenzen lässt.Christopher Kleinhenz (Hrsg.): Medieval Italy. An Encyclopedia, Routledge, 2004, S. 871. Doch lässt sich das Werk nicht nur auf seine reichhaltigen Erinnerungen zurückführen. So scheint er etwa Zugang zu einer früheren, viel bescheideneren Zusammenstellung gehabt zu haben, die 1279 in Pisa angefertigt worden war und die heute in der Biblioteca Comunale in Siena unter dem Titel Memoria de Tucte le Mercantie zu finden ist (nach ed. Evans, S. xxxv, Anm. 2 unter der Signatur Codice C, VI, 8). Bei dieser handelt es sich um die älteste Pratica della mercatura.Robert S. Lopez, Gabriella Airaldi (Hrsg.): Il più antico manuale italiano di pratica della mercatura [Memoria de tucte le mercantie), in: Miscellanea di studi storici 2 (1983) 99–133. Neben den Capitoli della Compagnia di San Domenico di Siena, einer kleinen Zahl von Briefen aus dem Tolomei-Archiv, einigen Transkripten des Spedale di Santa Maria della Scala, liefert das nur in einer Kopie des 17. Jahrhunderts überlieferte Werk eine Einleitung, die Evans partiell Pegolittis Angaben gegenüberstellt. Dies betrifft die S. 350 in den Memoria und in Pegolottis Werk die Seiten 71 und 75, insgesamt 16 Einträge. Offenbar sind diese Einträge von Pegolotti übersetzt worden. So heißt es beispielsweise in der Vorlage „Seta libbre cinquecento per una sportata“, bei Pegolotti „Libbre 500 di seta per una sporta“. Nach dieser Passage stimmen die beiden Werke nicht mehr entfernt überein. Pegolotti hat gelegentlich Bestimmungen zusammengefasst, weicht aber bei der Mengenangabe nur beim Kristallzucker ab. Evans selbst hält die Vorlage zwar für evident, schränkt aber ein, dass eine Zwischenfassung zu Pegolotti gelangt sein könnte (S. xxxvii).