Die Grundlagen des XIX. Jahrhunderts ist der Name des bekanntesten Werkes des britisch-deutschen Schriftstellers Houston Stewart Chamberlain. Das Buch erschien erstmals 1899, erlebte zahlreiche Neuauflagen und war sein größter Verkaufserfolg. Es wurde seinerseits zu einer ideologischen Grundlage der völkischen Bewegung und des rassistischen Antisemitismus im Deutschland des 20. Jahrhunderts.
Inhaltsangabe Allgemeines Chamberlain vollendete das über 1200-seitige, in zwei Hälften geteilte Werk in nur 19 Monaten und widmete es Julius Wiesner.S. VII Das Buch enthält zahlreiche Zitate und Anspielungen auf Autoren aus dem Umfeld der im 19. Jahrhundert beliebten Rassentheorien, unter anderem wird auch Gobineau und sein Versuch über die Ungleichheit der Menschenrassen erwähnt.S. 378
Als Grundgedanke führt der Autor aus, dass die westliche Zivilisation unter dem starken Einfluss der germanischen Völker entstanden sei. Obwohl Chamberlain zur Kenntnis nimmt, dass „von verschiedenen Seiten die Existenz einer arischen Rasse in Frage gezogen wird“,S. 144 ist er persönlich davon überzeugt, dass alle Europäer – nicht nur Deutsche, sondern auch Kelten, Slawen, Griechen und Latiner – der „arischen Rasse“ angehören, einem Erben der alten proto-indogermanischen Kultur. Die Germanen bzw. Nordländer, durch „Fleiß und Unternehmungsgeist“ gekennzeichnet,S. 695 stünden demnach an der Spitze dieser Rasse und somit aller anderen Rassen. Fast die Hälfte seiner Grundlagen widmet Chamberlain dem Studium der Antike, wobei Griechenland mit seiner Bedeutung für Philosophie und Kunst, Rom als Begründer von Gesetz und Reichsgedanken sowie die Juden in langatmigen Ausführungen in völkischem Sinne neu interpretiert werden. Dabei werden die alten Griechen und Römer mit den Germanen bzw. der weltbeherrschenden „arischen Rasse“ gleichgesetzt, denen die Juden als negatives Gegenbild gegenübergestellt werden.Johann Chapoutot: From Humanism to Nazism: Antiquity in the Work of Houston Stewart Chamberlain. Abschnitt 4.
Arier und Juden Ohne den bei Nietzsche auftretenden Begriff „Übermensch“ oder den nationalsozialistischen Gegenbegriff „Untermensch“ zu verwenden und ohne selbst zur Vernichtung der Juden aufzurufen, präsentiert Chamberlain „den Juden“ als negatives Gegenbild zum verklärten Deutschtum.Houston Stewart Chamberlain und Richard Wagner NZZ, 23. Januar 2015 Auf zahlreichen Seiten finden sich ausgedehnte, pseudowissenschaftliche Ausführungen über Schädel- und Nasenformen, insbesondere die „Judennase“ bei Amoritern, Kanaanitern, Syrern und Juden.S. 413 Es wird geschildert, „dass Kinder, die noch keine Ahnung haben, was ein ‚Jude‘ ist, noch dass es überhaupt so etwas gibt, zu heulen anheben, sobald ein echter Rassenjude oder eine Jüdin in ihre Nähe tritt!“in der Erstfassung: „im Jardin du Luxembourg“ S. 521 Der „moderne Jude“ erscheint als „Produkt einer Mischung“S. 370 zwischen Hethitern, einem Stamm des „Homo syriacus“,S. 362 und dem „wahren Semiten“, d. h. dem arabischen Beduinen. Jesus Christus habe zwar der jüdischen Religion angehört, entstamme jedoch wahrscheinlich nicht dem jüdischen Volk.S. 219 Chamberlain gesteht gewissen Juden „Adel im vollsten Sinne des Wortes“ zu.S. 275 Auch der Widmungsträger Julius Wiesner, Rektor der Universität Wien, war jüdisch.Interview mit Udo Bermbach Gleichzeitig betonen Die Grundlagen jedoch die Unfähigkeit der Juden bzw. Semiten zu staatlichem Aufbau und ihre Unterlegenheit gegenüber der arischen Rasse.
Weiteres Im fünften Kapitel des zweiten Teils „Politik und Kirche“ kritisiert Chamberlain den jahrhundertealten, von der katholischen Kirche ausgeübten Beichtzwang, vermisst eine vollständige Trennung von Kirche und Staat und schildert den russischen Minister und Vorsitzenden des Heiligsten Synods Pobedonoszew als „vollendeten Typus eines Reaktionärs“.S. 839 Im Kapitel „Fortschritt und Entartung“ stellt sich der Autor gegen den Darwinismus. Im Zusammenhang mit dem zu seiner Zeit populären Sozialdarwinismus spricht er von „Entwickelungsmanie und... pseudowissenschaftliche[m] Dogmatismus unseres Jahrhunderts“S. 132 und bezeichnet die Evolutionstheorie von Herbert Spencer und den bei John Fiske beschriebenen Kampf ums Dasein als „summarische Weltanschauung“.S. 716
Das Kapitel „Bedeutung von Rasse“ beginnt wie folgt:
Rezeption im 20. und 21. Jahrhundert Die Grundlagen wurden ein Bestseller, das Buch fand 250.000 Käufer. Zu den ersten Bewunderern und Förderern von Chamberlains Werk gehörte Ludwig Woltmann. S. 30. Ein begeisterter Leser war auch Kaiser Wilhelm II., der Chamberlain 1915 das Eiserne Kreuz verlieh.Es war ein Engländer, der Hitlers Judenhass prägte Die Welt, 10. April 2012Transactions of the Royal Historical Society: Volume 7: Sixth Series. S. 86 Drei Jahre nach dem Erscheinen der Grundlagen musste die Frankfurter Zeitung einräumen, das Werk habe „mehr Gärung verursacht als jede andere Erscheinung auf dem Buchmarkt in den letzten Jahren“.Saul Friedländer: Das Dritte Reich und die Juden. C.H. Beck, München 2007. ISBN 978-3-406-56681-3. S. 105. In Meyers Konversations-Lexikon, 5. Auflage von 1905, werden neben anderen Werken Chamberlains auch die Grundlagen an prominenter Stelle erwähnt.Chamberlain in: Meyers Konversations-Lexikon, 5. Auflage 1905. S. 867–868 Zeno.org In der zweiten Auflage des Musik-Lexikons von Hans Joachim Moser (1943) findet sich folgende Beschreibung des Autors: „Ch. war in einem großartigen Sinne Dilettant; anregungsreicher Polyhistor, originell in der Blickart, aber auch durch den weiteren Abstand von den Objekten geneigt, sie einem starken Deutungswillen zu unterwerfen. Seine Weltanschauung wirkte befruchtend auf die deutsche Musikpolitik der Gegenwart.“Musik-Lexikon von H. J. Moser. Max Hesses Verlag, Berlin 1943. S. 138 archive.org. Der letzte Satz fehlt in der Erstausgabe von 1935.
Mit dem Zerfall religiöser Gewissheiten im Gefolge der Aufklärung und mit der schwindenden Plausibilität rein philosophisch begründeter Geschichtstheorien war der Orientierungsbedarf des Bildungsbürgertums im Verlauf des 19. Jahrhunderts kontinuierlich gewachsen. Dies erklärt den immensen Verkaufserfolg eines Buches mit dem Titel Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts.Verführer der Deutschen Die Zeit, 17. September 2015 Alfred Rosenbergs Hauptwerk, Der Mythus des 20. Jahrhunderts, war als Fortsetzung von Chamberlains Grundlagen konzipiert. 1928, ein Jahr nach dem Tod Chamberlains, veröffentlichte Rosenberg ein Buch unter dem Titel Houston Stewart Chamberlain als Verkünder und Begründer einer deutschen Zukunft. Bis 1944 erlebten die Grundlagen 24 Neuauflagen, die in fast jährlichem Rhythmus erschienen.U. Bermbach: Houston Stewart Chamberlain: Wagners Schwiegersohn – Hitlers Vordenker. S. 172 Der mexikanische Anthropologe Juan Comas (1900–1979) wies 1951 in einem Bericht der UNESCO darauf hin, dass die rassistischen Thesen Gobineaus in Chamberlains Werk eine offen nationalistische Wendung erfahren, und dass europäische Zivilisation, auch in slawischen und lateinischen Ländern, das Werk der „teutonischen Rasse“ sei.Juan Comas: Racial Myths S. 36. Zum herausragenden Erfolg des Buches konstatiert Wanda Kampmann: „Man war am Ende des positivistischen Jahrhunderts der Detailforschung und ihrer widersprüchlichen Ergebnisse müde. (…) und dann war es wohl der Kulturenthusiasmus, die Verklärung von Kunst, Kultur und Religion als schöpferische Leistung des germanischen Geistes, die der Bildungschwärmerei einer breiten Leserschicht entgegenkam, ferner die Rassentheorie, die eine unsicher gewordene Generation in ihrem Selbstgefühl stärkte und nicht zuletzt die Überredungskraft, die von Simplifikation jederzeit ausgeht.“Wanda Kampmann: Deutsche und Juden. Studien zur Geschichte des deutschen Judentums. S. 317 f.
Die jüdische Herkunft des Widmungsträgers, Rektor Julius Wiesner, wird teilweise bis heute bestritten. Sie ist zwar aufgrund der Aktenlage nicht zweifelsfrei zu klären, ist jedoch mehr als wahrscheinlich. In den Neuauflagen der Grundlagen ab 1933 findet sich Chamberlains Widmung nicht mehr an der gewohnten Stelle. Sie wurde von der bis dahin ersten Seite nach dem Titel hinter das Inhaltsverzeichnis gerückt, wo sie leicht übersehen werden konnte. Dies kann nur auf Wunsch der nationalsozialistischen Zensur erfolgt sein. Als zusätzliches Indiz sei dazu angemerkt, dass das Jüdische Museum Wien Julius Wiesner als Juden führt.Udo Bermbach: Houston Stewart Chamberlain: Wagners Schwiegersohn – Hitlers Vordenker. S. 115.
Als besondere Schwäche galt im Dritten Reich „Humanitätsduselei“, also schwärmerische, übertriebene Humanitätsanforderungen, was als Begriff schon bei Chamberlain auftaucht.S. 324 Himmler betonte in seiner ersten Posener Rede am 4. Oktober 1943: „Man wird nach dem Krieg einmal feststellen können, welcher Segen es für Deutschland war, dass wir allen Humanitätsduseleien zum Trotz diese ganze kriminelle Unterschicht des deutschen Volkes in die Konzentrationslager einsperrten.“Matthias Heine: Verbrannte Wörter: Wo wir noch reden wie die Nazis - und wo nicht. Bibliographisches Institut, 2019. Online-Teilansicht
In England erschien das Buch 1910 in einer englischen Übersetzung, versehen mit einer Einleitung und einer privat gedruckten positiven Besprechung von Lord Redesdale, Großvater von Unity Mitford, die zu einer Verehrerin Hitlers wurde. Stolz berichtete Redesdale Chamberlain, dass Winston Churchill das Buch offen auf seinem Schreibtisch liegen hatte und es ihm gegenüber überschwänglich lobte. In einer Ausgabe von The Fabian News von 1911 erklärte George Bernard Shaw, das Buch sei „wirklich ein großartiges Manifest, das alle Fabier lesen sollten.“Simon Goldhill: Who Needs Greek? Contests in the cultural history of Hellenism. S. 95.
Einzelnachweise
Literatur Udo Bermbach: Houston Stewart Chamberlain: Wagners Schwiegersohn – Hitlers Vordenker. Springer-Verlag, 2015. ISBN 978-3-476-02565-4. Ruth Benedict: Race and Racism. Vorwort von John Rex. Routledge & Kegan PLC, Neuauflage 1983. ISBN 978-0-7100-9970-9. Johann Chapoutot: From Humanism to Nazism: Antiquity in the Work of Houston Stewart Chamberlain. Miranda, November 2015. Online-Teilansicht Albert Ehrhard: H. Stewart Chamberlain's „Grundlagen des 19. Jahrhunderts“. Vorträge und Abhandlungen der Österreichischen Leo-Gesellschaft. Wien 1901. Geoffrey Field: Evangelist of Race: The Germanic Vision of Houston Stewart Chamberlain. Columbia University Press, 1981. ISBN 978-0-231-04860-6. Simon Goldhill: Who Needs Greek? Contests in the cultural history of Hellenism. Cambridge University Press, Cambridge 2002. ISBN 0-521-01176-0. Wanda Kampmann: Deutsche und Juden. Studien zur Geschichte des deutschen Judentums. Verlag Lambert Schneider, Heidelberg 1963, 450 Seiten. Gerd Fuchs: Die gescheiterte Emanzipation. Rezension in: Die Zeit, 24. April 1964 Leopold von Schroeder: Houston Stewart Chamberlain. Ein Abriß seines Lebens, auf Grund eigener Mitteilungen. J. F. Lehmanns Verlag, München 1918. Ernest Seillière: Houston-Stewart Chamberlain, le plus récent philosophe du pangermanisme mystique. La Renaissance du Livre, Paris 1917. Ernst von Unruh: Herr Houston Stewart Chamberlain und die Weltgeschichte. C.L. Hirschfeld, Leipzig 1908. Boasian Critiques of Race in The Nation. Edited by Alex Golub and Angela Chen, with an introduction by Richard Handler. Savage Minds Occasional Papers No. 12. August 2014. Online
Weblinks 1. Hälfte deutschestextarchiv.de 2. Hälfte deutschestextarchiv.de Manuel Opitz: Es war ein Engländer, der Hitlers Judenhass prägte Die Welt, 10. April 2012 Herfried Münkler: Verführer der Deutschen Die Zeit, 17. September 2015 Sven Brömsel: Eine Lange Nacht über Houston Stewart Chamberlain - Brückenschlag von Wagner zu Hitler? Robert Jungwirth: Houston Stewart Chamberlain und Richard Wagner NZZ, 23. Januar 2015 Der Todestag des Schriftstellers Houston Stewart Chamberlain
Kategorie:Rassentheorie Kategorie:Rassismus Kategorie:Antisemitisches Werk