Die in Dautphe 1832 als Kilianshütte gegründete Wilhelmshütte bei Biedenkopf zählte zu den jüngeren Hüttenwerken im Lahn-Dill-Gebiet und markierte den wirtschaftlichen Aufbruch während der Frühindustrialisierung im Großherzogtum Hessen. Sie ging in den 1890er Jahren auf den Hessen-Nassauischen Hüttenverein (HNHV) über und wurde mit dessen Übernahme durch Buderus in den 1930er Jahren ein Produktionsstandort dieses Konzerns.Fessner 2013, S. 243.Wilhelmshütte auf industriekultur-lahn-dill.de, abgerufen am 25. Juni 2020. Bis heute erinnert der Name der Gewerbesiedlung Wilhelmshütte in der mittelhessischen Großgemeinde Dautphetal an das Unternehmen, von dessen Anlagen kaum Baubestände erhalten geblieben sind.
Die Gründung der Kilianshütte Der aus Lüdenscheid in Westfalen stammende Kaufmann Justus Kilian (1792–1861) auf www.industriekultur-mittelhessen.de beantragte bei der Großherzoglichen Hessischen Regierung in Darmstadt 1831 eine Konzession, um „an der Lahn bei Dautphe eine Eisenschmelze oder Hochofen, einen Stabhammer mit zwei Feuern und einen Zainhammer mit einem Feuer anzulegen“. Die Großherzogliche Regierung kam diesem Ersuchen am 28. März 1831 nach, da sie selbst Zweifel an dem ökonomischen und fiskalischen Nutzen ihrer bisherigen Wirtschaftspolitik hegte, die Montanbetriebe – wie die Ludwigshütte – in eigener Regie zu betrieben oder aber an Interessenten zu verpachten. Die Kilianshütte sollte das erste privat finanzierte Unternehmen dieser Art im Großherzogtum Hessen werden und leitete im Montansektor den Übergang von den fiskalischen Betrieben zu privatwirtschaftlichen Unternehmungen ein.Schache 1938, S. 312–313. Kilian errichtet im Großherzogtum 1835/1837 nach dem Vorbild der Kilianshütte noch ein zweites Hüttenwerk bei Gladenbach unter dem Namen Justushütte.Ferger 2018, S. 105–108. auf www.industriegeschichte-mittelhessen.de (Stand Mai 2020).
Die Kilianshütte wurde in den Jahren 1832 bis 1834 errichtet. Sie bestand zunächst aus einem mit Holzkohlen betriebenen Hochofen, der allerdings erhebliche bauliche Mängel aufwies, die beseitigt werden mussten. Das Hüttenwerk erhielt 1837 einen zweiten Hochofen. Beide Hochöfen wurden mit einem wasserradangetriebenen doppelten Zylindergebläse zur Erzeugung der notwendigen Windenergie für den Hochofenbetrieb ausgestattet. Des Weiteren erhielt das Werk einen Kupolofen und ein Gießhaus. Die Kilianshütte verfügte zudem über ein mit zwei Frischfeuern und zwei größeren und drei kleineren Hämmern ausgestattetes Hammerwerk, das etwa 2.000 Ztr. an Schmiedeeisen produzierte.Verhandlungen in der fünften Sitzung der vereinigten Ausschüsse am 23. Juli 1838, Eisenhüttenwesen, in: Verhandlungen des Gewerbvereins für das Großherzogtum Hessen. Darmstadt, II. und III. Quartalsheft, 1838, S. 59–61. Ein mit dem zweiten Hochofen errichtetes Drahtwalzwerk stellte sogenanntes Kleinzeug wie Draht, Ketten oder Sägen her. Das hauptsächliche Produktionsprogramm bestand aber aus Gusswaren wie Öfen, Röhren-, Poterie- und Sanitätsguss. Im Jahre 1850 begann Kilian noch mit dem Bau eines Puddelwerks, um durch dieses preisgünstigere und effektivere Frischverfahren die Ertragfähigkeit des Hüttenwerks zu steigern.Schache 1938, S. 313–314.
Die Kilianshütte bezog ihr Eisenerz von zehn eigenen Gruben, von denen vier im HessischenDie Kilianschen Eisensteingruben im Hessischen Hinterland, in: Zweiter Bericht der Oberhessischen Gesellschaft für Natur- und Heilkunde, Gießen 1849, S. 101–112. und sechs im Nassauischen lagen. Sie erhielt die notwendigen Holzkohlen etwa zur Hälfte aus eigenen Köhlereien und kaufte die andere Hälfte von fremden Köhlern hinzu. Die Produktion der beiden Hochöfen betrug 1840 rund 28.000 Zentner, die sich auf ein Drittel (ca. 9.324 Ztr.) an Roheisen und auf zwei Drittel (ca. 18.676 Ztr.) auf Gusswaren verteilten. Der größere Teil des Roheisens wurde auf der Hütte selbst oder auf anderen hessischen Werken zu Stabeisen verarbeitet, der kleinere Teil ging an auswärtige Hammer- und Puddelwerke nach Westfalen, Baden, Bayern oder Württemberg.Verhandlungen in der fünften Sitzung der vereinigten Ausschüsse am 23. Juli 1838, Eisenhüttenwesen, in: Verhandlungen des Gewerbvereins für das Großherzogtum Hessen. Darmstadt, II. und III. Quartalsheft, 1838, S. 59–61. Abweichende Produktionswerte liefert Mischler 1852, S. 504–505.
Justus Kilian geriet während der schwierigen wirtschaftlichen Lage der deutschen Eisenindustrie in den 1840er Jahren, die insbesondere hervorgerufen durch den Import preisgünstigeren ausländischen Eisens wurde, in erhebliche ökonomische Bedrängnis. Er verfügte nach den aufwendigen Investitionen für seine beiden Hütte über keine ausreichenden finanziellen Mittel zu deren weiteren Betrieb mehr. Nachdem sein Versuch gescheitert war, eine Aktiengesellschaft zu gründen, um weiteres Kapital zu bekommen, wandte er sich 1848 um finanzielle Unterstützung an die Großherzogliche Hessische Regierung. Diese erkannte zwar seine Bemühungen zur wirtschaftlichen Entwicklung und zur Schaffung neuer Arbeitsplätze des ökonomisch rückständigen Hinterlandes an, lehnte jedoch entsprechende Hilfen ab. Die Kilians- und Justushütte beschäftigte etwa zusammen 500 Arbeiter direkt auf der Hütte, dem Hammerwerk und den Bergwerken oder indirekt als Zulieferer für weitere Rohstoffe.Schache 1938, S. 314–315.
Ein weiterer Anlauf, mit der Gründung einer Aktiengesellschaft neues Kapital zu gewinnen, scheiterte ebenfalls, und neue Eingaben an die Landesregierung führten abermals zu keinem Erfolg. Die beiden Hütten von Kilian lagen inzwischen seit 1850 still. Die Debatten in der zweiten und später in der ersten Kammer der Landstände verknüpften mit dem Antrag zur finanziellen Unterstützung für Kilian zwei weitere Punkte, und zwar die Förderung des wirtschaftlich rückständigen „Hinterlandes“ sowie allgemein die prekäre Lage des Eisenhüttenwesens durch die erheblichen Importe preisgünstigere englischer und belgischer Eisenprodukte. Die zweite Kammer der Landstände vertagte nach einer ausführlichen und sehr kontrovers geführten Aussprache im April 1851 eine abschließende Entscheidung und forderte in mehreren Anträgen die Landesregierung auf, mit Kilian über finanzielle Alternativen zur Weiterführung seiner beiden Hüttenwerke zu verhandeln.Neunundzwanzigste Sitzung in dem Sitzungssaale der zweiten Kammer der Landstände. Darmstadt, den 8. April 1851, S. 5–61, in: Verhandlungen der zweiten Kammer der Landstände des Großherzogthums Hessen im Jahre 1851. Außerordentlicher (vierzehnter) Landtag. Protokolle. Zweiter Band. Nr. 24–39. 50 ½ Bogen, Darmstadt 1851. Ausführlich zu dieser Aussprache siehe Reinhard 1998, S. 38–39, S. 46 u. S. 50–51. Die erste Kammer schloss sich im Juni 1851 dieser Beschlussfassung der zweiten Kammer im Grundsatz an.Beilage Nr. 61. (zum 28. Protokoll vom 31. Mai 1851), S. 1–4, in: Verhandlungen der ersten Kammer der Landstände des Großherzogthums Hessen im Jahre 1851. Außerordentlicher (vierzehnter) Landtag. Beilagen. Erster Band (Nr. 1 bis 109). 50 Bogen, Darmstadt 1852. Dreizigste Sitzung in dem Sitzungssaale der ersten Kammer der Landstände. Darmstadt, den 4. Juni 1851, S. 26–46, in: Verhandlungen der ersten Kammer der Landstände des Großherzogthums Hessen im Jahre 1851. Außerordentlicher (vierzehnter) Landtag. Protokolle. Erster Band (Nr. 1 bis 45) 47 ½ Bogen, Darmstadt 1851.
Beide Kammern der Landstände lehnten im November/Dezember 1852 finanzielle Unterstützungen zur Wiederaufnahme des Betriebs der Kilianshütte ab. Die erste Kammer sprach sich mit 22 zu 2 Stimmen und die zweite Kammer mit 19 zu 16 gegen einen entsprechenden Antrag aus.Beil. Nr. 229 z. Prot. v. 15. Dec. 1852, S. 4, in: Verhandlungen der ersten Kammer der Landstände des Großherzogthums Hessen im Jahre 1852. Außerordentlicher (vierzehnter) Landtag. Beilagen, Dritter Band (Nr. 167 bis 235). 43 ½ Bogen, Darmstadt 1852. Hundertdreiunddreißigste Sitzung in dem Sitzungssaale der ersten Kammer der Landstände. Darmstadt, den 21. Dezember 1852, S. 21–26, in: Verhandlungen der ersten Kammer der Landstände des Großherzogthums Hessen in den Jahren 1852. Außerordentlicher (vierzehnter) Landtag. Protokolle. Vierter Band (Nr. 107–134). 47 ¾ Bogen, Darmstadt 1852. Einhundertsechsundneunzigste Sitzung in dem Sitzungssaale der zweiten Kammer der Landstände. Darmstadt, den 9. November 1852, S. 14–29, in: Verhandlungen der zweiten Kammer der Landstände des Großherzogthums Hessen in den Jahren 1851/52. Außerordentlicher (vierzehnter) Landtag. Protokolle. Zwölfter Band. Nr. 189–210. 63 Bogen, Darmstadt 1853. Allerdings war in der Zwischenzeit eine grundsätzliche Änderung in der Ausgangslage eingetreten. Justus Kilian hatte nach den für ihn wenig ermutigenden Aussprachen in den beiden Kammern die Hoffnung auf eine staatliche Unterstützung aufgeben und die Kilians- und Justushütte 1852 weit unter Wert veräußert, der sich nach einem Gutachten des Besitzers der Carlshütte Friedrich Carl KleinZur Carlshütte siehe Ferger 2018, S. 92–97. auf 240.000 bis 260.000 Gulden belief. Die Justushütte ging an die westfälischen Hüttenbesitzer Schulz & Wehrenbod aus Lünen von der Eisenhütte WestfaliaBlätter für Gewerbe, Technik und Industrie. Neue Folge. Vierter Band, Leipzig 1870, S. 282. Beilage zum Königlich Preußischen Staats-Anzeiger. Freitag, den 25. August 1865, Nr. 199, in: Königlich Preußischer Staats-Anzeiger 1865, S. 2725. für 52.000 Gulden und die Kilianshütte an den Grafen Wilhelm von Reichenbach-Lessonitz (1824–1866) für 92.000 Gulden.Reinhardt 1999, S. 130.
Die Kilianshütte unter dem Grafen Wilhelm von Reichenbach-Lessonitz Der neue Besitzer, Graf Wilhelm von Reichenbach-Lessonitz, änderte den Namen der Hütte entsprechend seinem Vornamen in Wilhelmshütte um. Reichbach-Lessonitz sah in dem Hüttenwerk vornehmlich eine Kapitalanlage und überließ die Leitung dem Direktor Eduard Schneegans. Eine von Schache 1938 aufgeführte Akte der Wilhelmshütte „Betriebs- und Haushaltsdisposition für das Gräfliche von Reichenbach-Lessonitzsche Eisenwerk bei Biedenkopf für das Betriebsjahr 1854/55“ listet neben dem Ankaufspreis von 92.000 Gulden noch die Positionen 30.000 Gulden „Bau-Capital“ und 65.000 Gulden „Betriebs-Capital“. Diese Aufstellung lässt erkennen, dass Reichenbach-Lessonitz bereit war, erhebliche Summen in das neue Werk zu investieren, um es wieder wettbewerbsfähig zu machen.
Die beiden alten von Kilian erbauten Hochöfen wurden durch einen neuen größeren ersetzt und der bereits von Kilian begonnene Bau eines Puddel- und Walzwerks beendet. Der Hochofen ging 1854 mit einem Gemisch aus Koks und Holzkohlen als Zuschlagstoff in Betrieb und das Puddelwerk nutzte bereits Steinkohlen als Heizmaterial. Die Wilhelmshütte bestand 1857/58 aus einem Hochofen mit zwei Gebläsen jeweils für Wasser- und Dampfantrieb, aus einem Blechwalzwerk mit zwei Puddelöfen, einem Schweiß- und einem Blechofen. Ein Dampfhammer übernahm das Ausstrecken der Luppen.Tasche 1858, S. 22–23.Zur detaillierten Produktion auf der Wilhelmshütte in den Jahren 1861 bis 1863 siehe Jahresbericht der Großherzoglichen Handels=Kammer zu Offenbach für das Jahr 1863, Offenbach am Main 1864, S. 42. Ferger 2018, S. 123.