Walter Fritz Klemke (* 24. August 1902 in Berlin; † 19. Januar 1932 in Berlin-Reinickendorf) war ein Arbeiter und Opfer des Nationalsozialismus in der Weimarer Republik. Er ist Namensgeber der Klemkestraße sowie des Klemkeparks in Berlin-Reinickendorf.Klemke, Fritz. In: Ehrungsverzeichnis des Luisenstädtischen Bildungsvereins Der Felseneck-Prozess, der sich mit dem Tod Klemkes befasste, zählt zu den politischen Skandalen am Ende der Weimarer Republik, da trotz des klaren Sachverhalts des Mordes die Beteiligten durch eine Weihnachtsamnestie entlastet wurden. Der Totschlag oder Totschlagsversuch galten seitens des Gerichts als nicht erwiesen. Die Verantwortlichen wurden nicht zur Verantwortung gezogen. Das Gerichtsurteil sieht als Auslöser für die gewaltsame Konfrontation beidseitig verbreitete Gerüchte über einen geplanten Überfall auf das jeweils andere Lager.

Leben Klemke wurde als Sohn des Arbeiters Gotthold Paul Klemke und dessen Ehefrau Anna geb. Ulbrich in der Soldiner Straße 34 in Gesundbrunnen geboren. Am 20. Dezember 1928 heiratete er die Arbeiterin Marie Luise Franziska geb. Blümel. Zu diesem Zeitpunkt war das Paar amtlich in der Winterstraße 8 gemeldet. 1929 verlor Klemke seinen Beruf als Bauarbeiter und wurde arbeitslos. Daraufhin zimmerte sich Klemke eine Laube in der Kolonie Felseneck am Büchsenweg gegenüber dem heutigen Breitkopfbecken für sich und seine Ehefrau. Klemke erhielt eine wöchentliche Arbeitslosenhilfe von 10,80 Mark. Die Kolonie Felseneck war eine Laubenkolonie von etwa 100 selbstgezimmerten Lauben bzw. Bretterverschlägen von arbeitslosen und verarmten Menschen, die auch in Teilen an den Folgen der Weltwirtschaftskrise litten. Die Sanitärversorgung war in diesen Kolonien meist unzureichend. Aufgrund der prekären Lebensbedingungen hatten viele Bewohner eine kommunistische Überzeugung. So auch Klemke, der drei Tage vor dem Überfall, am 15. Januar 1932, bei einer Lenin-Liebknecht-Luxemburg Gedenkfeier Mitglied der KPD geworden war. Einige Laubenbewohner waren auch in kommunistischen Kampfgruppen organisiert. Anscheinend war Klemke als Mitglied des Kampfbund gegen den Faschismus schon polizeibekannt.

Überfall auf die Laubenkolonie Felseneck mini|Lageplan des Überfalls auf die Kolonie Felseneck mini|Tatort, an welchem Klemke getötet wurde mini|Nachruf auf Fritz Klemke Der Überfall ereignete sich in der Nacht vom 18. zum 19. Januar 1932, wobei die Lauben-Kolonie Felseneck von SA-Männern des Sturmbanns III der Standarte 4 Berlin-Waidmannslust attackiert wurde.

Der Überfall auf die Kolonie Felseneck ging von einem SA-Sturmabend des Sturmbannführers Werner Schulze-Wechsungen im Restaurant Bergschloss in Waidmannslust am 18. Januar aus. Nach Versammlungsschluss marschierten 150 SA-Mitglieder, von insgesamt über 200 Teilnehmenden, durch Waidmannslust, Hermsdorf, Frohnau, Tegel, Reinickendorf und Wittenau nicht auf dem kürzesten Wege nach Hause an der Kolonie Felseneck vorbei. Angeblich sollten die in der Kolonie ansässigen SA-Männer schützend nach Hause begleitet werden. Von den ca. 150 SA-Männern wohnten allerdings nur wenige in Reinickendorf-Ost, die meisten kamen aus den Ortsteilen Frohnau, Hermsdorf und Heiligensee, entgegen der Marschrichtung. Der SA-Sturmbannführer Schulze-Wechsungen beendete seine Rede im Restaurant Bergschloss mit den Worten „Wir haben noch eine kleine Sache vor. Wenn wir unterwegs Kommune treffen, umlegen! und dann weg. Die Polizei soll sich wundern wenn sie etwas ‚Schwarzes‘ auf der Erde sieht“.

Der Reviervorsteher des Bezirks Waidmannslust hatte dem SA-Marsch Polizeischutz in Form von sechs Polizisten zuzüglich eines gepanzerten Polizeiwagens zugesagt, um Zusammenstöße zu verhindern.Der Marsch durch die Laubenkolonie – Die Schuld an den Zusammenstößen in Reinickendorf. In: Vossische Zeitung, 20. Januar 1932; ZEFYS

Die aufgeputschten SA-Männer marschierten in kleinen Gruppen, einer „Vorhut“, einem „Nachtrupp“ sowie einer „Nachhut“ die Graf-Roedern-Allee und die Flottenstraße entlang, von wo sie über einen Feldweg nach Schönholz gelangten, um angeblich dort zwei ihrer Mitglieder zu ihrer Wohnung zu begleiten. Anschließend zogen die übrigen Personen in nun geschlossener Formation durch den Schönholzer Weg (heute Klemkestraße) Richtung Kolonie Felseneck. Bei der Annäherung an die Kolonie blieben fünf Polizisten mit dem Polizeiwagen zurück, da die Feldwege durch das Tauwetter unpassierbar waren. Nur ein Polizeibeamter gab in der Laubenkolonie Polizeischutz.Die Rote Fahne, 20. Januar 1932, Titelblatt; ZEFYS

Kurz bevor die Vorhut zum Schönholzer Weg gelangt war, schlug eine Frau in der Laubenkolonie (nach späterer Mitteilung des Kommunistischen Wachdienstes) auf dem Versammlungsplatz die Alarmglocke zur Feuermeldung.

Die Kolonisten hatten für diese Nacht bereits Ausschreitungen gegen sie befürchtet und einen eigenen Wachdienst mit Radfahrerpatrouillen aufgestellt.Der Marsch durch Reinickendorf. In: Vossische Zeitung, 20. Januar 1932; ZEFYS So berichtete der parteilose Angeklagte Adam später als Vorsitzender des Pflanzenvereins der Kolonie Felseneck im Prozess von einer Mitgliederversammlung zum Schutz gegen Überfälle seitens der Nationalsozialisten, in der das Mitglied Banuscha erläuterte, er sei in der vergangenen Nacht von Nationalsozialisten angerempelt und abgetastet worden. Es wurde gefragt, ob er Klemke sei und Manchesterhosen habe. Die Nationalsozialisten drangen erst von ihm ab, als einer der Führer bestätigte, er sei nicht Klemke.

Beim Erreichen der Kolonie Felseneck kommandierte Sturmbannführer Schulze-Wechsungen „Schützenlinie bilden“. Die SA-Männer provozierten die Kommunisten auch durch das Singen nationalsozialistischer Kampflieder oder durch Rufe wie „Moskau verrecke!“.Polizeibericht über Reinickendorf – Politische Schuld der Nationalsozialisten. In: Vossische Zeitung, 21. Januar 1932; ZEFYS

Es kam zu Auseinandersetzungen mit dem Kampfbund gegen den Faschismus. Die SA-Mitglieder warfen Steine auf einzelne Hütten. Der bei der SA verweilende Polizist rief anscheinend ein Überfallkommando herbei. Die ankommende Polizei leuchtete nach Ankunft die Gegend aus, unternahm jedoch nichts.

Tod von Fritz Klemke Der Kolonist Fritz Klemke stellte sich als Mitglied des Kampfbundes der Konfrontation mit den SA-Männern mit einer Zaunlatte entgegen. Er wurde niedergeschlagen und mit Koppel und Riemen siebenmal auf ihn eingeprügelt. Klemke schaffte es unter Zurücklassung der Zaunlatte in Richtung Büchsenweg zu fliehen, wurde jedoch eingeholt, umzingelt und nochmals niedergeschlagen. Im Folgenden feuerten die SA-Männer acht Schüsse auf ihn ab, von denen ihn drei tödlich trafen: am Bauch, am Kopf und in das Herz. Klemkes Ehefrau gab später der Roten Fahne an, sie habe die SA-Männer „Rauf mit dem Aas aufs Auto, der Hund lebt ja noch! Schlagt ihn doch tot!“ rufen gehört. Nach der Roten Fahne wurde sein Körper an den Beinen über das Straßenpflaster gezogen und weitere Steinwürfe wurden auf ihn abgegeben.Die Reihenfolge der Handlungen ist unklar. Anderen Quellen zufolge wurde er erst von Steinwürfen verletzt und anschließend erschossen.

Die Obduktion ergab, dass der tödliche Schuss als Durchschuss erfolgt war, sodass kein Geschoss gefunden werden konnte. Außerdem wies die Leiche Klemkes noch äußere Verletzungen auf, die auf eine tätliche Auseinandersetzung mit den Nationalsozialisten hinweisen. Nach dem Bericht der Roten Fahne ließen die SA-Männer nach dem Eintreffen von Polizeikräften von seinem Leichnam ab. Die Sterbeurkunde datiert seinen Todeszeitpunkt auf den 19. Januar 1932, vormittags um zwölf ein halb Uhr.

Tod von Ernst Schwartz Nachdem die Bewohner der Kolonie Verstärkung aus Reinickendorf-Ost bekommen hatten, kam es zu erneuten Zusammenstößen mit SA-Anhängern. Im Folgenden wurde der am Überfall beteiligte Sturmbannführer Ernst Schwartz1883 geboren, Studium in Breslau und Stuttgart, 1926 Eintritt in die NSDAP, am 18. Januar 1932 zum SA-Truppenführer ernannt an der Flucht gehindert, eingeholt und zu Boden geschlagen. Die Obduktion ergab, dass Schwartz in den Rücken von einem ungewöhnlich großen Dolch in der Herzgegend getroffen wurde. Er erlag später inneren Verblutungen im Krankenhaus.

Folgen Die für den Überfall herangezogenen SA-Schläger Wittkowost aus Neu-Heiligensee und Mandaler aus Hermsdorf sowie zwei Polizisten wurden ebenfalls verletzt.mini|Titelseite der Roten Fahne, vom 20. Januar 1932 Später eintreffende Polizeikräfte nahmen rund 61 Beteiligte beider Seiten fest und brachten alle in das Polizeipräsidium Alexanderplatz. Nach dem späteren Polizeibericht befanden sich darunter 49 Nationalsozialisten und 12 Laubenkolonisten. Die festgenommenen Nationalsozialisten stammten aus: Tegel (10), Reinickendorf-West (7), Waidmannslust (6), Wittenau und Hermsdorf (je 5), Frohnau (4), Lübars und Reinickendorf-Ost (je 3), Heiligensee und Neu-Heiligensee (je 2) sowie aus Rosenthal und Borsigwalde (je einer). Demnach waren 39 Nationalsozialisten mit Wohnort aus den umliegenden Ortsteilen zur Kolonie Felseneck marschiert, 10 wohnten im dortigen Ortsteil Berlin-Reinickendorf.

Am Tag nach dem Überfall fand in der Laubenkolonie eine umfangreiche Razzia statt, die auch zu weiteren Verhaftungen führte.

Am 24. Januar 1932 wurde Klemke bei dem Krematorium Berlin-Wedding beigesetzt. Die Trauerfeier fand rege öffentliche Anteilnahme. Es nahmen circa. 1.500 Personen teil. Die Trauerfeier war für 19:00 Uhr angesetzt. Da gegen 17:30 in der Nähe des Krematoriums von Kommunisten Ansammlungen und Demonstrationszüge gebildet wurden, erließ die Polizei ein Demonstrationsverbot. Im Folgenden wurden mehrere Schupo-Hundertschaften eingesetzt, um gegen 18:30 Uhr die Gerichtstraße, den Nettelbeckplatz sowie die Kösliner Straße vollständig zu räumen. Die polizeilichen Absperrmaßnahmen konnten erst in den späten Abendstunden beendet werden, da es immer wieder zu Ansammlungen kam.Die Beisetzung des Arbeiters Klemke. In: Vorwärts, 26. Januar 1932;

Reaktionen

Joseph Goebbels Nach dem Überfall stilisierten sich die Nationalsozialisten als Opfer. So propagierte Goebbels einen Überfall seitens der Kommunisten: Die unter dem Einfluss Moskaus stehende »rote Mordpest« habe durch planmäßige Hetze zu Gewalttätigkeiten gegen Nationalsozialisten aufgefordert. Trotz des mutigen Einsatzes der SA-Leute habe das rote Verbrechergesindel in Felseneck zum wiederholten Male einen deutschen Soldaten gemeuchelt.

Die Rote Fahne Die Rote Fahne berichtete andererseits von einem geplanten Überfall der Nationalsozialisten: „Planmäßig vorbereiteter Mordüberfall auf die Proletarische Laubenkolonie Felseneck […] Die Nazis hatten seit längerer Zeit planmäßig die Ermordung des Genossen Klemke vorbereitet.“ In den folgenden Monaten wurde eine Hass-Kampagne entfesselt und zum „Proletarischen Massenselbstschutz“ aufgerufen.

Polizeibericht Der am 21. Januar 1932 veröffentlichte Bericht des Berliner Polizeipräsidenten stellt eine Schuld seitens der Nationalsozialisten fest:

Die Teilnehmer der Mitgliederversammlung haben sich nach Versammlungsschluss in Waidmannslust nicht auf dem kürzesten Weg nach Hause begeben, sondern sind vielmehr in losen Gruppen die Graf-Roedern-Allee und die Flottenstraße entlanggezogen. Sie zogen entlang der den Schönholzer Weg durch die Kolonie Felseneck.

Eine unter Hinweis von der Polizei angefertigte Skizze des Weges der Nationalsozialisten lässt erkennen, dass

Felseneck-Prozess

1. Prozess Der Prozess, häufig Felseneck-Prozess genannt, begann am 20. April 1932. Unter der Leitung des Landgerichtsdirektors Bode wurden anscheinend 24 Personen vor dem Schwurgericht des Landgerichts III angeklagt; einer Angabe zufolge 8 SA-Männer und 16 Kolonisten.Die Stempelbrüder von Felseneck – Aus den Berliner Gerichten. In: Vossische Zeitung, 21. April 1932; ZEFYS 15 von den Kolonisten wurden wegen Totschlags an dem Sturmbannführer Schwartz und 4 der SA-Männer wegen schweren Landfriedensbruchs und unerlaubten Waffenbesitzes angeklagt.