mini|Der Vordere Limes mit dem älteren, westlicher gelegenen Neckar-Odenwald-Limes

Das Kastell Öhringen-Ost, das auch unter den Namen Ostkastell und Rendelkastell bekannt ist, war ein römisches Militärlager des Prinzipats, dessen Besatzung, eine Kohorte, Sicherungs- und Überwachungsaufgaben am Vorderen Limes, einem Abschnitt des UNESCO-Weltkulturerbes „Obergermanisch-Raetischer Limes“ übernahm. Das seit dem 18. Jahrhundert bekannt gewordene Bodendenkmal befand sich im baden-württembergischen Hohenlohekreis auf dem Gebiet der Großen Kreisstadt Öhringen und wurde von der Stadt nach 1945 für den Bau einer Eigenheimsiedlung aufgegeben und dabei vollständig zerstört.

Lage Das Terrain, auf dem später die Römer gründeten, war zumindest teilweise bereits in prähistorischer Zeit besiedelt. Entsprechende, fundleere Gruben konnten 1957 an mehreren Stellen untersucht werden. Lediglich eine an der nördlichen Grabungskante des südlichen Kastelltores angetroffene Grube enthielt ein paar winzige Scherben, die sich unter Vorbehalt den Bandkeramikern zuweisen ließen.Hans Schönberger: Kurzbericht über eine Grabung im Rendelkastell zu Öhringen. In: Germania 36, 3/4, 1958, S. 464–469; hier: S. 466.

Die Flur „Unterer Orendelstein“ beziehungsweise „Unterer Rendelstein“, auf der das Kohortenkastell erbaut wurde, ist nach einem bis heute erhaltenen römischen SäulenschaftWilli Beck, Dieter Planck: Der Limes in Südwestdeutschland. 2. Auflage. Theiss, Stuttgart 1987. ISBN 3-8062-0496-9, S. 67–68; hier: S. 67. oder Meilenstein benannt, auf dem im Mittelalter eine Kreuzigungsdarstellung eingemeißelt wurde.Landesarchiv Baden-Württemberg in Verbindung mit dem Hohenlohekreis (Hrsg.): Der Hohenlohekreis. Die Gemeinden. Bd. 2, Thorbecke, Ostfildern 2006, ISBN 3-7995-1367-1, S. 188 ff. Die Fortifikation befand sich lediglich 230 Meter hinter dem Limes, zu dem sie mit ihrer Praetorialfront gerichtet war. Die über dem nördlichen Rand des OhrntalesClaus-Michael Hüssen: Die römische Besiedlung im Umland von Heilbronn. Theiss, Stuttgart 2000, ISBN 3-8062-1493-X, S. 57. entstandene Geländeterrasse, auf der die Kastellanlage gründete, wird im Untergrund von einem geröllführenden Horizont durchzogene und fällt von Norden nach Süden flach ab. Bei den Grabungen 1957 wurde festgestellt, dass die südliche Kastellumwehrung unmittelbar mit dem Rand dieser Terrasse abschließt. Das Terrain bricht anschließend mit einem stärkeren Gefälle zur Ohrn hin ab. Heute streift die Haller Straße, einer an der Altstadt vorbeiführenden Durchgangsstraße,C. Sebastian Sommer: Öhringen. Kastelle und Vicus Aurelianus. In: Dieter Planck (Hrsg.): Die Römer in Baden-Württemberg. Theiss, Stuttgart, 2005. ISBN 3-8062-1555-3, S. 236 ff.; hier: S. 236. unmittelbar an der ehemaligen Nordostecke des Kastells vorbei.

Das nur wenig größere zweite Kastell von Öhringen, das Westkastell,Horst Geiger: Rekonstruktionsversuch der inschriftlich belegten römischen Wasserleitung von Öhringen. In: Gilbert Wiplinger (Hrsg.): Cura Aquarum in Ephesus Kongressbericht, Ephesus 2006. Babesch Supplementa 12, S. 287–293; hier: S. 292 (Geländeplan). befand sich etwa 1,2 Kilometer entferntDieter Planck: Neue Ausgrabungen am Limes (= Kleine Schriften zur Kenntnis der römischen Besetzungsgeschichte Südwestdeutschlands 12), 1975, S. 10. auf einer ebenfalls über dem Nordrand der Ohrn gelegenen Geländeterrasse. Beide Kastelle wurden in ungefähr der gleichen Höhenlage errichtet. Das Westkastell auf rund 239 Metern über NHN, das Ostkastell auf rund 237 Metern über NHN. Ohne dass dies großen Einfluss auf die zunächst rein militärisch beurteilte Entstehung des Garnisonsortes gemacht hätte, waren das relativ milde Klima sowie die sehr fruchtbare Landschaft ideal für eine positive Entwicklung der Zivilsiedlung.Horst Geiger: Rekonstruktionsversuch der inschriftlich belegten römischen Wasserleitung von Öhringen. In: Gilbert Wiplinger (Hrsg.): Cura Aquarum in Ephesus Kongressbericht, Ephesus 2006. Babesch Supplementa 12, S. 287–293; hier: S. 287.

Forschungsgeschichte mini|Nachzeichnung des bei Hanßelmann veröffentlichten Thermenplanes im Limeswerk – möglicherweise gehörten die später nicht mehr nachuntersuchten Baureste jedoch zum Wohnhaus des Kommandanten Während der Feldbestellung fanden sich im Mai 1741 auf einem Acker der Kopf einer Frauenstatue, ein Inschriftenfragment, das aus zwei nicht zusammenpassenden Teilen bestand,. sowie das Bruchstück eines profilierten Sandsteinblocks. Der gräflich-hohenlohischen Archivar und Hofrat Christian Ernst Hanßelmann (1699–1776), der seinen Wohnsitz in Öhringen hatte und in mehrjährigen Feldforschungen zur Ausdehnung Roms in dem von ihm behandelten hohenlohischen Raum arbeitete, gab den Fundort mit „600. Schritt vor dem Thore hiesiger Stadt, allernächst an dem sogenannten Rendelstein“ an.Christian Ernst Hanßelmann: Fortsetzung des Beweißes, wie weit der Römer Macht, in denen mit verschiedenen teutschen Völkern geführten Kriegen, auch in die nunmehrige Ost-Fränkische, sonderlich Hohenlohische Lande eingedrungen, dargestellt aus denen in den Jahren 1768. 1769. und 1770. noch weiter entdeckten und bisher noch nicht bekannt gewesenen merkwürdigen römischen Monumenten und anderen Ueberbleibseln. Messerer, Schwäbisch Hall 1774; S. 3.Helmut Neumaier: Christian Ernst Hansselmann. zu den Anfängen der Limesforschung in Südwestdeutschland (= Materialhefte zur Vor- und Frühgeschichte in Baden-Württemberg 18), Theiss, Stuttgart 1993, ISBN 3-8062-1079-9, S. 21. Nachdem Hanßelmann 1766/1767Hans Ulrich Nuber: Limesforschung in Baden-Württemberg. In: Denkmalpflege in Baden-Württemberg 12, 1983, S. 109–118; hier: S. 111. das Westkastell von Öhringen entdeckt hatte, gelang es ihm im November 1768 unweit des Rendelsteins, die Entdeckung des Ostkastells,Christian Ernst Hanßelmann: Fortsetzung des Beweißes, wie weit der Römer Macht, in denen mit verschiedenen teutschen Völkern geführten Kriegen, auch in die nunmehrige Ost-Fränkische, sonderlich Hohenlohische Lande eingedrungen, dargestellt aus denen in den Jahren 1768. 1769. und 1770. noch weiter entdeckten und bisher noch nicht bekannt gewesenen merkwürdigen römischen Monumenten und anderen Ueberbleibseln. Messerer, Schwäbisch Hall 1774; S. 133.Christian Ernst Hanßelmann: Fortsetzung des Beweißes, wie weit der Römer Macht, in denen mit verschiedenen teutschen Völkern geführten Kriegen, auch in die nunmehrige Ost-Fränkische, sonderlich Hohenlohische Lande eingedrungen, dargestellt aus denen in den Jahren 1768. 1769. und 1770. noch weiter entdeckten und bisher noch nicht bekannt gewesenen merkwürdigen römischen Monumenten und anderen Ueberbleibseln. Messerer, Schwäbisch Hall 1774; S. 136. wobei er dort ein von ihm 1769 in Teilen ergrabenes hypokaustiertes Gebäude als Schweißbad ansprach und zwei Pläne der Grabung im Anhang seiner Fortsetzung des Beweißes, wie weit der Römer Macht, in denen mit verschiedenen teutschen Völkern geführten Kriegen, auch in die nunmehrige Ost-Fränkische, sonderlich Hohenlohische Lande eingedrungen, dargestellt aus denen in den Jahren 1768. 1769. und 1770. noch weiter entdeckten und bisher noch nicht bekannt gewesenen merkwürdigen römischen Monumenten und anderen Ueberbleibseln. veröffentlichte. Ein Stich zeigte das Bauwerk in Schrägansicht, ein weiterer den Grundriss. Um den Fundort seines Schweißbades am Rendelstein für kommende Generationen auffindbar zu machen, veröffentlichte er auf Bitten interessierter auswärtiger Bürger die Namen der verschiedenen Besitzer der Äcker, auf denen er gegraben hatte. Die Gelehrten waren sich einig, dass es auch in Zukunft bei Besitzerwechseln keine Schwierigkeiten geben dürfte, den Grabungsort ausfindig zu machen, da die in den Steuerrollen verzeichneten Wechsel ohne Schwierigkeiten nachvollzogen werden könnten.Christian Ernst Hanßelmann: Fortsetzung des Beweißes, wie weit der Römer Macht, in denen mit verschiedenen teutschen Völkern geführten Kriegen, auch in die nunmehrige Ost-Fränkische, sonderlich Hohenlohische Lande eingedrungen, dargestellt aus denen in den Jahren 1768. 1769. und 1770. noch weiter entdeckten und bisher noch nicht bekannt gewesenen merkwürdigen römischen Monumenten und anderen Ueberbleibseln. Messerer, Schwäbisch Hall 1774; I. Addenda.

Die ersten planmäßigen Untersuchungen am Kastell übernahm von 1892 bis 1894 der Klassische Philologe Ernst von Herzog (1834–1911) im Auftrag der Reichs-Limeskommission. Dabei ging es darum, zunächst die Ausmaße der Anlage zu erfassen. Nach einer langen Forschungspause war es erst eine Notgrabung, die weitere Untersuchungen zwingend erforderte. Im Vorgriff der von der Stadt Öhringen geplanten vollständigen Überbauung des bis dahin noch weitgehend freiliegenden Kastellareals musste der Provinzialrömische Archäologe Hans Schönberger (1916–2005)Philipp Filtzinger, Dieter Planck, Bernhard Cämmerer (Hrsg.): Die Römer in Baden-Württemberg. Theiss, Stuttgart 1976, ISBN 3-8062-0133-1, S. 438. vom 9. September bis zum 26. Oktober 1957 unter extremen Zeitdruck aufgrund der anberaumten Baumaßnahmen die letzte mögliche Rettungsgrabung auf dem Kastellgelände durchführen. Die Untersuchungen fanden in Zusammenarbeit mit dem Staatlichen Amt für Denkmalpflege Stuttgart statt und wurden durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) finanziert. Örtlicher Grabungsassistent war Wolfram KleissHans Schönberger: Kurzbericht über eine Grabung im Rendelkastell zu Öhringen. In: Germania 36, 3/4, 1958, S. 464–469; hier: S. 464. (* 1930), der spätere langjährigen Direktor der Außenstelle Teheran des Deutschen Archäologischen Instituts (DAI). Eine auch nur ansatzweise von Schönberger gewünschte Erweiterung seiner für klare Feststellungen viel zu schmalen Suchschnitten innerhalb des Kastells, die ganz im Sinne des öffentlichen Interesses gewesen wären, blieb ihm aufgrund der von der Stadt unabbringbar festgelegten Fristen für eine private Eigenheimbebauung verwehrt. Auch eilig mit dem Bagger durch das Areal gezogene Längsschnitte konnten nicht mehr helfen. Schönberger konnte in der kurzen Zeit letztendlich nur die von Herzog begonnene Erforschung der Umwehrung mit wichtigen neuen Erkenntnissen fortsetzen. Daher ist die Innenbebauung und nähere Geschichte diese Kastells unbekannt geblieben und kann nur durch ähnliche Fundorte am Vorderen Limes erschlossen werden. Noch 2019 wurde unter der Überschrift „Vom römischen Erbe retten, was noch zu retten ist“ von dem stellvertretenden Redaktionsleiter der Hohenloher Zeitung, Peter Hohl, in Zusammenhang mit der voraussichtlich bis 2023 abgeschlossenen ÜberbauungHohenloher Krankenhaus gGmbH – Neubau Krankenhaus Öhringen – Vergabe von Planungs- und Bauleistungen im Partnering-Modell Referenznummer der Bekanntmachung: 2020/381; ausschreibungen-deutschland.de; abgerufen am 30. April 2020 von einigen der letzten freien Areale des Westkastells festgestellt, dass „der Ruf der Öhringer in Denkmalschützerkreisen … bekanntlich nicht der beste“ ist.Peter Hohl: Vom römischen Erbe retten, was noch zu retten ist. stimme.de, 18. Januar 2019.

Baugeschichte mini|Das Kastell nach den Grabungen der Reichs-Limeskommission – das Südtor und die Ecktürme waren noch unbekannt geblieben.

Siehe auch: Datierungsansatz