mini|Schematische Darstellung der embryonalen Verbindungen von der A. carotis interna zur longitudinalen Neuralarterie. Die Arteria trigemina (primitiva) ist eine der symmetrisch angelegten Arterien, die während der Embryonalentwicklung des Menschen die Arteria carotis interna mit dem Stromgebiet der späteren Arteria basilaris verbinden. Normalerweise bildet sich die Arteria trigemina zurück. In wenigen Fällen bleibt das Gefäß aber als anatomische Variante bis ins Erwachsenenalter erhalten und kann dann manchmal mit medizinischen Problemen vergesellschaftet sein, so zum Beispiel mit Aneurysmen der Hirnarterien und mit Blutungen derselben.
Normale Entwicklung Wenn der menschliche Embryo ungefähr 4–5 mm groß ist, verbindet die Arteria trigemina primitiva (der Zusatz „primitiva“ weist auf den embryonalen, nicht endgültigen Charakter hin) zusammen mit weiteren primitiven Arterien die Arteria carotis interna mit der netzartigen longitudinalen Neuralarterie (die später zur Arteria basilaris fusioniert).D. H. Padget: The development of the cranial arteries in the human embryo. (1948) Carnegie Inst. Wash. Pub. 575, Contrib. to Embryol. 32: 205–261. Diese embryonalen Verbindungen werden als karotido-basiläre Anastomosen bezeichnet und sind neben der Arteria trigemina primitiva die Arteria otica (auch Arteria acustica), die Arteria hypoglossica und die Arteria proatlantica (zur späteren Arteria vertebralis).K. Menshawi, J. P. Mohr, J. Gutierrez: A Functional Perspective on the Embryology and Anatomy of the Cerebral Blood Supply. In: Journal of stroke. Band 17, Nummer 2, Mai 2015, S. 144–158, doi:10.5853/jos.2015.17.2.144, PMID 26060802, (Review). Zu diesem Zeitpunkt liefert die Arteria trigemina primitiva die Hauptblutversorgung für das Hinterhirn, da andere Arterien in der Region noch nicht ausgereift sind.G. Alcalá-Cerra, R. S. Tubbs, L. M. Niño-Hernández: Anatomical features and clinical relevance of a persistent trigeminal artery. In: Surgical neurology international. Band 3, 2012, S. 111, doi:10.4103/2152-7806.101798, PMID 23087827, . Wenn in der weiteren Entwicklung dann die Arteria communicans posterior ausreichend stark ausgebildet ist, verliert die Arteria trigemina primitiva an Bedeutung für die Blutversorgung und bildet sich schließlich zurück. Der Zeitraum von der anfänglichen Entwicklung der Arterie bis zu ihrer endgültigen Involution beträgt nur 7 bis 10 Tage.
Persistierende Arteria trigemina mini|Angiografie der Hirnarterien mit Ansicht von der Seite. Beim Anspritzen der A. carotis interna (weißer Pfeil) zeigt sich ein kräftiges, gewundenes Gefäß (schwarzer Pfeil), welches zum hinteren Stromgebiet zieht. Das ist eine persistierende A. trigemina. mini|Zufallsbefund einer persistierenden A. trigemina (Pfeil) hier mit weiteren Anomalien: Die A. basilaris ist streckenweise nur sehr schwach ausgebildet. Die A. trigemina mündet nach Abgabe der Aa. cerebelli superiores in die gegenseitige A. cerebri posterior während die andere A. cerebri posterior von der A. communicans posterior gespeist wird. Eine bis in das Erwachsenenalter bestehen bleibende Arteria trigemina ist selten. Zum ersten Mal wurde sie 1844 von Richard Quain nach Autopsien beschrieben und angiographisch 1950 zum ersten Mal von David Sutton dargestellt. In Untersuchungen des Kopfes mittels einer Magnetresonanzangiographie wurde sie bei etwa 0,6 bis 0,7 % der Untersuchten gefunden. Andere Quellen geben höhere Häufigkeiten von bis zu 2,2 % an, wobei sie sich nicht explizit auf die Magnetresonanzangiographie beziehen.L. Vasović, I. Jovanović, S. Ugrenović, S. Vlajković, P. Jovanović, V. Stojanović: Trigeminal artery: a review of normal and pathological features. In: Child's nervous system : ChNS : official journal of the International Society for Pediatric Neurosurgery. Band 28, Nummer 1, Januar 2012, S. 33–46, doi:10.1007/s00381-011-1622-7, PMID 22071960 (Review). Dabei scheint eine persistierende Arteria trigemina bei Frauen häufiger vorzukommen.
Bedeutung Auch wenn eine persistierende Arteria trigemina in vielen Fällen zufällig entdeckt wird, so wird doch das gemeinsame Auftreten mit einem der folgenden Krankheitsbilder diskutiert: Aneurysmen der HirnarterienG. Y. Luh, B. L. Dean, T. A. Tomsick, R. C. Wallace: The persistent fetal carotid-vertebrobasilar anastomoses. In: American Journal of Roentgenology. Band 172, Nummer 5, Mai 1999, S. 1427–1432, doi:10.2214/ajr.172.5.10227532, PMID 10227532. Subarachnoidalblutung (auch ohne Aneurysma)E. A. Samaniego, G. Dabus, V. Andreone, I. Linfante: Rare anatomical variations of persistent trigeminal artery in two patients with non-aneurysmal subarachnoid hemorrhage. In: Journal of neurointerventional surgery. Band 3, Nummer 3, September 2011, S. 282–284, doi:10.1136/jnis.2010.003665, PMID 21990842. Karotido-kavernöse FistelnJ. D. McKenzie, B. L. Dean, R. A. Flom: Trigeminal-cavernous fistula: Saltzman anatomy revisited. In: AJNR. American journal of neuroradiology. Band 17, Nummer 2, Februar 1996, S. 280–282, PMID 8938299. TrigeminusneuralgieB. J. de Bondt, R. Stokroos, J. Casselman: Persistent trigeminal artery associated with trigeminal neuralgia: hypothesis of neurovascular compression. In: Neuroradiology. Band 49, Nummer 1, Januar 2007, S. 23–26, doi:10.1007/s00234-006-0150-8, PMID 17089114. Vertebrobasiläre InsuffizienzR. A. Battista, J. A. Kwartler, D. M. Martinez: Persistent trigeminal artery as a cause of dizziness. In: Ear, nose, & throat journal. Band 76, Nummer 1, Januar 1997, S. 43–45, PMID 9018936 (Review). Ischämischer SchlaganfallA. Ferreira, P. S. Coelho, V. T. Cruz: Persistent trigeminal artery in a patient with posterior circulation stroke treated with rt-PA: case report. In: BMC neurology. Band 19, Nummer 1, Oktober 2019, S. 257, doi:10.1186/s12883-019-1492-2, PMID 31656167, .
Darüber hinaus ist die Kenntnis von einer persistierenden Arteria trigemina sowie von begleitenden Anomalien vor Gefäßinterventionen oder einem chirurgischen Eingriff in der Region wichtig.J. Shen, J. Tourje, E. E. Chang, A. N. Mamelak, A. W. Wu: Persistent Trigeminal Artery in Endonasal Resection of Skull Base Tumors: A Systematic Review. In: Journal of neurological surgery. Part B, Skull base. Band 77, Nummer 6, Dezember 2016, S. 449–455, doi:10.1055/s-0036-1581066, PMID 27857870, .
Klassifikation Die am häufigsten zitierte Klassifikation der persistierenden Arteria trigemina ist die nach Saltzman. Sie unterscheidet nach der Art, wie die anderen Arterien ausgebildet oder angeschlossen sind, drei Typen: Saltzman Typ I: Anschluss an die Arteria basilaris zwischen der Arteria superior cerebelli und der Arteria inferior anterior cerebelli. Die Arteria basilaris ist proximal davon hypoplastisch and Arteriae communicantes posteriores sind nicht oder nur sehr schwach vorhanden. Saltzman Typ II: Ebenfalls Anschluss an die Arteria basilaris zwischen der Arteria superior cerebelli und der Arteria inferior anterior cerebelli. Arteriae communicantes posteriores sind jedoch vorhanden und versorgen die Arteriae posteriores cerebri. Saltzman Typ III: Die Arteria trigemina mündet direkt in eine der Kleinhirnarteren: Typ IIIa: in die A. superior cerebelli Typ IIIb: in die A. inferior anterior cerebelli Typ IIIc: in die A. inferior posterior cerebelli
Allerdings kommen zahlreiche Varianten vor,L. Gregg, P. Gailloud: The Role of the Primitive Lateral Basilovertebral Anastomosis of Padget in Variations of the Vertebrobasilar Arterial System. In: Anatomical Record. Band 300, Nummer 11, November 2017, S. 2025–2038, doi:10.1002/ar.23633, PMID 28681461. so dass eine Beschreibung individuell sinnvoll erscheint.
Weblinks
Quellen und Literatur
Trigemina Kategorie:Organogenese