mini|hochkant=1.5|Übersichtskarte der Zuiderzeewerke

Die Zuiderzeewerke () sind ein großflächiges System von Deichen, Landgewinnungsflächen und Wasserpumpanlagen in den Niederlanden. Ziel war die Trennung der flachen Zuiderzee von der Nordsee und die Gewinnung von Neuland durch den Bau von Poldern im neu entstandenen IJsselmeer. Darüber hinaus sollte der Hochwasserschutz verbessert und die landwirtschaftliche Nutzfläche ausgedehnt werden. Zusammen mit den Deltawerken wurden die Zuiderzeewerke von der American Society of Civil Engineers als eines der Sieben Wunder der modernen Welt ausgewählt.

Überblick Die Pläne für die Zuiderzeewerke gehen bis auf das 17. Jahrhundert zurück. Bereits im Jahr 1667 hatte der niederländische Ingenieur Hendric Stevin, ein Sohn von Simon Stevin, den Plan vorgelegt, die Westfriesischen Inseln durch Dämme untereinander und mit dem Festland zu verbinden, damit große Teile des abgeriegelten Gebietes eingepoldert werden konnten. Mit den damaligen technischen Mitteln war dieses Projekt jedoch nicht zu realisieren. Durch die von der Zuiderzeeflut 1916 ausgelösten Ereignisse lebte das Projekt wieder auf. Es begannen die offiziellen Planungen auf der Grundlage von Entwürfen des Ingenieurs Cornelis Lely, der 1913 Verkehrsminister geworden war. Zur Umsetzung dieser Planungen wurde 2018 das Zuiderzeegesetz erlassen, in dem die Aufgaben der Zuiderzeewerke festgelegt sind.

Das größte geplante Einzelobjekt war der 32 Kilometer lange Abschlussdeich (Afsluitdijk), der als Schutz vor der Nordsee dienen sollte. Doch zuerst wurde zu Testzwecken der Amsteldiepdijk gebaut; die Bauzeit betrug vier Jahre und die dabei gewonnenen Erkenntnisse flossen in den Bau des Afsluitdijks ein. Als dieser 1932 vollendet war, wurde die Zuiderzee vollständig abgetrennt und in IJsselmeer umbenannt.

Der nächste Schritt nach der Abtrennung vom Meer war die Schaffung von neuem Land, Polder genannt. Dies wurde durch den Bau von Deichen in einzelnen Sektionen des IJsselmeers und durch das Abpumpen des Wassers erreicht. Das war erst mit gigantischen Dampfpumpwerken des späten 19. Jahrhunderts in großem Maßstab möglich (siehe Pumpwerk De Cruquius und Pumpwerk Arkemheen als Beispiel). Der erste Polder, das Wieringermeer, war 1929 eingedeicht und wurde 1930 vollständig leergepumpt. Der nächste Polder, der Noordoostpolder, war bis 1942 vollständig leergepumpt und spielte eine wichtige Rolle als Rückzugsgebiet der niederländischen Widerstandsbewegung während des Zweiten Weltkriegs.

Nach dem Krieg begann das Leerpumpen des östlichen und südlichen Flevoland, ein umfangreiches Projekt mit einer Fläche von über 1000 km². Heute befinden sich dort die Städte Almere und Lelystad. Aufgrund ihrer Nähe zu Amsterdam ist Almere die am schnellsten wachsende Stadt des Landes. Im Markermeer war ein weiterer großer Polder geplant. Ob er jemals gebaut wird, ist unsicher, da das Gebiet mittlerweile eine hohe ökologische Bedeutung erlangt und sich zu einem Naherholungsgebiet entwickelt hat. 1986 entstand aus dem Nordostpolder und dem Flevolandpolder die neue Provinz Flevoland.

Das Problem dieser Art der Gewinnung von Landflächen ist ihre Lage auf Höhe des ehemaligen Meeresgrunds, der nun unterhalb des Meeresspiegels liegt. Zum dauerhaften Trockenhalten der neuen Landflächen muss das weiterhin zufließende Wasser 'auf ewig' abgepumpt werden. Nach Anlegen des Nordostpolders musste man feststellen, dass durch die direkte Anbindung des Polders an das vorhandene Landgebiet das Grundwasser von dort in den Polder ablief und mit abgepumpt wurde. Dies führte zu Problemen in der Landwirtschaft, deren Felder nicht genügend Wasser halten konnten. Bei Anlage des Flewopolders wurde deshalb eine hydrogeologische Trennung der Polder vom Festland vorgenommen, sodass heute am Süd- und Ostsaum das Veluwerandmeer mit einer Vielzahl kleinerer Randseen besteht.

Die Zuiderzeewerke wurden 1986 von der American Society of Civil Engineers in die Liste der Historic Civil Engineering Landmarks aufgenommen. Mit dem Änderungsgesetz zum Hochwasserschutz in den Niederlanden wurde das Zuiderzeegesetz aufgehoben und die Aufgaben werden von der zentralen Wasserbehörde Rijkswaterstaat wahrgenommen.

Planungsphase und Vorarbeiten Das erste Konzept für die Abtrennung und Trockenlegung der Zuiderzee war bereits im 17. Jahrhundert ausgearbeitet worden, scheiterte aber an den fehlenden technischen Möglichkeiten. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erschienen die ersten durchführbaren Pläne. Das Hauptanliegen war der Schutz vor der offenen See und die Gewinnung wertvollen Landwirtschaftslandes. Einer der leidenschaftlichsten Verfechter war der Ingenieur und spätere Minister Cornelis Lely. Sein 1891 ausgearbeitetes Projekt diente als Grundlage für die späteren Zuiderzeewerke. Es sah einen großen Damm zwischen Noord-Holland und Friesland sowie die Errichtung von vier Poldern vor. Die Polder sollten im Nordwesten, Nordosten, Südosten und Südwesten des späteren IJsselmeeres entstehen. Dazwischen sollten zwei Wasserstraßen für die Schifffahrt und die Entwässerung zu liegen kommen. Das vom ursprünglichen Projekt betroffene Gebiet war 3500 km² groß.

Widerstand kam vor allem von den Fischern, die an der Zuiderzee lebten und ihre Lebensgrundlage bedroht sahen. Die Anwohner des Wattenmeers wiederum befürchteten als Folge der Abtrennung der Zuiderzee einen erhöhten Wasserspiegel. Ferner wurden Zweifel geäußert, ob das Projekt überhaupt finanzierbar sei. Als Lely 1913 Minister für Verkehr und öffentliche Arbeiten wurde, begann die Regierung offiziell mit den Planungen. Nach einem Wintersturm brachen 1916 an verschiedenen Stellen an der Zuiderzee die Deiche an den Küsten unter dem Druck des Wassers und das Land dahinter wurde überschwemmt, wie schon so oft in den Jahrhunderten zuvor. Dieses Ereignis sowie die Nahrungsmittelknappheit während des Ersten Weltkriegs bewirkten, dass die Zustimmung in der Bevölkerung zur Abtrennung der Zuiderzee vom Wattenmeer stieg.

Am 14. Juni 1918 verabschiedete das Parlament das Zuiderzee-Gesetz. Als Ziele wurden festgelegt:

Schutz der zentralen Niederlande vor den Gefahren aufgrund starker Stürme mit hohem Wasserdruck auf die Küstenlinien und den Gezeiten der Nordsee Erhöhung der niederländischen Nahrungsmittelproduktion durch neues Land für landwirtschaftliche Nutzung bessere Kontrolle des Wassers durch die Umwandlung der ungebändigten salzwasserführenden Bucht in einen Süßwassersee

Im Mai 1919 wurde der Dienst der Zuiderzeewerken geschaffen; diese Behörde hatte die Aufsicht über die Ausführung des Projekts inne. Es wurde beschlossen, den Hauptdamm (Abschlussdeich) erst nach Bau eines kleineren Damms für allgemeine Testzwecke und Voruntersuchungen zu errichten. Dabei handelte es sich um den Amsteldiepdijk über den Amsteldiep zwischen der Insel Wieringen und dem nordholländischen Festland. Trotz seiner Länge von lediglich 2,5 Kilometern benötigte man für die Fertigstellung über vier Jahre (1920 bis 1924). Dabei wurden wertvolle Erkenntnisse gewonnen, die in die folgenden Etappen des Gesamtprojektes einflossen.

Die Zuiderzee wird zum IJsselmeer mini|hochkant=1.25|Der 32 km lange Afsluitdijk trennt das IJsselmeer (rechts) von der Nordsee (links)

Als zunehmend Bedenken über die Finanzierbarkeit des Projektes auftraten, vergab die Regierung 1927 eine Studie zur Wirtschaftlichkeit des Projekts. Diese kam zum Schluss, dass die Arbeiten nicht nur fortgesetzt, sondern sogar beschleunigt werden sollten. Im selben Jahr wurde beschlossen, mit den zwei nächsten Teilprojekten umgehend zu beginnen. Das erste war der Bau des Abschlussdeiches (Afsluitdijk) zwischen Den Oever in Noord-Holland und Zurich in Friesland. Seine Länge sollte 32 Kilometer betragen, die Breite 90 Meter, die Anfangshöhe 7,25 Meter über dem Meeresspiegel und die Seitenneigung 25 Prozent.

Vorangegangene Experimente hatten ergeben, dass Geschiebelehm für die Errichtung eines solchen Bauwerks weitaus besser geeignet war als Sand oder Tonerde. Der Geschiebelehm war zudem leicht verfügbar, da er gleich vor Ort am Grund der Zuiderzee mit Schwimmbaggern gewonnen werden konnte. Die Arbeiten am Deich begannen an vier verschiedenen Stellen gleichzeitig, auf beiden Seiten des Festlandes sowie auf den zwei künstlich geschaffenen Bauinseln Kornwerderzand und Breezand.

Mitten in der offenen See luden speziell gefertigte Lastschiffe den Geschiebelehm in zwei parallel verlaufenden Bahnen ab, der Zwischenraum wurde anschließend mit Sand aufgefüllt, bis er den Meeresspiegel erreicht hatte. Auf dieser Grundlage wurden nach und nach weitere, zum Wasser seitlich geböschte Schichten mit Geschiebelehm aufgebracht. Das im Wasser sitzende Deichfundament wurde mit Basaltsteinen und Matten aus Weidenruten gegen die Wassererosion verstärkt. Auf die Geschiebelehmlage wurde eine Sandschicht aufgebracht, darüber die den Deich abschließend abdeckende Schicht mit Tonerde. Hierin bildete sich dann die Grasnarbe, die das Deichbauwerk vor Abtrag durch Windeinfluss schützt. Auf der Deichkrone befinden sich auch die getrennt laufenden Fahrbahnen.

Der Baufortschritt ging schneller voran als erwartet. An drei Punkten entlang des Damms gab es Seegräben mit erhöhter Gezeitenströmung. Man war in der Planungsphase davon ausgegangen, dass diese Strömungsverhältnisse ein erhebliches Hindernis darstellen würden. Doch das Problem war überschätzt worden und die Arbeiten konnten ohne größere Komplikationen fortgeführt werden. Am 28. Mai 1932, zwei Jahre früher als ursprünglich geplant, wurde die letzte Lücke am Deichfuß auf Höhe des Meeresspiegels mit einem feierlichen Eimer Lehm geschlossen. Aus der Zuiderzee war nun das IJsselmeer geworden, das zu diesem Zeitpunkt noch stark salzhaltig war.

Der Deich selbst war damit noch nicht fertiggestellt, da er noch auf die Endhöhe gebracht werden musste. Es fehlte damit auch noch die verbindende Straße zwischen Friesland und Nordholland, die zur Erhöhung der Wirtschaftskraft der nördlichen Landesteile notwendig war. Die offizielle Eröffnung des Abschlussdeiches erfolgte dann am 25. September 1933; an dem Punkt, an dem die letzte Lücke geschlossen wurde, steht heute das Denkmal zur Erinnerung an den Erbauer Cornelis Lely. Insgesamt waren 23 Millionen Kubikmeter Sand und 13,5 Millionen Kubikmeter Geschiebelehm bewegt worden. Im Durchschnitt hatten jeden Tag 4000 bis 5000 Arbeiter an dem Damm gebaut. Während der Weltwirtschaftskrise Ende der 1920er Jahre sorgte J. Th. Westhoff als Direktor des staatlichen Arbeitsbeschaffungsamtes (Rijksdienst voor de Werkverruiming) dafür, dass Arbeitslose im Zuiderzee-Programm und beim Ausbau der Polder eingesetzt wurden.Horst Lademacher: Geschichte der Niederlande. Politik – Verfassung – Wirtschaft. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1983. ISBN 3-534-07082-8. S. 348. Dadurch konnte die hohe Arbeitslosenquote in den Niederlanden verringert werden. Die Baukosten betrugen auf den heutigen Wert umgerechnet rund 580 Millionen Euro.

Nebst dem eigentlichen Damm musste zur Sicherstellung des geschützten Wasseraustauschs und für die notwendige Schifffahrt an beiden Enden je ein Komplex mit Schleusen und Sielbauwerken errichtet werden. Der Komplex bei Den Oever heißt Stevinsluizen und umfasst eine Schleuse mit drei seitlich davon gelegenen Sielanlagen mit jeweils fünf einzelnen Sielen, durch die sich das Wasser des IJsselmeeres in das Wattenmeer ergießt. Wegen des drohenden Meeresspiegelanstiegs aufgrund des Klimawandels mussten die Stevinsluizen in den 2020er Jahren deutlich vergrößert werden, wobei zusätzlich ein großes Pumpwerk errichtet wurde. Der zweite Komplex bei Kornwerderzand wird als Lorentzsluizen bezeichnet und besitzt zwei Schleusen für die Schifffahrt und zwei nebengelagerte Sielanlagen mit jeweils fünf einzelnen Sielen.

Die Polder